Unten krachten die Zweige, und schwer dröhnte sein Fall herauf, begleitet von einem Geschrei des Entsetzens, das die Söhne des Nebels mit gellendem Freudengeheul beantworteten. Sie zeigten sich am Rande des Abgrundes, um ihre Feinde zu erschrecken, und selbst Kapitän Dalgetty stand auf und trat vor.
»Corazon, amigo! wie der Spanier sagt,« rief er laut Ranald zu. »Mut, Kamerad. Es lebe der Bogen! Meiner Meinung nach müßt Ihr jetzt vorrücken und eine Stellung nehmen.«
Da rief eine Stimme von unten:
»Der Sachse! zielt auf den sächsischen Kriegsmann! Ich sehe seinen Harnisch blitzen.«
Im selben Augenblick wurden drei Musketen abgefeuert. Eine Kugel prasselte gegen den Harnisch, dessen Dicke schon öfters dem Kapitän das Leben gerettet hatte. Eine zweite durchschlug die Rüstung vorn am linken Schenkel und streckte ihn nieder.
Während Ranald ihn auffing und vom Rande der Schlucht wegriß, rief der Kapitän jammernd aus:
»Ich habe es dem unsterblichen Gustav Adolf, dem Wallenstein und andern Feldherrn immer gesagt, die Beinschienen müßten nach meiner bescheidenen Meinung auch kugelsicher sein.«
Sechsundzwanzigstes Kapitel
Wir müssen Kapitän Dalgetty seinem Schicksal überlassen, um in Kürze die militärischen Operationen Montroses wiederzugeben, die freilich eines umfänglicheren Buches und eines besseren Geschichtsschreibers würdig wären. Mit dem Beistand der früher erwähnten Häuptlinge und nach dem Bündnis mit den Morays, Stewarts und andern Sippschaften von Athole hatte er bald ein Heer von zweitausend bis dreitausend Hochländern zusammengebracht, zu denen noch das irische Korps unter Colkitto kam. Die ganze Streitmacht war bei Strathearn, am Rande der Hochlande von Perthshire vereinigt.
Sein Gegner hatte sich gerüstet, ihn zu empfangen. Argyle zog an der Spitze seiner Hochländer dicht hinter den Irländern, die auf dem Marsch von Westen nach Osten begriffen waren, her und hatte eine Armee vereinigt, die stark genug war, mit Montrose eine Schlacht zu wagen.
Zuvörderst kam es zu einem Zusammentreffen zwischen Montrose und dem Heere Lord Elchos auf der Ebene von Tippermuir – einer offenen Heide.
Niemals ist eine Schlacht, die von großer Wichtigkeit war, mit so großer Leichtigkeit entschieden worden. Montrose schlug das feindliche Heer völlig aufs Haupt.
Die Sieger besetzten Perth und erbeuteten bedeutende Geldsummen und Vorräte an Waffen und Munition. Diese Vorteile wurden jedoch aufgewogen durch einen unüberwindlichen Übelstand, der sich stets bei einem hochländischen Heere einstellte.
Die Sippschaften waren nicht dahin zu bringen, sich als reguläre Soldaten zu betragen. Wenn eine Schlacht geschlagen war, so war ihrer Meinung nach auch der Feldzug zu Ende. War die Schlacht verloren worden, so flüchteten sie in die Berge, um sich selbst in Sicherheit zu bringen, war sie gewonnen worden, so kehrten sie ebenfalls dorthin zurück, um ihre Beute in Sicherheit zu bringen. Ein andermal wieder mußten sie heim, um die Herden zu versorgen, die Felder zu bestellen, die Ernte herein zu holen, da ihre Familien sonst verhungert wären.
In beiden Fällen taten sie keine Kriegsdienste mehr. Sie waren wohl durch die Aussicht auf neue Beute zur Rückkehr zu bewegen; bis dahin aber war der günstige Zeitpunkt des Erfolges verpaßt, der später nicht wieder kam.
Hieraus erklärt es sich, weshalb Montrose ungeachtet seiner glänzenden Erfolge nie festen Fuß im Flachlande fassen konnte und weshalb er oft sich zu plötzlichem Rückzug vor demselben Feinde gezwungen sah, den er vor kurzem geschlagen hatte. Auf eben dieselbe Ursache war es zurückzuführen, daß Montrose nicht imstande war, einem zweiten Heere Argyles die Spitze zu bieten, das unter dem Marquis selber von Westen aus ihm entgegenrückte.
Was ihm an Stärke fehlte, wollte er durch Schnelligkeit wieder gut machen, und er zog von Perth nach Dundee. Als ihm aber diese Stadt die Tore nicht öffnete, marschierte er nach Aberdeen in der Erwartung, daß dort die Gordons und andere Royalisten zu ihm stoßen würden. Diese aber wurden durch eine etwa 3000 Mann starke Abteilung Covenanters unter Lord Burleigh in Schach gehalten.
Dieses Korps nun griff Montrose kühn an, obgleich er ihm um die Hälfte unterlegen war, und siegte wieder.
Es war aber das Mißgeschick dieses Feldherr, das er immer nur den Ruhm, selten die Früchte des Sieges ernten konnte. Kaum konnte er seinem kleinen Heer in Aberdeen Ruhe gönnen, da mußte er erkennen, daß er auf Vereinigung mit den Gordons nicht rechnen durfte, und Marquis von Argyle rückte ihm entgegen mit einem weit stärkeren Heere, als ihm bisher eines gegenübergestanden hatte.
Nur ein Rückzug blieb dem Grafen von Montrose, und er schlug ihn ein: er zog in die Hochlande. Dort war er vor Verfolgung sicher und konnte auch die Wehrpflichtigen wieder sammeln, die ihn verlassen hatten. So konnte er sich furchtbarer als je dem Feinde wieder entgegenwerfen, dem er vor kurzem noch nicht hatte widerstehen können.
Das Parlament sandte wiederholt Befehl an Argyle, das Heer Montroses anzugreifen und zu zersprengen. Dieser Befehl entsprach weder dem stolzen Sinn noch der vorsichtigen zögernden Politik dieses Staatsmannes, und als Montroses Heer durch mehrere Verstärkungen zu gewaltiger Zahl angewachsen war, behagte es Argyle nicht länger, an der Spitze der gegen ihn ausgesandten Armee zu stehen. Er kehrte nach Edinburgh zurück und legte den Oberbefehl nieder unter dem Vorwande, daß sein Heer in ungenügender Weise verstärkt und nicht ausreichend mit Proviant versehen worden sei. Von Edinburgh begab sich der Marquis zurück nach Inverary, um in voller Sicherheit über seine eigenen Lehensleute zu herrschen.
Siebenundzwanzigstes Kapitel
Ein glänzender Weg lag jetzt dem Grafen von Montrose offen, wenn seine tapfern, aber unregelmäßig kommenden und gehenden Truppen und die unabhängigen Häuptlinge sich bereit erklärten, ihm zu folgen. Das ganze Flachland war ihm freigegeben, denn es war kein genügend starkes Heer da, ihm in den Weg zu treten. Er brauchte sich nur dort zu zeigen, und der schlummernde Geist der Ritterlichkeit und Königsliebe, der die Edelleute im Norden des Forth beseelte, würde neu erwachen. Auch wäre es dann möglich gewesen, eine Verbindung mit den noch nicht unterworfenen Streitkräften des Königs herzustellen.
Dieser Plan, der glänzenden Ruhm verhieß, entsprach dem kühnen ehrgeizigen Geiste des Feldherrn. Die westlichen Häuptlinge aber sahen alle in dem Marquis von Argyle das unmittelbare und einzige Ziel ihrer Feindseligkeiten. Für sie war es daher wichtiger und wünschenswerter, Inverary einzunehmen, als Edinburgh zu erobern. Sie wollten sich für die Vergangenheit rächen und für die Zukunft sichern.
Diese Absichten berührten eine entsprechende Saite im Herzen Montroses, die nicht ganz dem Edelsinn seines Wesens entsprach. Zwischen den Häusern Argyle und Montrose herrschte von früher her bittere Feindschaft, die zwischen den gegenwärtigen Repräsentanten beider Geschlechter infolge ihrer eifersüchtigen Nebenbuhlerschaft auf den Höhepunkt gestiegen war.
Trotzdem es nun Montrose innerlich sehr danach verlangte, nach Argyleshire zu rücken, wollte er doch seinen glänzenden Plan zu dem Feldzug ins Flachland nicht so leicht aufgeben, und mehrmals schon hatte er mit den höchsten unter seinen Häuptlingen Kriegsrat abgehalten.
Eben hatte abermals ein solcher Rat getagt, und Montrose war in die Hütte gegangen, die ihm zum Zelte diente, und hatte sich auf seine Schütte trockenen Heidekrautes ausgestreckt – da meldete der Soldat, der vor seinem Zelt auf Posten stand, zwei Männer wünschten Se. Exzellenz zu sprechen.
»Wie heißen sie?« fragte Montrose, »und was führt sie zu so später Stunde her?«
Der Mann, ein Ire von Colkittos Leuten, konnte hierüber keine Auskunft geben, und Montrose hatte sich kaum von seinem Lager erhoben, als die beiden Männer auch schon hereintraten: Der eine in einem Kleide von Gemsleder, das fast ganz zerfetzt war, der andere, ein großer, alter, hochaufgerichteter Hochländer, dessen eisengraues Gesicht in Frost und Sturm verwittert war.