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»Als die Schloßuhr eins schlug, wurde ich wach. Der Schall war so laut, daß es mir vorkam, als ob die Glocke im Zimmer selber schlüge. Es verging ein Weilchen, bis ich die Augen wieder aufschlagen konnte, um von neuem das furchtbare Bild zu schauen.

»Ich faßte mir aber ein Herz und sah auf: das Gespenst war verschwunden. Mein erster Gedanke war, die Klingel zu ziehen, die Bedienten zu wecken und in eine Dachstube oder einen Heuschober zu gehen, damit ich vor einer zweiten Erscheinung sicher, wäre. Wenn ich aber die Wahrheit gestehen soll, so änderte ich meinen Entschluß nicht aus Scham, daß ich mich kompromittieren könnte, sondern aus Angst, daß ich, wenn ich zu der Klingel ging, deren Schnur am Kamin hing, der teuflischen Hexe wieder begegnen könne, die, wie ich mir einbildete, noch in irgend einem Winkel hocken möchte.

»Ich will nicht schildern, wie mich die Nacht über bei unruhigem, vielfach gestörtem Schlaf das Fieber kalt und heiß überlief. Qualvolles Wachen und qualvolles Schlummern peinigten mich. Hundert gräßliche Dinge marterten mich.

»Endlich brach der Tag an und ich stand auf, von Unwohlsein geplagt und in gedrückter Stimmung. Ich schämte mich meiner als Mann und Soldat, und noch mehr schämte ich mich, daß es mich dazu trieb, das von der Erscheinung heimgesuchte Gemach zu verlassen. Ich kleidete mich in Hast an und flüchtete aus dem Schlosse, um in der frischen Luft die Nerven zu stärken, die das furchtbare Zusammentreffen mit einer Erscheinung aus der anderen Welt – denn dafür mußte ich sie halten – völlig zerrüttet hatte.

»Nun weißt du die Ursache meiner Verstörtheit und weshalb es mich drängt, so plötzlich dein gastfreundschaftliches Schloß zu verlassen. An anderen Orten, hoffe ich, werden wir uns noch oft sehen, aber Gott bewahre mich, daß ich je noch eine Nacht unter diesem Dache verlebe!«

So seltsam die Geschichte des Generals lautete, so sprach er doch im Tone so fester Überzeugung, daß alle die althergebrachten Erklärungen abgeschnitten waren, die man sonst über derartige Vorfälle vorbringt. Lord Woodville fragte nicht einmal, ob er gewiß wisse, daß er von der Erscheinung nicht geträumt habe. Er schien im Gegenteil von der Wahrheit und Wirklichkeit des Gehörten so fest überzeugt und sprach nach langer Pause im Tone herzlicher Aufrichtigkeit, daß sein Jugendfreund in seinem Hause solche Qualen hätte erleiden müssen.

»Es bekümmert mich das um so mehr, lieber Browne,« sagte er weiter, »als dies die unglückselige, freilich gänzlich unvermutete Folge eines von mir angestellten Versuches ist. Du mußt nämlich wissen, daß zur Zeit meines Vaters und Großvaters das Gemach, das ich dir gestern abend angewiesen hatte, stets verschlossen geblieben ist, auf ausdrückliche Anordnung hin, weil die Rede ging, daß es heimgesucht wäre durch übernatürliche Erscheinungen und Töne. Es ist ein paar Wochen her, daß ich in den Besitz des Gutes gelangte. Da war ich der Meinung, die Räume im Schlosse möchten zur Aufnahme meiner Freunde nicht groß genug sein, um Besucher aus einer anderen Welt im Besitz eines behaglichen Schlafgemaches zu lassen. Aus diesem Grunde habe ich das tapezierte Zimmer, wie wir es nennen, öffnen und so viel neues Mobiliar hineinschaffen lassen, wie es sich für die neuere Zeit geziemt, ohne daß hierdurch sein altertümliches Aussehen geschmälert wird. Da indes unter den Bedienten die Ansicht, in dem Zimmer spuke es, noch immer besteht und auch in der Nachbarschaft wie unter der Verwandtschaft verbreitet war, so habe ich immer die Besorgnis gehegt, daß bei dem ersten Bewohner des tapezierten Gemaches ein Vorurteil bestehen möge, das die schlimmen Gerüchte nähren möchte. Dadurch hatte jedoch mein Zweck, diesen Raum bewohnbar zu machen, vereitelt werden müssen. Ich sage ganz offen, mein lieber Browne, deine gestrige Ankunft, die mir aus tausenderlei Gründen überaus angenehm ist, ist mir als die allerbeste Gelegenheit erschienen, jene unangenehmen Gerüchte, die über dieses Zimmer im Umlauf sind, aus der Welt zu schaffen; denn dein Mut steht doch über allen Zweifeln erhaben und deine Seele weiß nichts von Vorurteilen. Aus all diesen Gründen konnte ich für mein Experiment keine, besser geeignete Person wählen.«

»Beim Zeus !« fiel General Browne ziemlich schnell ein, »ich bin dir von Herzen verbunden, denn ich bin tatsächlich in großer Schuld bei dir. Es wird höchstwahrscheinlich noch manche Zeit vergehen, bis ich die Folgen des Experiments, wie du die Sache zu nennen liebst, vergesse.«

»Du tust mir unrecht, mein Lieber,« sagte Lord Woodville, »wenn du nur ein wenig nachdenken willst, so wirst du die Überzeugung gewinnen, daß ich ganz außerstande war, die Schmerzen zu ahnen, denen ich dich so bedauerlicherweise ausgesetzt habe. Noch bis gestern morgen habe ich mich absolut jedem Glauben verschlossen, daß es in Wirklichkeit übernatürliche Erscheinungen gebe. Ich bin sogar der Überzeugung, du hättest das Zimmer aus freiem Willen gewählt, wenn ich dir gesagt hätte, was darüber von den Leuten geredet wird. Es mag mein Unglück gewesen sein, vielleicht auch mein Irrtum. Der Umstand jedoch, daß du auf solch absonderliche Weise so viele Schmerzen hast erdulden müssen, läßt sich mir nicht als Schuld anrechnen.«

»Viel Schmerzen habe ich freilich erduldet,« sagte der General, der jetzt in eine fröhlichere Stimmung kam, »und ich sage ebenso offen, daß mir kein Recht zusteht, über dich deshalb beleidigt zu sein, weil du mich so behandelt hast, wie ich mich selbst behandelt hätte, nämlich als Mann von Festigkeit und Mut. Wie ich aber sehe, sind meine Postpferde da; ich darf dich also von deinem Vergnügen nicht abhalten.«

»Nun, alter Freund,« sagte Lord Woodville, »da du, wie du mich schon wiederholt beschieden, einen Tag länger bei uns nicht bleiben kannst, schenke mir wenigstens noch ein halbes Stündchen. Ich habe dich früher als Liebhaber von Gemälden gekannt. Ich besitze nun eine Porträt-Galerie, in der sich ein paar van Dyks, Ahnen darstellend, denen dies Schloß einstmals gehörte, befinden.«

Der General nahm, wenn auch nicht ohne Widerstreben, die Einladung an. Dem Anschein nach war er nicht imstande, eher frei aufzuatmen, als bis er aus Woodville-Castle hinaus war. Anderseits ließ sich aber die Einladung eines Freundes nicht ablehnen, und zwar um so weniger, als er sich der Empfindlichkeit schämte, die er gegen seinen wohlwollenden Wirt an den Tag gelegt hatte.

Der General folgte also dem Lord in eine lange Galerie, deren Wände voller Gemälde hingen. Der Lord zeigte sie seinem Gaste, sagte die Namen der Bilder und gab über die Personen, die die Porträts darstellten, allerhand Mitteilungen. General Browne nahm an diesen Details, die in allen Familien-Galerien so ziemlich überall die gleichen sind, geringen Anteil. Als sie aber etwa in der Mitte der Galerie standen, bemerkte der Lord, daß General Browne zusammenfuhr und seine Mienen den lebhaftesten Grad von Schreck zeigten. Seine Augen hefteten sich wie gebannt auf das Porträt einer alten Dame in einem Sakko-Anzug, der bekanntlich am Ende des 17. Jahrhunderts in der Mode war.

»Dort ist sie,« rief er, »genau ihre Gestalt und genau ihre Züge! Wenn sie gleich dem teuflischen Eindruck der satanischen Hexe nicht nahe kommt, die mich in der verwichenen Nacht heimgesucht hat.«

»Wenn dies der Fall ist,« sagte der junge Edelherr, »so kann kein Zweifel weiter über die furchtbare Wirklichkeit deiner Vision herrschen. Dies ist das Bild eines elenden Weibes unter meinen Ahnen, von deren Verbrechen in unserer Familienchronik erzählt wird. Diese ausführlich zu berichten, wäre zu schrecklich. Es mag hier die kurze Nachricht genügen, daß Blutschande und unnatürlicher Mord in diesem Gemach verübt worden sind. Ich werde es wieder abschließen und verlassen liegen lassen, wie meine Vorfahren es vernünftigerweise getan hatten. So lange ich es verhindern kann, soll niemand wieder in Gefahr geraten, diesem übernatürlichen Schrecknis von neuem ausgesetzt zu sein, das einen so tapferen Mann wie dich so furchtbar erschüttert hat.«