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»Du wirst heute zur Jagdbüchse greifen,« sagte der Freund und Wirt, aber er mußte die Worte zweimal wiederholen, ehe er die mit Stammeln vorgebrachte Antwort erhielt:

»Nein, lieber Freund, ich bedaure, daß ich nicht die Ehre haben kann, noch einen Tag bei dir zuzubringen, aber meine Postpferde sind bestellt, und ich kann nicht länger warten.«

Alle Anwesenden waren überrascht, und Lord Woodville versetzte:

»Postpferde, guter Freund? Was fällt dir ein? Hast du mir doch versprochen, acht Tage bei mir zu bleiben.«

»Mir ist freilich,« versetzte der General mit offenkundiger Verlegenheit, »als hätte ich in der ersten Freude des Wiedersehens etwas von einem Aufenthalt von mehreren Tagen gesagt, aber nachträglich ist mir eingefallen, daß sich das nicht machen läßt.«

»Das ist eigentümlich«, antwortete der junge Edelherr. »Gestern schienst du völlig frei von allen Geschäften, da kannst du doch unmöglich heute einen neuen Auftrag erhalten haben. Briefe an dich können nicht angekommen sein, denn die Post aus der Stadt ist noch nicht da.« –

General Browne sagte nichts weiter, er murmelte nur etwas von eiligen Angelegenheiten und bestand, darauf, abzureisen; sein Entschluß schien so festzustehen, daß sein Wirt sich schweigend drein fand.

»Gestatte mir nur, lieber Browne,« sagte er, »da du doch gehen willst, oder vielmehr gehen mußt, daß ich dir die Aussicht von der Terrasse zeige, die wir in Kürze werden genießen können, denn der Nebel steigt.«

Mit diesen Worten öffnete er ein Schiebefenster und ging zur Terrasse hinab. Der General schritt mechanisch hinter ihm her, schien aber kaum zu hören, was sein Wirt zu ihm sagte, als dieser den Blick über die weite prachtvolle Aussicht lenkend, ihn auf die verschiedenen Sehenswürdigkeiten aufmerksam machte.

So gingen sie weiter, bis Lord Woodville seinen Zweck erreicht und seinen Gast von der übrigen Gesellschaft weggeführt hatte. Dann wandte er sich ihm zu und fragte ihn in feierlichem Tone:

»Richard Browne, mein alter treuer Freund, wir sind jetzt allein. Bei dem Worte eines Freundes und der Ehre eines Soldaten beschwöre ich dich, antworte mir auf meine Frage. Wie hast du heute nacht geschlafen?«

»Jammervoll,« antwortete der General in demselben feierlichen Tone, »ganz jammervoll! So maßlos jammervoll, daß ich eine solche zweite Nacht nicht noch einmal durchmachen möchte, und böte man mir dafür alles Land, das zu diesem Schlosse gehört, und das ganze Gebiet, das ich von diesem hochgelegenen Punkte überschaue.«

»Das ist seltsam,« sagte der junge Lord wie bei sich selbst, »es muß also etwas Wahres daran sein, was man von diesem Zimmer erzählt.«

Dann wandte er sich an den General.

»Mein lieber Freund,« sagte er, »um Gotteswillen, sei aufrichtig gegen mich und erzähle mir alles ausführlich, was dir Unangenehmes widerfahren ist, hier, wo doch nach dem Wunsche des Besitzers nur Behaglichkeit dich umgeben sollte.«

Diese Aufforderung schien dem General Schmerz zu bereiten, er schwieg ein Weilchen, ehe er antwortete:

»Mein teurer Lord,« sagte er endlich, »was mir in der verflossenen Nacht zugestoßen ist, ist so seltsam und grausig, daß ich es schwerlich über mich gewinnen könnte, dir alles ausführlich zu berichten, wenn ich nicht, abgesehen davon, daß ich dir eine Bitte erfülle, glauben könnte, daß eine aufrichtige Erzählung meinerseits mir eine Erklärung über einen Umstand verschaffen könne, der für mich ebenso peinlich wie geheimnisvoll ist. Wenn ich es anderen erzählen wollte, so möchten sie mich für einen abergläubischen, schwachsinnigen Narren halten, der sich durch Hirngespinste betören und entsetzen läßt. Du aber hast mich als Kind und Jungen gekannt, und du wirst nicht denken, daß ich als Mann Empfindungen und Schwachheiten angenommen hätte, von denen ich in der Jugend frei gewesen bin.«

»Zweifle nicht daran, daß ich in die Wahrheit deiner Mitteilungen vollen Glauben setzen werde, und wenn sie noch so absonderlich sind,« entgegnete Lord Woodville, »ich kenne deinen festen Charakter genau und hege nicht den Verdacht, daß man dir etwas vorgaukeln könne. Ich weiß ferner, daß du zu ehrenhaft und auch mir ein zu guter Freund bist, als daß du das, was dir widerfahren ist, irgendwie übertreiben solltest.«

»«Nun denn,« sagte der General, »ich will, so gut es geht weiter erzählen. Ich vertraue dabei auf deine Aufrichtigkeit, aber dennoch habe ich das bestimmte Gefühl, daß ich lieber auf eine Batterie Sturm laufen möchte, als mir die verhaßten Erinnerungen der verflossenen Nacht ins Gedächtnis zurückrufen.«

Wieder hielt er inne. Als er sah, daß Lord Woodville schwieg und mit Spannung seines Berichtes harrte, begann er, wenn auch mit offenkundigem Widerwillen, die Geschichte der nächtlichen Abenteuer im tapezierten Zimmer.

Drittes Kapitel

»Als du gestern von mir gegangen warst, zog ich mich aus und legte mich zu Bett. Das Holz im Kamin meinem Bette gegenüber brannte hell und lustig. Aus Kindheit und Jugend fielen mir hundert aufregende Erinnerungen ein, die durch das unerwartete Vergnügen, dich wieder zu sehen, wach geworden waren, daß ich die Mühsal und die Gefahren meines Berufes auf kurze Zeit mit den Genüssen des friedlichen Lebens und des freundschaftlichen, liebevollen Verkehrs vertauscht habe, den ich, durch den eisernen Krieg gezwungen, hatte aufgeben müssen. »Dieweil mir so angenehme Betrachtungen durch den Sinn gingen und ich allmählich in Schlaf versank, wurde ich plötzlich durch ein Geräusch gestört, das wie das Rauschen eines Seidenkleides und Tritte hoher Schuhe klang, wie wenn eine Frau im Zimmer umherginge. Ehe ich noch den Vorhang wegziehen konnte, um nachzusehen, was los sei, schritt die Gestalt einer kleinen Frau zwischen dem Bett und dem Feuer vorbei.

»Sie drehte mir den Rücken zu, und ich konnte nur an Schultern und Hals erkennen, daß es eine alte Frau war, die nach der alten Mode in einen losen, lang herabhängenden Rock gekleidet war mit breiten Falten an Schultern und Hals und einer Schleppe.

»Die Erscheinung kam mir seltsam vor, aber ich dachte mir nichts anderes, als daß es eine alte Frau des Hauses sei, die den Einfall gehabt hatte, sich wie ihre Großmutter anzuziehen. Da du sagtest, du hättest wenig Raum für deine Gäste, so dachte ich, die alte Frau hatte mir ihr Zimmer abtreten müssen und das sei ihr nun wieder entfallen und sie sei in ihre Stube zurückgekommen.

»In diesem Glauben bewegte ich mich im Bette und hustete ein wenig, um sie darauf aufmerksam zu machen, daß ich jetzt hier sei.

»Sie drehte sich langsam um, aber, gnädiger Himmel, was für ein Antlitz zeigte sich mir! Nun konnte ich nicht länger zweifeln, wer die Gestalt sei, und ich konnte nicht länger glauben, daß sie ein lebendes Wesen sei. Auf einem Angesicht mit leichenhaften Zügen sah ich den Ausdruck der niedrigsten, abscheulichsten Laster, die sie im Leben erfüllt hatten. Der Leib einer gräßlichen Verbrecherin schien dem Grabe entstiegen und die Hölle eine Seele ausgespien zu haben, damit sie auf kurze Zeit sich wieder zu dem alten Mitschuldigen ihrer Schändlichkeiten geselle.

»Ich fuhr im Bett empor und richtete mich auf, ich stützte mich auf die Hände und starrte auf das furchtbare Gespenst. Die Hexe machte, wie es schien, einen einzigen, schnellen Schritt nach dem Bett, wo ich lag, und kauerte sich in derselben Stellung darauf hin, die ich inne hatte. Mit teuflischem Grinsen näherte sie ihr Gesicht dicht dem meinen, und die Bosheit und der Hohn eines eingefleischten Teufels spielten darin.«

General Browne schwieg ein Weilchen und wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn, der bei der Erinnerung perlend hervortrat.

»Lieber Lord,« sagte er, »ich bin keine Memme. Ich habe alle Todesgefahren überstanden, die mein Beruf mit sich bringt, und ich kann mich rühmen, daß der Degen Richard Brownes noch nie entehrt worden ist. Aber unter diesen gräßlichen Umständen, unter den Augen und, wie mich dünkte, fast unter den Klauen eines zu Fleisch gewordenen Dämons verließ mich alle Festigkeit; alle Mannheit zerschmolz in mir wie Wachs auf dem Herde, und ich fühlte jedes Haar, auf meinem Haupte sich sträuben. Der Kreislauf meines Blutes stockte und die Besinnung verließ mich, panischem Schrecken überantwortet wie ein Jüngferchen oder ein Kind von zehn Jahren. Wie lange ich so gelegen habe, weiß ich nicht.