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An schlimmere Blicke gefährlicherer Menschen gewöhnt, kümmerte der Kapitän sich nicht weiter um die Dame und den Geistlichen und trachtete mit ganzer Seele danach, sich über ein gewaltiges Stück Rindfleisch herzumachen, das am Ende der Tafel dampfte.

Aber er mußte sich bis zum Schluß eines schier endlosen Tischgebets vertrösten, indem er nach jedem Absatz von neuem Messer und Gabel zur Hand nahm, um sie unwillig wieder wegzulegen, wenn der zungenfertige Kaplan mit einem neuen Abschnitt seines Segens anhub.

Das Mahl verlief unter karthäuserhaftem Schweigen. Kapitän Dalgetty hatte freilich sowieso nicht die Gewohnheit, sich aufs Sprechen zu verlegen, wenn es für den Mund vorteilhaftere Arbeit gab. Sir Duncan sprach nicht ein Wort. Die Dame und der Geistliche unterhielten sich nur ab und zu ein Weilchen, leise und unverständlich.

Als aber die Schüsseln abgetragen worden waren, hatte Dalgetty nicht mehr so gewichtige Gründe zum Schweigen, und es fing ihm an, langweilig zu werden.

Er fing daher an, seinem Wirt nochmals mit seinen vorherigen Ideen zuzusetzen. »Was den runden Hügel dort anbelangt,« begann er, »so möchte ich gern noch ein Wort reden mit Sir Duncan, wie die Schanze dort anzulegen wäre, ob die Winkel stumpf oder spitz sein sollten – ich habe nämlich über diesen Punkt einmal eine sehr gelehrte Besprechung zwischen dem Feldmarschall Banér und General Tiefenbach mit angehört.«

»Kapitän Dalgetty,« versetzte Sir Duncan trocken, »in den Hochlanden pflegt man über militärische Dinge nicht mit Fremden zu Rate zu gehen. Dieses Schloß kann sich gegen eine stärkere Macht verteidigen, als selbst die Unglückseligen, die wir in Darlinvarach verlassen haben, dawider aufbringen können.«

Nach diesen Worten ihres Gatten seufzte die Dame tief auf, wie erinnert an einen schmerzlichen Vorfall.

»Der Herr hats gegeben,« sagte der Geistliche in salbungsvollem Tone zu ihr, »der Herr hats genommen, möget Ihr, geehrte Frau, noch lange loben können: gesegnet sei sein Name!«

Zur Antwort auf diese Mahnung, die ihr allein zu gelten schien, neigte die Dame demütig das Haupt.

»Kapitän Dalgetty,« setzte Sir Duncan hinzu, »ich muß Euch mitteilen, daß ich heute Nacht noch, mehreres zu erledigen habe, damit ich morgen mit Euch nach Inverary reiten kann. Deshalb –«

»Morgen wollt Ihr mit diesem Manne reisen!« rief die Dame dazwischen. »Das kann Euer Ernst nicht sein! Habt Ihr denn vergessen, Sir Duncan, daß morgen ein trauriger Tag ist, der einer traurigen Feier geweiht ist.« »Das hatte ich nicht vergessen«, versetzte Sir Duncan. »Wie wäre das möglich? Indessen drängt die Zeit und ich muß diesen Mann nach Inverary schicken.«

»Aber Ihr wollt ihn doch nicht selber begleiten?« fragte die Dame.

»Das wird besser sein«, antwortete Sir Duncan. »Ich kann ihm aber auch einen Brief an den Marquis von Argyle mitgeben. Mit diesem Schreiben, Kapitän, werdet Ihr Euch dann morgen nach Inverary begeben.«

»Sir Duncan Campbell,« erwiderte der Rittmeister, »darüber könnt Ihr verfügen, wie Ihr wollt.«

»Ihr steht unter dem sichern Geleit meiner Ehre, Kapitän,« sagte Sir Duncan Campbell; »und nun muß ich das Zeichen zum Aufbruch geben.«

Dalgetty blieb nichts weiter übrig, als diesem Winke Folge zu leisten, obgleich es noch früh am Tage war. Als geschickter Feldherr gebrauchte er jedoch noch einen kleinen Vorwand, den Aufbruch zu verzögern, indem er noch einmal seinen Becher füllte und ausrief:

»Ich baue auf Euer Ehrenwort, Sir Duncan, und trinke auf Euer Gesundheit und auf das Gedeihen Euers edlen Hauses!«

Sir Duncan antwortete nur mit einem Seufzer.

»Ich trinke ferner,« fuhr der Kriegsmann fort, in größter Eile den Becher wiederum füllend, »edle Frau, auf Euer Wohlergehen und mögen alle Eure tugendhaften Wünsche in Erfüllung gehen, – und Ehrwürden, ich fülle diesen Becher,« er säumte nicht, den Worten die Tat folgen zu lassen – »um alles Unbehagen zwischen Euch und Kapitän Dalgetty zu ertränken – ich wollte sagen, Major Dalgetty – und da in dieser Flasche gerade noch ein letzter Becher ist, trinke ich zum Schluß auf das Wohl aller ehrenwerten Kavaliere und tapfern Soldaten. Und nun ist die Bouteille leer, Sir Duncan, und ich bin bereit, mich von Eurer Schildwache in mein Schlafgemach führen zu lassen.«

Er erhielt die förmliche Erlaubnis zu gehen, und die Versicherung, daß ein zweiter Krug desselben Tropfens sogleich auf sein Zimmer geschickt werde. Da der Wein ihm sehr zu munden scheine, möge er sich die Einsamkeit damit versüßen.

Siebzehntes Kapitel

Der Kapitän war kaum in seinem Zimmer angelangt, als in der Tat auch schon die Erfüllung dieser Zusage folgte. Kurz darauf kam noch eine Pastete von Rotwild und ließ ihn darüber hinwegsehen, daß er eingeschlossen, und jeglicher Gesellschaft entzogen sei.

Derselbe Diener, der diese Leckereien ins Zimmer gebracht hatte übergab ihm auch eine Rolle, die, nach damaliger Sitte versiegelt und mit silberner Schnur umwunden, ein mit vielen förmlichen Wendungen der Ehrerbietung abgefaßtes Schreiben an den hohen und mächtigen Fürsten Archibald, Marquis von Argyle, Lord Lorne usw, enthielt.

Gleichzeitig benachrichtigte der Diener den Kapitän, daß er am kommenden Morgen in aller Frühe die Reise nach Inverary anzutreten habe.

Der Rittmeister ließ nicht außer Acht, daß er nicht bloß Gesandter war, sondern auch Erkundigungen einzuziehen hatte. Er wollte nun erfahren, aus welchem Grunde ihn Sir Duncan nicht persönlich begleite.

Mit aller ihm durch seine Erfahrung gegebenen Geschicklichkeit fragte er nun, weshalb Sir Duncan auf seinem Schlosse zurückbleiben müsse.

Der Bediente, der, vom Flachland stammte, antwortete, Sir Duncan und seine Frau pflegten diesen Tag in Fasten und Beten zu begehen, er sei der Jahrestag, an welchem das Schloß von einer Bande hochländischer Räuber Überfällen und ihre Kinder, vier an der Zahl, getötet worden seien. Sir Duncan sei zu jener Zeit beim Marquis von Argyle gewesen auf einem Kriegszug gegen die Mac Leans auf der Insel Mull.

»Meiner Treu,« sagte der Kriegsmann, »da hat Eure Herrschaft wahrlich Ursache zu beten und zu fasten. Dennoch behaupte ich nach wie vor, er muß eine Schanze auf dem Hügel dort anlegen. Er sollte nur auf den Rat eines erfahrenen Soldaten hören, der in, allen möglichen Methoden, wie ein Platz, vorteilhaft befestigt werden kann, Geschicklichkeit besitzt. Das kann ich Euch ganz einfach ad oculos demonstrieren, mein ehrlicher Freund, nehmen wir an, diese Pastete sei das Schloß – wie ist Euer Name, Freund?«

»Lorimer, Herr,« war die Antwort.

»Euer Wohlsein, Lorimer! – positus, wie gesagt, Lorimer, diese Pastete wäre das Schloß, das heißt der Platz darin, auf dem die Verteidigung zu konzentrieren wäre, und positus, dieser Markknochen wäre die Schanze, die als vorgeschobenes Schutzwerk errichtet werden soll –«

»Zu meinem Leidwesen,« unterbrach ihn der Diener höflich, »kann ich nicht hier bleiben und Euch zuhören, denn es wird gleich läuten, da hält Seine Ehrwürden, Herr Graneangowl, der Kaplan des Schloßherrn, den Familiengottesdienst und es darf niemand fehlen. Hier sind Pfeifen und Tabak, wenn Ihr rauchen wollt. Wenn Ihr sonst etwas braucht, so bin ich in zwei Stunden wieder hier, sobald die Andacht vorüber ist.«

Mit diesen Worten eilte er hinaus.

Am andern Morgen in der Frühe wurde Kapitän Dalgetty geweckt. Als er sein reichliches Frühstück verzehrt hatte, wurde ihm mitgeteilt, daß Führer und Pferde bereit ständen. Der Soldat begab sich ohne weiteren Verzug zu seinem Pferde. Während er die Halle durchschritt, bemerkte er, daß die Diener emsig damit beschäftigt waren, die Wände mit schwarzem Tuch zu beschlagen – die gleiche Feierlichkeit, meinte er, habe er schon einmal im Schlosse zu Wolgast gesehen, als der Leichnam des unsterblichen Gustav Adolf auf dem Paradebette gelegen habe; sie sei in seinen Augen das sicherste Zeichen für strengste und tiefste Trauer.