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»Wen hab' ich nicht gesehen?« rief Allan finster.

»Annot Lyle, die Feenkönigin der Lieder und der Poesie.«

»Gebe Gott, daß ich sie nie wiedersähe,« rief Allan seufzend, »wenn nur auch Ihr sie nicht wiedersehen dürftet!«

»Und warum ich auch nicht?« fragte Lord Menteith leicht hin.

»Weil es Euch auf der Stirne geschrieben steht,« antwortete Allan, »daß Ihr einander zu Grunde richten werdet.«

Mit diesen Worten erhob er sich und ging hinaus.

»Ist es schon lange so um ihn bestellt?« fragte, Lord Menteith, sich an den Bruder wendend.

»Drei Tage etwa,« antwortete Angus. »Der Anfall geht vorüber. Morgen wird's mit ihm besser sein. – Aber der Krug muß geleert werden, edle Herren! Auf das Wohl des Königs! Es lebe König Karl!«

Darauf tranken alle und es hub ein gewaltiges Zechen an. Es gelang aber Lord Menteith, die Gesellschaft früher, als es sonst im Schlosse üblich war, zum Aufbruch zu bewegen, indem er vorgab, daß er müde sei und die Reise ihn arg mitgenommen habe.

Mit diesem Aufbruch war freilich der Kapitän nicht einverstanden, der neben andern im Kriege erworbenen Gewohnheiten auch die Lust am Trinken mitgebracht hatte und in der Tat auch einen gewaltigen »Stiefel« vertragen konnte.

Ihr Wirt führte sie selbst in eine Art Schlafsaal. »Ich brauche Euer Lordschaft nicht erst zu erklären,« sagte Mac Aulay zu Lord Menteith, »in welcher Weise wir hier im Hochland unsere Gäste zu betten pflegen. Ich bemerke nur, daß ich die Betten für Eure Diener mit in diesem Saale habe aufstellen lassen, denn ich möchte Euch nicht mit diesem deutschen Landstreicher allein schlafen lassen. Wir leben jetzt, weiß Gott, in Zeiten, Mylord, wo einer mit einer so gesunden Kehle, wie nur je eine Branntwein verschluckt hat, zu Bett gehen und doch am Morgen einen Hals haben kann, der wie eine Austernmuschel klafft.«

Der Wirt verließ mit einem Abendgruß das Zimmer. Gleich darauf traten die beiden Diener Lord Menteiths herein. Der gute Kapitän, der etwas zuviel gegessen und getrunken hatte, hatte große Schwierigkeiten, seine Rüstung abzuschnallen, und wandte sich mit schwer lallender Zunge an Anderson:

»Anderson, mein guter Freund,« sagte er, »ich glaube, ich werde in meinem Harnisch schlafen, wie mancher ehrliche Kerl, der nie wieder aufgewacht ist, wenn Ihr mir nicht diese Schnalle hier aufmacht.«

»Schnallt ihm die Rüstung ab, Sibbald«, sagte Anderson zu dem andern Diener.

»Beim heiligen Andreas!« rief der Kapitän und drehte sich erstaunt um. »So ein Kerl kriegt 4 Pfund jährlich und zu Weihnachten 'ne Livree und dünkt sich zu nobel, dem Rittmeister Dugald Dalgetty von Drumthwacket zu dienen, der im Marschall-Gymnasium zu Aberdeen humaniora studiert und schon unter der Hälfte von allen europäischen Fürsten gestanden hat!«

»Kapitän Dalgetty,« legte Lord Menteith sich ins Mittel, »bedenkt doch gütigst, daß Anderson nur für den Dienst meiner Person bestimmt ist, es wird mir aber ein Vergnügen sein, Sibbald beim Abschnallen zu helfen –«

»Zuviel Mühe für Euch, Mylord,« unterbrach ihn Dalgetty; »schaden könnte es Euch allerdings nichts, wenn Ihr lerntet, wie ein feiner Harnisch an- und ausgezogen wird. In meinem kann ich wie in einem Handschuh ein und aus, nur bin ich heute Nacht, um einen klassischen Ausdruck zu gebrauchen, vino ciboque gravatus wenn auch noch nicht ebrius

Inzwischen hatten sie ihm die Rüstung abgenommen, und er stand vor dem Feuer mit einer Miene versoffener Nachdenklichkeit. Er dachte an die Ereignisse des Abends und schien besonders an dem Charakter Allans Interesse zu finden.

»Daß er die Engländer mit den Hochlandsfackeln so genasführt hat!« brummte er. »Acht Kerle ohne Hosen statt sechs silberner Leuchter! – ein Prachtstück – ein echter Taschenspielerkniff! – aber verrückt ist der Bursche doch!«

»Wenn Ihr noch so spät in der Nacht anhören wollt, so will ich Euch erzählen, unter welchen Umständen Allan Mac Aulay das Licht der Welt erblickt hat, und Ihr werdet dann seinen seltsamen Charakter verstehen.«

»Eine lange Geschichte, Mylord,« sagte Kapitän Dalgetty, »ist neben einem guten Abendtrunk und einer warmen Nachtmütze das beste Mittel, zu tiefem Schlaf zu kommen. Da nun Euer Lordschaft sich die Mühe machen will, eine Geschichte vom Stapel zu lassen, so will ich ein geduldiger und dankbarer Zuhörer sein.«

»Anderson und Sibbald,« setzte Lord Menteith hinzu, »Ihr hört gewiß auch gern etwas von diesem absonderlichen Manne. Ich glaube, ich muß Euch einige Aufklärungen geben, damit Ihr im Notfall wißt, wie Ihr Euch ihm gegenüber zu benehmen habt. Kommt mit an den Kamin!«

Seine Zuhörer um sich versammelnd, setzte sich Lord Menteith auf den Rand des für ihn bestimmten Himmelbettes. Kapitän Dalgetty wischte sich ein paar Tropfen Branntwein aus dem Barte, brummte den ersten Vers des Liedes: »Alle guten Geister loben Gott den Herrn,« und streckte sich dann auf einen der schlichtern für ihn und die Diener hergerichteten Lagerplätze aus.

Seinen dicken Schädel aus den Bettüchern erhebend, hörte er in dem wohligen Zustande zwischen Schlafen und Wachen nur halb, was Lord Menteith erzählte.

Sechstes Kapitel

»Der Vater der beiden Brüder Angus und Allan Mac Aulay war ein hochangesehener Edelmann von gutem Hause; denn er war das Oberhaupt eines zwar nicht sehr zahlreichen, aber doch sehr berühmten hochländischen Stammes. Seine Gattin, die Mutter dieser Männer, war eine Edeldame aus altem Geschlecht. Ihr Bruder, ein ehrenwerter, beherzter Jüngling, bekam von Jakob VI. das Amt eines Försters mit dem Jagdvorrecht für ein königliches Revier in der Nähe dieses Schlosses. In der Übung seines Amtes und der Verteidigung seiner Vorrechte hatte er das Unglück, mit einigen unserer hochländischen Wilddiebe in Streit zu geraten. Davon habt Ihr, Kapitän Dalgetty, sicher gehört.«

»Allerdings, antwortete der Kapitän, sich gewaltsam aufraffend. »Ich war noch auf dem Marschall-Gymnasium in Aberdeen, da triebens schon die Farquharsons am Dee und Dugald Garr in Garioch und die Chattans in den Ländereien der Gordons und die Grants und Camerons in Morayland so toll, daß es nicht zum Aushalten war. Seitdem hab ich die Kroaten und Panduren und Kosaken und die Barbaren, Banditen und Räuber aller Länder gesehen, und ich weiß genau, was ich von den Hochländern zu halten habe.«

»Der Clan,« fuhr Lord Menteith fort, »mit dem der Oheim Mac Aulays mütterlicherseits in Streit geriet, bestand aus einer kleinen Sippe von Banditen, die keine Heimat hatte und beständig in den Tälern herumwanderte. Man nannte sie deshalb die Kinder des Nebels. Sie waren trotzige kühne Leute, die nicht gewohnt waren, sich in ihrer Reizbarkeit zu beherrschen oder ihren wilden Leidenschaften Zwang anzutun. Eine Abteilung dieser Sippe lauerte dem unglücklichen Förster auf, überfiel ihn und tötete ihn auf eine so gräßliche Weise, wie erfinderische Grausamkeit sie nur ersinnen kann. Den Kopf schnitten sie ab und beschlossen, ihn dem Schwager des Ermordeten zu zeigen. Der war aber nicht in seinem Schlosse zugegen, und die Schloßherrin getraute sich wohl nicht, diesen Leuten den Eintritt zu verwehren, und nahm sie mit Widerstreben auf.

»Die Kinder des Nebels wurden gastlich bewirtet, und als sie einen Augenblick allein waren, wickelten sie den Kopf ihres Opfers aus dem Mantel, in den sie ihn gehüllt hatten, stellten ihn auf den Tisch und steckten ein Stück Brot zwischen die leblosen Kiefer. Die Dame, die im Haushalt zu tun hatte, trat herein, während noch die Gesellen zu dem toten Kopf sagten, er solle nur zubeißen, da er doch schon manch gute Mahlzeit an diesem Tisch gekaut hätte.

»Sie erblickt den Kopf ihres Bruders und laut schreiend und jammernd flieht sie aus dem Hause und rennt in die Wälder. Die wilden grausamen Burschen freuten sich dieses Triumphes und zogen ihres Weges.