Da sie sehr leise sprach, trat Lord Menteith unwillkürlich näher an sie heran, um sie besser zu verstehen; als Allan plötzlich zurückkehrte, trat er in ebenso natürlicher Weise wieder von ihr weg, in keinem andern Bewußtsein als dem, sich in einem Gespräch überrascht zu sehen, dessen Inhalt sie vor ihm geheim halten wollten.
Allan aber fiel das auf. Er blieb in der Tür stehen. Seine Stirn furchte sich und seine Augen rollten. Aber der Anfall jäher Leidenschaft währte nur einen Augenblick.
Dann strich sich der junge Mann mit der breiten sehnigen Hand über die Stirn, als wollte er die Merkmale seiner Erregung wegwischen, und trat auf Annot zu, ein kleines Kästchen von Eichenholz und seltsamem Schnitzwerk in der Hand.
»Euch nehme ich zum Zeugen, Vetter Menteith,« sagte er, »daß ich dieses Kästchen und was darin ist, Annot Lyle schenke. Schmucksachen sind drin, die meiner Mutter gehörten. Viel wert sind sie nicht, denn das Weib eines hochländischen Häuptlings hat selten kostbare Juwelen.«
»Dieser Schmuck,« entgegnete Annot Lyle, das Kästchen sanft, fast furchtsam zurückweisend, »gehört der Familie, ich kann ihn nicht annehmen.«
»Mir allein gehört er, Annot,« sagte Allan; »er ist das Vermächtnis meiner Mutter. Er ist alles, was ich mein nennen darf, außer noch meinem Mantel und Degen. Nehmt das Kästchen mit dem wertlosen Spielzeug drin – behaltet es um meinetwillen, – für den Fall, daß ich aus diesem Kriege nicht heimkehre.«
Er machte das Kästchen auf und reichte es Annot.
»Sollten die Sachen Wert haben,« fuhr er fort, »so braucht ihn zu Euerm Lebensunterhalt, wenn dies Haus von feindlichen Flammen vernichtet ist und Ihr nicht länger Schutz darin findet. Einen Ring aber behaltet zum Andenken an Allan, der zum Dank für Eure Güte alles getan hat, was er konnte, wenn er auch nicht alles tun konnte, was er gern möchte.«
Annot Lyle vermochte die Tränen nicht zu unterdrücken.
»Einen Ring, Allan, will ich von Euch annehmen,« sagte sie, »zum Andenken, daß Ihr so gütig gewesen seid gegen eine arme Waise. Dringt aber nicht in mich, daß ich mehr nehmen soll, denn eine Gabe von so großem Wert kann und darf ich nicht annehmen.«
»So wählt Euch einen,« sagte Allan. »Die anderen Schmucksachen werde ich in eine Form umgießen, worin sie Euch mehr nützen werden.«
»Das laßt nur,« sagte Annot, indem sie einen Ring auswählte, der ihr den geringsten Wert zu haben schien, »hebt nur das andere auf für Eure oder Eures Bruders Braut. Doch, gütiger, Himmel,« rief sie und starrte den Ring an, »was habe ich mir da ausgesucht!«
Mit Blicken finsterer Besorgnis sah Allan den Ring an. Das Kleinod zeigte einen Totenkopf aus Emaille mit zwei gekreuzten Dolchen.
Dieses Sinnbild erkennend, seufzte Allan so tief auf, daß der Ring dem Mädchen entfiel und über den Boden rollte.
Lord Menteith hob ihn auf und gab ihn der erschrockenen Annot zurück.
»Gott ist mein Zeuge,« rief Allan in feierlichem Tone, »daß Ihr, junger Lord, nicht ich ihr dieses nichts gutes verheißende Geschenk zurückgegeben habt. Es war der Ring, den meine Mutter zum Andenken an ihren ermordeten Bruder trug.«
»Ich fürchte keine Vorbedeutungen,« sagte Annot, unter Lächeln; »was aus den Händen meiner zwei Beschützer kommt, kann mir armem Waisenkind nicht Unglück bringen.«
Mit diesen Worten steckte sie den Ring auf.
»Sie hat recht, Allan,« stimmte Lord Menteith bei.
»Sie hat unrecht, Lord Menteith,« sagte Allan finster. »Freilich werdet Ihr, die Ihr die Euch erteilten Warnungen auf die leichte Achsel nehmt, vielleicht den Ausgang dieser Vorbedeutung gar nicht mehr erleben – lacht nicht so spöttisch,« fügte er hinzu, »oder vielmehr lacht meinetwegen so lang und so laut, als Ihr Lust habt; die Zeit, da Euch zu lachen vergönnt ist, wird ja bald ein Ende haben.«
»Mich kümmern Eure Traumbilder nicht, Allan,« sagte Lord Menteith; »mag die Frist meines Lebens auch noch so kurz sein, so ist doch kein hochländischer Seher imstande, das Ende zu schauen.«
»Ums Himmels willen!« flüsterte Annot hinzu »Ihr kennt ihn und wißt, wie sehr es ihn erregt –«
»Fürchtet nichts von mir,« fiel Allan ihr ins Wort. »Meine Seele ist fest und ruhig. Euch aber, junger Lord,« und er wandte sich wieder zu Lord Menteith, »mein Auge hat Euch gesucht auf den Schlachtfeldern, wo die Kinder des Hochlands und des Flachlandes so dicht gesät lagen, wie je die Krähen auf diesen, alten Bäumen hockten« – er deutete auf einen Krähenhorst, den man vom Fenster aus sehen konnte – »mein Auge hat Euch gesucht, aber Eure Leiche war nicht dabei. Mein Auge hat Euch gesucht in einem Zuge entwaffneter ohnmächtiger Gefangenen in den Ringmauern einer alten Festung – Blitz auf Blitz – Salven – Kugelregen in die Reihen der Gefangenen – sie fielen wie dürres Laub im Herbst – aber auch unter diesen seid Ihr nicht gewesen. – Blutgerüste wurden aufgeschlagen – Richtblöcke aufgestellt und Sägespäne gestreut – und der Priester stand da mit der Bibel und der Scharfrichter mit dem Beil – aber auch dort hat mein Auge Euch nicht gefunden.«
»So ist mir der Galgen beschieden,« sagte Lord Menteith, »ich wünschte freilich, der Strick bliebe mir erspart, da ich doch einmal ein Mitglied des Adels bin.«
»Eure Todesart, Mylord, wird nicht Euers Ranges unwürdig sein. Dreimal habe ich gesehen, wie Euch ein Hochländer den Dolch in die Brust stieß – das wird Euer Schicksal sein.«
»Beschreibt mir doch, wie er ausgesehen hat,« sagte Lord Menteith, »dann will ich ihm die Mühe ersparen, Eure Weissagung zu erfüllen, wenn nicht sein Mantel gegen Degenstöße oder Pistolenkugeln gefeit ist.«
»Es wird Euch nichts helfen, daß Ihr Euch darauf vorbereiten wollt, auch kann ich Euch nicht sagen, was Ihr wissen wollt, denn das Antlitz der Erscheinung war jedesmal von mir abgewandt.«
»Nun meinetwegen,« sagte Lord Menteith, »ich werde deshalb heute nicht minder vergnügt mitten unter den hochländischen Dolchen, Mänteln und Schurzfellen zu Mittag speisen.«
»So mag es sein,« antwortete Allan, »vielleicht genießt Ihr auch voller Freude alle jene Augenblicke, die für mich dadurch, daß ich das Unheil der Zukunft kenne, vergällt sind; aber ich sage Euch nochmals, daß diese Waffe, das heißt eine Waffe wie diese hier« – und er legte die Hand auf den Griff seines Dolches – »Euch den Todesstoß geben wird.«
»Alles Blut habt Ihr der armen Annot Lyle aus den Wangen gescheucht,« sagte Lord Menteith. »Laßt uns, Freund, diesem Gespräch ein Ende machen. Wir wollen lieber uns um etwas bekümmern, wovon wir beide etwas verstehen – nämlich um unsere militärischen Rüstungen.«
Sie begaben sich zu Angus Mac Aulay und seinen englischen Gästen.
Allan bekundete bei den nun anhebenden Erörterungen vollste Klarheit des Begriffs, Kraft des Urteils und Schärfe der Gedanken, in strengstem Gegensatz zu dem mystischen Halbdunkel, in welchem bis dahin sein Gemüt befangen gewesen war.
Neuntes Kapitel
Kriegerische Emsigkeit herrschte an diesem Morgen auf Schloß Darnlinvarach.
Die verschiedenen Häuptlinge begrüßten den Schloßherrn und sich untereinander teils mit ausgesuchter Höflichkeit, teils mit stolzer Zurückhaltung, je nachdem ihre Sippen in letzter Zeit mehr oder minder in Freundschaft miteinander gelebt hatten.
Die Versammlung dieser Häuptlinge hatte gewisse Ähnlichkeit mit jenen alten deutschen Reichstagen, wo der kleinste Freiherr, dem ein Schloß auf dem Felsen und ein paar hundert Acker Feld gehörten, Anspruch erhob, als souveräner Fürst zu gelten und geehrt zu werden und unter den Würdenträgern des Reiches den ihm gebührenden Platz zu erhalten.
Das Gefolge der verschiedenen Fürsten war abgesondert untergebracht und versorgt worden, so gut Raum und Umstände es gestatteten. Bei jedem Häuptling war jedoch ein Leibdiener, der seinem Herrn wie sein Schatten folgte und alle Befehle seines Gebieters ausführte.