Bertram erkannte daraus, daß eine neue Gefahr über ihm schwebte, vielleicht bedrohlicherer Art, als ein kurzer Arrest sie ihm hätte bringen können, sowie weiter, daß ein unbekannter Freund über ihm wachte und für ihn arbeitete ... »Sagtet Ihr nicht, Freund Dinmont,« fragte er, »der Gabriel, von dem Ihr spracht, gehöre zu den Zigeunern im Lande?« »So heißt es,« antwortete Dinmont, »und was wir jetzt erfahren, macht es sehr wahrscheinlich. Die wissen alles voneinander und untereinander und tragen Neuigkeiten durch das ganze Land von einem Ende zum andern. Daß ich's übrigens nicht vergesse, nach dem alten Weibe, das wir in Newcastle gesehen, hat Tod und Teufel gefragt – die Behörde hat an allen Ecken und Enden nach ihr suchen lassen und eine Prämie von fünfzig Pfund auf ihren Kopf gesetzt, aber kriegen wird man sie drum doch nicht, wenn sie sich nicht kriegen lassen will.«
»Und warum wird sie gesucht?« fragte Bertram.
»Kann's nicht sagen. Was drüber geschwatzt wird, ist wohl dummes Zeug; bei den einen heißt's, sie könne sich unsichtbar machen und durch Schlüssellöcher kriechen – andre, sie sei schon über hundert Jahre alt und könne von den unruhigen Zeiten erzählen, als die Stuarts aus dem Lande gejagt wurden. Ja, hätte ich gewußt, daß es die Meg Merrilies wäre, die wir in der Schenke sahen, so hätte ich ihr schon was in die Hände gedrückt.«
Bertram lauschte Dinmonts Worten sehr gespannt, trafen sie doch in so manchen Stücken mit all dem zusammen, was er selbst von der alten Sibylle gesehen. Nach kurzem Besinnen meinte er, sich nicht wortbrüchig zu machen, wenn er dem Freunde, der von der Zigeunerin eine so gute Meinung zu haben schien, alles erzählte, was er in Derncleugh erlebt hatte.
Dinmont schüttelte drob seine schwarzen Locken ... »Ja, ja, Gutes und Böses wohnt beides in diesem wunderlichen Volk, und uns geht's nicht an, wenn sie gemeinsame Sache mit dem Bösen machen – das müssen sie 'mal selbst ausbaden – soviel bloß weiß ich, die Schmuggler lassen, wenn einer von ihnen im Kampfe geblieben, immer gleich ein Weib wie die alte Meg holen, damit sie die Leiche in Ordnung bringt; von einem Begräbnis wie wir, wissen sie nichts; hat die Leiche, was ihr zukommt, dann wird sie verscharrt wie ein Hund. Bloß ein altes Weib muß dabei sein, das alte Lieder oder Zaubersprüche herleiert. Ich wette, der Tote war einer von den Leuten, die bei dem Woodbourner Brande erschossen wurden.«
»Aber Woodbourne ist ja nicht niedergebrannt worden,« fiel ihm Bertram ins Wort.
»Nun, recht gut für alle, die darin wohnen. Bei uns hat's geheißen, es sei kein Stein auf dem andern geblieben. Aber gekämpft worden ist, und ohne Frage ist der Tote auch dort geblieben, wie auch die Zigeuner Ihnen das Felleisen genommen haben, als Ihre Kutsche im Schnee steckte.«
»Wenn das alte Weib aber so viel Macht über sie hat, warum konnte sie mich nicht offen beschützen und mir meine Habe zurückgeben lassen?«
»Wer vermöchte das zu sagen?« versetzte Dinmont, »die andern werden wohl auf ihrem Willen bestehen, wenn ihnen Profit winkt. Es waren ja doch auch Schmuggler mit dabei, und über sie hat die Meg nicht soviel Gewalt. Und dann ist wohl auch zu bedenken, daß die Alte nicht ganz richtig im Kopfe ist. Das Wahrsagen mag sie wohl verstehen, zum wenigsten glaubt sie selbst steif und fest daran und richtet sich immer nach ihrem wunderlichen Getue – aber bleib mir einer mit solchem Krame, wie Zauberei, Leichenverscharren und dergleichen vom Halse! wir leben doch in keinem Märchenparadiese!«
Mac Guffog störte die Unterhaltung, indem er die Riegel wegschob und den Kopf zur Tür hereinsteckte ... »Na, nun wird s Zeit, Herr Dinmont,« fügte er, »eine Stunde haben wir Euch zu Gefallen zugegeben, aber jetzt müssen wir die Bude schließen – Sie müssen sich in Ihr Quartier begeben.«
»Ich, Freund? Reden Sie nicht! ich schlafe heute nacht hier. Ein Bett ist ja übrig.«
»Das geht nicht,« versetzte Mac Guffog – »unter keinen Umständen.«
»Geht nicht? Sie meinen, ich gehe nicht? Na, das sollen Sie auch erleben. Nicht von der Stelle geh ich. Kommt her und nehmt mal ein paar gute Schlucke.«
Mac Guffog nahm ein paar gute Schlucke, bestand aber auf seinem Begehr ... »Es ist wider die Hausordnung, Herr Dinmont! Hier haben bloß Missetäter und Vagabunden Unterkunft, und Sie sind keins von beiden,«
»Den Kopf schlag ich Euch ein, Kerl, wenn Ihr das Maul noch einmal aufmacht – und hier Anspruch auf ein Nachtquartier zu haben, wird dann wohl weitere Missetat nicht von nöten sein.«
»Aber, Herr Dinmont, es ist wider die Hausordnung, und ich komme um mein Amt!«
»Mac Guffog, nur zwei Worte noch! Ihr kennt mich und wißt, daß ich keinem Arrestanten zur Freiheit verhelfe.«
»Woher soll ich das wissen?«
»Wißt Ihr das nicht, dann was anderes: z. B., daß Euch Euer Amt zuweilen in unser Tal führt. Laßt mich heut ruhig beim Rittmeister nächtigen; ich zahle Euch die doppelte Stubentaxe – sagt Ihr aber nein, dann gibt's eine Prügelsuppe, wie noch nie, sobald Ihr wieder einen Fuß zu uns ins Tal setzt.«
»Gut denn, Herr Dinmont, wer auf seinem Kopfe besteht, muß seinen Willen haben. Das ist 'mal nicht anders. Aber werd' ich darüber zur Rede gestellt, dann weiß ich, an wen ich mich zu halten habe. Das laßt Euch gesagt sein.«
Darauf ging er, visitierte noch sämtliche Türen und begab sich zur Ruhe.
»Es ist zwar noch nicht spät,« meinte Dinmont, als sie allein waren und die Glocke die neunte Stunde schlug; »aber Sie sind müde, wie ich merke. Legen wir uns aufs Ohr, wenn Sie keine Lust haben, noch einen Becher mit mir zu leeren.«
Bertram ließ sich nicht lange nötigen, konnte sich aber, als er sich das Bett ansah, nicht zum Auskleiden entschließen, sondern warf sich in Sachen auf die von der Schließerin für rein erklärten und doch höchst unsaubern Laken.
»Sie haben recht, Rittmeister,« meinte Dinmont, »und ich will's ebenso machen; zum Glück wird mein Flausrock schon was abhalten.«
Und mit einer Wucht, daß alle Fugen krachten, warf er sich auf das Bett, und sein Schnarchen verriet bald, daß er im tiefsten Schlafe lag.