»Es mag sein, daß solches mir vom Schicksal vorbehalten ist,« erwiderte de Walton, »nie aber will ich es freiwillig suchen! Nie soll von Sir John de Walton gesagt werden, daß solch verhängnisvolles Wort seine eigene Zunge aussprach, außer im Augenblick höchster Not und Bedrängnis. Aber geschähe dies jemals auch dann von mir, so nur, indem ich gleichzeitig die Spitze meines Schwertes gegen die eigene Brust kehrte. Ihr hört, daß Graf Pembroke im Anmarsch mit seinem Heere auf Douglas zu ist; schon höre ich das Stampfen und Wiehern seiner Rosse. Nein, Douglas! Ich behaupte meinen Platz, so lange noch Hilfe nahen kann! Und mein Atem wird lange genug reichen, um den Kampf bis dahin zu führen. Kommt heran, Douglas! Der Euch gegenübersteht, ist kein Kind, sondern ein Mann, ohne Scheu der äußersten Kraft seines Feindes zu begegnen, mag er stehen oder fallen!«
»So sei es denn, Sir Walton!« rief Douglas, dessen Stirn bei diesen Worten ein tiefdunkles Rot, ähnlich dem Glutrand einer Gewitterwolke, überzog, zum Zeichen, daß er den Kampf nun schnell zu Ende zu bringen gedachte.
In diesem Augenblicke wurde das Stampfen von Rosseshufen hörbar. Im anderen Augenblick sprengte ein wallisischer Ritter, kenntlich durch die Kleinheit seines Pferdes, die nackten Beine und den blutigen Speer, auf den Plan und rief den Kämpfenden mit lauter Stimme zu, den Kampf einzustellen.
»Ist Graf Pembroke in der Nähe?« fragte de Walton.
»Er steht bei Loudonhill,« sprach der Eilbote, »aber ich bringe Befehle für Sir John de Walton.«
»Ich bin bereit ihnen zu gehorchen, auf alle Gefahr hin«, versetzte der Ritter.
»Wehe mir,« sprach der Walliser, »daß den Ohren solches tapferen Herrn solch unwillkommene Kunde von meinen Lippen kommen muß. Gestern erhielt Graf Pembroke die Meldung, Schloß Douglas werde vom Sohne des verstorbenen Grafen Douglas und allen Einwohnern der Gegend berannt. Daraufhin beschloß Graf Pembroke, mit der ganzen verfügbaren Streitmacht zu Eurer Hilfe herbeizueilen. Aber bei Loudonhill trat ihm der gefürchtete Robert Bruce entgegen, den die Schotten als ihren König erkennen. Graf Pembroke rückte ohne Verzug gegen Robert Bruce unter seinem Eide, nicht eher einen Kamm durch seinen Bart zu ziehen, als bis er England von dieser Pestbeule befreit habe. Allein das Schicksal war wider uns.«
Hier hielt er inne, um Atem zu schöpfen.
»Hurra Bruce!« rief Douglas, »er hat dem Pembroke den Überfall im Methuen-Walde wacker heimgezahlt und wird jetzt siegesfroh der nächtlichen Ruhe pflegen. So lange Bruce noch am Leben und noch ein einziger Lord da ist, ihm als seinem König und Herrscher zur Seite zu sein, so lange wird, aller Gewalt zum Trotz, die mit so schwerem Verrat gegen ihn verübt wird, Schottland bleiben was es ist, ein selbständiges Königreich und alle Englischen aus seinen Grenzen jagen! Hurra Bruce und Schottland!«
Alle, schottischen Ritter und Mannen stimmten jubelnd ein in seinen Ruf.
»Was ich Sir John de Walton weiter zu melden habe,« ergriff der Walliser Meredith wieder das Wort, ist: daß Graf Pembroke gänzlich geschlagen wurde und aus Ayr, wohin er sich unter großen Verlusten zurückgezogen hat, nicht heraus kann. Deshalb sendet er Euch, John de Walton, Verhaltungsbefehle, dahinlautend, daß er suchen möchte, für die Übergabe des Schlosses Douglas die bestmöglichen Bedingungen zu erhalten; denn auf Unterstützung von seiner Seite könne und dürfe Sir John nicht mehr bauen.«
Ob dieser unvermuteten Kunde brachen die Schotten in solches Geschrei aus, daß die Ruinen der alten Kirche zu wanken und die unter ihnen zu dichtem Haufen gedrängten Ritter und Mannen unter sich zu begraben drohten.
De Waltons Stirn legte sich bei dieser Meldung, obgleich sie ihm hinsichtlich von Lady Berkeley die Hände frei machte, in tiefe Falten; denn er konnte hinfort keinen Anspruch mehr erheben auf die ihm vordem von Douglas gestellten günstigen, Bedingungen.
»James Douglas,« rief er, »zufolge solcher für uns schmerzlichen Kunde steht es jetzt bei Euch, die Bedingungen vorzuschreiben, die für die Übergabe Eures Ahnenschlosses gelten sollen. Ich besitze kein Recht mehr, auf jene Bedingungen zurückzugreifen, die Eure Großmut mir eben noch stellte. Gleichviel wie sie lauten werden, so überreiche ich Euch mein Schwert, dessen Spitze ich zur Erde senke zum Zeichen, daß ich es nie wieder gegen Euch richten will, so lange es mir, nicht durch Euch selber wieder behändigt wird.«
»Da sei Gott vor,« rief Douglas, »daß ich mich solches Vorteils bemächtige über den tapfersten Ritter, mit dem ich mich jemals im Schwertkampfe maß. Ich übertrage all meinen Anspruch an die Person des in ganz Schottland gefürchteten Sir John de Walton auf die hier anwesende, hohe und edle Lady Augusta de Berkeley, die hoffentlich solche durch Krieg ihr anheimgefallene Gabe aus der Hand eines Douglas nicht verschmähen wird.«
Die von hohem Edelmut diktierten Worte wurden von allen Anwesenden mit Beifall vernommen und versöhnte auch die trotzigsten unter Englands Mannen mit der vom Walliser überbrachten schlimmen Nachricht über den Verlust einer Schlacht durch den Grafen Pembroke. Sir John de Walton blickte auf gleich einem Reisenden, welcher aus den Wolken eines schweren Ungewitters, das ihn während eines langen Vormittags nicht verlassen hat, die Sonne hervorbrechen sieht.
Die Übereinkunft wurde hierauf festgesetzt und abgeschlossen. Die Bedingungen lauteten: Übergabe des Schlosses einschließlich aller Vorräte an Waffen und Munition jeglicher Art an die Schotten; dagegen freier Abzug der Besatzung mit Pferden und Handwaffen nach der englischen Grenze.
Am Palmsonntage des Jahres 1306 erfolgte diese Rückgabe des alten Stammschlosses an das edle Grafengeschlecht der Douglas. Sie war der Anfang zu einer ununterbrochenen Kette von Siegen, durch welche der größte Teil aller Festungen und Schlösser in die Gewalt der Edlen zurückfiel, die für die Freiheit ihres Landes mit eiserner Faust kämpften, bis endlich die berühmte Entscheidungsschlacht von Bannockburn geschlagen wurde, durch welche die Engländer die schwerste Niederlage erlitten, die in ihren Kämpfen um den Besitz Schottlands von der Geschichte berichtet wird.
Über das Schicksal der einzelnen Personen, die in dieser Erzählung aufgetreten sind, ist nur weniges noch zu melden. Den Ritter Sir John de Walton traf eine Zeitlang der herbe Zorn seines Königs wegen der Übergabe des Schlosses an James Douglas. Indessen sprach der Ritterrat, welchem der Fall zur Untersuchung überwiesen wurde, den Ritter von allem Tadel frei, da er das Schloß erst dann übergab, als ihn sein Vorgesetzter, Graf Pembroke, hierzu direkt aufgefordert hatte. Für alles hieraus für ihn erwachsende Ungemach fand er reichen Lohn in der Liebe der edlen Lady, die um seinetwillen die gefahrvolle Reise in fremdes Land unternommen hatte.
Schwester Ursula, oder mit ihrem Geburts- und Geschlechtsnamen Margaret de Hautlieu, fand einen Verehrer in dem kühnen und tapferen Malcolm Fleming, nachdem sie durch das Parlament von Schottland wieder in den Besitz ihrer Güter und ihres Vermögens gesetzt und von der schottischen Geistlichkeit von dem auf ihr lastenden Kirchenbann befreit worden war. Lady Augusta und Lady Margaret hielten in treuer Freundschaft für Lebenszeit zusammen.
Bertram, dem treuen Sänger, wurde reicher Lohn durch Ritter de Walton und Lady Augusta. Er durfte sich unter den Schlössern der Dame, die er im Pilgergewand nach Schloß Douglas geleitete, dasjenige wählen, welches ihm als Domizil am besten gefiel; er hat aber zwischen den einzelnen Schlössern viel gewechselt, getreu dem ihm innewohnenden Wandertriebe, und ist in hohem Alter gestorben. Weit früher als er, und zwar auf dem Felde der Ehre, auf einem Kriegszug im Heiligen Lande, fand der tapfere und ehrliche Armbrustschütze Gilbert Greenleaf den Tod. Er soll mit dem Schlachtrufe »Bogen und Partisanen« die Erde geküßt haben.