Wenn er wieder in Gefangenschaft geriet, so war sein Schicksal besiegelt. Daß er sich an einem so mächtigen und rachsüchtigen Manne tätlich vergriffen hatte, hätte er unwiderruflich durch augenblicklichen Tod büßen müssen.
Während er solchen Betrachtungen nachhing, fragte ihn Mac Eagh plötzlich, welchen Weg er einschlagen wolle.
»Darauf kann ich Euch keine Antwort geben, ehrlicher Kamerad,« antwortete Dalgetty. »Könnt Ihr mich sicher durch dieses Gebirge zum Heer des Grafen Montrose zurückführen?«
»Das kann ich,« erwiderte der Sohn des Nebels. »Niemand kennt die Pässe, Höhlen, Täler und Schluchten besser als ein Sohn des Nebels. Alle Bluthunde Argyles können die Gebirgsfesten nicht finden, durch die ich Euch geleiten kann.«
Er führte den Kapitän in den Wald, der sich rings mehrere Meilen weit um das Schloß ausdehnte. Dabei schritt er so schnell aus, daß Dalgetty Trab reiten mußte, und schlug so viele Kreuz- und Querwege ein, daß der Reiter bald keine Ahnung mehr hatte, wo er sich befinden könne.
Endlich brach der Pfad in dichtem Unterholz ganz ab. Ein Gießbach rauschte in der Nähe, und der sumpfige rissige Boden machte das Reiten ganz unmöglich.
Ranald Mac Eagh gab einen leisen Pfiff von sich, und es erschien ein Knabe, der halb nackt und dürftig in kariertes Zeug gehüllt war. Kopf und Gesicht waren durch nichts vor Sonne und Wetter geschützt als durch eine Mähne struppigen Haares, die von einem Lederriemen zusammengehalten wurde.
Der Junge war mager und, wie es schien, halb verhungert. Seine Augen waren geisterhaft groß. Er kroch wie ein wildes Tier aus seinem Dickicht von Brombeeren und Hagebutten hervor.
»Wenn Euch Euer Leben lieb ist,« sagte Ranald Mac Eagh, »so gebt dem Burschen da Euer Pferd. Sorgt Euch nicht um das Tier, Ihr sollt es bald wieder haben.«
Dem Kapitän blieb in der Tat nichts weiter übrig.
»Behandle mir meinen Gustavus gut, mein kleiner Freund ohne Hosen,« sagte er zu dem Knaben, »ich will es Dir lohnen.«
Dann folgte er von neuem seinem Führer.
Das hatte aber große Schwierigkeiten und erforderte größere Behendigkeit, als der Kapitän besaß. Er hatte sich kaum von seinem Pferde getrennt, so galt es, mit Hilfe einiger überhängender Zweige und vortretenden Baumwurzeln sich in das Bett eines acht Fuß tiefen Gießbaches hinabzulassen, in dem der Sohn des Nebels stromaufwärts voranging.
Über große Steine mußten sie klettern – durch Dornengestrüpp sich schlagen – und all diese Hindernisse überwand der flinkfüßige Bergbewohner mit einer Leichtigkeit, um die der Kapitän ihn beneidete, der, belastet mit seinem schweren Rüstzeug und seinen hohen Stiefeln, von den Mühseligkeiten des Weges bald so erschöpft war, daß er sich auf einen Stein setzen mußte, um sich zu verschnaufen.
Gleich darauf legte der Bergbewohner ihm die Hand auf den Arm und wies in der Richtung, aus dem der Wind kam.
Der Rittmeister sah und hörte nichts; denn es wurde schon Abend, und sie befanden sich im Grunde einer finstern Schlucht. Endlich aber hörte er doch deutlich dumpfes Glockenlauten aus der Ferne.
»Das bedeutet Alarm,« sagte er. »Das läutet Sturm, wie sie es in Deutschland nennen.«
Fünfundzwanzigstes Kapitel
»Die Glocke läutet die Stunde Euers Todes ein,« versetzte Ranald, »wenn Ihr mir nicht weiter folgen könnt. So oft diese Glocke klang, so oft hat schon ein braver Mann sein Leben verloren. Wenn aber Eure Füße so schnell laufen können wie Eure Zunge, so sollt Ihr noch heute Nacht das Haupt auf ein Kissen legen, das frei von Blut ist.«
Wieder schritt der Sohn des Nebels voran mit nie irrender Sicherheit durch die wild zerklüftete Landschaft. Der Kapitän schleppte sich mit seinen mächtigen Stiefeln, seinen Beinschienen, Handschuhen, Panzern und Büffelwams ein gutes Stück mühsam hinter ihm drein und schwatzte ohne Unterlaß von seinen früheren Taten, obwohl sein Führer seinen Anekdoten keine Aufmerksamkeit schenkte.
Auf diese Weise hatten sie eine weite Strecke zurückgelegt, da wurde das laute Gebell eines Hundes, der die Spur seines Wildes gefunden zu haben schien, vom Winde herübergetragen.
»Schwarzer Hund,« rief Ranald, »bist du uns schon auf der Fährte? du kommst zu spät! der Hirsch ist schon bei seinem Rudel!«
Mit diesen Worten pfiff er leise, und sofort kam die gleiche Antwort vom Gipfel eines Passes, zu dem sie schon ein gutes Stück hinaufgestiegen waren.
Schnellern Schrittes erreichten sie den Gipfel, und nun sah Kapitän Dalgetty im hellen Glanz des aufgehenden Mondes eine Schar von zehn bis zwölf Hochländern mit Weibern und Kindern, die Ranald Mac Eagh mit so großer Freude begrüßten, daß der Kapitän nicht im Zweifel sein konnte, Kinder des Nebels vor sich zu haben.
Ranald sprach ein paar hastige Worte zu seinen Stammesgenossen, die nun herbeikamen und Dalgetty die Hand drückten, während die Weiber ihn umringten und ihm dankbar den Saum seines Rockes küßten.
Sie verpfänden Euch ihre Treue,« sagte Ranald Mac Eagh, »zum Lohne für die edle Tat, die Ihr heute dem Stamme erwiesen habt.«
»Schon gut, Ranald,« entgegnete Kapitän Dalgetty, »gib ihnen zu verstehen, daß ich kein Freund von diesem Händeschütteln bin. Sagt mir lieber: wollt Ihr hier Euerm Feinde die Stirn bieten? Eine sehr schöne Stellung – wer hier heran will, läuft direkt ins Geschütz- und Musketenfeuer hinein. Aber ich sehe, guter Freund, Ihr habt gar kein Geschütz, auch hat keiner Eurer Kerle eine Muskete! Womit wollt Ihr denn, bis es zum Handgemenge kommt, den Paß hier verteidigen?«
»Mit den Waffen und dem Mute unserer Ahnen!« antwortete Mac Eagh, und er machte den Soldaten darauf aufmerksam, daß seine Leute mit Bogen und Pfeilen bewaffnet waren.
»Pfeil und Bogen!« rief Dalgetty. »Ha, ha, ha! ist Robin Hood wieder auferstanden? Seit hundert Jahren, meiner Treu, hat man so etwas in der zivilisierten Kriegsführung nicht wieder erlebt. Pfeil und Bogen! Warum nicht gar Weberbäume wie zu Goliaths Zeiten? Muß Dugald Dalgetty von Drumthwacket noch mit eigenen Augen sehen, wie Leute mit Bogen und Pfeilen kämpfen! – der unsterbliche Gustavus hätte sich das nicht träumen lassen – Wallenstein auch nicht – der alte Tilly oder der Oberst Buttler ebensowenig. Meinetwegen, Ranald, eine Katze hat auch weiter nichts als ihre Klauen, und da wir bloß Bogen und Pfeile haben, so wollen wir sie brauchen, so gut es geht!«
Das Gebell des Bluthundes kam naher und näher. Schon hörte man die Stimmen mehrerer Männer, die sich offenbar von ihm führen ließen und einander zuriefen, wenn sie das umliegende Gebüsch genauer durchsuchten.
Mac Eagh machte dem Kapitän den Vorschlag, die Rüstung abzulegen; doch fand sich dieser nur dazu bereit, die schweren Stiefel auszuziehen und dafür ein Paar hirschlederne Schuhe anzulegen.
Auf dem Gebirgspasse herrschte jetzt tiefes Schweigen. Der Mond beschien den zerklüfteten Pfad. An den vorspringenden Felsblöcken, um die der Weg sich schlängelte, hielt ab und zu das Gezweige des Gestrüpps, das in den Felsenspalten gedieh, den Glanz des Mondes auf, den Rand des Abgrundes überschattend.
Unten lag dichtes Unterholz, das einem in tiefem Dunkel wogenden Meere glich. Aus dieser Finsternis am Fuß des Abgrundes herauf tönte hin und wieder das Gebell des Hundes und weckte lautes Echo in den Felsen und Wäldern. Dann wieder herrschte tiefes Schweigen, unterbrochen nur vom Rieseln eines Quells, der vom Felsen zu Tal sprang. Dann wieder erklangen menschliche Stimmen; und es schien, als ob sie den Gebirgspfad nicht gefunden oder sich nicht klar wären, ob sie ihn bei der Finsternis ersteigen sollten.
Endlich kam eine schattenhafte Gestalt zum Vorschein, die aus dem tiefen Dunkel ins blasse Mondlicht hineintauchte, langsam und vorsichtig den Felsenpfad erklimmend. Der Mann hatte eben einen vorspringenden Block erreicht und blieb stehen, um den andern zu winken, daß sie ihm folgen sollten – da pfiff ein Pfeil vom Bogen eines Schützen unter den Söhnen des Nebels, und tödlich getroffen, stürzte der Mann von dem Felsenvorsprung kopfüber in die Tiefe.