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»Als die bestürzten Diener sich von ihrem ersten Schrecken erholt hatten, suchten sie ihre unglückliche Herrin in allen Himmelsrichtungen, fanden sie aber nicht.

»Am nächsten Tage kehrte der Gatte zurück und stellte sofort in weitem Umkreis eine sorgsame Suche an, doch mit dem gleichen Mißerfolg. Nun glaubte man allgemein, die Frau habe in ihrem übergroßen Entsetzen sich von einem Abgrund herabgestürzt oder in einem See ertränkt.

»Ihr Verlust wurde um so bitterer beklagt, als sie im sechsten Monat der Schwangerschaft stand; ihr älterer Sohn Angus war vor 13 Monaten etwa geboren worden. Aber Ihr seid müde, Kapitän Dalgetty, und wollt schlafen.«

»Keineswegs,« entgegnete der Soldat, »ich habe noch keinen Schlaf. Wenn ich die Augen zumache, höre ich am besten. – Das habe ich mir vom Schildwachstehen angewöhnt.«

Der junge Edelmann war gerade zum Erzählen aufgelegt, und ohne sich weiter um den schlummernden Kriegsmann zu kümmern, wandte er sich hauptsächlich an seine Diener:

»Alle Barone des Landes,« fuhr er fort, »verschwuren sich jetzt, die furchtbare Untat zu rächen. Sie griffen zu den Waffen und standen den Angehörigen und dem Schwager des Ermordeten bei in der Verfolgung der Kinder des Nebels. Siebzehn Köpfe wurden als blutige Trophäen der Rache unter die Verbündeten verteilt und dienten über den Toren ihrer Schlösser den Raben zum Fraße. Die von den Kindern des Nebels dem Rachetod entronnen waren, flüchteten in eine entlegene Ödenei.

»Im Sommer besteht der Brauch, das Rindvieh auf die Weide im Gebirge zu schicken, und die Mädchen aus dem Dorf und aus der Familie gehen morgens und abends hin und melken die Kühe. Als die Weiber des Hauses gerade hiermit beschäftigt waren, bemerkten sie zu ihrem Entsetzen, daß aus der Entfernung eine blasse, hagere Gestalt ihnen zusah, die ihrer verschollenen Gebieterin ähnelte und von ihnen natürlich für deren Geist gehalten wurde. Als einige der beherzteren sich der verfallenen Gestalt nähern wollten, flüchtete sie unter wildem Gekreisch in die Wälder. Der Ehemann wurde benachrichtigt und traf sofort Maßregeln, der Unglücklichen die Flucht abzuschneiden und sie einzufangen, wenn sie auch hoffnungslosem Wahnsinn anheim gefallen sein sollte.

»Wovon sie auf ihren Irrfahrten durch die Wälder ihr Leben gefristet haben mochte, konnte man sich nicht erklären. Man meinte, von Wurzeln und wilden Beeren. Die Mehrheit im Volke glaubte aber, sie habe sich von der Milch der Hirschkühe ernährt, oder Feen hätten ihr Speise gebracht oder sie sei durch sonstwelche andre wunderbare Weise am Leben erhalten worden. Daß sie nun wieder auftauchte, war leichter zu erklären.

»Sie hatte durch das Dickicht gesehen, wie die Kühe gemelkt wurden, und die Aufsicht hierbei war früher immer ihre Lieblingsbeschäftigung gewesen. Diese Gepflogenheit machte nun in ihrem zerstörten Geiste ihren Einfluß noch geltend.

»Die unglückliche Frau wurde von einem Sohne entbunden, der dem Äußern nach nicht unter dem Unglück seiner Mutter gelitten zu haben schien. Es war sogar ein außergewöhnlich kräftiger und gesunder Junge.

»Nach dem Wochenbett stellte sich bei der Mutter die Vernunft wieder ein – doch die Gesundheit und ihre frühere Heiterkeit kehrten nicht wieder.

»Ihr Knabe Allan war ihre einzige Freude. Sie lebte nur für ihn und pflegte ihn aufopfernd. Sicherlich hat sie seinem jugendlichen Gemüt viele der abergläubischen Vorstellungen eingeprägt, an denen sein finsterer, schwärmerischer Geist so sehr hängt. Als er zehn Jahre alt war, starb sie. Was ihre letzten Worte zu ihm gewesen sind, hat nur er gehört. Ohne Zweifel hat sie ihm ans Herz gelegt, Rache zu üben an den Kindern des Nebels – ein Geheiß, das er seither auch unermüdlich befolgt hat.

Von der Zeit an wurde Allan Mac Aulay ein anderer. Bisher war er stets um seine Mutter gewesen; er hatte sich ihre Träume erzählen lassen und ihr seine eigenen erzählt, und seine Phantasie, die jedenfalls von den Umständen vor seiner Geburt her an sich krankhaft behaftet war, hatte sich völlig vollgesogen von dem schreckhaften Aberglauben, der den Bergbewohnern zur zweiten Natur geworden ist und dem seine Mutter nach ihres Bruders Tode sich ganz hingegeben hatte.

»Von dieser Lebensweise her hatte der Knabe einen scheuen, wilden Blick, ging gern an einsame Stellen in den Wäldern und konnte sich über nichts so sehr entsetzen, als wenn andere Kinder gleichen Alters ihm nahe kamen. Aber als seine Mutter gestorben war, blieb er zwar ernst und nachdenklich wie zuvor und hatte wie zuvor langandauernde Anfälle völliger Geistesabwesenheit; aber er suchte jetzt doch den Verkehr mit den Jünglingen seiner Sippe, denen er vorher ängstlich aus dem Wege gegangen war. Er beteiligte sich jetzt an allen Körperübungen und übertraf bei seiner außerordentlichen Kraft bald alle seine Kameraden, auch die älteren – doch ich rede vor Ohren, die nichts hören,« sagte Lord Menteith, seine Erzählung unterbrechend, denn der Kapitän fing jetzt an laut zu schnarchen.

»Wenn Ihr, Mylord,« sagte Anderson, »die Ohren dieses schnarchenden Schweines meint, so sind sie allerdings taub gegen alles, was Ihr sagen mögt; ich hoffe jedoch, daß Ihr zu meiner und Sibbalds Belehrung weitererzählen werdet, denn die Geschichte dieses armen jungen Burschen interessiert uns in hohem Grade.«

»Bis zum 15. Lebensjahre,« fuhr Lord Menteith fort, »nahm Allan zu an Tüchtigkeit, doch auch an Eigenwilligkeit und Unbeugsamkeit. Oft war er ganze Tage und Nächte in den Wäldern, um zu jagen, wie er sagte, doch nicht immer brachte er Wild mit heim. Seinen Vater beunruhigte dies um so mehr, als mehrere von den Kindern des Nebels inzwischen in die Gegend zurückgekehrt waren.

»Eines Tages war ich zu Besuch auf dem Schlosse. Allan war schon in aller Frühe in die Wälder gegangen, und ich hatte ihn vergebens gesucht. Die Nacht war stürmisch und finster, und er kam nicht heim.

»Sein Vater äußerte uns gegenüber die lebhafteste Besorgnis. Er wollte gegen Morgen eine Anzahl seiner Mannen auf die Suche nach seinem Sohne schicken.

»Als wir nun beim Abendtisch saßen, ging plötzlich die Tür auf und Allan kam herein, im Antlitz Stolz und Selbstzufriedenheit. Sein Vater nahm auf seine reizbare Stimmung und seine unberechenbaren Geisteszufälle die weitgehendste Rücksicht und er ließ sich daher nicht merken, wie ärgerlich er war. Er deutete nur an, daß ich noch vor Einbruch der Nacht mit einem fetten Rehbock wiedergekehrt sei, und daß Allan bis Mitternacht herumgestreift sei, ohne etwas mitzubringen.

»Wißt Ihr das genau?« fragte Allan trotzig. »Hier ist der Beweis des Gegenteils.«

»Wir sahen nun, daß an seinen Händen Blut war, und harrten gespannt, was er beginnen werde – da schlug er den Zipfel seines Mantels zurück und ließ ein frisch abgehauenes menschliches Haupt auf den Tisch rollen.

»Liege du, wo der Kopf eines Bessern vor dir lag!« rief er.

»An den hagern Zügen, dem roten Haar und Bart erkannten wir alle den Kopf Hektors vom Nebel. Der war ein Führer der Banditen gewesen, gefürchtet wegen seiner Kraft und Brutalität, und hatte an der Ermordung des unglücklichen Försters teilgehabt.

»Wir waren alle überrascht, fast entsetzt, aber Allan weigerte sich, uns nähern Aufschluß zu geben, und wir konnten nur vermuten, daß er den Wilden nach heftigem Kampfe besiegt hätte, denn Allan war selber verwundet.

»Nun wurden alle möglichen Vorsichtsmaßregeln getroffen, Allan gegen die Rache der Banditen zu schützen; aber weder seine Wunden, noch der ausdrückliche Befehl seines Vaters vermochten ihn zurückzuhalten; ja es half selbst nichts, daß man ihn in seinem Zimmer einschloß. Des Nachts entwich er, über die eitle Angst seines Vaters lachend, und zog wider die, die er am meisten zu fürchten hatte. Bald brachte er wieder einen Kopf, bald zwei von den Kindern des Nebels heim.

Über so eingefressenen Haß und so große Tollkühnheit entsetzten sich schließlich selbst diese Räuber in ihrem wilden Gemüt und sie glaubten, ihr Verfolger sei gefeit gegen Büchse, Dolch und Speer und stände unter dem Schutze übernatürlichen Einflusses. Sie fürchteten ihn so, daß sie nun selbst zu fünft vor ihm ausgerissen wären.