Achtundzwanzigstes Kapitel
Bei Morgengrauen empfing Montrose den alten Mac Eagh. Die Antworten, die Ranald ihm auf seine vielen Fragen erteilte, schrieb er sich auf und verglich damit die Antworten der beiden Männer, die ihm Mac Eagh als die gewandtesten und erfahrensten zuführte. Obgleich die verschiedenen Aussagen völlig übereinstimmten, befragte er doch noch zur Vorsicht die Häuptlinge, deren Besitzungen Argyleshire am nächsten lagen, und verglich nun auch deren Bescheid mit der Auskunft der Söhne des Nebels.
Nunmehr fest überzeugt von der Richtigkeit der Angaben, beschloß er, vertrauensvoll darauf einzugehen. Nur in einem Punkte wich er von seiner Absicht ab. Er hielt es nicht für angebracht, den Burschen Kenneth zu seinem Pagen zu machen, er bat daher Major Dalgetty, den Knaben in seinen Dienst zu nehmen, womit dieser einverstanden war.
Zur Frühstückszeit besuchte Major Dalgetty seine alten Bekannten, Lord Menteith und Allan Mac Aulay, denen er seine Abenteuer mitzuteilen wünschte. Das Wiedersehen bereitete ihnen natürlich Vergnügen, denn jede Abwechslung in ihrem gleichförmigen Soldatenleben war ihnen willkommen.
Nur Allan Mac Aulay benahm sich etwas zurückhaltend, worüber Major Dalgetty natürlich ein wenig pikiert war.
Ranalds Tracht aus gewürfeltem Zeug war inzwischen mit einem Anzug vertauscht worden, der, aus einem Stück verfertigt und von oben bis unten mit Schnüren besetzt, aus einer Ärmelweste mit Schößen, einer gewirkten Hose und einer Mütze aus kariertem Stoff bestand.
Den Blick auf Allan Mac Aulay heftend, stellte Major Dalgetty den Sohn des Nebels vor unter dem erfundenen Namen Ranald Mac Gillihuron von Benbecula, mit dem er zusammen aus dem Kerker Argyles entronnen sei. Er lobte die Künste des Mannes im Harfen- und Zitherspiel, auch sei ihm die Gabe des zweiten Gesichts verliehen.
Bei diesen Worten geriet Major Dalgetty in Verlegenheit, er stammelte und stockte, was sonst bei seiner Zungenfertigkeit gar nicht seine Art war. Hierdurch hatte er Allan Mac Aulay mißtrauisch machen müssen, hätte dieser nicht seine ganze Aufmerksamkeit darauf verwendet, gespannten Blickes in den Zügen der ihm vorgestellten Person zu lesen. Dieser feste Blick brachte Ranald derart aus der Fassung, daß er, eines Angriffs gewärtig, die Hand an seinen Dolch legte – da kam Allan Mac Aulay plötzlich auf ihn zu und reichte ihm die Hand zum Gruß.
Sie setzten sich nebeneinander und unterhielten sich leise und geheimnisvoll.
»Tritt das Gesicht finster vor Euern Geist?« fragte Allan seinen neuen Bekannten.
»Finster wie der Schatten vor den Mond,« erwiderte Ranald, »wenn er sich auf seiner Bahn verdunkelt und Seher böse Zeiten prophezeien.«
Während die beiden in ihr mystisches Gespräch vertieft waren, traten die beiden englischen Ritter in das Zelt und meldeten Angus Mac Aulay, daß sich alles für einen baldigen Marsch nach Westen bereit halten sollte.
»In diesem Falle,« sagte Angus, »muß ich Befehl erteilen, daß Annot Lyle sicher transportiert wird, denn bis ins Gebiet Mac Cullum Mores ist es ein weiter und beschwerlicher Marsch.«
»Ist denn Annot Lyle beim Heere?« fragte Major Dalgetty.
»Gewiß,« antwortete Sir Miles Musgrave, »wir können nicht marschieren noch kämpfen, nicht vorrücken noch zurückgehen ohne diese Königin der Harfe.«
»Würdet Ihr ein unschuldiges Mädchen, die Gespielin Eurer Kindheit, in Not und Elend umkommen lassen? Kein Dach ist jetzt auf der Stätte meiner Väter – unsere Ernte ist vernichtet – unser Vieh hinweggetrieben – Ihr Herren könnt Gott danken, daß Ihr nicht in einem Lande wohnt, wo unbarmherziger Krieg beständig Euer Leben und die schutzlosen Pfänder Eurer Liebe gefährdet!«
Die Gesellschaft zerstreute sich, und ein jeder ging seinen besonderen Verrichtungen nach.
Allan blieb einen Augenblick zurück, um Ranald Mac Eagh über eine Vision zu befragen, die ihm große Unruhe bereitete.
»Öfters hatte ich die Vision eines Galen,« sagte er, »der seine Waffe in Menteiths Leib zu stoßen schien – dies ist der junge Edelmann im scharlachroten Mantel. Ich starrte hin, und meine Augen traten fast aus ihren Höhlen, aber wie sehr ich mich auch anstrengte, das Angesicht dieses Hochländers habe ich nicht sehen können. Auch kann ich mir nicht denken, wer es sein mag, obzwar mir Haltung und Gestalt bekannt vorkamen.«
»Habt Ihr Euern Mantel umgekehrt?« fragte Ranald Mac Eagh. »Erfahrne Seher machen es so.«
»Das tat ich,« entgegnete Allan leise, vor innerm Seelenschmerz erschaudernd.
»Und wie erschien Euch dann der Schemen?«
»Er hatte auch den Mantel umgedreht,« antwortete Allan leise und krampfhaft.
»Dann könnt Ihr überzeugt sein, daß Ihr selber und niemand anders die Tat vollbringen werdet, die Ihr als Spukbild gesehen.«
»Was habe ich voller Angst oft selber vermutet,« entgegnete Allan. »Aber das ist unmöglich! Wenn ich es selbst lesen könnte im ewigen Buche des Schicksals, ich würde es für unmöglich erklären! Wir sind Blutsverwandte und durch engste Freundschaft mit einander verknüpft – wir haben in Schlachten nebeneinander gefochten – unsere Schwerter haben gedampft vom Blute derselben Feinde – es ist unmöglich, daß ich gegen ihn den Dolch zücken sollte!«
»Es steht fest, daß Ihr es tun werdet,« antwortete Ranald Mac Eagh, »wenn auch die Ursache im Dunkel der Zukunft liegt. Ihr sagt, Ihr wäret Seite an Seite mit Bluthunden Euerm Wilde gefolgt? Saht Ihr noch nie, wie Bluthunde die Zähne gegeneinander fletschten und um den Kadaver eines erwürgten Hirsches sich stritten?«
»Es ist nicht wahr,« rief Allan, »nicht die Vorbedeutung des Schicksals ist es, sondern die Versuchung eines bösen Geistes der Hölle!«
Mit diesen Worten ging er hinaus.
Der Sohn des Nebels sah ihm mit verzückten Blicken nach.
»Ha!« rief er aus. »Der Widerhaken des Pfeiles sitzt in deiner Hüfte! Freut euch, ihr Geister der Erschlagenen! Die Schwerter eurer Mörder werden sich baden im eigenen Blute!«
Neunundzwanzigstes Kapitel
Am nächsten Morgen war alles bereit. In Eilmärschen erreichte Montrose den Tayfluß und überflutete mit seinen Streitkräften das romantische Tal des gleichen Namens. Die Bewohner waren Vasallen des mit Argyle nah verwandten Hauses Glenorchy. Sie vermochten keinen Widerstand zu leisten und mußten die Verwüstung wehrlos mitansehen, der ihre Häuser und Herden anheimfielen.
Selbst für ein Heer unserer Zeit wäre der Marsch durch diese weite Wildnis eine schwere Aufgabe gewesen. Damals aber war noch gar keine Straße vorhanden, und die Schwierigkeit war dadurch noch gesteigert, daß schon Schnee auf den Bergen lag. Erhaben sah die in glänzendem Weiß erstrahlende Masse aus, während die dahinter liegenden Höhen in rosigem Abendrot erstrahlten. Weit über alle hinweg ragte der Ben Cruachan, die Feste der Berggeister dieser Gegend, mit seinem leuchtenden Gipfel viele Meilen weit sichtbar.
Montroses Mannen ließen sich durch den erhabenen, aber doch auch furchtbaren Anblick nicht abschrecken. Hinter dem Schneegebirge winkte Raub und Rache, und das flößte ihnen Eifer ein, alle Schwierigkeiten zu überwinden.
Mit der Schnelligkeit von Bergbewohnern rückten die Truppen vor, und hatten bald den gefahrvollen Paß erreicht, auf dem Ranald sie führen sollte. Die schwache Menschenkraft erscheint am allerverächtlichsten im Kontrast zu erhabenen und furchtbaren Naturszenen. Montroses überall siegreiches Heer, vor dem ganz Schottland erbebte, erschien nur noch wie eine Handvoll elender Nachzügler, als der erste schauerliche Paß überwunden war. Jeden Augenblick konnten sie in den Schluchten des Gebirges versinken, deren Abgründe unter ihnen klafften.