»Einen Musikanten habe ich nicht,« antwortete Mac Aulay, »aber ich kann Annot Lyle mit der Harfe zu ihnen schicken.«
Inzwischen wurde eifrig beraten, wem der gefährliche Auftrag erteilt werden solle, Sir Ducan nach Inverary zu folgen. Die höheren Häuptlinge, die sich für ebenbürtig mit Mac Cullum More ansahen, konnten nicht dazu erwählt werden; die andern aber bekundeten den lebhaftesten Widerwillen, nach Inverary zu gehen, ganz als wäre dieser Ort das Reich des Todes.
In seiner Verlegenheit kam Montrose, der den Vorschlag eines Waffenstillstandes nur für eine Kriegslist Argyles hielt, auf den Ausweg, die gefahrvolle Würde Kapitän Dalgetty zu verleihen, da dieser weder einen Clan noch ein Besitztum in den Hochlanden hatte, gegen die Argyle seinen Groll hätte wenden können.
»Aber einen Hals habe ich,« meinte Dalgetty, »und wenn er an dem Rache nimmt, was habe ich davon? Ich habe es aber schon einmal selber erlebt, daß ein ehrenwerter Gesandter einfach als Spion aufgehängt wurde. Die Römer bei Capua haben die Gesandten auch nicht viel besser behandelt, haben ihnen Hände und Nasen abgeschnitten, die Augen ausgerissen und sie dann in Frieden ziehen lassen.«
»Bei meiner Ehre, Kapitän Dalgetty,« sagte Montrose, »wenn der Marquis Euch jedem Kriegsgesetz zuwider so scheußlich behandeln sollte, so steh ich Euch dafür, daß ich furchtbare Rache nehmen werde.«
»Davon hat Dalgetty nachher verdammt wenig,« entgegnete der Kapitän, »aber corazon! wie der Spanier sagt. In der Hoffnung auf das gelobte Land, das heißt das Moor von Drumthwacket, mea paupera regna, wie wir auf dem Marschall-Gymnasium uns ausdrückten – will ich mich dem Auftrag Eurer Gnaden unterziehen.«
»Ein tapfrer Entschluß!« sagte Montrose. »Tretet mit mir zur Seite, so will ich Euch sagen, was für Bedingungen Ihr Mac Cullum More zu stellen habt, wenn er einen Waffenstillstand für seine Besitzungen im Hochland von uns gewährt haben will.«
Als Montrose dem Kapitän die nötige Unterweisung erteilt hatte, gab er ihm einen Wink, wieder vorzutreten.
»Einem Offizier,« sagte er, »der unter dem großen Gustav Adolph gedient hat, brauche ich wohl nicht erst zu sagen, daß von einem Abgesandten mehr verlangt wird, als die buchstäbliche Ausführung des Auftrags und daß der General bei der Rückkehr des Abgesandten einen Bericht über die Verhältnisse beim Feinde, soweit er sich darüber hat unterrichten können, erwartet. Also, Kapitän Dalgetty seid un peu clairvoyant. Und nun lebt wohl. Wie man sagt, daß der Brief eines Frauenzimmers das wichtigste erst im Postskriptum bringt, so wünsche auch ich, daß Ihr das, was ich Euch jetzt zuletzt gesagt habe, für den wichtigsten Teil Eurer Sendung anseht.«
Dalgetty ging, um sich und seinem Pferde für die Strapazen, die der ihm gewordene Auftrag im Gefolge haben mußte, Stärkung zu verschaffen.
Als er sich entfernte, sagte Sir Miles Musgrave zu Angus Mac Aulay:
»Der ist der Kerl danach, sich durch die ganze Welt zu schlagen.«
»Das glaube ich auch«, sagte Angus. »Wenn er nur den Fingern Mac Cullum Mores ebenso leicht entschlüpft wie unsern.« »Meint Ihr denn,« fragte der Engländer, »der Marquis würde gegenüber Kapitän Dalgetty außer acht lassen, was die Gesetze des zivilisierten Krieges vorschreiben?«
»Er wird sich genau so wenig drum kümmern, wie ich mich um eine Proklamation des Hochlandes kümmern würde«, antwortete Angus Mac Aulay.
Dreizehntes Kapitel
In einem kleinen abgesonderten Gemach wurde Sir Duncan aufs gastfreundlichste bewirtet, wobei Lord Menteith und Allan Mac Aulay ihm ehrerbietig Gesellschaft leisteten.
Er unterhielt sich mit letzterem über einen Streifzug gegen die Kinder des Nebels, an dem sie beide teilgenommen hatten, denn der Ritter von Ardenuohr war ebenso wie die Mac Aulays ein unversöhnlicher Todfeind dieser Räuber.
Sir Duncan war indessen bemüht, das Gespräch bald auf den Gegenstand seiner Sendung zu lenken.
»Es schmerzt mich herzlichst,« sagte er, »daß Freunde und Nachbarn, die Schulter an Schulter stehen sollten, sich in gegenseitigem Zwist in eine Sache einlassen, die sie so wenig angeht. Den hochländischen Häuptlingen kann es doch ganz gleich sein, ob der König oder das Parlament die Oberhand hat.«
Und er erinnerte Allan daran, daß die Art und Weise, wie im Hochland der Friede abgeschlossen worden sei, in Wirklichkeit berechnet gewesen wäre, die patriarchalische Gewalt der Häuptlinge zu beeinträchtigen.
»Und dennoch,« sagte er, »hat jetzt eine so große Anzahl hochländischer Häuptlinge beschlossen, gegen ihre Nachbarn, Verbündete und alten Freunde zu Felde zu ziehen, um einem Despoten neue Gewalt zu verschaffen.«
»Der Ritter von Ardenvohr,« antwortete Allan, »muß dies meinem Bruder, dem ältesten aus meines Vaters Hause, vorhalten. Ich bin freilich Angus' Bruder, aber ich bin damit nur der Erste seiner Sippschaft und habe an erster Stelle die Pflicht, seinen Befehlen unbedingt mich zu unterwerfen.«
»Auch ist die Streitfrage,« mischte sich Lord Menteith ins Gespräch, »weit umfassender, als Sir Duncan Campbell zu glauben scheint; sie beschränkt sich nicht auf Sachsen oder Galen, auf Berge oder Täler, auf Hochland oder Niederland, die Frage ist, ob wir uns durch Leute, die sich unumschränkte Gewalt willkürlich angemaßt haben und in keiner Hinsicht über uns stehen, nach Gutdünken regieren lassen wollen.«
»Ich will Euch nicht antworten, Mylord,« sagte Sir Duncan Campbell; »Eure Vorurteile kenne ich, weiß auch, wer sie Euch eingegeben hat. Darüber mit Euch zu reden, würde nichts fruchten. Ihr habt die Würfel selber geworfen.«
Er machte eins Handbewegung, als wolle er jede weitere Erörterung abschneiden.
»Nur tief betrübt,« setzte er hinzu, »bin ich über das unheilvolle Verhängnis, in das das unglückselige Ungestüm Angus Mac Aulays und Eurer Lordschaft meinen wackern Freund Allan mitsamt dem Stamme seines Vaters und noch manchen andern tapfern Mann rettungslos hineinreißt.«
»Für uns alle sind die Würfel geworfen,« sagte Allan mit finstern Blicken. »Das eiserne Schicksal hat in unsre Stirn das Brandmal des Loses gegraben, das uns beschieden ist; lange vorher schon, ehe wir noch imstande sind, einen Wunsch zu bilden oder einen Finger für uns zu heben.«
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und Annot Lyle, die Harfe in der Hand, trat ins Zimmer.
Sie trug heute etwas altertümliche Kleidung. Um den Hals hatte sie eine antike Silberkette geschlungen, an der der Schlüssel zu ihrem Instrument hing. Auch trug sie eine Brosche, die ihr einst Lord Menteith geschenkt hatte.
Unter ihren vollen hellen Locken verschwanden fast die lachenden Augen, als sie errötend sagte, Mac Aulay habe sie gebeten anzufragen, ob die Herren ein wenig Musik wünschten.
Sir Duncan Campbell betrachtete ein wenig überrascht das liebliche Wesen, dessen Eintritt sein Gespräch mit Allan unterbrochen hatte.
»Ist es möglich,« fragte er leise, »daß dieses schöne und zierliche Geschöpf als Harfenspielerin zur Dienerschaft Eures Bruders zählt?«
»Keineswegs,« erwiderte Allan eilig, »sie ist eine – eine nahe Verwandte und wird wie eine Adoptivtochter gehalten.«
Mit diesen Worten erhob er sich von seinem Sitze und bot ihn mit einer Höflichkeit, die jeder Hochländer zeigen kann, wenn er will, dem Mädchen an. Zugleich reichte er ihr, was von Erfrischungen auf dem Tische stand.
Sir Duncan hielt indes die Blicke mit einem Ausdruck tiefster Teilnahme und lebhaftesten Interesses auf Annot geheftet. Unter dem unverwandten Blick des alten Ritters ward das Mädchen fast ein wenig verlegen; und erst nach unbehaglichem Zaudern stimmte sie ihre Harfe und begann, von einem ermunternden Blick Allans und Lord Menteiths aufgefordert, eine alte schottische Ballade zu singen.