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Während sie sang, fiel es Lord Menteith auf, daß das Lied einen weit tieferen Eindruck auf Sir Duncan Campbell machte, als man bei seinem Charakter und Alter hätte vermuten mögen. Wohl war ihm bekannt, daß die Hochländer jener Zeit für Gesänge und Erzählungen weit empfänglicher waren als ihre Nachbarn vom Flachland; aber selbst dieser Umstand genügte nicht zur Erklärung für die Verlegenheit, mit der der alte Mann die Augen von der Sängerin abwandte, als wollte er es ihnen verwehren, solange auf einem so anziehenden Gegenstand zu haften.

Die Stirn des alten Häuptlings umwölkte sich, tief senkte er die großen rauhen Augenbrauen, bis sie seinen Blick völlig verbargen, während an den Lidern etwas wie eine Träne schimmerte.

Als der letzte Ton verklungen war, verharrte er noch ein paar Minuten schweigend in derselben Stellung, dann hob er den Kopf, sah Annot Lyle an, als wollte er sie anreden, besann sich aber plötzlich eines andern und schien etwas zu Allan sagen zu wollen – da öffnete sich die Tür und der Schloßherr trat herein.

Vierzehntes Kapitel

Angus Mac Aulay hatte sich eines Auftrags zu entledigen, der ihn in große Verlegenheit zu setzen schien. Erst nach verschiedentlichen Umschweifen brachte er es zuwege, Sir Duncan Campbell anzukündigen, daß der Ritter, der ihn begleiten sollte, zur Abreise bereit sei und daß seiner Rückkehr nach Inverary nichts mehr im Wege stände.

Voller Zorn sprang Sir Duncan Campbell auf. Die Beschimpfung, die diese Eröffnung in sich schloß, hob jeden weicheren Eindruck, den die Musik gemacht haben mochte, wieder auf.

»Das hätte ich nicht vermutet,« rief er, mit einem Blick des Grolls auf Angus Mac Aulay. »Nie hätte ich geglaubt, daß im westlichen Hochland ein Häuptling lebe, der unhöflich wie ein Sachse den Ritter von Ardenvohr aus seinem Schloß weisen könne, wenn die Sonne kaum über den Mittag hinaus und der zweite Becher noch nicht eingeschenkt ist. Doch gehabt Euch wohl, Herr, was ein Grobian vorsetzt, stillt nicht den Hunger. Komm ich wieder nach Darnlinvarach, so wird meine Rechte ein blankes Schwert und meine Linke einen Feuerbrand halten.«

»Und wenn Ihr mir so naht,« erwiderte Angus, »so will ich Euch gebührenden Empfang bereiten und Ihr sollt Euch, brächtet Ihr auch fünfhundert Campbells mit, nicht wieder über Mangel an Gastfreundschaft in Darnlinvarach beklagen!«

»Leute, denen gedroht wird,« entgegnete Sir Duncan, »leben lange. Ihr seid bekannt als Prahlhans, Mac Aulay, und Männer von Ehre achten nicht Euers großen Maules. Euch, Mylord und Allan, danke ich, daß Ihr die Stelle meines groben Wirtes vertreten habt, und Ihr, holde Maid,« und er wandte sich, an Annot Lyle, »nehmt dies zum Andenken dafür, daß Ihr einen Quell in mir neu geweckt habt, der lange Jahre versiegt war.«

Mit diesen Worten ging er hinaus und gab Befehl, seine Diener zu rufen.

Zornig über den Vorwurf, daß er es an Gastlichkeit habe fehlen lassen – die schwerste Kränkung, die einem Hochländer zugefügt werden kann – begleitete Angus Mac Aulay ihn nicht nach dem Hofe hinunter.

Sir Duncan Campbell stieg zu Roß, seine sechs Diener saßen auf und die Kavalkade mitsamt Kapitän Dugald Dalgetty verließ das Schloß.

Die Reise war lang und mühsam, doch Sir Duncan Campbell vermied die näheren, versteckten Pässe und Pfade und wandte sich mehr dem Flachlande zu, in der Richtung auf den nächsten Seehafen, wo ein paar Boote für ihn bereit lagen. In einem dieser Fahrzeuge schifften sie sich mit Dalgettys Gustavus ein, der, an Abenteuer jeder Art gewöhnt, ebenso gern zur See fuhr wie zu Lande trabte.

Das Wetter war günstig und die Fahrt ging schnell von statten. Am nächsten Morgen schon wurde dem Kapitän kund getan, daß das Boot an den Mauern des Campbellschen Schlosses angelegt habe.

Als der Kapitän auf Deck trat, sah er vor sich Ardenvohr – einen düstern, hohen viereckigen Turm, der auf einer Landzunge sich erhob. Nach dem Lande hin war das Schloß von einer mit Ecktürmen besetzten Mauer umschlossen. Nach der See zu stand es so dicht am Rande des Abgrunds, daß nur für eine Batterie von sieben Kanonen Platz vorhanden war. Diese sollten gegen Angriffe von der Seeseite Schutz gewähren, ihr Standort war jedoch zu hoch, als daß sie dem neuern Kriegssystem gemäß zu wirksamer Verwendung hätten kommen können.

Sir Duncan Campbell befand sich schon im Schloß, und bald darauf wurde der Befehl überbracht, daß der Gesandte Montroses sich in das Schloß begeben solle. Die Entfernung zwischen der Galeere und dem Strande wurde in einem Kahn mit fünf Ruderern zurückgelegt. Sie war so kurz, daß man kaum von Bord abgestoßen war, so landete man auch schon in der kleinen Bucht, die der übliche Anlegeplatz war.

Zwei der Ruderer hoben den Kapitän trotz seines Sträubens empor und setzten ihn rittlings auf den Rücken eines dritten, der mit ihm durch die Brandung watete und ihn trocken an den Strand unter dem Felsen brachte, auf dem das Schloß lag.

Vor dem Felsen lag eine Art Höhle mit niedrigem Zugang und vor diesem zeigte sich jetzt Sir Duncan Campbell. Wenige Minuten später befand sich der Kapitän auf einer stockfinstern Treppe, die sich durch das Innere des Felsens wie ein Wendelgang emporschlängelte.

Bald gelangten sie an eine Tür, durch die ein wenig Licht hindurchschimmerte; ein eisernes Gittertor führte hinaus auf einen sechs bis acht Meter breiten freien Gang, der aus dem Felsen geschlagen war. An der andern Seite führte ein eisernes Gitter abermals in den Felsen hinein.

»Ein vortrefflicher Durchgang«, äußerte der Kapitän. »Ein Geschütz und ein paar Musketen reichen hin, den Platz hier gegen den Ansturm eines ganzen Heeres zu halten.«

Als sie vor dem jenseitigen Tor standen, schlug Sir Duncan mit dem Stock an beide Seiten der Pforte, und der dumpfe Schall, den diese Schläge weckten, gab dem Kapitän kund, daß in der Tat auf jeder Seite eine Kanone stand, deren Schießscharten nur von außen nicht auffielen, weil sie durch Rosen und locker eingesetzte Steine maskiert waren.

Als sie die zweite Treppe hinaufgestiegen waren, befanden sie sich abermals in einem Gange, von dessen Plattform aus auf etwa weiter vordringende Angreifer wirksames Musketenfeuer hätte eröffnet werden können.

Eine dritte Treppe, die wie die andern in den Felsen geschlagen, aber nicht überdeckt war, brachte sie endlich zu der Batterie am Turme des Felsens.

Auch diese letzte Treppe war schmal und steil und konnte von oben unter Feuer gehalten werden. Außerdem hätten zwei beherzte Kerle mit Piken und Äxten den Durchgang gegen Hunderte halten können. Auf der Treppe konnten nämlich nur zwei nebeneinander gehen, und vor dem tiefen Abgrund, an dessen Fuße sich die Flut donnernd brach, bot kein Geländer und kein Gitter Schutz.

Kapitän Dalgetty, als alter Soldat, hatte kaum den Hof betreten, so nahm er Gott zum Zeugen dafür, daß die Verteidigungswerke des Schlosses Ardenvohr ihn aufs lebhafteste an die berühmte Festung Spandau in der Mark Brandenburg erinnerten, die er auf seinen Reisen kennen gelernt habe. Er tadelte jedoch die Art, wie die Geschütze der Batterie aufgestellt wären. Er habe immer die Erfahrung gemacht, bemerkte er, wo Kanonen wie Seemöven hoch auf einem Felsen ständen, da schreckten sie mehr durch blinden Lärm, als daß sie wirksamen Schaden anrichteten.

Fünfzehntes Kapitel

Sir Duncan antwortete nicht und führte den Soldaten in den Turm, der durch ein Gitter und eine eichene, mit Eisenbeschlag versehene Tür versichert war.

Als der Kapitän in der mit Tapeten behangenen Halle angelangt war, setzte er seine militärische Kritik fort, die er nur unterbrach, um ein ausgezeichnetes Frühstück mit großer Gier zu verschlingen. Nachdem er so seinen Magen befriedigt hatte, durchschritt er das Zimmer und betrachtete von jedem Fenster aus das Gelände aufs angelegentlichste.