»Streu reichlich Stroh in die Scheuern,« befahl der Gutsherr.
Ein anderer Diener kam herein und meldete, Sir Hektor Mac Lean sei im Anmarsch mit einem großen Gefolge.
»Die bringt Ihr in der Mälzerei unter,« sagte Mac Aulay; »zwischen ihnen und den Mac Donalds laßt einen Raum frei so breit wie ein Misthaufen. Sie sind nicht eben gut Freund miteinander.«
Abermals trat Donald ein und schnitt ein langes Gesicht.
»Der Teufel steckt in dem Volk!« rief er. »Ist denn das ganze Hochland auf den Beinen? Evan Dhu von Lochiel wird in einer Stunde hier sein mit wer weiß wie vielen seiner Sippe.«
»Die kommen in die große Scheune zu den Mac Donalds«, bestimmte der Gutsherr.
Immer wieder wurden Häuptlinge angemeldet, von denen der geringste es unter seiner Würde erachtet hätte, mit weniger als einem halben Dutzend Mannen zu erscheinen. Für alle neu Ankommenden bestimmte Angus Mac Aulay einen neuen Platz, als er aber über alle Räumlichkeiten verfügt hatte und Pferdeställe, Kuhställe, Hausflur, Schuppen und sämtliche Wirtschaftsgebäude schon belegt waren, wurde noch Mac Dougald von Lorn angemeldet, und er wußte nicht, wo er ihn unterbringen sollte.
»Was ist zu tun?« sagte er, »wenn sie dicht nebeneinander liegen wollten, gingen wohl noch ihrer fünfzig in die große Scheune; aber dann würden sie sich mit den Dolchen um die Plätze streiten und vorm Morgen noch hätten wir Blut genug, um Wurst zu machen!«
»Wozu das alles?« rief Allan und fuhr in der ihm eigenen Raschheit seines Wesens dazwischen. »Sind die Galen jetzt weichlicher und weibischer als ihre Ahnen. Schlagt einem Branntweinfaß den Boden ein, das sei ihr Nachtlager – die Mäntel, ihre Decken, das Himmelszelt ihr Baldachin, und Heidekraut ihr Kissen! Und kämen ihrer noch Tausende, die weite Heide hat Raum genug!«
»Allan hat Recht,« sagte sein Bruder, und zu Musgrave gewendet, fügte er hinzu: »Seltsam, es ist bei ihm nicht ganz richtig im Kopfe, unter uns gesagt, und doch zeigt er bisweilen mehr Verstand als wir alle. Betrachtet ihn jetzt.«
Allan heftete die Augen mit furchtbar starrem Blick nach dem andern Ende der Halle.
»Sie können so anfangen,« sagte er, »wie sie enden werden. Mancher schläft heute auf der Heide, und er wird steif und starr sein, wenn der Novemberwind pfaucht, doch klagt er nicht über Kälte, und daß ihm eine Decke fehlt, tut ihm nichts.«
»Künde uns nicht die Zukunft, Bruder,« sagte Angus.
Allans Augen wurden starr und schienen aus den Höhlen hervortreten zu wollen. Krampfhaft zitternd, sank er seinem Bruder und Donald in die Arme, die, mit der Art seiner Anfälle vertraut, ihn auffingen und zu einer Bank führten.
»Hofft Ihr denn auf Glück?«, rief der Seltsame.
»Um Gotteswillen, Allan,« bat ihn sein Bruder, der wohl wußte, wie tiefen Eindruck seine mystischen Worte auf viele Gäste machen würden, »sprich nichts, was uns entmutigen könnte.«
»Bin ich es, der euch entmutigte?« versetzte Allan. »Jedermann soll seines Schicksals harren wie ich des meinen. Was kommen soll, kommt doch. Wir werden tapfer über manches Feld des Sieges gehen, ehe wir jenes Schlachtfeld des Todes betreten – ehe wir auf jene Schaffotte des Todes steigen.«
»Was für ein Schlachtfeld? Was für ein Schaffott?« riefen mehrere.
»Nur zubald werdet Ihr des inne werden,« antwortete Allan. »Sprecht nicht mehr mit mir, ich bin Eurer Fragen überdrüssig.«
Er preßte die Hand gegen die Stirn, stützte die Ellbogen auf die Knie und versank in tiefes Grübeln.
»Ruft Annot Lyle, sie soll mit der Harfe kommen!« sagte Angus leise zu seinem Diener, »Wer von den Herren ein hochländisches Frühstück nicht verschmäht, der folge mir!«
Achtes Kapitel
Sie gingen alle mit dem gastfreundlichen Gutsherrn, nur Lord Menteith blieb zurück, in eine der großen Fensternischen der Halle gelehnt.
Kurz darauf schlüpfte Annot Lyle herein – eine Maid, die Lord Menteith sehr treffend geschildert hatte, als er sie die zierlichste Elfe nannte, die je im Mondlicht sich im Reigen geschwungen habe.
Sie war so klein und niedlich, daß sie noch blutjung aussah, und obwohl sie schon 18 Jahre zählte, hätte jeder sie für vier Jahre jünger gehalten. Körperform, Hände und Füße stimmten in wundervollem Ebenmaß zu der Zierlichkeit ihrer Erscheinung, ihr Haar war dunkelblond und dichtgelockt und paßte herrlich zu dem zarten feinen Teint und ihren muntern, schlichten Zügen.
Es war begreiflich, daß sie der Liebling aller war; sie übte oft auf die derbbesaiteten Insassen des Schlosses – wie Allan sich in poetischer Anwandlung ausdrückte – die Wirkung eines Sonnenstrahls auf ein finsteres Meer. Allen teilte sie die Heiterkeit und den Frohsinn mit, die ihre eigne Seele erfüllten.
Als Lord Menteith aus seinem Versteck hervortrat und ihr freundlich einen guten Morgen bot, lächelte Annot und errötete.
»Guten Morgen, Mylord,« erwiderte sie und reichte ihrem Freunde die Hand; »in letzter Zeit wart Ihr hier ein seltener Gast, und ich fürchte, daß Ihr jetzt hier seid, hat auch keinen friedlichen Zweck.«
»Das braucht Euch in Euerm Frohsinn nicht zu trüben, Annot,« sagte Lord Menteith, »Mein Vetter Allan bedarf Eurer Hilfe. Singt und spielt.«
»Mein Retter,« sagte Annot Lyle, »hat ein Anrecht auf mein bescheidenes Können, auch Euch, Mylord, nenne ich meinen Retter, Ihr habt das meiste getan, ein Leben zu erhalten, das keinen Wert hätte, wenn es nicht imstande wäre, meinen Beschützern in etwas von nutzen zu sein.«
Mit diesen Worten setzte sie sich ein Stückchen von Allan ab auf dieselbe Bank, stimmte ihr Instrument und begann zu spielen und zu singen. Ihr Lied war eine alte gälische Weise.
Noch während sie sang, verrieten einige Gebärden, daß Allan Mac Aulay allmählich wieder zu sich kam und seine Umgebung zu erkennen begann.
Die tiefen Furchen auf seiner Stirn glätteten sich. Seine Züge, die im innern Kampfe sich verzerrt hatten, gewannen wieder natürlichen Ausdruck. Im Zustand der Ruhe war sein Gesicht zwar nicht schön, doch edel und mannhaft. Seine grauen Augen, die vorher unheimlich gerollt und gefunkelt hatten, nahmen jetzt einen festen, bestimmten Ausdruck an.
»Gott seis gedankt,« sagte er nach kurzem Schweigen, als die letzten Harfentöne verklungen waren, »nicht länger mehr ist meine Seele verfinstert. Die Wolke ist von meinem Geist gewichen.«
»Ihr müßt der Annot Lyle und dem Himmel danken, Vetter Allan,« sagte Lord Menteith herzutretend, »daß Ihr aus dieser Schwermut erlöst worden seid.«
»Mein edler Vetter Menteith,« entgegnete Allan, indem er aufstand und ihn mit Ehrerbietung und Liebenswürdigkeit zugleich begrüßte, »ist schon so lange mit meinem Unglück vertraut, daß ich mich bei ihm nicht zu entschuldigen brauche, wenn ich ihn erst jetzt im Schlosse willkommen heiße.«
»In der Tat kennen wir uns schon zu lange,« antwortete Lord Menteith, »und sind zu gute Freunde, um auf solche Äußerlichkeiten viel zu geben. Aber heute kommt das halbe Hochland her, und Ihr wißt, daß unsere Häuptlinge das Zeremonielle lieben. Was wollt Ihr der kleinen Annot schenken, daß sie Euch aufgeheitert und instand gesetzt hat, Evan Dhu und wer weiß wie viele Federn und Mützen zu begrüßen?«
»Was wollt Ihr mir schenken?« fragte Annot lachend. »Das bunteste Band vom Jahrmarkt in Doune?«
»Vom Jahrmarkt in Doune, Annot?« entgegnete Allan traurig. »Bis dahin wird noch blutige Arbeit verrichtet, und vielleicht erlebe ich den Tag nicht mehr. Aber Ihr habt mich an etwas erinnert, das ich schon lange tun wollte.«
Mit diesen Worten ging er hinaus.
Wenn er noch lange in diesem Tone weiterspricht,« sagte Lord Menteith, »dann müßt Ihr, liebe Annot, Eure Harfe gestimmt halten.«
»Das hoffe ich nicht,« antwortete Annot in besorgtem Tone. »Diesmal hat der Anfall lange angehalten und wird vorderhand nicht wiederkehren. Es ist furchtbar, ein von Natur so edles und liebes Gemüt an solchem angebornen Leiden kranken zu sehen.«