»Womit kann ich Euch dienen, Freunde?« fragte der Graf und legte unwillkürlich die Hand an eine seiner Pistolen, denn die Zeit überhaupt wie auch die nächtliche Stunde ließen einen Verdacht, den obendrein ein nicht gerade harmloses Aussehen seiner Gäste verstärkte, durchaus als gerechtfertigt erscheinen.
»Mein edler General und ehrenwerter Lord,« sagte der im Gemskleide, »ich möchte Euch Glück wünschen zu den großen Siegen, die Ihr errungen habt, seit ich das Glück hatte, von Euch zum Abgesandten erkoren zu werden. Das Treffen von Tippermuir war eine sehr hübsche Bataille – dennoch aber möchte ich Euch den Rat geben –«
»Ehe Ihr das tut,« unterbrach ihn der Graf, »laßt mich doch bitte wissen, wer mich mit seinen Ratschlägen beehren will.«
»Meiner Treu, Mylord,« war die Antwort, »ich hätte nicht geglaubt, daß dies vonnöten sei, da ich doch vor gar nicht langer Zeit erst als Major mit einem halben Taler Sold pro Tag bei Euch in Dienst getreten bin. Hoffentlich hat Eure Lordschaft nicht ebenso meinen Sold wie meine Person vergessen.«
»Mein guter Freund, Major Dalgetty,« rief Montrose, sich jetzt des Mannes vollkommen erinnernd. »Bedenkt, wieviel sich inzwischen ereignet hat, daß ich wohl die Gesichter einiger Freunde habe vergessen können. Auch ist die Beleuchtung sehr schlecht. – Was bringt Ihr neues aus Argylshire? Ich gab Euch schon verloren und wollte eben nachdrücklichste Rache an dem alten Fuchs nehmen, der das Kriegsrecht in Eurer Person verletzt hat.«
»Meiner Treu, mein edler Lord,« antwortete Dalgetty, »ich verdanke es auch keineswegs der Gunst oder Gnade des Marquis von Argyle, daß ich jetzt vor Euch stehe, und es sei ferne von mir, ein gutes Wort für ihn einzulegen. Daß ich mit dem Leben davon gekommen bin, verdanke ich zunächst Gott, dann meiner eignen Geschicklichkeit als erfahrener Krieger und schließlich der Hilfe dieses alten Hochländers, den ich der besondern Gunst Eurer Lordschaft empfehle. – Knie nieder, Ranald, und küsse Sr. Exzellenz die Hände.«
Da diese Ehrerbietung nicht der in Ranalds Vaterland üblichen Sitte entsprach, begnügte er sich, die Hände über der Brust zu kreuzen und das Haupt tief zu neigen.
»Was ist Euer Name, Freund?« fragte Montrose den Hochländer.«
»Mein Name darf nicht genannt werden,« antwortete der Bergbewohner.
»Das heißt,« setzte Major Dalgetty erläuternd hinzu, »er wünscht seinen Namen geheim zu halten, weil er nämlich früher mal ein Schloß überfallen, ein paar Kinder getötet und noch andere Streiche verübt hat, wie es eben im Kriege so zugeht.«
»Ich verstehe,« sagte Montrose, »dieser Mann liegt mit einigen meiner Anhänger in Fehde. Er mag auf die Wachtstube gehen, und wir wollen uns überlegen, wie wir ihm am besten Schutz gewähren können.«
»Hört Ihr, Ranald,« sagte Major Dalgetty mit großtuerischer Miene, »Se. Exzellenz wünscht mit mir einen Kriegsrat abzuhalten. Ihr müßt so lange auf die Wache gehen – er weiß nicht, wo das ist, der arme Kerl – er ist zwar ein alter Mann, aber noch ein sehr junger Soldat. Ich will ihn unter die Obhut eines Postens bringen und bin sofort wieder bei Eurer Lordschaft.«
Die ersten Fragen, die Graf von Montrose an Kapitän Dalgetty richtete, betrafen die Gesandtschaft nach Inverary. Als die Papiere ihm übergeben worden waren, die Dalgetty im Kabinett Argyles sich angeeignet hatte, riß Montrose eine Fackel von der Wand und vertiefte sich eine zeitlang in diese Akten, die anscheinend etwas enthielten, das seinen Ingrimm gegen seinen Rivalen Argyle erregte.
»Er fürchtet mich nicht!« rief er, »so soll er meine Macht fühlen. Schloß Murdoch will er in Brand stecken! – vorher sollen in Inverary die Rauchwolken aufsteigen! hätte ich nur jemand, der mich durch den Forst von Strathfillan führte!«
Dalgetty begriff sogleich, worauf Montrose hinaus wollte, und erwiderte:
»Wenn Eure Exzellenz einen Angriff gegen Argyleshire plant – dieser arme Mann Ranald und seine Gefährten kennen jeden Weg und Steg in diesem Landstrich.«
»Wirklich?« rief Montrose. »Woher glaubt Ihr das zu wissen?«
»Ich bin eine zeitlang bei dieser Sippe gewesen, bis meine Wunde geheilt war, und da hatte ich reichlich Gelegenheit, ihre ganz ausgezeichnete Kenntnis dieses Landes zu bewundern. Diese biedere, schlichte Kreatur, Ranald Mac Eagh, hat mich und meinen edeln Gustavus auf sichern Pfaden hergeführt und ich habe mir selber gesagt, wenn man Führer oder Kundschafter auf einem Streifzuge durch dieses Gebiet braucht, kann man keine bessern finden, als ihn und seine Genossen.«
»Könnt Ihr dafür bürgen, daß der Mann zuverlässig ist?« fragte Montrose. »Wie heißt er und was treibt er?«
»Von Beruf ist er Räuber und Dieb, ab und zu auch ein bißchen Mörder und Totschläger,« antwortete Dalgetty, »und heißt Ranald Mac Gagh, das bedeutet Ranald, Sohn des Nebels.«
»Ich erinnere mich dieses Namens,« erwiderte Montrose. »Aber es ist sehr fatal, daß zwischen dieser Sippe und den Mac Aulays tödliche Feindschaft herrscht. Allan war sehr tapfer im Kriege und hat durch seine Wildheit und sein geheimnisvolles Wesen großen Einfluß auf seine Landsleute. Es könnte unangenehme Folgen haben, ihn irgendwie zu kränken. Wie könnten wir uns aber davor sichern, daß diese Fehde wieder zum Ausbruch kommt?«
Er schwieg und setzte dann hinzu:
»Ich vergaß, daß ich schon zu Abend gegessen habe, Ihr aber habt einen Ritt bei Mondschein gemacht.«
Er ließ durch einen Diener Wein und Erfrischungen bringen, über die sich Kapitän Dalgetty mit dem Appetit eines Rekonvaleszenten hermachte.
»Noch liegt mir Argyles schwarzes und schimmliges Brot im Magen, und die Gerichte der Kinder des Nebels haben so wenig bei mir angeschlagen, daß ich in meiner Rüstung saß, wie ein verschrumpfter Kern in einer Nuß. Ich werde auch nicht eher das verlorene Gewicht wieder ersetzen können, als bis ich allen rückständigen Sold ausbezahlt bekommen habe.« »Laßt uns nur erst noch eine Schlacht gewinnen, nur einen Sieg noch, Major, und alle Eure Wünsche sollen erfüllt werden! Inzwischen trinkt noch einen Becher Wein!«
»Auf Euer Wohlsein, Exzellenz!« rief Dalgetty. »Mögt Ihr siegen über alle Eure Feinde und besonders über Argyle!«
»Schon gut!« versetzte Montrose. »Was aber die Kinder des Nebels anbelangt, so muß es selbstverständlich ein Geheimnis zwischen uns beiden bleiben, daß wir diese Sippe bei uns haben, und wozu wir sie gebrauchen.«
Der Major, über dieses Zutrauen seines Generals entzückt, gab durch ein Kopfnicken sein Einverständnis kund.
»Wie groß an Zahl ist Ranalds Sippschaft?« fragte Montrose.
»Soviel ich weiß, sind es nur noch ihrer acht oder zehn und ein Paar Weiber –« antwortete Major Dalgetty.
»Wo halten sie sich jetzt auf?« fragte Montrose.
»In einem Tale drei Meilen von hier,« erwiderte der Soldat. »Sie harren dort der Befehle Eurer Exzellenz, denn ich hielt es nicht für angebracht, sie in Euer Lager zu bringen.«
»Das war sehr vernünftig von Euch,« sagte Montrose. »Die Leute mögen nur bleiben, wo sie sind. Ich will ihnen Geld schicken – allerdings habe ich jetzt selber herzlich wenig.«
»Wie Euer Exzellenz beliebt.«
»Ranald Mac Eagh soll zwei seiner Leute aussuchen, auf die er sich verlassen kann. Er selbst und diese Männer sollen dann unsere Führer sein. Morgen bei Tagesanbruch sollen sie vor mein Zelt kommen. Hat der alte Mann noch Kinder?«
»Die haben alle im Kampfe oder am Galgen ihr Ende gefunden,« versetzte der Major, »er hat aber noch einen vielversprechenden Enkel –«
»Dieser Knabe soll mein Leibpage werden, ich glaube er wird soviel Verstand haben, daß er seinen Namen geheim halten kann. Der Knabe soll mir eine Geisel für die Treue seines Vaters sein. Und nun, Major Dalgetty, muß ich Euch für heute abend entlassen, morgen führt mir diesen Mac Eagh unter irgend einem Namen vor. Mein Kammerdiener wird Euch Euer Quartier anweisen.«