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Als Dalgetty zu Pferde gestiegen war, sah er sich begleitet oder wohl vielmehr bewacht von fünf bis sechs wohlausgerüsteten Campbells. Der Führer war allem Anschein nach ein höherer Stammesgenosse, nach der Feder auf seiner Mütze und seinem würdevollen Benehmen zu schließen.

Der Kapitän ritt, und seine Begleiter gingen zu Fuß. Aber sie waren so flink auf den Beinen und die Hindernisse für eine Reise zu Pferde bei der Geländebeschaffenheit dieses Landstriches so erheblich, daß der Kapitän, statt durch sie aufgehalten zu werden, vielmehr seine Not hatte, mit ihnen mitzukommen.

Es fiel ihm auf, daß sie ihm ab und zu forschende Blicke zuwarfen, als wollten sie jeden Fluchtversuch vereiteln. Als sie über einen Bach setzten und er ein Stück zurückblieb, machte sofort einer der Burschen seine Flinte fertig und gab ihm zu verstehen, daß, wenn er sich von ihnen zu trennen versuchte, er es auf eigene Gefahr täte.

Daß er so scharf bewacht wurde, ließ Dalgetty nichts gutes ahnen. Es blieb ihm jetzt aber nichts weiter übrig als zu folgen; denn es wäre Wahnsinn gewesen, in einem unwegsamen und obendrein ihm unbekannten Lande einen Fluchtversuch zu machen.

Geduldig ritt er daher durch eine wüste, wilde Ödenei auf Pfaden, die nur die Viehhirten kannten, und jene erhabenen Gebirgslandschaften, nach denen jetzt aus allen Ecken und Enden Englands Reisende herbeiströmen, bereiteten ihm weit mehr Unbehagen als Genuß. Endlich erreichten sie den Südrand des Sees, an dem Inverary liegt.

Der Führer des Zuges stieß ins Horn, daß Felsen und Wälder widerhallten, und auf dieses Signal hin kam aus einer Bucht, in der sie verborgen gelegen hatte, eine Galeere hervor, die die ganze Gesellschaft, den wackern Gustavus mit, an Bord nahm.

Auf der Fahrt über das Loch Fine hätte Kapitän Dalgetty eins der herrlichsten Naturbilder betrachten können. Er hätte die Ströme Aray und Shiray, die den See speisen, bewundern können, wie sie aus den dunkeln Wäldern hervorbrechen.

Auf dem vom Ufer sanft ansteigenden Hange hätte er das in edler Gotik erbaute Schloß sehen können, das mit all seinen Zinnen, Türmchen und Höfen einen malerischen imposanten Eindruck macht, wie ihn jetzt keines der massiven regelmäßigen Wohnhäuser mehr machen kann.

Sein Auge hätte sich laben können an den finstern Wäldern, die meilenweit die fürstliche Wohnstätte umgaben; sein Blick hätte rasten können auf dem pittoresken Gipfel des Duniquoich, der schroff aus dem See aufsteigt und sein kahles Haupt bis in die Wolken reckt.

All dies und manche andere reizvolle Zutat der schönen Landschaft hätte Kapitän Dalgetty bewundern können, wenn er Sinn dafür gehabt hätte. Wenn wir jedoch bei der Wahrheit bleiben wollen, so wurde das Interesse des Kapitäns, der seit dem Morgen keinen Bissen mehr genossen hatte, vor allem durch den Rauch gefesselt, der aus dem Kamin des Schlosses quoll und in ihm die Zuversicht erweckte, daß er eine genügende Menge »Proviant« vorfinden werde, wie er alles Eßbare nannte.

Das Boot näherte sich dem Damme, der sich von der kleinen Stadt Inverary in den See erstreckte. Damals war die Stadt nur ein unansehnliches Beieinander von Hütten und einigen Steinhäusern vom Ufer bis zum Schloßtor.

Vor diesem Tor bot sich jetzt ein Anblick, bei dem selbst dem Ritter Dugald Dalgetty von Drumthwacket, der doch gewiß ziemlich feste Organe im Leibe hatte, das Herz sank und der Magen sich umdrehte.

Achtzehntes Kapitel

Auf dem Markte, einem unregelmäßigen freien Raum zwischen dem Damm und dem finstern Schloßtor, das mit seiner Wölbung, seinem Fallgitter und seinen Türmen die Aussicht versperrte, stand ein rohgezimmerter Galgen, an dem fünf Leichname hingen, von denen zwei, nach der Kleidung zu urteilen, aus dem Flachlande gewesen zu sein schienen.

Unter dem Galgen saßen ein paar Weiber, die den Gerichteten die Totenlieder sangen.

Offenbar war dies ein gewohnter Anblick, denn die Einwohner schienen sich gar nicht darum zu kümmern. Vielmehr drängten sie sich herbei, die kriegerische Gestalt, das große Pferd und die gleißende Rüstung des Kapitäns zu betrachten.

Der Abgesandte des Grafen von Montrose blieb jedoch dem grausigen Schauspiel gegenüber nicht so gleichgültig, und als er einen Hochländer ein paar Worte in englischer Sprache reden hörte, hielt er seinen Gustavus an und wandte sich an diesen Mann mit der Frage:

»Hier hat der Henker seines Amtes gewaltet. Darf ich Euch fragen, weshalb diese armen Schächer hingerichtet worden sind?«

Er sah nach dem Galgen, und der Mann, der die Frage mehr durch die Gebärde als in den Worten begriff, antwortete:.

»Drei Räuber, Herr, Gott sei ihnen gnädig –« und, er bekreuzte sich – »und zwei sächsische Schufte, die Mac Cullum Mores Befehle nicht befolgt haben.«

Dalgetty zuckte die Achseln und ritt weiter.

Am Schloßtor selbst bot sich ein zweites abschreckendes Schauspiel feudaler Willkür. Im Innern einer Umzäunung, die zur weiteren Befestigung des Tores erst vor kurzem errichtet zu sein schien und durch zwei Geschütze besetzt war, stand ein großer Block, auf dem ein Beil lag. Block und Beil zeigten frische Blutspuren, auch frisch gestreute Sägespäne deuteten darauf hin, daß hier vor kurzem eine Hinrichtung stattgefunden hatte.

Als Dalgetty noch auf diesen neuen Gegenstand des Grausens sah, zupfte ihn der Führer seiner Begleitmannschaft am Saume und deutete auf einen Pfahl der Umzäunung, auf welchem ein Kopf steckte, ohne Zweifel der des eben hingerichteten Mannes.

Der Hochländer schnitt ein schadenfrohes Gesicht, als er auf dieses gräßliche Bild wies, in welchem sein Reisegefährte keine gute Vorbedeutung zu erblicken vermochte.

Vorm Tore stieg Dalgetty vom Pferde und mußte, ohne daß er sich seiner Gewohnheit gemäß um Gustavus hätte kümmern können, seinem Führer in eine von bewaffneten Hochländern angefüllte Wachtstube folgen.

Man gab ihm zu verstehen, daß er hier bleiben müsse, bis er dem Marquis gemeldet worden sei. Der wackere Kapitän überreichte seinem Führer die Rolle Sir Duncans und machte ihm durch Zeichen begreiflich, daß er diese Papiere in die Hände des Marquis persönlich legen müsse.

Der Mann nickte und ging.

Der Kapitän hatte etwa eine halbe Stunde gewartet, von den teils neugierigen teils feindseligen Blicken der Wachtmannschaft gemustert, die er mit Gleichgültigkeit erwiderte – da trat ein in schwarzem Sammet gekleideter und mit goldener Kette gezierter Mann – der Haushofmeister des Marquis von Argyle – herein und forderte mit feierlichem Ernst den Kapitän auf, ihm zu seinem Gebieter zu folgen.

Beide durchschritten eine Reihe von Zimmern, in denen es von Bediensteten wimmelte. Vielleicht war es prunkende Absicht, daß diese dort aufgestellt waren. Der Gesandte des Grafen Montrose sollte vielleicht einen Begriff bekommen von der überlegenen Macht des feindlichen Hauses Argyle.

In einem Vorzimmer stand ein Spalier von Lakaien, die in Braun und Gelb, die Farben des Fürstengeschlechtes, gekleidet waren und Kapitän Dalgetty schweigend anstarrten, als er zwischen ihnen hindurch schritt.

In einer andern Antichambre saßen hochländische Herren und Häuptlinge kleinerer Sippschaften herum beim Schach oder Tricktrackspiel. Kaum hoben sie den Blick von ihrem Zeitvertreib, den Fremdling neugierig anzuschauen.

In einem dritten Vorsaal standen Herren und Offiziere des Flachlandes, die ebenfalls dem Marquis dienstbar zu sein schienen.

Und dieser selbst war in seinem Empfangszimmer ebenfalls wieder umgeben von einer Schar hoher Herren zum aufdringlichen Zeichen seiner hohen Wichtigkeit.

Dieses Zimmer, dessen Flügeltüren für Kapitän Dalgetty geöffnet wurden, war ein langes mit Tapeten behangenes und mit Familienbildern geschmücktes Gemach, über dem sich eine hölzerne Decke wölbte, mit Schnitzwerk verziert. Namentlich zeigten die Balken wunderbare Kerbarbeit und prachtvolle Vergoldung.