»Inzwischen ließen sie nicht nach, den Mac Aulays, ihren Verwandten und Verbündeten Schaden zuzufügen, wo sie nur konnten. So kam es, daß wir alle gegen die Sippe zogen, sie überfielen und völlig vernichteten. Selbst Weiber und Kinder wurden niedergemacht.
»Nur ein kleines Mädchen blieb verschont, auf das Allan schon den Dolch gezückt hatte. Ich bat für sie, und er schonte ihrer. Sie wurde aufs Schloß gebracht und hier unter dem Namen Annot Lyle erzogen. Sie ist die schönste Elfe, die je im Mondlicht auf der Heide tanzte.
»Mit der Zeit gewöhnte sich selbst Allan an sie; namentlich gefiel ihm an ihr, daß sie ausgezeichnet Harfe spielen kann. Das Harfenspiel hat auf Allans verstörtes Gemüt eine wohltätige Wirkung, die sich bei ihm in seinen düstern Stimmungen ähnlich äußert, wie einstmals bei dem König der Juden.
»Annot Lyle ist ein so liebevolles Wesen, so keusch, heiter und bezaubernd, daß man sie eher für die Schwester des Gutsherrn halten möchte, als für ein aus Erbarmen angenommenes Mädchen. Man braucht sie nur anzusehen, so fühlt man sich ergriffen von ihrer Treuherzigkeit, Munterkeit und Sanftmütigkeit.«
»Hütet Euch, Mylord«, meinte Anderson lächelnd. »Es ist nicht ohne Gefahr, so sehr für ein Mädchen zu schwärmen. Auch wäre Allan Mac Aulay ein Nebenbuhler, vor dem man sich vorzusehen hätte.«
»Pah,« machte Lord Menteith lachend, »Allan kennt nicht die Liebe, und für mich selbst ist Annots Herkunft Grund genug, mich jeder Werbung zu enthalten.«
»Solche Rede ziemt Euch, Mylord,« sagte Anderson, »aber ich hoffe, Ihr beendet noch Eure interessante Erzählung.«
»Ich habe nur noch wenig hinzuzufügen«, fuhr Lord Menteith fort. »Die gewaltige Körperkraft und der kühne Mut, seine Tatkraft, Eigenwilligkeit und Widerspenstigkeit gegen irgendwelche Autorität, die Ansicht ferner, die er selber auch hegt und fördert, daß er mit übernatürlichen Wesen in Verkehr stünde und die Zukunft prophezeien könne – all dies hat ihm hohen Ruf und hohe Achtung eingetragen und er gilt mehr als sein Bruder, der wohl ein stolzer und kühner Schotte ist, sonst aber keine Eigenschaften besitzt, die dem außergewöhnlichen Charakter seines Bruders irgendwie zur Seite zu stellen wären.«
»Ein solcher Mann,« sagte Anderson, »muß von hohem Einfluß auf ein schottisches Heer sein. Mylord, wir müssen Allan für uns gewinnen. Bei seiner Tapferkeit und seiner Eigenschaft des zweiten Gesichts –«
»Still,« unterbrach ihn Lord Menteith, »die Eule dort wird munter.«
»Sprecht Ihr vom zweiten Gesicht oder Deuteroskopia?« murmelte der Soldat. »Ich erinnre mich, Major Munro hat mir erzählt, Murdock Mackenzie aus Assint, ein Gefreiter unserer Kompagnie, hätte den Tod des Donald Tough aus Lochaber und einiger andern Soldaten bei der Belagerung von Stralsund vorhergesagt gehabt. Auch hat er prophezeit, daß Munro selber verwundet würde.«
»Ich habe oft schon von dieser Fähigkeit gehört,« sagte Anderson, »habe aber immer geglaubt, daß die, die sie zu besitzen behaupteten, Schwärmer oder Schwindler wären.«
»Für beides kann ich meinen Vetter Allan Mac Aulay nicht halten«, sagte Lord Menteith. »Er hat bei vielen Anlässen zu großen Verstand und Scharfsinn bewiesen – wie heute abend erst wieder – als daß man ihn Schwärmer nennen könnte. Sein hohes Ehrgefühl und seine Männlichkeit sichern ihn aber davor, daß man in ihm einen Schwindler erblicken könnte.«
»Eure Lordschaft glaubt also an seine übernatürlichen Eigenschaften?« fragte Anderson.
»Keineswegs«, erwiderte der junge Edelmann. »Meiner Meinung nach bildet er sich ein, die Prophezeiungen, die in der Tat nur Ergebnisse seiner Urteilskraft und des Nachdenkens sind, wären übernatürliche Eingebungen. Eine bessere Erklärung kann ich Euch nicht geben. Nun aber ist es Schlafenszeit.«
Siebentes Kapitel
Zu früher Morgenstunde erhoben sich die Gäste des Schlosses. Lord Menteith wechselte ein paar Worte mit seinen Dienern und wandte sich an den Soldaten, der in einer Ecke saß und seinen Harnisch mit Schmirgel und Leder putzte.
»Kapitän Dalgetty,« sagte er, »die Zeit ist gekommen, daß wir uns trennen oder Kriegskameraden werden müssen.«
»Hoffentlich nicht vor dem Frühstück«, sagte Kapitän Talgetty.
»Ich sollte doch meinen,« entgegnete der Lord, »Eure Garnison hätte sich mindestens auf drei Tage mit Proviant versehen.«
»Ich habe noch ein bischen Platz gelassen, wo noch eine Portion Rindfleisch und Haferkuchen hineingeht,« antwortete der Kapitän.
»Ihr müßt Eure Absichten bekannt geben,« beharrte Lord Menteith, »Ihr sollt dann ein sichres Geleit erhalten und in Frieden scheiden und wenn Ihr bleiben wollt, sollt Ihr uns willkommen sein.« »Ich will Euch offen gestehen,« antwortete der Kapitän, »es kommt mir gar nicht darauf an, Euch den Fahneneid sobald als möglich zu leisten, wenn mir Euer Sold ebenso gut gefällt wie Euer Proviant und Euer Umgang.«
»Der Sold,« sagte Lord Menteith, »kann vorderhand nur gering sein, denn er wird von dem Kapital gezahlt, das von den wenigen unter uns, die über Geld verfügen, zusammengeschossen worden ist. Ich kann dem Kapitän Dalgetty als Major und Adjutant bloß einen halben Taler pro Tag zusagen. Die rückständige zweite Hälfte könnt Ihr am Ende des Feldzuges bekommen.«
»Ja, ja, die Rückstände!« rief der Kapitän. »Die werden versprochen und nie bezahlt. In Spanien, in Österreich, in Schweden, überall ist es dieselbe Leier. Da lob ich mir die Holländer! Soldaten und Offiziere waren sie freilich nicht, aber gute Zahlmeister. Doch, Mylord, wenn ich damit rechnen könnte, daß mein natürliches Erbe Drumthwacket in den Besitz eines schafsnasigen Covenanters übergegangen sei, der, falls wir siegen sollten, auf anständige Manier für einen Hochverräter erklärt werden könnte – an diesem fruchtbaren und lieblichen Stückchen Erde wäre mir in der Tat soviel gelegen, daß ich um diesen Preis mit Euch zu Felde ziehen würde.«
»Ich kann auf Kapitän Dalgettys Frage Antwort geben,« mischte sich Sibbald, Lord Menteiths zweiter Diener, ins Gespräch. »Wenn sein Gut Drumthwacket das große wüste Moor dieses Namens ist, das fünf Meilen südlich von Aberdeen liegt, so kann ich ihm mitteilen, daß dies vor kurzem ein gewisser Elias Strachan gekauft hat, ein so übel beleumdeter Rebell, wie irgend einer von den Covenanters.«
»Der Hund!« wetterte der Rittmeister. »Wie kann er sich erfrechen, das Erbe einer Familie zu kaufen, die vierhundert Jahre alt ist. – C ynthius aurem vellet, wie wir auf dem Marschall-Gymnasium sagten, das heißt, an den Ohren will ich ihn aus dem Hause meines Vaters hinausziehen. Mylord Menteith, nun bin ich der Eure, mit Hand und Schwert, mit Leib und Seele, bis der Tod uns trennt, oder bis zum Ende des Feldzuges!«
»Und ich will die Sache festmachen,« sagte der junge Edelmann, »und zahle Euch den Sold für einen Monat im voraus.«
»Das tut auch dringend not,« sagte Dalgetty, das Geld einsteckend. »Aber jetzt muß ich in den Stall, mein Reitzeug in Ordnung bringen und zusehen, daß es meinem Gustavus an nichts fehlt. Ich muß ihm auch sagen, daß wir in neue Dienste getreten sind.«
Als Lord Menteith mit seinen Dienern in die Halle trat, kamen Angus Mac Aulay und die englischen Gäste ihnen zur Begrüßung entgegen.
Allan saß an demselben Platz wie am Abend zuvor und kümmerte sich um niemand.
In diesem Augenblick trat Donald herein und rief:
»Eine Botschaft von Vich Alister More; er kommt heute abend.«
»Wieviel bringt er mit?« fragte Mac Aulay.
»Fünfundzwanzig bis dreißig seines Gefolges,« antwortete Donald.