Die beiden Freunde, die sich in so fröhlicher Stimmung getroffen hatten, gingen in sehr verschiedener Gemütsverfassung auseinander. Lord Woodville gab sofort Befehl, das Hausgerät und die Verzierungen aus dem tapezierten Gemach wegzubringen und die Tür zu vermauern. General Browne suchte in weniger schöner Gegend und bei einem weniger hochstehenden Freunde die peinliche Nacht zu vergessen, die er in Woodville-Castle verbracht hatte.
Der Graf mit dem zweiten Gesicht,
Hochländer-Ehre,
Der Zauberspiegel
Drei Erzählungen aus dem schottischen Hochland
Übersetzt von Erich Walter
Originaltitel unbekannt (Der Graf mit dem zweiten Gesicht)
Originaltitel unbekannt (Hochländer-Ehre)
My Aunt Margaret's Mirror (Der Zauberspiegel)
Der Graf mit dem zweiten Gesicht
Erstes Kapitel
Unsere Erzählung beginnt zur Zeit des großen blutigen Bürgerkrieges, der im 17. Jahrhundert das britische Reich erschütterte. Schottland war von den Greueln des innern Krieges noch nicht heimgesucht worden, obgleich die Einwohner in ihren politischen Ansichten sich in feindlich einander gegenüberstehende Parteien schieden. Viele waren unzufrieden über die Oberherrschaft der Stände, verwarfen die Kühnheit, daß das schottische Parlament dem englischen Heer ein Heer zur Hilfe ausgesandt hatte, und trugen sich vielmehr mit dem Vorsatz, auf die erste Gelegenheit hin auf Seite des Königs zu treten und zum mindesten dahin zu wirken, daß das Heer unter General Leslie aus England zurückgerufen würde, sofern es nicht möglich sein sollte, einen großen Teil Schottlands dem König zu erhalten.
Diesem Plane huldigten vor allem die Adligen vom Norden, die sich aufs hartnäckigste geweigert hatten, dem sogenannten feierlichen Bunde beizutreten, und einige Häuptlinge der Hochlandsstämme, deren Interessen und Einfluß auf dem Bestand des Königtums beruhten und die schließlich noch in dem halbwilden Zustande lebten, wo man den Krieg lieber sieht als den Frieden.
Die Leiter des Staates erkannten wohl die Gefahr der gegenwärtigen Lage und ergriffen mit großer Sorgsamkeit Maßregeln zur Abwehr. In Selbstzufriedenheit stützten sie sich jedoch darauf, daß vorderhand noch kein Führer oder einflußreicher Wann aufgetreten war, um die Königspartei zu einem Heere zusammenzuschließen, ja es hatte sich noch nicht einmal jemand gefunden, um die Banden, die vielleicht in ebendemselben Maße durch Liebe zum Raub, wie durch politische Grundsätze zu Feindseligkeiten sich hinreißen ließen, in zusammenhängenden Unternehmungen oder vorübergehenden Ausfällen anzuführen. Im allgemeinen rechnete man damit, daß man in den ans Hochland anstoßenden Grafschaften des Niederlandes nur eine genügende Masse Militär aufzustellen brauchte, um die Häuptlinge der Gebirge wirksam in Schach zu halten.
In den westlichen Hochlanden hatte die hervorragende Partei zahlreiche Feinde; doch glaubte man, daß der Marquis von Argyle, auf den das Parlament mit Sicherheit zählen konnte, seinen umfassenden Einfluß dahin geltend gemacht habe, die Macht der unzufriedenen Clans zu brechen und den Mut ihrer Häuptlinge zu dämpfen. Seit dem letzten Friedensschluß war durch die dem König abgenötigten Zugeständnisse der überwiegende Einfluß dieses Edelmannes in den Hochlanden noch bedeutend gewachsen. Allerdings war man sich klar darüber, daß Argyle mehr der Mann war, eine politische Unternehmung geschickt zu leiten, als persönlichen Mut zu betätigen und daß er es besser verstände, einen Staatsstreich ins Werk zu setzen, als feindselig gesonnene Gebirgsbewohner im Zaum zu halten; doch glaubte man, was dem Häuptling fehle, werde durch die große Zahl seiner Stammesangehörigen und den Mut der tapferen Herren, die ihre Führer im Kriege waren, wieder wett gemacht. Da nun die Campbells schon mehrere ihrer Nachbarstämme ihre Übermacht bitter hatten fühlen lassen, so war man der Hoffnung, es würde sich wohl ein jeder Stamm hüten, sich einen so gewaltigen Clan zum Feinde zu machen.
Na nun das schottische Parlament oder die Konvention der Stände mit Sicherheit auf den ganzen Westen und Süden Schottlands – den reichsten Teil des Königreichs – rechnen konnte und außerdem noch viele mächtige Freunde hatte, so war man der Meinung, daß man sich durch keinerlei Rücksicht auf drohende Gefahren bestimmen zu lassen brauche, die eingeschlagene Politik zu ändern oder die Hilfsarmee von 20000 Mann zurückzuziehen – die zur Unterstützung der Truppen des englischen Parlaments abgesandt worden war und die Königspartei mitten in ihrer Laufbahn zum Sieg und Erfolg aufgehalten und gezwungen hatte, sich auf die Verteidigung zu beschränken.
Das Heer des englischen Parlaments, mit der schottischen Armee und den Streitkräften des Lord Fairfax und des Grafen von Manchester vereinigt, war stark genug, York zu belagern und die furchtbare Schlacht von Marston-Moore zu schlagen, in der der Prinz Ruprecht und der Marquis von Newcastle vernichtet wurden.
Zweites Kapitel
Zu jener Zeit banger Spannung ritt ein junger Mann von Stande auf schmuckem Roß, und mit schmucken Waffen angetan, einen der stellen Pässe hinan, durch die man vom Niederlande Pertshires zum Hochlande gelangt. Zwei Diener folgten ihm, von denen einer ein Packpferd führte.
Ihr Weg führte ein Stück lang an einem See hin, in dessen tiefem Wasser die Abendsonne sich purpurn spiegelte. Der unebene Pfad, der stellenweis ziemlich ungangbar war, war hie und da von alten Eichen und Birken beschattet, hie und da von gewaltigen Felsen überragt. Der Hügel, der den schönen Wasserspiegel begrenzte, stieg steil, doch nicht schroff an und war mit dem dunkeln Purpur der Heideblumen bekleidet.
Soweit es im Walde möglich war, ritt der Herr neben einem seiner Diener oder neben beiden und schien sich angelegentlich mit ihnen zu besprechen – denn über den Unterschied des Standes sieht man hinweg, wenn es gilt, gemeinsam Gefahren zu bestehen.
Sie waren vom See noch nicht halbwegs bergan, und der junge Herr zeigte seinen Dienern die Stelle, wo die Straße, die sie einzuschlagen hatten, vom Wasser weg nach Norden abbog und rechts durch eine Bergschlucht emporführte – da sahen sie einen einzelnen Reiter bergab kommen, so daß er ihnen begegnen mußte.
An dem Widerschein der Sonnenstrahlen, den Helm und Harnisch zurückwarfen, war zu erkennen, daß er gewappnet war, und es lag im Interesse der Reisenden, ihn nicht ungefragt vorüber zu lassen.
»Wir müssen wissen, wer der Mann ist,« sagte der junge Herr, »und wohin er will.«
Er gab seinem Pferd die Sporen und ritt so schnell, wie auf dem unwegsamen Pfade möglich. Die beiden Diener sprengten hinterdrein. So erreichten sie die Stelle, wo der Paß neben dem See und der Pfad, der nach der Schlucht hinunterführte, sich kreuzten, und hatte hiermit der Möglichkeit vorgebeugt, daß der Fremde ihnen auswich, indem er in den letzteren Pfad einbog.
Als der einzelne Reiter bemerkte, daß die drei auf ihn zukamen, hatte er ebenfalls seinem Pferde die Sporen gegeben; als er aber sah, daß sie Halt machten und ihm zu dritt den Weg versperrten, zügelte er wieder sein Roß und kam mit großer Vorsicht näher.
Der Fremde hatte ein schönes, für den Militärdienst gedrilltes Pferd, das stark genug war für die ihm aufgebürdete Last, und dem Manne sah man an der Weise, wie er in dem Kriegssattel saß, wohl an, daß er ein geübter Reiter war. Er trug eine blitzende, blank geputzte Sturmhaube, einen Brustharnisch, dem eine Flintenkugel nichts anhaben konnte, und einen Rückenpanzer von leichtem Metall.