Mit der Aussicht auf derlei große »Benefizien« führte er seinen Arrestanten eine steile Steintreppe hinan, oben mit einer starken Tür verschlossen und auf einen langen schmalen Gang mündend, auf dessen beiden Seiten je drei ärmliche Zellen mit eisernen Bettstellen und Strohsäcken lagen, am hintersten Ende aber ein kleines Stübchen noch lag, das, von dem Gitterfenster und der mit Eisen beschlagenen Tür abgesehen, in keiner Hinsicht an eine Kerkerzelle erinnerte und meist als Krankenstube für die Arrestanten gebraucht wurde. »So! das ist Ihr Bett, Rittmeister,« sagte Mac Guffogs Frau, die gleich merkte, woher bei dem neuen Insassen der Wind wehte, »und wenn Sie Betttücher, oder Kopfkissen oder etwas Tischzeug, oder Handtücher brauchen, so sagen Sie es nur, denn das geht meinen Mann nicht an, und er macht darüber nie etwas aus.«
»In Gottes Namen,« antwortete Bertram, »macht nur alles anständig und fordert, was Ihr wollt.«
»O, das ist bald getan; wir schröpfen niemand, wenn wir auch dicht am Zollhause wohnen.«
Bertram war allein. Trübselig ging er ein paarmal in der Zelle auf und ab, blickte ein paarmal durch das enge, vergitterte Fenster auf die See hinaus, las auch ein paar von den Witzen, der der und jener frühere Insasse in seiner desperaten Stimmung auf die getünchten Wände gekritzelt hatte. Was er zu hören bekam, war so häßlich wie alles, was er sah; bald schlug die Flut brausend gegen den Fuß der Mauern, bald knarrten Riegel oder Angeln, bald hallte die rauhe Stimme Mac Guffogs oder die gellende seiner keifsüchtigen Ehefrau, bald das Gebell des grimmigen Kettenhundes, wenn ihn Gefangene neckten, in seinen Ohren wider.
Eine schmutzige Magd kam, den Tisch zum Essen herzurichten, indem sie Messer und Gabel, denen man nicht ansah, daß sie viel geputzt wurden, neben einen zerbrochenen Steingutteller legte, zusammen mit einem leeren Senftopf und einem Salzfaß, das bedenkliche Gebrauchspuren aufwies. Bald kam die nichts weniger als appetitliche Hebe zum andern mal wieder mit Rindfleischschnitten in wässriger Brühe, und einem Stück Schwarzbrot, und fragte, was der Gefangene trinken wolle. Bertram hielt sich an Wein und Brot mit etwas Käse, gab auf die Frage, ob ihr Herr ihn besuchen solle, der Magd den Bescheid, daß er lieber allein bleiben wolle, und ließ sich Licht, Papier, Feder und Tinte geben. Aber nur Licht konnte er haben, die andern Dinge, ließ Mac Guffog sagen, müßten erst besorgt werden, aber er könne das Geld dafür nicht auslegen. Bertram fragte, ob er ein Buch haben könne, und drückte der Magd ein Trinkgeld in die Hand. Nach geraumer Zeit kam sie mit ein Paar Heften des Newgate [die bekannte Londoner Strafanstalt] -Registers wieder, die Bertrams Gedanken sehr trübe stimmten, weckten sie doch das Bewußtsein seiner trüben Lage immer von neuem in seinem Herzen, so sehr er sich auch Mühe gab, sie im günstigsten Lichte zu betrachten. Bertram dachte an Delaserre, der nun bald in Schottland sein mußte, an die Papiere, die auch bald von seinen Vorgesetzten kommen mußten; er dachte an den Obersten Mannering, der ihm schlimmstenfalls sein Zeugnis nicht weigern würde – er dachte weiter, ob es nicht vielleicht auf diese Weise zu einer Aussöhnung mit ihm kommen möchte? hatte er doch mehr denn einmal bei ihm die Beobachtung gemacht, daß er, wenn er sich einmal für jemand zu erwärmen anfing, vor keinem Opfer zurückscheute, und denjenigen immer am meisten anhing, denen er das Leben hatte schwer machen müssen. Vom Obersten fanden seine Gedanken den Weg zu Julien, seiner Tochter, und ohne Acht für die Kluft, die ihn, einen Glücksritter und Emporkömmling, der sich auf ihres Vaters Zeugnis angewiesen sah, um der Haft ledig zu werden, von der Tochter eines durch seine Waffentaten berühmten Helden und einzigen Erbin all seiner Reichtümer und Schätze schied, genau abzumessen, baute er die größten Luftschlösser und dekorierte sie mit all dem muntern Farbenspiel eines Sommerabend-Himmels, als plötzlich lautes Pochen am Außentore und heftiges Hundegebell ihn aus seinen Sinnen riß. Bald nachher hörte er das Tor offnen und jemand eintreten. Dann kam ein Hund die Treppe herauf und kratzte winselnd mit der Pfote an der Tür; dann tönten schwere Schritte auf dem Korridor, Mac Guffogs rauhe Stimme ließ sich vernehmen, dann wurde die Tür geöffnet, und zur nicht geringen Verwunderung und Freude sah Bertram Silvan, seinen Dachshund, über die Schwelle springen; ihm hinterher kam sein anderer treuer Freund aus Charlieshope, der Landmann Dinmont.
»Ei! sieh da!« rief dieser mit einem Blick auf die elende Zelle – »was ist denn mit Ihnen vorgegangen?«
»Das Schicksal hat mir eins ausgewischt, Freund Dinmont,« erwiderte Bertram, ihm herzlich die Hand schüttelnd – »sonst ist nichts weiter!«
»Aber was soll – was kann dabei geschehen? Welcher Grund liegt dabei vor? Geldschulden? Oder was sonst?« fragte Dinmont lebhaft.
»Falls Ihr Zeit habt, lieber Dinmont, und Euch ein Weilchen setzen könnt, will ich Euch sagen, was ich von der Sache weiß.«
»Zeit? Na, Schwerenot, Freund! Ich bin ja doch zu dem Zwecke hier, zu sehen, was los ist, denke aber, Sie essen doch lieber erst? Spät genug ist's wenigstens dazu. Im Wirtshause, wo mein Rappen steht, habe ich den Leuten gesagt, sie sollen mir das Abendessen hierherbringen, und Mac Guffog, der liebe Mensch! läßt's passieren – die Sache ist schon mit ihm abgemacht. Aber nun sagt mir, was Euch passiert ist ... Kusch dich, Silvan! ... Der arme Kerl freut sich noch scheckig, Sie wiederzusehen!«
Bertram hatte bald erzählt, was ihn hierhergebracht: das unselige Vorkommnis mit dem jungen Hazlewood, und die Verwechslung mit einem beim Angriffe gegen Woodbourne beteiligt gewesenen Schmuggler gleichen Namens. Dinmont hörte aufmerksam zu ... »Na, dann ist die Sache ja nicht weiter schlimm! Dem jungen Laird geht's ja besser und ein Paar Schrotkörner in der Schulter haben nicht viel auf sich – freilich, wenn er das Auge dabei eingebüßt hatte, wär's anders!«
»Aber wie habt Ihr erfahren, Freund, daß ich hier stecke?«
»Ja, das ist eine schnurrige Geschichte! Aber erst wollen wir essen. So lange dies weibliche Ungetüm sich um uns herbewegt, wär's kaum gut, davon zu reden.«
Das Essen kam, und Bertram mußte seine Neugier zügeln; denn Dinmont hatte, wie er sagte, seit dem Frühstück keinen Bissen genossen, rechnete dabei freilich die halbe Hammelkeule nicht, die er sich zu Mittag hatte schmecken lassen, und fiel wie ein Scheunendrescher über das leckere Mahl her, ganz wie ein homerischer Held, wenig, weder Gutes noch Schlimmes, redend, bis Hunger und Durst gestillt waren.
»Nun,« begann er endlich, die Knochen eines verspeisten Huhns mit den Blicken wägend, »für eine Stadthenne im Grunde genommen gar nicht übel, aber unsere Hühner in Charlieshope sind mir doch lieber, Kind,« rief er der Magd zu, »Rum, heißes Wasser und Zucker haben wir – Du kannst also Deiner Wege gehen; wir wollen allein sein.«
Die Magd ging: Dinmont guckte durch das Schlüsselloch, um zu sehen, daß auch niemand lauschte, trat zum Tische, mischte einen strammen Grog, fachte das Feuer an und nahm endlich das Wort auf eine sonst ihm nicht gewohnte ernste Weise.
»Seht, Rittmeister,« sagte er, »ich bin ein paar Tage in Edinburg gewesen, beim Begräbnis einer weitläufigen Verwandten, hab wohl gedacht, der Ritt würde was einbringen, bin aber abgefallen. Was kann das aber helfen? Auch um einen Prozeß ging's mir – um ein Stück Hutweide – aber was interessiert das Sie? Kurz und gut, ich hatte in Edinburg nichts mehr zu verrichten und war frühmorgens draußen auf der Heide, um nach den Herden zu sehen, und da kam mir ein Mensch in Sicht, der keiner von den Hirten war – wer aber war's? Gabriel, der Fuchsjäger! Das wunderte mich nicht wenig ... »He, was macht denn Ihr hier, ohne Eure Hunde?« fragte ich; »wollt wohl den Fuchs fangen ohne Hunde?«
»Nein, Herr,« versetzte er, »Euch suche ich!« – »Nun, was wollt Ihr denn von mir?« fragte ich, »wohl was für den Winter?« – »Nein, nein, so was nicht,« sagte er; »aber, mit dem Rittmeister, dem Brown, der hier war, steht Ihr doch gut?« – »Freilich, Gabriel,« erwiderte ich, »was ist denn los mit ihm?« – »Na,« sagte er, »es gibt noch andre, die's gut mit ihm meinen, und Leute, denen ich parieren muß, also ist's nicht aus eignem Willen, daß Ihr mich hier seht – aber wenn Ihr's gut mit ihm meint, dann reitet Ihr nach Portanferry; laßt aber nicht Gras unterm Hufe wachsen; und trefft Ihr ihn im Stockhause, so bleibt zwei Tage bei ihm, Tag und Nacht, denn er wird Freunde brauchen, die ihre Fäuste zu führen wissen. Versäumt's nicht, denn Ihr möchtet's 'mal bereuen; solche Gelegenheit, ihm rechter Freund zu sein, kommt Euch Euer Lebtag ganz gewiß nicht wieder.« – »Aber, Gabriel,« sagte ich, »wie habt Ihr denn das erfahren? Bis Portanferry ist eine stramme Tour.« – »Schert Euch nicht um das Wie,« sagte er, »auch nicht um den Mann, der die Kunde brachte, und der Tag und Nacht hat reiten müssen. Aber Ihr müßt, wenn Ihr noch was helfen wollt, auf der Stelle fort – sonst hab ich Euch weiter nichts zu sagen.« Darauf ging er ins Tal hinunter. Ich ritt heim, wußte eigentlich nicht, was ich machen sollte, dachte, es wäre doch dumm, sich von einem Landstreicher in den April schicken zu lassen. Da kam ich ja schön an bei meiner Alten! »Eine Schande wär's,« sagte sie, »wenn Ihnen was zustieße, was ich vielleicht hindern könnte.« Da kam Ihr Brief, der alles bestätigte, und da bin ich zu meinem Kasten gegangen, hab ein Paar Banknoten herausgenommen für alle Fälle und von dem Jungen den Rappen satteln lassen, der frisch war wie ein Röschen, denn ich hatte die Tour nach Edinburg auf dem Falben gemacht. Und Silvan, der Strick, war gar nicht zu halten, wie wenn er gewußt hätte, wohin es gehen sollte – und, nun bin ich da, Freund – aber – die Hosen hab ich mir durchgeritten – 's war eine stramme Tour!«