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»Wie? was sind das für Worte?« rief der Schloßhauptmann, dem das volle Maß seines Unglücks erst jetzt klar zu werden anfing, »wohin ist sie, und mit wem ist sie geflüchtet?«

»Sie ist geflüchtet,« bestätigte Sir Aymer, »vielleicht in der Absicht, sich einen Geliebten zu suchen, der nicht jeden kalten Luftzug als verderblich für seine Hoffnungen betrachtet. Vielleicht will sie den schwarzen Douglas oder einen anderen Helden der Distel [Rose und Distel sind die beiden Embleme, um welche sich Engländer und Schotten scharen.] mit ihren Gütern und Schlössern wie ihrer Schönheit lohnen für Tugenden, die sie ehedem bei Sir John de Walton suchte. Indessen im Ernste! Wenn ich zu solchen Worten greife, Sir John, so geschieht es, weil zurzeit in unserer Umgebung Ereignisse von höchster Wichtigkeit geschehen. Auf meinem gestrigen Abendritt nach Saint-Bride hinüber bin ich Zeuge von Dingen gewesen, die mich sattsam berechtigen, gegen jedermann Argwohn zu hegen. So schickte ich Euch als Gefangenen der greisen Küster der Douglas-Kirche, den ich widerspenstig fand, als ich ihm verschiedene Fragen stellte/ Von ihm jedoch ein andermal, trotzdem seine ruhmsüchtige Anspielung auf jene scheußliche Schlächterei des schwarzen Douglas, die seinem Schlosse den Zusatz am Blutsumpf gegeben, schnelle Ahndung heischte! Zunächst vermehrt die Flucht der Dame die Wirrnis, die dieses gefahrvolle und, wie mir vorkommt, verhexte Schloß erfüllt, in solchem Maße, daß zu nichts anderem Zeit verbleibt, als ihren Aufenthalt zu ermitteln.«

»Aymer de Valence!« rief Sir John de Walton in lebhaftem und doch feierlichem Tone, »dies Schloß soll verteidigt und gehalten werden wie bisher, damit Sankt Georgs Banner von seinen Zinnen wehe! Gleichviel wie sich mein Schicksal gestalte, so Will ich als treuer Geliebter der Lady Augusta de Berkeley sterben, sollte ich auch nicht länger ihr erwählter Ritter bleiben.«

»So! Jetzt seid Ihr wieder der Alte, Sir John! Jetzt sprecht Ihr wieder wie ein echter Rittersmann! Mit Eurer Erlaubnis will ich den Sänger jetzt zu uns entbieten; seine Treue gegen seine Herrin ist rühmenswert; er wird uns helfen, ihren Zufluchtsort zu ermitteln.«

Zwölftes Kapitel

Es war früh am Tage, als die Garnison vom Schlosse Douglas gemustert, in kleine Kommandos abgeteilt und ausgesandt wurde, die Spur der Flüchtlinge zu verfolgen. Meilenweit wurde die ganze Umgegend, Wälder wie Moore abgesucht, denn der von Sir John für Auffindung der beiden flüchtigen Personen ausgesetzte Preis war sehr hoch und jeder war begierig ihn zu verdienen. Mittlerweile waren dieselben unfern vom Kloster von einem der Schwester Ursula bekannten Ritter in Empfang genommen worden, von welchem, Lady Augusta oder, wie der Leser sie bislang gekannt hat, der Sängerknabe Augustin aber nicht mehr wußte, als daß er sie nach einem Orte hin geleiten würde, wo sie der Gefahr, wieder festgenommen zu werden, nicht ausgesetzt wären. Endlich begann Schwester Ursula die Unterhaltung. »Ihr habt Euch,« sagte sie, »noch mit keinem Worte erkundigt, wohin wir reisen oder unter welchem Schutz wir uns befinden, Lady Augusta – denn Ihr erlaubt wohl, daß ich Euch hinfort so anrede, nachdem Ihr geruhtet, mich in der Nacht unserer Flucht über Eure Person und Eure Geschichte zu unterrichten – indessen meine ich, es müßte Euch doch viel daran liegen, das zu wissen!«

»Soll es mir nicht genug sein zu wissen, gütige Schwester, daß ich unter dem Schutz eines Mannes reise, der Euer Vertrauen besitzt? Warum sollte ich bangen um meiner Sicherheit willen?«

»Weil die Leute, mit denen ich um meines Vaterlandes willen in Verbindung oder Beziehung stehe, für Euch doch vielleicht die richtigen Beschützer nicht sein mochten«, versetzte die Schwester.

»Wie habe ich diese Worte zu verstehen?« fragte Lady Augusta.

»Jenun, meine Meinung ist,« versetzte die Schwester, »daß schließlich die Männer, die unserer Partei angehören, zum Beispiel ein Bruce oder Douglas, ein Malcolm oder Fleming und andere, zwar nicht imstande sein möchten, den Vorteil Eures Besitzes zu persönlichen Zwecken zu nützen, wohl aber Euch als eine ihnen von der Vorsehung zugeführte wertvolle Geißel betrachten könnten, durch die ihrer verstreuten, vielleicht auch mutlos gewordenen Partei nach mancher Seite hin Stärkung zu schaffen sei.«

»Zu solchem Vertrag,« erwiderte Lady Augusta, »ließe sich wohl gelangen über meine Leiche, nicht aber so lange ich am Leben bin und atme. Glaubt mir, lieber möchte ich mich dem gemeinsten Armbrustschützen meines Vaterlandes ergeben, als daß ich mich mit seinen Feinden zu seinem Unglück vereinigte.«

»Das dachte ich mir Wohl!« versetzte Schwester Ursula; »ich möchte auch, nachdem Ihr mich mit Eurem Vertrauen beehrtet, Euch gern dorthin bringen, wohin Ihr zu gelangen wünschet.« Binnen jetzt und einer knappen halben Stunde werden wir in ständiger Gefahr sein, einer der englischen Abteilungen in die Hände zu laufen, die sicher schon nach allen Richtungen das Land absuchen, um unser wieder habhaft zu werden. Eins aber Möchte ich Euch sagen, Lady Augusta, daß ich nämlich einen Ort kenne, wo ich für meine Person sichere Zuflucht finden kann, bei jenen tapferen Schotten, meinen Freunden und Landsleuten, die niemals, sogar in dieser Schreckenszeit nicht, dem Saal ihr Knie beugten. Zu anderer Zeit hätte ich einstehen können mit meiner für ihre Ehre. Ich darf Euch aber nicht verhehlen, daß sie seit kurzem Prüfungen ausgesetzt sind, die auch die großmütigsten Charaktere verbittern. Wer seines Geburts- und Heimatsrechtes beraubt wird, wer geächtet und seines vom Vater ererbten Gutes entäußert wird, wer sich in ständiger Gefahr seines Lebens und seiner Freiheit sieht, weil er die Sache seines angestammten Königshauses verficht, der wägt nicht mehr, genau ab, wie weit er in der Vergeltung solches ihm zugefügten Unrechtes gehen darf. Glaubt mir, Lady Augusta, ich würde es bitter beklagen, sollte ich Euch in eine Lage gebracht haben, die Ihr für entwürdigend halten möchtet.«

»Sagt mir mit kurzen Worten, Schwester,« versetzte Lady Augusta, »wessen ich von Leuten mich gewärtig zu halten habe, für die ich, nehmt es mir nicht übel, keine andere Bezeichnung habe als Rebellen.«

»Wenn die Eurigen,« versetzte die andere, »die in meinen Augen Unterdrücker, Landräuber und Tyrannen sind, sich in den Besitz all unseres Eigentums setzen, so werdet Ihr wohl einsehen müssen, daß den Meinigen das Vorrecht der Wiedervergeltung auf Grund der rohen Kriegsgesetze zusteht. Indessen steht, wie gesagt, nicht zu befürchten, daß unsere Männer sich irgendwelcher Beschimpfung einer Dame von Eurem Range gegenüber schuldig machen werden. Etwas ganz anderes aber ist es, wenn man darauf bauen wollte, daß sie es unterlassen sollten, Vorteile, wie sie im Kriege gelten, aus Eurer Gefangenschaft zu ziehen. Daß beispielsweise den Eurigen die Bedingung gestellt würde, gegen Eure Auslieferung in die Übergabe des Schlosses Douglas zu willigen, möchte Euch doch am Ende nicht genehm sein.«

»Eher stürbe ich,« antwortete Lady Berkeley, »als meinen Namen zu solch schmachvollem Vertrage herzugeben, und fest überzeugt bin ich, Sir John de Walton würde auf solches Ansinnen keine andere Antwort haben, als daß er dem Sendboten, der es ihm stellte, den Kopf vor die Füße legte oder vom höchsten Schloßturm aus ins Lager der Feinde schleuderte.«

»Und wohin, Lady Augusta,« fragte die andere, »gedächtet Ihr Euch zu begeben, wenn Euch die Welt noch freistünde?«

»Auf mein, eigenes Schloß, wo ich im Notfall selbst vor dem König Schutz fände, wenigstens doch so lange, bis ich meine Person unter den Schutz der Kirche gestellt hätte.«

»Solchenfalls ist meine Macht, Euch beizustehen, äußerst beschränkt,« versetzte die Schwester, »nichtsdestoweniger versetzt mich Euer Vertrauen in die Notwendigkeit, Vertrauen auch in Euch zu setzen. Es bleibt Eurer Wahl freigestellt, ob Ihr Euch mit mir zum geheimen Trefforte vom schwarzen Douglas und seinen Anhängern begeben wollt, den ich Euch vielleicht unrechterweise bekanntgebe, oder ob Ihr nicht lieber ohne Aufenthalt den Weg zur Grenze einschlagt. Im letzteren Falle will ich Euch begleiten so weit wie möglich, und wenn ich Euch verlassen muß, für einen zuverlässigen Führer Sorge tragen. Für mich persönlich ist es zunächst kein geringes Glück, einer Gefangennahme zu entrinnen, die für mich wohl gleichbedeutend mit schrecklichem Tode sein dürfte.«