»Um des Himmels willen, Herr Ritter,« rief er, »seid ein Mann und ertragt mit Festigkeit diese unerwarteten Vorgänge, die kein menschlicher Verstand zu finden vermocht hätte und die meines Trachtens von schlimmen Folgen unmöglich begleitet sein können. Die schöne Dame kann sich nicht verletzt fühlen durch eine Kette von Umständen, die auf nichts anderes als Euren Pflichteifer zurückzuführen sind. Rafft Euch auf, damit sich nicht sagen lasse, Furcht vor dem finsteren Blick eines Weibes habe den Mut des kühnsten Ritters von England geschwächt. Seid nach wie vor der Mann und Ritter, dem man den Namen »Walton der Unerschütterliche« gab! Laßt uns erst sehen, ob die Dame wirklich beleidigt wurde, bevor wir den Schluß auf ihre Unversöhnlichkeit ziehen. Wessen Fehlern sind all diese Irrtümer beizumessen? Wo haben wir ihre Quelle zu suchen? Mit aller Achtung sage ich es: Einzig und allein dem Eigensinne der Dame selbst! Besitzt jemand ein Recht, Leute im Dienst zu tadeln, wenn sie Wanderern den Zutritt zu den Schlosse verweigern, die nicht im Besitz der Parole sind? Leben wir im Krieg oder im Frieden? Verscheucht also diese finstere Niedergeschlagenheit, die sich schlecht ausnimmt auf der Stirn eines mit dem Schwert umgürteten Ritters!«
Sir John machte eine Anstrengung zu sprechen. Mit Mühe gelang es ihm.
»Aymer de Valence,« sprach er, »Ihr spielt mit Eurem Leben, wenn Ihr einen Wahnsinnigen reizt!« Darauf schwieg er wieder.
»Es ist mir lieb, daß Ihr wenigstens soviel sprechen könnt, Sir Walton,« versetzte der jüngere Ritter, »denn es ist nicht Scherz von mir, wenn ich sage, ich sähe Euch lieber im Streite mit mir, als daß Ihr Euch die Schuld an diesen Irrungen allein beimeßt. Nach meiner Meinung ist es durch die Lage der Dinge geboten, Bertram, den Sänger ohne Verzug in Freiheit zu setzen. Sodann will ich ihn ersuchen, sich so lange als unseren Gast anzusehen, bis es der Lady Augusta de Berkeley – denn wir dürfen nun Wohl diesen Namen an Stelle des früheren Augustin setzen – belieben wird, uns die gleiche Ehre zu erweisen. Ich hoffe, daß wir uns von seiner Seite sowohl der Freundlichkeit, uns in unseren Nachforschungen nach dem Verbleib der Flüchtigen zu unterstützen, versichert halten dürfen, als auch gütiger Vermittelung über all die Punkte, die ihr vielleicht ein Recht zu Mißfallen und Unzufriedenheit gegeben haben.« »Ein einziges Wort, bitte!« warf Sir John dazwischen; »zum Zeichen meines Bedauerns, Sänger, darüber, daß dich das Unheil traf, so Unwürdiges zu, leiden, sollst du eine Kette von Gold haben, schwerer als die eiserne, die dich fesselte!«
»Genug jetzt, Sir John! meine ich wenigstens,« bemerkte de Valence, »versprechen wir nichts, als bis dieser brave Mann ein Zeichen dessen was wir vollbringen wollen, sehen wird. Begleitet mich jetzt nach Eurem Gemach im Schlosse. Dort will ich noch über Dinge mit Euch sprechen, deren Kenntnis Euch von Wichtigkeit sein dürfte.«
Mit diesen Worten zog er Sir John aus dem Verließe, erteilte draußen Befehl, den Sänger auf der Stelle aus der Haft zu lassen und in sein früheres Zimmer zu führen, wo er mit aller Höflichkeit und Rücksicht zu behandeln sei, die einem Manne seines Gewerbes, der als Gast im Schlosse weile, gebühre; wenngleich ihm andererseits zu bedeuten sei, daß er vom Schlosse ohne verläßliche Begleitschaft keinen Fuß fetzen dürfe.
In Sir Johns Gemächern angelangt, Hub der Ritter ohne Verzug zu sprechen an wie folgt:
»Sir John de Walton, zunächst meine ich, ein wenig Frühstück mit einem Becher Muskateller möchte für uns beide wohl vorerst keine üble Sache sein!« Während der Schloßhauptmann Weisung in diesem Sinne an seinen Knappen erteilte, fuhr Sir Aymer fort: »Sodann glaube ich, was Eure Dame anbetrifft, bemerken zu dürfen, daß kein Grund zu der Annahme vorhanden ist, Lady Augusta de Berkeley, die Dame Eures Sinns und Herzens, habe ihren Liebhaber ausdrücklich von dem Pardon ausgeschlossen, den sie mir so bereitwillig und unverblümt in ihrem Schreiben erteilt. Ihr seid Wohl älter als ich, Sir John, und ich lasse gern gelten, daß Ihr höhere Weisheit und bessere Erfahrung besitzt als ich; aber ich halte aufrecht, daß kein Frauenzimmer, solange es nicht in seinem Verstande gestört ist, einem oberflächlichen Bekannten Pardon in der gleichen Sache erteilen könnte, wegen welcher sie unwiderruflich mit dem Liebhaber brechen sollte, dem sie ihr Wort verpfändet gehabt hat, trotzdem dessen Irrtum weder gröber war noch länger anhielt als derjenige des anderen!«
»Lästert nicht, de Valence,« erwiderte hierauf Sir John, »und verzeiht, wenn ich Euch, um der Wahrheit Gerechtigkeit zu geben und einen Engel zu Worte kommen zu lassen, dessen Besitz ich für immer verwirkt zu haben fürchte, auf den Unterschied aufmerksam mache, den ein Mädchen von Würde machen muß zwischen einer Kränkung, die ihr durch einen bloßen Bekannten und einer, die ihr durch denjenigen, den sie vor anderen der Auszeichnung wert hielt, zugefügt wurde.«
»Recht so»Sir John!« versetzte der andere, »recht so, daß Ihr endlich wieder zu überlegen und zu scheiden versucht, wenn auch zuvörderst noch ohne Glück oder, besser noch, ohne Verstand! Verzeiht mir das derbe Wort; wenn ich mich aber bislang' hin und wieder so benahm, daß ich nicht bloß dem Vorgesetzten, sondern auch dem Freunde Ursache zur Unzufriedenheit gab, so laßt mich das nunmehr durch den Versuch wettmachen, Eure verkehrte Logik auszumerzen und die richtige Überzeugung in Euch zu wecken. Indessen, Sir John, hier kommt der Muskateller und das Frühbrot; wollt Ihr Erfrischungen zu Euch nehmen oder sollen wir ohne Weingeist die Unterhaltung weiter führen?«
»Tut, wie Ihr wollt,« rief Sir John, »sprecht aber nicht weiter über Dinge, für die es Euch an dem richtigen Verständnis mangelt.«
»Eure Rede, Sir John, trifft nicht zu,« erwiderte Sir Aymer, nachdem er den Becher geleert hatte, »denn in betreff der Weiber kenne ich mich aus, und zwar recht gut! Ihr könnt nicht leugnen, daß sich Eure Lady Augusta, ob mit Recht oder Unrecht hat hier nichts zu sagen, sich auf diesem Meer der Liebe tiefer eingelassen hat, als es sonst Regel ist; daß sie Euch mit ziemlich hohem Grade von Kühnheit zum Ritter ihrer Wahl machte! So sehr ich selber sie um solches Freimuts willen schätze, läßt sich nicht in Abrede stellen, daß andere, vornehmlich Geschlechtsgenossinnen, sie auf grund solches Tuns für unbesonnen und übereilt ansehen werden – bitte, laßt mich ruhig sprechen, Sir John! – daß wer solche Meinung heget im Recht sei, sage ich ja nicht, im Gegenteil! Ich bin bereit, für die von ihr getroffene Wahl mit meiner Lanze auf jedem Turniere einzustehen. Indessen besorgt sie wahrscheinlich selbst eine ungerechte Auslegung, und diese Besorgnis verleitet sie allem Anschein nach, einen Anlaß wahrzunehmen, der sich ihr jetzt bietet, um ihr bisheriges Verhalten gewissermaßen ins Gleichgewicht zu setzen oder, wie ich mich vielleicht noch richtiger ausdrücke, den ungewöhnlichen Grad freimütigen Entgegenkommens, durch den sie Euch ermutigt hat, durch einen nicht minder ungewöhnlichen Grad von Strenge abzuschwächen, vielleicht auch sich selber gegenüber gutzumachen –«
»Ich habe Euch angehört, de Valence,« versetzte der Schloßhauptmann, »und kann wohl sagen, daß Eure Worte den Weg zu manchem weiblichen Herzen weisen können. Zum Herzen der Lady Augusta weisen sie ihn jedoch nicht! Zum wenigsten mir Nicht, denn, bei meinem Leben! ich kann und darf mir nicht herausnehmen, mich einer Auszeichnung durch sie für würdig zu erachten, die Eure Worte durchschimmern lassen.«
»In diesem Falle verbleibt mir bloß eins noch zu sagen,« erwiderte Sir Aymer, »daß die Dame, wie Ihr ja ganz richtig sagtet, das entscheidende Wort selbst sprechen muß! Um sie aber in diesen Stand zu setzen, ist es Vonnöten, ausfindig zu machen, wo sie verweilt: ein Umstand, über den ich leider nichts zu sagen vermag.«