»Sofern Ihr Euch meiner Führung anvertraut,« erwiderte die grausige Gestalt, »so kann ich Euch die gewünschte Auskunft bloß auf eine Bedingung hin geben: daß Ihr meinen Fußtapfen folgt, ohne über die Wegrichtung Fragen zu stellen.«
»Ich meine, mich solcher Bedingung unterwerfen zu müssen,« antwortete Lady Augusta, »mein Herz sagt mir, daß Ihr einer jener schlimmberatenen Herren seid, die zur Verteidigung ihrer vermeintlichen Freiheit zurzeit in Waffen stehen. Mich hat ein rasches Unternehmen in den Bereich Eures Einflusses gebracht. Indessen dürft Ihr mir glauben, daß alles, was ich von Eurem Aufenthalt und Eurem Tun und Treiben hier sehe, für mich so unwichtig sein soll, als läge es unten im Grabe, dessen Sinnbild Ihr für Eure Rüstung gewählt habt. Gebt mir keine abschlägige Antwort, königlicher Bruce oder fürstlicher Douglas, falls ich mich in meiner Not wirklich, an einen aus solchem Geschlecht gewandt haben sollte! Man spricht von Euch als furchtbaren Feinden, aber edelmütigen Rittern und treuen Freunden. Handelt mit dem Bedenken, wie sehr den Eurigen an Mitleid liegen muß, wenn sie unter gleichen Umständen sich an englische Ritter wenden müssen.«
»Haben die Unsrigen dort Milde, geschweige Mitleid gefunden,« antwortete der Ritter noch finsterer als vordem, »und handelt Ihr weise, den Schutz eines schottischen Ritters um bloßer Verwegenheit willen anzurufen? Jemand, den Ihr um seiner äußeren Erbärmlichkeit willen für einen schottischen Ritter haltet, an die Art und Weise zu erinnern, wie die Lords von England Schottlands liebliche Mädchen und hochgeborene Frauen behandelten? Wurden sie nicht in Käfigen an die Zinnen ihrer Schlösser gehängt, dem niedrigsten Bürger zur Augenweide und Warnung? Kann solche Erinnerung einen schottischen Ritter zum Mitleid gegen eine englische Dame stimmen? Oder muß sie nicht vielmehr zum tiefsten Hasse gegen diesen König Eduard aus dem Hause Plantagenet, den Urheber all dieses Elends, spornen? Nein! Nichts anderes könnt Ihr erwarten, als daß ich erbarmungslos wie das Grab, für das ich gelten will, Euch in dem hilflosen Zustande lasse, in welchem Ihr Euch, Euren Worten nach, befindet.«
»So grausam könnt Ihr nicht sein,« versetzte die Dame, »denn Ihr seid ein Ritter und Edelmann, welchem Pflichten geboten sind, die Ihr nicht außer Acht lassen dürft.«
»Diese Pflichten sollen mir heilig sein,« sagte der gespenstische Ritter, »mich binden aber auch andere Pflichten, und ihnen muß ich diejenigen opfern, auf die Ihr mich hinweist. Das führt mich zu der weiteren Frage, ob Ihr es nicht für besser halten möchtet, daß jeder sich auf die eigenen Hilfsmittel beschränkt und, auf die Vorsehung bauend, seinen eigenen Weg geht.«
»Wie soll ich in meiner dermaligen Bedrängnis zu einem selbständigen Entschlüsse gelangen? Es ist doch nicht anders, als riefet Ihr einem Unglücklichen zu, der in einen Abgrund stürzt, er möge sich das Gestrüpp aussuchen, durch das er seinen Fall am besten aufhalten könne! Was könnte er antworten, als da er alles ergreifen wolle, was sich am leichtesten greifen lasse? Wenn er überhaupt noch antworten kann? Ich wiederhole, daß ich mich Eurem Angebot füge. Indessen müßt Ihr doch, um mir helfen zu können, Namen und Lebensumstände von mir kennen?«
»über alles dies bin ich durch die Gefährtin Eurer Flucht unterrichtet. Indessen dürft Ihr nicht meinen, junge Dame, als seien Bildung, Schönheit, Rang und Reichtum auf einen Mann, der die Sinnbilder des Grabes trägt und der schon längst alles ins Leichenhaus geschafft hat, was andere als Wunsch oder Neigung kennen, von irgendwelchem Einflüsse.«
»Möge Eure Treue so fest sein,« versetzte Lady Augusta, »wie Eure Rede finster! Ich unterwerfe mich Eurer Führung ohne Zweifel und Furcht!«
Dreizehntes Kapitel
Lady Augusta de Berkeley überzeugte sich bald, daß sie in ihrem Führer, wenn nicht den gefürchteten James Douglas selber, so doch einen seiner hervorragenderen Parteigänger vor sich habe. Mit den Vorstellungen, die sie sich von dem unentwegten Verteidiger Schottlands gebildet hatte, war Aussehen und Wesen des Ritters vom Grabe recht wohl vereinbar, der sich jetzt, als wenn er alle weitere Unterhaltung abschneiden wolle, auf einem der vielen Irrgänge des dichten Waldes in einem Tempo entlang bewegte, das der Zelter der jungen Dame infolge des zerrissenen Terrains nur mühsam, einhalten konnte. Indessen folgte sie ihm, so unartig das Gleichnis sein mag, mit der Furcht und Eile des jungen Hühnerhundes, der sich nicht getraut, seinem strengen Herrn hinterher zu bleiben.
Als sie aber, trotz der äußersten Mühe, die sie sich gab, dem furchtbaren Krieger, der so lange schon dem ganzen Lande ein Schrecken war, durch säumigen Ritt keine Ursache zur Unzufriedenheit zu schaffen, die Folgen der schweren Anstrengung nicht mehr verdecken konnte, schlug der Ritter ein langsameres Tempo ein und murmelte, nachdem er einen scheuen Blick um sich geworfen hatte, scheinbar vor sich hin, obgleich die Worte für das Ohr seiner Begleiterin bestimmt sein mochten: »Schließlich ist solch große Eile ja nicht erforderlich!«
In langsamerer Gangart gelangten sie nun an den Rand einer Schlucht, die sich zwischen Bäumen und Unterholz eine ziemlich große Strecke weit hinzog, gleichsam ein Netz von Verstecken bildend, die sich ineinander öffneten, so daß sich vielleicht kein Platz auf Erden so gut zu einem Hinterhalte eignete. – Auf einer ähnlich beschaffenen Stelle hatte der Grenzer Turnbull sich aus dem Jagdzuge Sir Johns geflüchtet; vielleicht stand jener andere mit diesem Platze hier in Zusammenhang, trotzdem sie ziemlich weit voneinander entfernt liegen mußten; bei dem wild zerklüfteten Lande, das gewissermaßen nichts anderes war als eine von zahllosen kleineren Schluchten gebildete Riesenschlucht, ließ sich das wohl annehmen. Aber aus der Führungsweise des Ritters zu fester Vorstellung über die Weglichtung zu gelangen, war völlig ausgeschlossen. Bald stiegen sie Höhen hinauf, bald Hänge hinunter, bis sie in grenzenloser Wildnis auf ein dichtes Waldgebiet stießen, dessen Bäume die Verschlingungen echten Urwaldes aufwiesen.
Strecken, für die Arbeiten des Landwirts zugänglich, schien der Ritter mit Sorgfalt zu vermeiden. Wenn es aber geschah, daß sie auf einer Lichtung einen Jäger oder Bauern trafen oder aus der Ferne sahen, so kam es niemals zu einem Austausch von Reden oder auch nur Grüßen, nicht einmal zum Austausch von Zeichen, daß man einander kannte. Hieraus schloß die Dame, daß der gespenstische Ritter nicht allein im Lande gekannt sein, sondern Parteigänger und Mitverschworene haben müsse, die seine Sache wenigstens insoweit mitvertraten, als sie alles vermieden oder zu unterdrücken suchten, wodurch seine Feinde ihm auf die Spur hätten kommen können. Der weitere Gedanke, daß sie durch ihre Flucht aus der Abtei in Gemeinschaft mit solch eifriger Schottin wie Margaret de Hautlieu in gewissem Grade zur Mitteilnehmerin an einem Komplott gegen ihre Landsleute, gegen die Besatzung auf dem Schlosse Douglas und deren ihr doch so nahestehenden Kommandanten Sir John de Walton werden könne, daß dies alles einen so ganz andren Ausgang nehmen möchte, als sie zuerst angenommen oder geglaubt hatte, verursachte ihr eine Empfindung von Grauen, und sie zögerte nicht länger, während dieses Wanderns von einem Flecke zum anderen hin ihren Begleiter mit den rührendsten Bitten um Freilassung zu bestürmen.
Lange Zeit kehrte sich derselbe nicht an ihre Reden. Zuletzt aber schien ihn die Zudringlichkeit seiner Gefangenen doch zu ermüden; er trat dicht an ihren Zelter heran und sprach in, feierlichem Tone:
»Ich bin, wie Ihr glauben könnt, keiner von jenen Rittern, die durch Wälder und Wildnisse schweifen, um Abenteuern nachzugehen, durch die sich in schöner Frauen Augen Gunst erholen läßt. Nichtsdestoweniger will ich Euren Bitten in gewissem Grade willfahren. Wir sind unserem Ziele nahe. Von dort aus will ich an den Ritter de Walton durch Euch und einen besonderen Beiboten ein Schreiben gelangen lassen, auf das hin er sich vermutlich uns stellen wird. Ihr sollt Euch überzeugen, daß auch derjenige Ritter Schottlands, der bisher unempfindlich gegen alle irdischen Regungen und taub gegen alle menschliche Bitte war, noch immer nicht alles Mitgefühls für Schönheit und Tugend bar ist. Ich lege hiermit die Wahl für Eure künftige Sicherheit und Euer künftiges Glück in Eure eigenen Hände und in die Hände des von Euch als Ritter gewählten Herrn. Zwischen dessen Händen und dem Elend könnt Ihr nach Belieben nun wählen!«