»Solche Grausamkeit, Schwester Ursula, könnt Ihr nicht zu gewärtigen haben, weil Ihr ja noch kein Klostergelübde abgelegt habt und nach den Kirchengesetzen noch das Recht der Wahl zwischen Welt und Schleier besitzt.«
»Ebensolche Wahl, wie ihr Engländer sie anderen Opfern gestattet, die während dieser erbarmungslosen Kriege in eure Hände fielen«, versetzte die Schwester bitter. »Den Kämpfern für Schottlands Freiheit und Recht, Wallace, Hay, Somerville, auch Athol, dem Blutsverwandten von König Eduard zum Beispiel, die sämtlich ebensowenig Verräter waren, unter welcher Bezeichnung sie den Tod auf dem Schafott erlitten, als Margaret de Hautlieu eine abtrünnige Nonne und den Klosterregeln unterworfen ist.«
»Margaret de Hautlieu?« wiederholte Lady de Berkeley.
»Jawohl, Lady!« rief die Klosterschwester mit größerer Heftigkeit, als sich mit ihrer bisherigen Ruhe zu vertragen schien, »Margaret de Hautlieu! Die Tochter jenes normannischen Edlen Moritz von Hattely oder Hautlieu, der gleich vielen seiner Landsleute sein Glück am schottischen Königshofe suchte und fand, die Sheriffswürde über diese Grafschaft erhielt und für einen der reichsten und mächtigsten Barone Schottlands galt. Ihr kennt ihn, Lady Augusta, den ich Vater nenne, als jenen Parteigänger König Eduards aus der Schar der sogenannten anglisierten Schotten, der bei jenen seiner Landsleute, die dem Nationalbanner von St. Andrews und Wallace, dem Patrioten, folgten, für den bestgehaßten Mann seiner Zeit galt, der im Zweikampf mit Malcolm Fleming von Biggar, einem durch edle Geburt, glorreiche Taten und hohen Ruhm hervorragenden Ritter Schottlands und feurigen Patrioten, der mich zu seiner Braut erkoren hatte, um sein Leben kam, zuvor aber mich, sein einziges Kind, im Kloster Saint-Bride einmauern ließ, weil ich mich weigerte, ihm zu Willen zu sein.«
»Schwester Ursula! – Margaret de Hautlieu!« rief erschüttert die englische Lady, »was bedeutet mein Ungemach gegenüber solch schrecklichem Unglück!«
»Lassen wir meine Person außer Betracht, Lady!« lenkte die Schwester ein – »ich hätte Euch besser vielleicht nicht über mich unterrichtet, aber es gibt Augenblicke, in denen der Mensch vergißt, Herr über seine Empfindungen zu bleiben.« Sie hielt plötzlich inne. Dann rief sie leise: »Horcht, Lady! Horcht! Was war das? Habt Ihr das gehört? Habt Ihr's gehört?«
Ein Eulenschrei war es, auf den Margaret anspielte.
»Dieser Ruf kündet mir,« rief, sie, »daß jemand in der Nähe ist, der uns besser als ich in solchen Dingen leiten wird. Ich muß vorauseilen, mit ihm zu sprechen. Unser Führer wird noch kurze Zeit bei Euch verweilen. Läßt er Euren Zügel los, so braucht Ihr kein anderes Signal abzuwarten, sondern einfach auf dem Waldpfade zu reiten. Im übrigen richtet Euch nach dem Rate, den er Euch gibt!«
»Bleibt, bleibt!« rief angstvoll Lady de Berkeley, »geht nicht von mir in solchem Augenblick der Not und Unsicherheit!«
»Es muß sein um unser beider willen,« versetzte Margaret, »auch ich bin in Not, auch ich befinde mich in Unsicherheit! Geduld und Gehorsam sind die einzigen Tugenden, die uns beiden Rettung bringen können.«
Mit diesen Worten gab sie ihrem Roß einen Schlag mit der Gerte und war im Dickicht verschwunden. Wenig fehlte, so wäre die englische Lady hinter ihr drein gesprengt; aber der Ritter, der die beiden Damen bis hierher geleitet hatte, packte den Zaum ihres Zelters mit einem Blicke, der ihr deutlich sagte, daß er keine Abweichung von den durch Margaret de Hautlieu hinterlassenen Vorschriften gestatten werde. Nach wenigen Minuten ließ er aber den Zügel wieder aus der Hand und wies mit seiner Lanze nach einem anderen Dickicht, durch das sich ein enger, kaum sichtbarer Pfad wand. Sein Wink schien der Lady andeuten zu sollen, daß ihr Weg in dieser Richtung läge und daß er sie nicht länger hindern wolle, ihn einzuschlagen. Auf ihre Frage, ob er sie nicht weiter begleiten wolle, da sie doch nun an ihn seit ihrer Flucht aus der Abtei gewöhnt sei, schüttelte er mit Ernst das Haupt, als liege es nicht in seiner Macht, solche Bitte zu gewähren, wandte sein Roß nach einer anderen Richtung und war ihren Blicken schnell entschwunden. Ihr blieb nichts weiter übrig als der erhaltenen Weisung zu folgen, und nicht lange war sie dem schmalen Pfade gefolgt als ein seltsames Schauspiel sich ihren Blicken darbot.
Im Innern des Dickichts standen auf einem, von dichtem Unterholz eingeschlossenen kreisrunden Raume nur wenige herrliche Bäume von Riesenhöhe, die des Waldes Ahnen zu sein und, wenn auch, der Zahl nach gering, den ganzen Raum durch ihr ungeheures Zweigdach zu beschatten schienen.
Unter einem der Bäume lag ein graufarbiges Ding, das in größerer Nähe die Gestalt eines Mannes in grauer Rüstung zeigte, aber einer so seltsam und auffallend verzierten Rüstung, daß man deutlich den phantastischen Einfall erkannte, ein Totengerippe zur Darstellung zu bringen, dessen Rumpf durch den Brustharnisch und das Rückenstück gebildet wurde, während das Schild die Form einer Eule mit ausgebreiteten Flügeln erkennen ließ, ein Sinnbild, das seine Wiederholung im Helme fand, der von dem Bilde dieses unheilbedeutenden Vogels völlig bedeckt war. Was aber am meisten Überraschung hervorrief, war die Größe und Magerkeit der Gestalt, die, als sie sich vom Erdboden aufrichtete, eher einem aus einem Grabe aufsteigenden Gespenst als einem gewöhnlichen Menschen in aufrechter Stellung ähnlich sah.
Der Zelter, den die Dame ritt, fuhr schnaubend zurück, vielleicht erschreckt durch die jähe Erscheinung eines Wesens von so schrecklichem Äußern, vielleicht angewidert durch einen häßlichen Duft, der sich von der Gestalt ablöste.
Auch die Dame verriet, wenn nicht Angst, so doch Unruhe. Wenn zu so wunderlichem, manchmal halbverrücktem Mummenschanz die Ritterschaft auch bisweilen griff, so schien es doch wenigstens, zumal für eine einzelne Dame, ein ziemlich gewagtes Abenteuer, einem Ritter, der sich den Tod zum Sinnbild wählte, im tiefen Walde zu begegnen.
Welcher Art aber auch Charakter und Absicht des Ritters sein mochte, so nahm sie keinen Anstand, ihn in der Weise anzusprechen, wie sie aus den Erzählungen des Sängers hatte entnehmen können, in so festem und zuversichtlichem Tone, wie sie seiner irgend fähig war.
»Es tut mir leid, Herr Ritter, Euch durch hastige Annäherung, in Eurer Beschaulichkeit gestört zu haben. Mein Zelter muß Euch gewittert und mich hergetragen haben, ohne daß ich eine Ahnung davon hatte, jemand hier zu treffen.«
»Ich bin jemand, dessen Begegnung nur wenige aufsuchen,« erwiderte der Fremde in getragenem o, »bis die Zeit kommt, da man mich nicht mehr missen kann.«
»Ihr redet dem grausigen Charakter gemäß, den Ihr Euch zum Sinnbild erwähltet«, entgegnete Lady de Berkeley. »Darf ich mich an jemand von so schreckhaftem Äußern mit der Bitte wenden, mir eine Richtung durch diesen wilden Wald zu zeigen oder mir zu sagen, wie das nächste Schloß, die nächste Stadt oder Herberge heißt und wie ich auf kürzestem Wege hingelangen kann?«
»Seltsame Verwegenheit,« antwortete der Ritter des Grabes, »sich in ein Gespräch einzulassen Mit jemand, den die Welt scheut als unerbittlich und alles Erbarmens fremd, den selbst der unglücklichste Mensch nicht um Hilfe anzusprechen wagt, auf daß seine Wünsche nicht zu schnelle Erhörung finden.«
»Die finstere Rolle, in die Ihr Euch kleidet, kann Euch nicht zwingen, auf jene galanten Handlungen Verzicht zu leisten, zu denen Ihr Euch durch das Gelübde des Rittertums verpflichtetet« erwiderte Lady de Berkeley.