Eine Treppe führte, wie der Marquis angegeben hatte, nach seinem Kabinett. Der Kapitän überzeugte sich erst davon, daß die Luft rein war und trat dann ein, nahm vom Schreibtisch ein paar Paßformulare nebst Tinte und Feder, steckte einen Dolch des Marquis zu sich, nahm von den Fenstervorhängen eine seidene Schnur mit und stieg wieder hinunter.
An der Tür horchte er und vernahm wie der Marquis mit halberstickter Stimme dem Gefangenen hohe Belohnung versprach, wenn er ihm erlauben wolle, das Signal zum Alarm zu geben.
»Nicht um einen Wald voller Rotwild,« versetzte der Räuber, »nicht um alles Land, das je ein Sohn von Diarmid sein eigen nannte, breche ich das Wort, das ich dem Mann mit dem eisernen Kleide gegeben habe.«
»Der Mann mit dem eisernen Kleide,« sagte Dalgetty eintretend, »ist Euch dankbar, Mac Eagh. Nun aber soll dieser edle Lord in den Paß hier die Namen des Majors Dugald Dalgetty und seines Gefährten einschreiben, sonst will ich ihm auf der Stelle einen Paß in die bessere Welt ausstellen.«
Beim Schein der Blendlaterne schrieb der Marquis seinen Namen und was der Soldat ihm aufgetragen hatte.
»Und jetzig Ranald,« fuhr Dalgetty fort, »lege deinen Kittel ab – ich meine deinen Hochländermantel. Damit will ich Mac Cullum More vermummen und auf kurze Zeit zu einem Sohn des Nebels machen – nur ruhig, Mylord, ich muß Euch den Mantel so um den Kopf wickeln, daß Ihr uns durch Euer Geschrei, das hier gar nicht am Platze wäre, keinen Schaden zufügen könnt. So, nun seid Ihr hinreichend geknebelt. Die Hände laßt unten, sonst beim Himmel! Euern eignen Dolch stoß ich Euch ins Herz. – Ja, ja, mit nichts geringerm als Seide sollt Ihr gefesselt werden, ganz Euerm Stande entsprechend. So, nun seid Ihr unschädlich, bis jemand kommt und Euch erlöst. Wann kam gewöhnlich der Wärter, guter Ranald?«
»Erst wenn die Sonne in der Flut im Westen versunken war.«
»Dann haben wir drei Stunden Zeit, Freund,« sagte der Kapitän. »Die wollen wir uns zu nutze machen.«
Nun untersuchte er Ranalds Fesseln und löste sie durch einen der hinter der Tür hängenden Schlüssel.
Der Räuber reckte die Arme und sprang vom Boden des Kerkers auf, entzückt über die wiedererlangte Freiheit.
»Zieh die Livree des edeln Gefangenen an,« sagte Dalgetty, »und folge mir auf den Fersen.«
Der Räuber gehorchte. Sie riegelten die Tür hinter sich zu, stiegen die geheime Treppe hinauf und gelangten in das Kabinett des Marquis.
Dreiundzwanzigstes Kapitel
»Sucht Ihr den geheimen Gang, der in die Kapelle führt, Ranald,« sagte der Kapitän. »Ich will inzwischen in aller Eile die Sachen hier untersuchen.«
Mit diesen Worten ergriff er mit der einen Hand einen Stoß geheime Akten, mit der andern eine Börse voll Gold. Beides lag in einer Schublade eines prachtvollen Schrankes, die in einladender Weise offen stand.
»Ein ehrenwerter Kavallier,« sagte er, die Sachen zu sich steckend, »muß dafür sorgen, daß er Kundschaft und Beute mitbringt; eins für seinen General, eins für sich selber. Dieser Degen und die Pistolen sind weit besser als meine, und ein guter Tausch ist kein Raub – aber sachte, sachte, Ranald, weiser Mann des Nebels, was tust du?«
Es war hohe Zeit, Ranald Einhalt zu tun; denn da dieser den geheimen Gang nicht gleich finden konnte, hatte er die Geduld verloren, Schwert und Schild von der Wand genommen und wollte eben frischweg in die Halle hineinrennen, um sich mit der Waffe in der Hand einen Weg durch die Bewaffneten zu bahnen.
Kapitän Dalgetty suchte nun selber nach dem geheimen Gange und fand schließlich hinter der Tapete eine Tür, die nach einer Wendeltreppe führte. Am Ende dieser Treppe lag abermals eine Tür, die ohne Zweifel in die Kapelle mündete.
Allein das Erstaunen Dalgettys war nicht gering, als er jenseits der Tür die dahlende Stimme eines predigenden Pfaffen vernahm.
Er öffnete mit größter Vorsicht die Tür, die in die vergitterte Loge führte, welche für den Marquis persönlich bestimmt war und deren Vorhänge dicht geschlossen waren. Sie war völlig leer, und er riegelte die Tür hinter sich ab.
Als die Predigt beendet war, entfernte sich die Dienerschaft mit großer Eile, allein der Geistliche blieb zurück und schritt in seiner Kapelle auf und ab.
Kapitän Dalgetty wußte sich trotz seiner Verwegenheit im ersten Augenblick keinen Rat. Die Zeit drängte jedoch, denn es war nicht ausgeschlossen, daß der Gefängniswärter schon vor der üblichen Stunde den Kerker revidieren und die vorgenommene Veränderung entdecken könnte.
Er flüsterte Ranald zu, ihm ruhig und gefaßt zu folgen, und stieg kurz entschlossen in die Kapelle hinab.
Ein weniger erfahrener Abenteurer hätte den Versuch gemacht, schnell an dem Prediger vorbeizukommen, ohne gesehen zu werden. Dalgetty war sich aber sofort klar, daß dieser Versuch mißlingen und ihn in große Gefahr bringen könne; er trat daher würdevoll dem Kaplan entgegen, entblößte das Haupt und wollte nach diesem Gruße weitergehen, als er zu seiner Verblüffung in dem Geistlichen denselben erkannte, mit dem er auf Schloß Ardenvohr zu Mittag gespeist hatte.
Er faßte sich jedoch schnell ein Herz, gewann seine Kaltblütigkeit wieder und redete den Geistlichen an, so daß dieser selber gar nicht erst zu Worte kam.
»Ich hätte es nicht übers Herz gebracht« sagte er, »dieses Haus zu verlassen, ohne Euch, Ehrwürden, für Eure Predigt demutsvollen Dank auszusprechen. Nun, mein Herr, möchte ich Euch noch einen guten Abend wünschen; denn ich muß weg, mit einem Paß Mac Cullum Mores versehen.«
»Kann ich einem so gottesfürchtigen Kriegsmann einen Dienst erweisen?« fragte der Prediger.
»Das schon,« antwortete der Kapitän, »zeigt mir doch den nächsten Weg zum Tor, und wenn Ihr so gut sein wollt,« setzte er dreist hinzu, »schickt einen Diener nach meinem Pferde, dem großen braunen Wallach. Er soll ihn nur Gustav rufen, da spitzt mein Fuchs schon die Ohren – ich weiß nämlich nicht, wo der Stall liegt, und mein Geleitsmann –« dabei blickte er auf Ranald – »ist der englischen Sprache nicht mächtig.«
»Ihr geht am besten durch diesen Durchgang,« wies der Geistliche ihn zurecht. »Euern Auftrag will ich sogleich erfüllen.«
Wirklich wurde Dalgettys Pferd herbeigebracht, während er noch dem Posten an der Zugbrücke den Paß zeigte und die Parole nannte.
An jedem andern Platze hätte das unvermutete Auftreten des öffentlich verhafteten Kapitäns Verdacht erregt, hier aber war man so sehr an die geheimnisvolle Politik des Marquis von Argyle gewöhnt, daß man in dem Glauben, der Kriegsmann habe einen geheimen Auftrag erhalten, nur nach Paß und Losung fragte und ihn frei hindurch ließ.
Vierundzwanzigstes Kapitel
Durch die Stadt Inverary ritt Dalgetty langsam, während der Räuber als Diener zu Fuß dicht hinter ihm drein schritt.
Als sie an dem Galgen vorbeischritten, sah der Greis nach den Leichen und rang die Hände. Im Vorübergehen flüsterte er einer der Frauen, die die Toten bewachten und beweinten, ein rasches Wort zu.
Das Weib hob beim Klang der Stimme den Kopf, faßte sich aber sogleich und nickte zur Antwort nur unmerklich mit dem Kopfe.
Außerhalb der Stadt ging Dalgetty im Weiterreiten mit sich zu Rate, ob er ein Boot mieten und über den See fahren solle, oder ob es vorteilhafter wäre, sich in die Wälder zu schlagen. Zu Wasser war er jeden Augenblick der Verfolgung durch die Galeeren des Marquis ausgesetzt, die zur Abfahrt bereit lagen. Aber auch die wüsten und bekannten Wildnisse der Wälder kamen ihm wenig geheuer vor.
Die Stadt hatte er hinter sich, aber er erkannte schon jetzt, daß er mit der Flucht aus dem Kerker – so gefahrvoll sie auch gewesen war – erst den leichtesten Teil einer schweren Aufgabe gelöst hatte.