Er drückte dem Abte die Hand. Auf dem Ritte zum Schlosse hinauf jagten sich die Gedanken in seinem Hirn.
»Wie es sich nur darum verhält, daß uns neuer Nebel umhüllt, sobald sich der alte kaum zerstreut hat. Ganz sicher ist diese unter dem Namen Augustin hierher gewanderte, Dame keine andere als die Gattin von Waltons besonderer Verehrung, Bei meiner Ehre! Die Schöne ist recht freigebig mit Verzeihung mir gegenüber – und wenn sie gegen Sir John de Walton verschlossener sein sollte, was dann? Sicherlich läßt sich noch nicht hieraus schließen, daß sie willens sein möchte, mich in die Stelle aufrücken zu lassen, aus der sie de Walton soeben drängt, und selbst wenn es der Fall wäre, so dürfte ich solchen Nutzen auf Kosten eines Freundes und Waffengefährten nicht ziehen.«
Ohne weiteren Zwischenfall erreichte er Schloß Douglas und ließ auf der Stelle sich beim Schloßhauptmann mit dem Zusatz, daß er ihm eine Mitteilung wichtiger Art zu machen habe, melden. Er wurde ohne Säumen in das Gemach desselben geführt.
Sir John de Walton war über die freundschaftliche Art, wie sich der jüngere Ritter ihm nahte, nicht wenig überrascht; stand dieselbe doch in schroffem Gegensatz zu dem Tone, in welchem ihre letzten Unterhaltungen geführt worden waren.
»Was für Dinge ungewöhnlicher Art sind es,« fragte Sir John, »die mir die Ehre solch früher Rückkunft verschaffen?«
»Eine Angelegenheit, die für Euch, Sir John de Walton, von außerordentlicher Wichtigkeit ist. Verlöre ich einen Augenblick, sie Euch mitzuteilen, müßte mich ohne Frage schwerer Tadel treffen.«
»Es wird mir eine Freude sein, Nutzen aus Eurer Kundschaft zu ziehen«, bemerkte Sir John.
»Auch ich büße ungern die Ehre ein, ein Geheimnis gelüftet zu haben, das Sir John de Walton so lange zu blenden vermochte. Zugleich möchte ich aber mich vor allen Folgen eines in solchem Falle ja immer möglichen Mißverständnisses schützen. Deshalb bitte ich, Sir de Walton, daß wir uns zusammen in das Gefängnis Bertrams des Sängers begeben. Ich besitze von der Hand des in der Abtei untergebrachten Knaben Augustin ein Schriftstück, das, mit zarter Frauenhand geschrieben, dem ebengenannten Sänger Vollmacht gibt, den Schleier über die Gründe zu lüften, welche die beiden Personen nach dem Flecken Douglas geführt haben.«
»Es geschehe wie Ihr sagt,« erwiderte der Schloßhauptmann, »obgleich ich kaum Ursache finde, warum soviel Umstände um ein Geheimnis gemacht werden, das sich mit wenigen Worten aufklären ließe!«
Die beiden Ritter begaben sich in das Verließ des Sängers, wohin der Kerkermeister sie führte.
Elftes Kapitel
Den Blicken der beiden Ritter zeigte sich eines jener Verließe damaliger Schreckenszeit, die ihre Opfer in Nacht und Finsternis, ohne Aussicht auf Rettung oder Flucht, begruben. Große Ringe an den Wänden, von welchen die Ketten herabhingen, an die man die unglücklichen Gefangenen schmiedete. Plumpe Schlösser an den eisernen Türen, die mit den Angeln um die Wette knarrten. Das Tageslicht fand seinen Weg in solch unterirdisches Loch bloß in der Mittagsstunde durch einen gewundenen Gang, in welchem die Sonnenstrahlen sich brachen, so daß sie den Weg bis zur Tiefe des Kellers hinunter nicht fanden, während Wind und Regen frei und unbehindert eindringen konnten.
Die Anschauung der neueren Zeit, daß ein Gefangener so lange als unschuldig zu erachten sei, bis er nicht durch gerichtlichen Spruch als schuldig erklärt worden, wurde in jener Zeit roher Gewalt nicht verstanden. Dem in Gefangenschaft verfallenen Unglücklichen wurde elende Kost, außer Brot und Wasser gemeinhin nichts, verabreicht und eine Lampe oder sonstwelche Linderung seines Elends nur, wenn er sich ruhig und still verhielt und keinerlei Neigung verriet, seinem Wärter das Leben durch Fluchtversuche schwer zu machen.
In ein solches Verließ hatte man Bertram, den Sänger, geworfen; indessen hatten ihm Mäßigung und Geduld diejenige Milderung seines Schicksals verschafft, die ihm der Gefangenwärter gewähren konnte oder durfte. Es war ihm erlaubt worden, das alte Buch mit hinunter Zu nehmen, auch Papier und Schreibzeug, um sich die Zeit zu kürzen.
Als die Ritter eintraten, hob er das Haupt.
Sir John de Walton nahm, zu dem jüngeren Ritter gewendet, das Wort.
»Da Ihr das Geheimnis zu kennen scheint, Sir Aymer de Valence, in welches der Gefangene sich zu hüllen beliebt, will ich es Euch anheimgeben, die Unterhaltung mit ihm zu führen. Hat der Mann unnötigerweise Drangsal gelitten, so wird es meine Pflicht sein, ihn zu entschädigen, was indes meiner Meinung nach keine Sache von Bedeutung sein wird.«
Bertram heftete die Augen fest auf den Schloßhauptmann, las indes nichts dort, was auf bessere Bekanntschaft mit dem Geheimnis seiner Gefangenschaft gedeutet hätte. Als er aber die Augen von Sir de Walton hinüber auf Sir Aymer lenkte, überflog sein Gesicht ein Schimmer von Fröhlichkeit, und der Blick, der zwischen ihnen gewechselt wurde, verriet beiderseitiges Einverständniss.
»Ihr kennt also mein Geheimnis, Herr Ritter, und wißt, wer die Person ist, die sich unter dem Namen Augustin birgt?«
Sir Aymer tauschte mit dem Sänger einen bejahenden Blick aus, während sich die Äugen des Schloßhauptmanns mit grimmigem Ausdruck von dem letzteren zum ersteren, wandten.
»Sir Aymer,« rief er, »so wahr Ihr zum Ritter geschlagen wurdet und so wahr Ihr ein Christ seid, der nach dem Tode auf Erlösung hofft, gebt mir den Sinn dieses Geheimnisses preis! Vielleicht meint Ihr, gerechte Ursache gegen mich zur Klage zu haben. Ist dies der Fall, so soll Euch alle Genugtuung von mir werden, diesem Ritter zu geben vermag.«
Im nämlichen Augenblick nahm der Sänger das Wort.
»Ich fordere diesen Ritter,« sprach er, »bei seinem Rittergelübde auf, kein Geheimnis einer Person von Ruf und Ehre aufzudecken, sofern er nicht aufs bestimmteste versichert ist, daß er mit vollständiger Einwilligung derselben handelt.«
»Dieses Schreiben wird Eure Bedenklichkeiten beseitigen«, sprach Sir Aymer und übergab dem Sänger das aus der Abtei gebrachte Schriftstück. »Und Euch, Sir John de Walton, möge die Versicherung dienen, daß ich alles Mißverständnis zwischen uns, als aus einer Kette von Umständen hervorgegangen, die kein Sterblicher zu begreifen vermochte, für vergessen und aus der Welt geschafft ansehe, Laßt mich Euch weiterhin versichern, teurer Sir John, – und ich schließe hieran die Bitte, Euch nicht hierdurch gekränkt fühlen zu wollen – daß ich um der Schmerzen willen, die dieses Schriftstück für Euch bergen kann, Euch ritterlich bemitleide und beistehen werde, sie mannhaft zu ertragen. Bertram aber, der getreue Sänger, wird nun ersehen, daß er ohne Bedenken ein Geheimnis aufdecken kann, das er ohne dieses Schreiben, das ich ihm hiermit behändige, sicherlich mit unerschütterlicher Treue bewahrt haben würde.«
Zugleich überreichte der Ritter Sir John de Walton ein zweites Schriftstück, in welchem er seine Gedanken über das Geheimnis, das über dem Sänger und Sängerknaben obwaltete, niedergelegt hatte.
Der Schloßhauptmann hatte kaum, den dort offenbarten Namen gelesen, als ihn auch der Sänger laut nannte, um gleich darauf das von dem jüngeren Ritter erhaltene Schreiben an den älteren weiter zu geben. Die Weiße Feder, die über der Sturmhaube des Ritters wehte, war nicht weißer als das Angesicht des Ritters ob der erstaunlichen Kunde, die er von Zwei Seiten zugleich erhielt, daß hinter jenem vermeintlichen Knaben, den er mit persönlicher Drangsal bedroht und einer so harten Behandlung unterworfen hatte, die Dame verborgen sei, die nach damaliger Redeweise »seiner Gedanken Fürstin und seiner Handlungen Herrscherin« war. Im ersten Augenblick schien Sir John de Walton die trüben, schlimmen Folgen kaum Zu begreifen, die sich aus solch unglücklicher Kette von Irrungen als wahrscheinliche Folge ergeben mußten. Er nahm dem Sänger das Schreiben aus der Hand und als sein Auge, beim, trüben Schein der Kerkerlampe jetzt über die Buchstaben glitt, ohne daß ein bestimmter Eindruck in seinem Begriffsvermögen geweckt zu werden schien, da überkam selbst, Sir Aymer die Besorgnis, seinem Vorgesetzten möge der rechte Gebrauch, geistiger Fähigkeiten abhanden kommen.