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»Ohne Zweifel, Ranald Mac Eagh, war das ein famoser Überfall, ein vortrefflicher Sturmangriff – ich aber hätte das Schloß von dem kleinen Hügel aus attackiert. Eure Kriegsführung ist die regellose Manier der Scythen und ähnelt der Art und Weise, wie es die Türken, Tataren und andere Völker Asiens machen – aber was hattet Ihr für Grund zu diesem Streifzug, Ranald?«

»Die Mac Aulays und andere Stämme des Westens bedrängten uns, bis wir in unsern Besitzungen nicht mehr des Lebens sicher waren. Sir Duncan ist wider uns gezogen. Mein Bruder ist erschlagen worden, sein Kopf ist verdorrt auf den Zinnen, die wir erklettert haben – da schwur ich Rache – und noch immer habe ich einen solchen Schwur gehalten.«

»Das mag wohl sein,« sagte Kapitän Dalgetty, »und jeder Soldat, der eine gute Schule durchgemacht hat, weiß, wie süß Rache schmeckt. Daß aber Sir Duncan sich dadurch veranlaßt fühlen soll, für Euch als Vermittler aufzutreten, will mir nicht recht einleuchten, höchstens wird er sich dafür verwenden, daß Ihr, statt an den Galgen zu kommen, gerädert werdet. Ich an Eurer Stelle, Ranald, täte, als ob ich Sir Duncan nicht kennte, bewahrte mein Geheimnis und ließe mich hängen, wie es Eure Vorfahren gewöhnt waren.«

»Hört mich weiter an, Fremdling,« fuhr der Hochländer fort. »Sir Duncan hatte vier Kinder, drei sind unter unsern Messern verblutet, das vierte lebt; er würde mehr drum geben, dieses vierte noch lebende Kind auf seinen Knien zu schaukeln, als diese alten Knochen aufs Rad zu flechten. Ich brauchte nur ein Wort zu sprechen, und dieser Tag des Fastens und der Trauer würde zu einem Fest des Dankes. Das fühle ich im eignen Herzen selber. Mein Sohn Kenneth, der den Schmetterling jagt an den Ufern des Avon, ist mir teurer, als die zehn Söhne, die in der Erde modern oder in der Luft von den Vögeln zerfleischt werden.«

»Ich glaube, Ranald,« unterbrach ihn Dalgetty, »die drei hübschen Burschen, die ich auf dem Marktplatz wie Räucherheringe habe hängen sehen, sind verwandt mit Euch.«

Nach kurzem Schweigen rief der Hochländer im Tone wildesten Grimmes:

»Meine Söhne waren es, Fremdling – meine Söhne! – Blut von meinem Blut – Fleisch von meinem Fleisch! – flinkfüßig – treffsicher – nie besiegt von einem Feinde, bis die Söhne von Diarmid sie durch Übermacht bezwangen. Weshalb ich wünsche, sie zu überleben? Ich will meinen Sohn Kenneth zur Rache erziehen. Der junge Adler soll von dem alten lernen, auf seine Feinde herabzuschießen. Um seinetwillen will ich Leben und Freiheit erkaufen, indem ich dem Ritter von Ardenvohr mein Geheimnis enthülle.«

»Den Zweck könnt Ihr leichter erreichen,« fiel eine dritte Stimme ein, sich ins Gespräch mischend, »wenn Ihr mir vertraut.«

Einundzwanzigstes Kapitel

Die Hochländer sind alle abergläubisch. Mac Eagh sprang sogleich empor mit dem Rufe:

»Der böse Feind ist unter uns.«

Seine Ketten klirrten laut, als er sich erhob und soweit wie möglich von dem Platz, von wo die Stimme klang, sich entfernte.

Seine Furcht wirkte ansteckend auf Kapitän Dalgetty, der in einem Mischmasch mehrerer Sprachen alle Geisterbeschwörungen, die er je vernommen hatte, ohne jedoch von irgend einem mehr als zwei bis drei Worte zu kennen, sprudelnd herausstieß.

»In nomine Domini, wie wir im Marschall-Gymnasium sagten – santissima madre de Dios, wie der Spanier sagt – alle guten Geister loben den Herrn –«

»Unterlaßt Eure beschwörenden Formeln,« unterbrach ihn die Stimme; »ich trete zwar auf etwas absonderliche Manier unter Euch, bin aber ein sterblicher Mensch wie Ihr, und mein Beistand kann Euch in Eurer Not vonnutzen sein, wenn Ihr nicht zu stolz seid, Rat anzunehmen.«

Mit diesen Worten schlug er die Klappen einer kleinen Blendlaterne zurück, und bei ihrem schwachen Licht erkannte Dalgetty, daß der Mann, der so geheimnisvoll unter sie getreten war, die Livree eines Lakaien des Marquis trug. Er fragte ihn sogleich, auf welche Weise er zu ihnen gekommen sei.

»Das ist mein Geheimnis,« entgegnete der Fremde, »das ich Euch gern verrate, wenn Ihr mich in einige von Euern Geheimnissen einweiht. Vielleicht bin ich dann bereit, Euch da hinauszulassen, wo ich hereingekommen bin.«

»Dann seid Ihr wenigstens nicht durchs Schlüsselloch gekommen,« sagte Dalgetty, »denn da würde ich mit dem Harnisch stecken bleiben. Ich selber aber habe keine Geheimnisse, und von andern auch nur wenige. Aber sagt uns doch, was für Geheimnisse Ihr von uns wissen wollt.«

»Mit Euch habe ich vorderhand noch nicht zu reden,« entgegnete der Fremde und ließ den Schein seiner Laterne auf die wilden welken Züge des Hochländers fallen, der sich dicht an die Mauer des Kerkers drückte, als bezweifle er noch, daß sein Gast ein lebendiges Wesen sei.

Der Fremde fuhr in sanfterm Tone fort:

»Ich habe Euch etwas Besseres zu essen mitgebracht. Wenn Ihr morgen sterben müßt, so liegt kein Grund vor, weshalb Ihrs Euch nicht heute abend noch einmal wohl sein lassen sollt.«

»Solch einen Grund gibts überhaupt nicht aus der Welt,« rief Dalgetty, der nicht säumte, den Inhalt eines kleinen Korbes auszupacken, den der Fremde unter seinem Mantel hervorlangte, indes der Hochländer aus Mißtrauen oder aus Verachtung die Leckerbissen unbeachtet ließ.

»Euer Wohlsein, Freund!« rief der Kapitän, der eben einen Bissen Lammbraten verschlungen hatte und jetzt einen Zug aus der Weinflasche tat. »Wie heißt Ihr, guter Freund?«

»Murdoch Campbell, Herr,« versetzte der Diener, »ich bin Lakai beim Herzog von Argyle und muß ab und zu den Gefängniswärter, vertreten.«

»Nochmals Eure Gesundheit, Murdoch!« wiederholte der Kapitän. »Ihr habt gezeigt, daß Ihr ehrliche Leute im Unglück besser zu behandeln versteht als Euer Herr. Hol ihn der Satan! Brot und Wasser? Das hätte genügt, das Loch des Marquis für immer um allen Kredit zu bringen. Doch ich sehe, Ihr wollt mit meinem Freunde Ranald Mac Gagh reden. Tut, als wäre ich nicht da, ich werde mich still mit dem Korbe in die Ecke dort setzen.«

Dabei lauschte der Veteran aber mit großer Aufmerksamkeit und hörte nun folgendes Gespräch mit an:

»Wißt Ihr, Sohn des Nebels,« sagte Campbell, »daß Ihr diesen Ort nur verlassen werdet, um zum Galgen geführt zu werden?«

»Die mir die liebsten waren,« antwortete Mac Eagh, »sind vor mir dieses Weges gegangen.«

»Ihr wollt nichts tun, um vor diesem Gange bewahrt zu bleiben?«

Der Gefangene wand sich in seinen Ketten, dann antwortete er:

»Viel würde ich tun,« sagte er, »nicht um meines Lebens willen, sondern für das Pfand meiner Liebe im Tale von Strath-Avon.«

»Und was würdet Ihr tun, die bittere Stunde von Euch abzuwenden?« fragte Murdoch.

»Was ein Mensch tun kann, so daß er sich nachher noch Mann nennen kann.« »Mensch nennt Ihr Euch,« sagte der Lakai, »und tatet doch die Greuel eines Wolfes.«

»So nenne ich mich,« rief der Verbrecher. »Ich bin ein Mensch wie meine Ahnen. Wir waren in den Mantel des Friedens gehüllt und Lämmer – er ward uns entrissen, da nennt Ihr uns Wölfe. Gebt uns die Hütten, die Ihr uns verbrannt habt – die Kinder, die Ihr uns gemordet habt – die Witwen, die ihr des Hungers habt sterben lassen – nehmt vom Galgen und vom Pfahl die zerfleischten Leichen und gebleichten Schädel unserer Angehörigen – ruft sie ins Leben zurück, daß sie uns segnen, dann wollen wir Euch Vasallen und Brüder sein – bis dahin aber soll Tod, Blut und Untat den dunkeln Schleier breiten zwischen uns beiden!«

»So wollt Ihr nichts tun für Eure Freiheit?« fragte Murdoch. »Um Euch in Freiheit zu setzen, will ich nur von Euch wissen, wo die Tochter und Erbin des Ritters von Ardenvohr zu finden ist. Sie ist unser eigen Blut und keine Fremde, und wer besäße ein so gutes Recht, zu erfahren, was aus ihr geworden ist, als Mac Cullum More, das Oberhaupt ihres Stammes?«