Dann warf er sich wieder der Länge nach in seinen Lehnstuhl, streckte eins seiner robusten Beine aus, klatschte mit der Reitpeitsche an die hohen Stiefel, wie ein halbwegs gut erzogener Herr, der in der, Gesellschaft von Vornehmeren durch zwangloses Gebühren imponieren will, und gab dann ungefragt seine Meinung zum besten.
»Euer Haus hier, Sir Duncan, ist eine kleine Festung, die sich vorzüglich verteidigen läßt; aber auf mehrere Tage sie zu halten, dürfte doch schwer fallen. Denn von dem runden Hügel dort drüben wird es, wie wir Militärtaktiker sagen, völlig beherrscht. Dort könnte ein Feind eine Batterie auffahren die Euch in 48 Stunden in Grund und Boden schießen würde.«
»Es gibt keine Straße,« versetzte Sir Duncan etwas kurzab, »auf der sich Kanonen gegen Ardenvohr heranbringen ließen. Durch die Sümpfe, die rings um mein Haus her liegen, könntet nicht einmal Ihr mit Eurem Pferd, und die andern Wege sind in wenigen Stunden ganz unzugänglich gemacht.«
»Sir Duncan,« erwiderte der Kapitän, »so mögt Ihr freilich ruhig denken, wir aber, die wir etwas von der Kriegstechnik verstehen, sagen, daß ein Ort, der an einer Seeküste gelegen ist, immer eine offene Seite hat. Wenn man Kanonen und Munition nicht über Land transportieren kann, so lassen sie sich auf dem Seewege in die Nähe des Platzes bringen, wo sie in Tätigkeit kommen sollen. Wenn ein Schloß noch so günstig gelegen sein mag, so darf man es doch nie für unüberwindlich oder, wie man es nennt, uneinnehmbar halten. Ich kann Euch sagen, Sir Duncan, ich habe es selber erlebt, wie fünfundzwanzig Mann durch bloße Überrumpelung und einen kühnen Handstreich mit der Pike einen Platz gestürmt haben, der ebenso fest war wie dieses Ardenvohr. Die Verteidiger, zehnmal mehr wie sie, wurden niedergemetzelt oder zu Gefangenen gemacht.«
Sir Campbell war ein weltgewandter Herr, der seine inneren Regungen wohl zu verbergen verstand; dennoch merkte man es ihm an, daß diese Betrachtungen ihn verletzten. Kapitän Dalgetty trug seine Weisheit mit dem größten Ernst und ohne weitere Nebengedanken vor; denn er hatte dieses Thema sich nur gewählt, weil er sich darin hervortun und, wie man sagt, das große Messer führen konnte. Daß der Gegenstand seinem Wirt peinlich sein könnte, bedachte er nicht.
»Um der Sache ein Ende zu machen,« sagte Sir Duncan in deutlich merklicher Verdrossenheit, »Ihr braucht mir nicht zu erzählen, Kapitän Dalgetty, daß ein Schloß zu erstürmen ist, wenn es nicht tapfer verteidigt wird, oder daß es zu überrumpeln ist, wenn die Mannschaft schläft. In solche Lage, hoffe ich, wird dies mein armes Haus nie geraten, selbst wenn es einmal von Kapitän Dalgetty in eigener Person belagert werden sollte.«
»Nichts destoweniger,« beharrte der halsstarrige Rittmeister, »möchte ich als Freund Euch den Rat geben, auf dem runden Hügel dort eine Schanze anzubringen. Das ist eine Kleinigkeit, Ihr braucht bloß die Bauern aus der Gegend zur Arbeit heranzuholen. Der große Gustav Adolf hatte nämlich die Gewohnheit, nicht bloß mit Schwert, Pike und Muskete, sondern auch mit Spaten und Schaufel zu kämpfen. Auch möchte ich Euch ans Herz legen, diese Schanze nicht nur durch einen Graben, sondern auch durch Pallisaden –«
Bei diesen Worten verließ Sir Duncan ärgerlich das Zimmer.
Der Kapitän ging ihm nach bis zur Tür und fuhr mit laut erhobener Stimme fort:
»Eben diese Pallisaden müßten nach allen Regeln der Kunst angelegt werden, und wenn dann der Feind – dies alte hochländische Rindvieh,« unterbrach er sich, »allesamt sind sie stolz wie die Pfauen und dickköpfig wie die Hornochsen, läßt da eine Gelegenheit aus der Hand, sein Haus zu einer famosen regelrechten Festung zu machen, an der sich eine ganze Armee die Zähne ausbrechen müßte! Doch wie ich sehe,« setzte er hinzu und sah zum Fenster hinaus nach dem Abgrund hinab, »ist Gustavus heil ans Ufer gebracht worden. Ein Prachtkerl! An dem hochgetragenen Kopf würde ich ihn aus einer ganzen Schwadron herauskennen. Ich will nachsehen, was sie mit ihm machen.«
Er ging hinunter; als er aber im Hof war und die Treppe nach dem See hinabsteigen wollte, gaben ihm zwei hochländische Posten, die Streitäxte vorstreckend, deutlich zu verstehen, daß er sein Vorhaben nur mit Gefahr seines Lebens ausführen könne.
»Diabolo!« murmelte der Kriegsmann. »Ich kenne die Parole nicht; von ihrem unflätigen Kauderwälsch kann ich auch nicht eine Silbe!«
»Ich will Euch geleiten, Kapitän Dalgetty,« rief ihm Sir Duncan zu, der, ohne von dem Rittmeister bemerkt zu werden, zu ihm getreten war, »wir wollen zusammen nachsehen, ob Eurem Pferde an nichts fehlt.«
Er führte ihn zum Strande hinunter und bog um die scharfe Ecke eines massiven Felsens, hinter dem die Ställe und Wirtschaftsgebäude verborgen lagen.
Hier bemerkte Kapitän Dalgetty, daß eine von Natur tiefe, künstlich erweiterte Schlucht, die nur auf einer Zugbrücke zu überschreiten war, den Zugang vom Lande her verwehrte. Indem Sir Duncan Campbell mit triumphierender Miene auf dieses neue Verteidigungswerk hinwies, führte er den Kapitän in die Ställe, wo er sich mit seinem Gustavus nach Belieben beschäftigen konnte.
Als der Rittmeister hier seiner Pflicht gegen seinen treuen Begleiter genügt hatte, machte er den Vorschlag, ins Schloß zurückzukehren. Er wolle die Zeit bis zum Essen, das, wie er annehme, um die Mittagsstunde stattfinde, benutzen, um seine Rüstung zu putzen, die von der Seeluft ein wenig gelitten hatte, so daß er vor Mac Cullum More keinen Staat damit machen könne.
Auf dem Rückweg aber konnte er sich nicht enthalten, Sir Duncan Campbell abermals zu warnen, wie groß die Gefahr eines plötzlichen Überfalles sei und wie vernichtend ein solcher wirken müsse, da das Vieh und die Scheuern von jeder Verteidigung abgeschnitten werden könnten und rettungslos verloren wären. Aufs nachdrücklichste beschwor er den Schloßherrn wiederum, auf jenem runden Hügel eine Verschanzung anzulegen, und erklärte sich nochmals aufs freundschaftlichste bereit, bei dieser Arbeit Sir Duncan sachkundig an die Hand zu gehen.
Sir Duncan gab auf diesen uneigennützigen Rat weiter keine Antwort, als daß er seinen Gast ins Zimmer führte und ihm mitteilte, daß die Schloßglocke zur Essenszeit läuten und ihn zu Tische rufen werde.
Sechzehntes Kapitel
Der tapfere Reitersmann hätte gern in seiner freien Zeit die äußere Lage des Schlosses besichtigt und seine eigenen militärischen Ideen dabei dargelegt, aber eine robuste Schildwache mit blanker Streitaxt war vor der Tür seines Gemachs aufgezogen und gab ihm in nicht mißverständlicher Weise zu wissen, daß er sich ohne jede Beeinträchtigung seiner persönlichen Ehre sozusagen als Gefangener zu betrachten habe.
»Eigentümlich,« dachte der Rittmeister, »wie genau diese Barbaren die Gebräuche des Krieges kennen. Wer hätte erwarten mögen, daß ihnen der Grundsatz des großen göttlichen Gustav Adolph bekannt ist, nach welchem ein Abgesandter halb ein Bote, halb ein Spion ist?«
Als er seine Rüstung geputzt hatte, setzte er sich geduldig hin und versank in allerlei Betrachtungen. Der willkommene Schall der Mittagsglocke weckte ihn aus seinem Sinnen. Der Hochländer, der ihn bisher bewacht hatte, übernahm nun die Rolle seines Kammerdieners und führte ihn in eine Halle, wo eine Tafel mit vier Gedecken beredtes Zeugnis von der Gastfreundschaft eines Hochländers ablegte.
Sir Duncan Campbell trat ein, seine Gemahlin, eine große blasse Dame, die Trauer trug, am Arme führend.
Hinter ihnen kam ein presbyterianischer Geistlicher mit Genfer Rock und schwarzem Seidenkäppchen, das sein Haar völlig bedeckte und seine Ohren unverhältnismäßig groß hervortreten ließ.
Sir Duncan stellte seinen militärischen Gast vor. Die Dame verneigte sich steif und schweigend – ob sie aus Stolz oder aus Trauer nichts sprach, ließ sich schwer sagen. Der Geistliche musterte den Kriegsmann halb mit Abscheu, halb mit Neugierde.