»Allerdings,« versetzte der Abt, »denn leicht kann es geschehen, daß sich ein Rückfall einfindet, bei welchem dann für Weitertragung der Krankheit durch Ansteckung erhöhte Gefahr besteht.«
»Dann müßt Ihr Euch gefallen lassen, Knabe, Euer Zimmer für die Nacht mit einem Armbrustschützen zu teilen«, entschied der Ritter.
»Dagegen kann ich nicht Einspruch erheben,« sagte Augustin, »sondern nur wünschen, daß die Gesundheit des Mannes durch meine Nähe nicht Gefahr leide.«
»Er wird seiner Pflicht nicht minder gerecht werden, wenn er vor der Tür seinen Posten bezieht,« äußerte der Abt, »und wenn der Knabe, was durch die Anwesenheit einer Wache in seinem Zimmer doch wohl nicht ausgeschlossen sein möchte, sich ruhig ausschlafen kann, so wird er morgen um so standhafter sein.«
»Sei es so!« sprach der Ritter, »vorausgesetzt, daß Ihr Bürgschaft übernehmt, daß der Gefangene sich dem Transport nicht während der Nacht durch Flucht entzieht!« »Das Zimmer hat keinen anderen Eingang, als den Euer Armbrustschütze überwachen wird«, erwiderte der Abt; »um Euch ganz zufriedenzustellen, will ich die Tür in Eurer Gegenwart abschließen. Irgendwelche weltliche Bürgschaft zu leisten würde aber gegen die Regeln meines Ordens verstoßen.«
»Ich will mich Euren Worten fügen, Herr Abt, weil ich sowohl Euch als dem Jüngling vertrauen zu dürfen meine«, sagte der Ritter; »bis zur Dämmerstunde dürft Ihr noch hier weilen, Knabe, dann aber müßt Ihr bereit sein, mich auf das Schloß hinauf zu begleiten.«
Als das erste Frühlicht den Horizont färbte, rief die Klosterglocke, von Saint-Bride zum Gebet. Hierauf führte der Abt den Ritter vor Augustins Zelle. Die Schildwache meldete, es sei die ganze Nacht über in der Zelle mäuschenstill gewesen. Der Ritter klopfte. Keine Antwort. Er klopfte lauter. Die gleiche Stille.
»Was bedeutet das?« fragte der Abt; »sollte mein junger Patient von Ohnmacht befallen sein?«
»Das werden wir schnell sehen!« rief der Ritter. .. »Brecheisen und Hebel herbei, ihr Leute!« schrie er – »und leistet die Tür Widerstand, so schlagt sie in Stücke!«
Der laute Schall und finstere Ton seiner Stimme rief Mönche und Nonnen zur Stelle. Im Nu war sein Befehl vollzogen und die Tür aus den Angeln gehoben. Die Zelle aber war leer.
Zehntes Kapitel
Aus Kleidungsstücken, die am Boden lagen, ging hervor, daß Augustin nicht allein, sondern in Gesellschaft der unter dem Namen Schwester Ursula gekannten Nonne geflohen war. Dieser Umstand trug natürlicherweise nicht dazu bei, das Ereignis plausibler zu machen. Tausend Gedanken stürmten auf Sir Aymer de Valence ein, weil er sich auf solch schmachvolle Weise von einem Knaben und einer Nonne hatte hintergehen lassen. Dem Abte erging es nicht besser. Vom englischen König in seine Würde gesetzt, empfand er die Flucht des ihm anvertrauten Gefangenen als eine schwere Gefahr gegen sich selber, um so schwerer, als er den Ritter zu milder Ausübung der ihm zustehenden Gewalt bestimmt hatten. Eine in aller Hast vorgenommene Untersuchung ergab wenig anderes als was man bereits wußte: daß Jüngling und Nonne sich dem Kloster durch die Flucht entzogen hatten.
»Ich muß meine Kriegsleute über die Gegend zerstreuen, um die Flüchtlinge zu verfolgen,« sagte de Balence, mit einem Papier auf den Abt zutretend, das ihm eben von einem Armbrustschützen behändigt wurde, der es zwischen den am Boden liegenden Kleidungsstücken hervorgelangt hatte – »sofern nicht in diesem Schriftstück, das der geheimnisvolle Pilgerknabe zurückgelassen haben muß, Aufklärung über ihn enthalten ist.«
Nachdem er den Inhalt mit steigender Überraschung überflogen hatte, las er laut das folgende:
»Dem Vater Hieronymus, Hochwürden und Abt von Saint-Bride, gibt der Unterzeichnete, bis vor kurzem Gast seines Klosters, zu wissen, daß er sich zur Flucht entschlossen hat, sobald er inne wurde, daß Hochwürden geneigt sei, ihn als Spion in seinem Heiligtum gefangen zu halten und zu behandeln und nicht länger mehr als die unglückliche Person anzusehen, die sich freiwillig unter seinen Schutz begeben hatte. Da der Unterzeichnete des weiteren findet, daß die im Kloster unter dem Namen Schwester Ursula aufhältliche Novize nach der Disziplin und den Regeln Eures Ordens ein begründetes Recht besitzt, nach ihrem Belieben und Gefallen in die Welt zurückzukehren, sofern sie nicht nach dem Noviziat eines Jahres sich als Schwester aufnehmen lassen will, von diesem ihr zustehenden Rechte Gebrauch zu machen erklärt hat und willens ist, so nehme ich mit Freuden die Gelegenheit zu gemeinschaftlicher Flucht wahr. Seine Hochwürden Abt Hieronymus wird nicht in Abrede stellen können, daß dieser Entschluß der Schwester Ursula im Einklange steht mit göttlichem Recht und Gesetz und mit den Vorschriften der Abtei Saint-Bride und daß ihm keine Gewalt zusteht, jemand mit Gewalt im Kloster zurückzubehalten, der das unwiderrufliche Ordensgelübde noch nicht abgelegt hat.
Euch aber, Sir John de Walton und Sir Ahmer de Valence, Rittern von England und zurzeit Kommandanten des Schlosses Douglas am Blutsumpf und der gesamten Garnisonen im Douglas-Tale, beschränkt sich der Unterzeichnete darauf hinzuweisen, daß Ihr gehandelt habt und handelt unter dem Banne eines Geheimnisses, der über uns allen lastet, dessen Lösung einzig und allein durch meinen getreuen Sänger Bertram erfolgen kann, für dessen Sohn ich mich auszugeben für zweckmäßig hielt.
Da ich es zurzeit nicht über mich vermag, selbst ein Geheimnis zu enthüllen, ohne mein heiliges Schamgefühl zu verletzen, gebe ich meinem getreuen Sänger Bertram hierdurch Befehl und Auftrag, Euch über den Zweck meiner Wanderung nach dem Schlosse Douglas zu unterrichten, also den Schleier des Geheimnisses, das auf uns lastet, zu enthüllen.
Ist dies geschehen, so bleibt mir nur noch übrig, den beiden Rittern gegenüber meinen Empfindungen über den Kummer Ausdruck zu geben, den mir ihr gewalttätiges Vorgehen und die Androhung eines weiteren harten Verfahrens bereiten mußten.
Was zuvörderst Sir Ahmer de Valence anbetrifft, so verzeihe ich ihm aus freien Stücken gern, weil er in Dinge verstrickt wurde, zu denen ich selbst Veranlassung und Ursache gewesen bin. Was aber Sir John de Walton anbetrifft, so muß ich ihm zu bedenken geben, ob sein Verhalten gegen mich in Anbetracht des Verhältnisses, in welchem wir zu einander stehen, von solcher Art ist, daß es sich verzeihen läßt. Hoffentlich wird er begreifen, daß ich im Recht bin, wenn ich sage, alle früheren Beziehungen seien als abgebrochen anzusehen zwischen Sir John de Walton und dem angeblichen Augustin.«
»Verrückt, borniert!« rief der Abt, als Sir Aymer zu Ende war; »der Mensch, der solches schreibt, muß von der Tarantel gestochen sein! Auf Brot und Wasser muß solcher Narr gesetzt werden, dazu tägliche, Beikost von Reitpeitschen- oder Ruten-Traktament...«
»Still, ehrwürdiger Vater, still!« lief Sir Aymer; »mir fängt ein Licht an zu dämmern, und wenn sich bestätigt was ich argwöhne, dann täte Sir John de Walton klüger, sich selbst das Fleisch von den Knochen zu reißen, als diesem Augustin einen Finger krümmen zu lassen. Auf Ritterehre, würdiger Vater! wir können einander Glück wünschen, daß wir auf solche Weise aller Fahrlässigkeit ledig werden bei Ausführung eines Auftrages, der alle Schrecknisse eines furchtbaren Traumes in sich barg! Und statt, wie Ihr anempfehlt, diesen Jüngling als verrückten Narren zu traktieren, will ich meinesteils gern eingestehen, daß ich selbst behext und betört gewesen bin. Inzwischen muß ich ohne Verzug aufs Schloß zurück, um Sir John de Walton von der seltsamen Wendung Kunde zu geben, die der geheimnisvolle Fall jetzt genommen hat. Ist dies Schreiben hier in allem, was ihn darin betrifft, wörtlich auszulegen, so ist er der bejammernswürdigste Mensch zwischen dem Ufer des Solway und dem Fleck, wo ich jetzt stehe. – Hallo! Zu Pferde!« rief er zum Fenster hinunter – »das Kommando hält sich bereit, nach der Rücklehr die Wälder abzusuchen! Die Flüchtlinge sind aber mit aller engländischem Adel schuldigen Höflichkeit und Rücksicht zu behandeln, gleichviel wo sie angetroffen werden sollten!«