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Die Wendung, die jetzt seine Sendung zu nehmen drohte, wurde dem Kapitän unbehaglich.

»Meine Herren,« entgegnete er, »ich bitte Euch, bedenken zu wollen, daß für jede Tätlichkeit gegen mich oder auch nur gegen mein Pferd vom Grafen von Montrose an Euch und Euern Besitzungen empfindliche Rache und Vergeltung geübt werden wird. Außerdem bitte ich zu bedenken, daß mir ein sehr ehrenwerter Mann Euers Stammes, Sir Duncan Campbell von Ardenvohr, sein Ehrenwort dafür gegeben hat, daß mir kein Leid zugefügt werden soll, und wenn Ihr Euch an mit vergreift, so fällt die Schmach auf seine Ehre und auf seinen guten Namen.«

Die Herren umringten den Marquis und besprachen sich leise mit ihm. Kurz darauf verließ der Marquis den Kreis und gab Befehl, den Kapitän einstweilen in sichern Gewahrsam zu bringen.

»Was? Ich wäre Gefangener!« rief Kapitän Dalgetty.

Zwei Hochländer hatten sich dicht an seinem Rücken aufgestellt, und er hätte sie bald über den Haufen geschlagen, so wuchtig fuchtelte er um sich. Aber sie griffen ihn und waren zu stark, als daß er sie hätte abschütteln können. Die Waffen wurden ihm abgenommen, und er wurde fortgeschleppt.

Sie führten ihn durch mehrere finstere Gänge nach einer kleinen, mit eisernem Gitter versehenen Tür, hinter der sich eine zweite Pforte von Holz befand. Ein alter grimmer Hochländer mit langem weißen Bart schloß ihnen auf.

Eine schmale steile Treppe, die hinunter führte, tat sich auf.

Die Männer, die den Kapitän führten, stießen ihn ein paar Stufen hinunter und ließen dann seine Arme los.

Er war allein und mußte sich den Weg die Treppe hinuntersuchen, so gut es ging – eine schwierige und sogar gefährliche Arbeit, denn die beiden Türen waren geschlossen worden und tiefe Finsternis umgab den Gefangenen.

Zwanzigstes Kapitel

Auf solche Weise des Lichts beraubt und in so gefahrvolle Lage versetzt, tastete sich Kapitän Dalgetty mit möglichster Vorsicht die enge schadhafte Treppe hinunter. So vorsichtig er aber auch dabei verfuhr, machte er zuguterletzt doch einen Fehltritt und nahm daher die letzten vier bis fünf Stufen in zu großer Eile, als daß er sich im Gleichgewicht hätte halten können.

Auf dem Boden stolperte er über eine weiche Masse, die sich mit Stöhnen bewegte. Dadurch geriet der Kapitän noch mehr ins Straucheln, stürzte nach vorn und fiel nun, mit Händen und Knien auf den Boden eines feuchten, mit Steinen gepflasterten Kerkers.

Als Dalgetty sich erholt hatte, war es sein erstes, daß er sich an den Klumpen wendete, über den er gestolpert war.

»Was ist das hier?« fragte er.

»Vor einem Mond noch war es ein Mensch,« antwortete eine tonlose Stimme.

»Und was ist es jetzt?« fragte Dalgetty. »Rollt sich da auf der untersten Stufe zusammen wie ein Igel, daß ehrbare Kavaliere, die zufällig in solche Not geraten sind, über ihn fallen und sich die Nase brechen.«

»Was es jetzt ist?« erwiderte die Stimme. »Ein elender Stamm, dem die Zweige abgehauen sind und dem es einerlei ist, wie bald man ihn ausreißt, um ihn zu Brennholz für den Ofen zu zerhacken.«

»Guter Freund,« sagte Dalgetty, »es tut mir leid um Euch, aber paciencia, sagt der Spanier. Hättet Ihr Euch so ruhig und regungslos verhalten wie ein Holzklotz – da Ihr Euch einmal selber so nennt – so wären mir ein paar Schürfungen an Händen und Knien erspart geblieben.«

»Ihr seid ein Kriegsmann,« antwortete der Mitgefangene, »und klagt über einen Fall, um den ein Knabe nicht das Maul auftun würde.«

»Wie könnt Ihr in dieser verfluchten finstern Höhle erkennen, daß ich ein Soldat bin?« fragte der Rittmeister.

»Ich habe Eure Rüstung klirren hören, wie Ihr fielt, und jetzt sehe ich sie schimmern. Wenn Ihr erst so lange wie ich in dieser Dunkelheit seid, wird Euer Auge die kleinste Eidechse erkennen, die über den Boden schlüpft.«

»Eher wünschte ich, der Teufel risse es mir aus!« rief Dalgetty. »Ehe ich solchem Schicksal verfiele, nähme ich lieber den kurzen Strick, spräche ein kurzes Soldatengebet und machte den Todessprung von der Leiter herunter. Aber, mein Bruder in der Not, was für Proviant habt Ihr – das heißt, was habt Ihr zu essen da?«

»Ich kriege einmal am Tage Brot und Wasser,« war die Antwort.

»Ich bitte Euch, Freund, laßt mich Euer Brot kosten,« sagte Dalgetty, »wir werden hoffentlich gute Kameraden sein, solange wir in diesem verfluchten Loche zusammen hausen.«

»Das Brot und der Krug,« entgegnete der andere Gefangene, »stehen zwei Schritte rechts von Euch, genießt davon und seid willkommen. Ich habe fast nichts mehr mit irdischer Nahrung zu tun.«

Dalgetty ließ sich das nicht zweimal sagen, er holte sich tastend seinen »Proviant« und biß ebenso herzhaft in das harte schwarze Haferbrot, wie wir ihn bessere Gerichte haben vertilgen sehen.

Bald war er fertig mit dem Proviant, den ihm sein Leidensgenosse aus Erbarmen oder in seiner Gleichgiltigkeit überlassen hatte. Dann hüllte er sich in seinen Mantel, setzte sich in eine Ecke des Kerkers und begann seinen Mitgefangenen auszufragen.

»Mein ehrlicher Freund,« sagte er, »da wir jetzt Kameraden von Tisch und Bett sind, so müssen wir uns näher kennen lernen. Ich bin Dugald Dalgetty von Drumthwacket, Major in einem Regiment königstreuer Engländer und außerordentlicher Gesandter des hohen und mächtigen Grafen James von Montrose – bitte, sagt mir nun Euern Namen.«

»Es kann Euch nichts dran liegen, den zu erfahren,« versetzte sein wortkarger Gefährte.

»Das ist meine Sache,« antwortete der Soldat.

»Nun denn, Ranald Mac Eagh heiße ich – Ranald, Sohn des Nebels.«

»Sohn des Nebels!« rief Dalgetty, »Sohn gänzlicher Finsternis sage ich. Aber, Ranald – da Ihr einmal so heißt – wie seid Ihr hierher geraten?«

»Durch mein Unglück und mein Verbrechen,« antwortete Ranald. »Kennt Ihr den Ritter von Ardenvohr?«

»Den ehrenwerten Herrn kenne ich wohl,« erwiderte Dalgetty.

»Wißt Ihr, wo er jetzt ist?« fragte Ranald weiter.

»Er hält heute ein Fasten in Ardenvohr,« antwortete der Gesandte, »damit er sichs morgen in Inverary ordentlich wohl sein lassen kann. Sollte er zufällig daran verhindert sein, so dürfte es ein wenig unbestimmt sein, ob ich hinfüro noch auf Erden Kriegsdienste tun werde.« »Gebt ihm zu wissen, daß ihn jemand um Vermittlung bittet, der zugleich sein schlimmster Feind und bester Freund ist.«

»Da möchte ich ihm doch lieber eine weniger unverständliche Botschaft bringen. Sir Duncan ist kein Freund von Rätseln.«

»Feigherziger Sachse,« sagte der Gefangene, »so verkünde ihm, ich sei der Rabe, der vor fünfzehn Jahren auf seinen festen Turm und die Pfänder seiner Liebe, die er dort zurückgelassen hatte, hinabgestoßen ist – ich sei der Jäger, der in die Höhle des Wolfes auf den Felsen hinaufkletterte und seine Jungen mordete – denn ich bin der Führer der Bande, die gestern vor fünfzehn Jahren Ardenvohr überrumpelt und die vier Kinder des Schloßherrn getötet hat.«

»Wahrlich, ehrlicher Freund,« sagte Dalgetty, »wenn Ihr keine bessere Empfehlung bei Sir Duncan habt, so möchte ich über diesen Umstand lieber hinweggehen, falls ich ein Wort für Euch einlege. Aber sagt mir, bitte, habt Ihr das Schloß angegriffen von jenem kleinen runden Hügel aus, der meiner Überzeugung nach für die Offensive wie geschaffen ist, sofern er nicht durch eine Schanze verteidigt wird?«

»Auf Leitern aus Weidenruten sind wir hinaufgestiegen,« antwortete der Gefangene; »ein Mitschuldiger und Stammesgenosse hat sie hinaufgezogen. Ein halbes Jahr hatte der im Schlosse gedient, um sich diese eine Nacht vollgiltiger Rache zu verschaffen. Als wir zwischen Himmel und Erde schwebten, schrie die Eule. Die Brandung donnerte am Fuße des Felsens, daß unser Kahn zerschellte. Noch nicht einem von uns sank der Mut. Und wo am Morgen Ruhe und Freude gewesen war, da war am Abend Blut und Asche.«