»Wenn ich einen Wunsch hätte hegen mögen, lieber Browne,« sagte Lord Woodville, »so wäre es der, an diesem Tage, den meine Freunde zu einem Feste machen, von allen Menschen auf Erden dich bei mir zu haben. Denke nicht, daß ich dich aus den Augen verloren hätte, während du fern von uns weiltest. Ich bin dir auf deiner gefahrvollen Laufbahn, deinen Siegen und Unglücksfällen stets gefolgt, und es war mir eine hohe Freude, daß – ob bei Erfolgen oder Mißerfolgen – der Name meines alten Freundes stets rühmend genannt wurde.«
Der General erwiderte einige passende, Worte und beglückwünschte seinen Freund zu seiner neuen Würde und dem Besitz eines so prachtvollen Gutes.
»Du hast bis jetzt noch gar nichts gesehen,« versetzte der Lord, »und ich hoffe, du wirst mich erst wieder verlassen, nachdem du meine Besitzung näher kennen gelernt hast. Allerdings habe ich augenblicklich eine ziemlich große Anzahl Gäste, und mein altes Haus hat nicht so viele bequeme Räumlichkeiten, wie man, von außen gesehen, annehmen möchte, Es ist aber für dich noch ein behaglich, wenn auch altmodisch eingerichtetes Stübchen frei, und ich glaube, von deinen Feldzügen her bist du es gewohnt, sogar noch mit schlechteren Quartieren zufrieden zu sein.«
Lachend zuckte der General die Achseln.
»Ich glaube doch wohl,« sagte er, »in dem alten Zimmer wirds ein bißchen gemütlicher sein als in dem alten Tabaksfaß, worin ich zur Nacht kampierte, als ich mit den leichten Truppen im Busche umherstrich, wie wir in Virginien sagten. Dort lag ich wie Diogenes selber und war so froh, überhaupt unter Dach und Fach zu sein, daß ich mir das Faß nachrollen lassen wollte. Aber das ging nicht, weil mein damaliger Kommandant mir einen solchen Luxus nicht gestatten wollte, und mit tränendem Auge mußte ich mein geliebtes Faß schießen lassen.«
»Nun denn,« sagte Lord Woodville, »da dir vor deinem Quartier nicht bange ist, so wirst du wenigstens eine Woche bei uns bleiben. Jagdbüchsen, Hunde, Angelruten, Köder zum Fischen und anderes Gerät für das Weidwerk zur See und zu Lande sind im Überfluß vorhanden; und wenn du Lust hast zu irgend welchem Vergnügen, so finden sich Mittel und Wege, es dir zu schaffen.«
Der General nahm den freundschaftlichen Vorschlag in allen Punkten bereitwilligst an. Beim Mittagstisch fand sich die Gesellschaft zusammen, und Lord Woodville machte sich ein Vergnügen daraus, seinem wiedergefundenen Freunde reichlich Gelegenheit zu geben, daß er den vornehmen Gästen gegenüber all seine hervorragenden Eigenschaften, in treffliches Licht setzen konnte. Er gab dem General Browne Anlaß, von seinen Abenteuern zu erzählen, und da er in jedem Worte den tapferen Offizier und verständigen, Menschen verriet, der in der größten Gefahr sich Kaltblütigkeit und besonnenes Urteil bewahrt, so begegnete die Gesellschaft dem Soldaten, in welchem sie einen Mann von hohem Mute erblickte – einer Eigenschaft, von der jeder wünscht, daß ihm ein Teilchen davon von anderen zugetraut werde – allgemein mit großer Achtung.
Der Tag in Woodville nahm den auf solchen Landgütern üblichen Schluß. Die Gastfreundschaft und die Gastgesellschaft blieb in den Grenzen der Ordnung und Gesittung.
Nachdem der Wein gekreist hatte, wurde musiziert – woran der junge Lord sich selber in ausgezeichneter Weise beteiligte. Karten und Billard waren für die da, deren Sinn nach solchem Zeitvertreib stand. Da alle aber am Morgen körperliche Übungen getrieben hatten, spürten sie bald Lust sich schlafen zu legen, und kurz nach elf Uhr zogen die Gäste sich in ihre Gemächer zurück.
Zweites Kapitel
Der junge Lord geleitete seinen Freund selber in das für ihn bestimmte Gemach, das seiner Beschreibung völlig entsprach und altmodisch, aber doch sehr bequem eingerichtet war. Das Bett hatte die plumpe massige Gestalt, wie sie am Ende des siebzehnten Jahrhunderts üblich war. Die Vorhänge waren aus vergilbter Seide und reich mit verblichener Goldstickerei geschmückt. Aber die Bettdecken, Kissen und Bezüge dünkten den Soldaten entzückend, indem er, an sein Nachtlager in dem Tabaksfaß dachte. Ein etwas düsteres Aussehen verliehen dem Zimmer die Tapeten, die an den Wänden hingen und sich leise raschelnd bewegten, wenn der Herbstwind durch das alte Gitterfenster hereinkam, das bei dem Luftzug klapperte und knarrte.
Ein Spiegel war da, der nach der Mode zu Anfang des Jahrhunderts mit einem turbanähnlichen Aufsatz von dunkelroter Seide geschmückt war. Er stand auf einem Putztischchen das mit einer Menge seltsam geformter Kästchen und veralteten Toilettegegenständen bedeckt war. Diese beiden erhöhten noch das altertümliche düstere Gepräge. Nichts aber konnte heller und heiterer strahlen, als zwei große Wachskerzen. Wenn etwas mit diesen in Wettbewerb treten konnte, so war es höchstens das lichterloh brennende Holz im Kamin, das in der kleinen Kammer Helligkeit und Wärme ausstrahlte,
»Das ist ein altmodisches Schlafstübchen, General,« sagte der junge Lord, »ich hoffe aber, du wirst nichts daran auszusetzen haben, was dich dein Tabaksfaß vermissen läßt.«
»Ich bin nicht sehr wählerisch in Quartieren,« sagte der General, »wenn ich aber zu wählen hätte, so würde ich dieses Zimmer allemal den freundlichen und mehr nach der Mode eingerichteten Gemächern deines Familienbesitzes vorziehen. Glaube mir, wenn ich bedenke, wie hübsch altertümlich es hier aussieht und wie behaglich und bequem doch alles ist, und wenn ich ferner bedenke, daß das alles Eigentum deiner Lordschaft ist, so werde ich mich in diesem Quartier wohler fühlen als im besten Hotel, das London aufzuweisen hat.«
»Ich hoffe – ich bezweifle nicht,« sagte der junge Edelmann, »daß du dich hier so wohl fühlen wirst, wie ich selber es wünsche.«
Er wünschte seinem Gaste noch einmal gute Nacht, drückte ihm die Hand und ging.
Der General sah sich noch einmal um, wünschte sich selber Glück dazu, daß er ins friedliche Leben zurückgekehrt sei, dessen Behaglichkeit durch die Erinnerung an die überstandenen Mühseligkeiten und Gefahren nur noch schätzbarer wurde, zog sich aus und schickte sich an, sich einer üppigen Nachtruhe hinzugeben.
Am nächsten Morgen kam die Gesellschaft zu ziemlich früher Stunde zum Frühstück zusammen, aber General Browne fehlte.
Lord Woodville sprach seine Verwunderung aus und sandte schließlich einen Diener, der nach dem General fragen sollte. Der Mann kam mit der Nachricht zurück, der General habe schon mit Tagesgrauen trotz des nebligen, unfreundlichen Wetters einen Spaziergang gemacht.
»So machen es die Soldaten«, sagte der junge Edelherr zu seinen Freunden; »vielen wird es so zur Gewohnheit zu wachen, daß sie nach der frühen Stunde, in der, ihr Dienst zu beginnen pflegt, nicht mehr schlafen können.«
Aber diese Erklärung, die Woodville seinen Gästen gab, schien ihm selber nicht genügend, und er wartete schweigend und geistesabwesend auf die Rückkehr des Generals.
Eine Stunde, nachdem die Frühstücksglocke geläutet hatte, trat dieser ein. Er sah abgespannt aus und schien im Fieber. Sein Haar – das Pudern und Frisieren war damals eine der wichtigsten Obliegenheiten eines Mannes und man konnte daran seinen Stand in der Gesellschaft erkennen – war zerzaust, ungekräuselt, ohne Puder und von Tau benetzt. Die Kleider hätte er nachlässig und in Hast angelegt, was bei einem Militär doppelt verwunderlich war, von dem die Dienstpflicht in der Regel auch eine sorgfältige Toilette erheischte. Sein Blick war starr und seltsam verstört.
»Du bist uns heute um einen Ritt voraus,« sagte Lord Woodville, »oder dir hat dein Bett nicht so gut gefallen, wie du es erwartet hattest. Wie hast du die Nacht geschlafen?«
»Brillant, brillant! Noch nie in meinem Leben besser geschlafen!« erwiderte General Browne.
Aber sein Gesicht hatte einen Ausdruck der Verlegenheit, der seinem Freunde auffiel. Er stürzte eine Tasse Tee hinunter, ließ aber alles, was ihm sonst angeboten wurde, stehen und schien in Geistesabwesenheit zu versinken.