Montrose selbst bereute fast die Tollkühnheit seines Unternehmens, als er vom Gipfel der ersten erklommenen Höhe herab sein auseinander gezogenes Heer übersah. Schon waren in der Marschkolonne weite Lücken, die Verwirrung hervorriefen und Gefahr mit sich brachten. Später äußerte er oft, 200 beherzte Kerle hätten die Pässe halten und sein Heer zurückwerfen können.
Um einer weitern Panik vorzubeugen, teilte Montrose sein Heer in drei Abteilungen; das erste führte der alte Ranald, das zweite Colkitto, das dritte Montrose selber. Nun konnte er von drei Seiten in die Grafschaft Argyleshire einrücken. Das erste Zeichen dieses furchtbaren Überfalls war, daß die Schäfer von den Bergen flüchteten. Ehe noch die Mannen des Clans aufgeboten waren, hatte der Feind, ihren Bewegungen zuvorkommend, sie schon niedergemacht, entwaffnet oder zerstreut.
Argyle konnte sich nur durch rasche Flucht vorm Tode oder der Gefangenschaft retten. Wenn aber Argyle auch dem Gericht entging, so wurde sein Land und seine Sippe umso schwerer heimgesucht, und die Verwüstung dieses unglücklichen Landes ist oft mit Recht als ein Flecken auf dem Ehrenschild Montroses bezeichnet worden.
Der Marquis war nach Edinburgh geflüchtet, um beim Parlament Klage zu erheben. Im Drang des Augenblicks war eine zahlreiche Armee unter dem gewandten und zuverlässigen General Baillie aufgeboten worden. Auch Argyle hatte in seinem Rachedurst eine beträchtliche Anzahl von Streitern gesammelt. In Dunbarton vereinigte er sich mit Baillie und rüstete sich zum Anmarsch gegen seinen Feind.
Inzwischen war noch ein drittes Heer unter dem Grafen von Seaforth zusammengetreten, das Montrose von Invernesshire aus bedrohte. Nun schien Montroses Untergang gewiß, denn er war von allen Seiten von überlegenen Streitkräften eingeschlossen. Allein gerade in solchen Gefahren riß die Tatkraft und Unternehmungslust des großen Mannes seine Freunde zur Bewunderung, seine Feinde zu erstauntem Schrecken hin. Wie mit einem Zauberschlage hatte er seine verstreute Macht aus dem verheerten Lande geführt und sich nach Norden in die Gebirge von Lochaber zurückgezogen.
Scharfsinnig erkannten die gegen Montrose entsandten Generäle sofort, daß ihr tatkräftiger Gegner beabsichtige, dem Grafen Seaforth eine Schlacht anzubieten, um ihn womöglich zu vernichten, ehe ihm noch Hilfe gebracht werden konnte. Sie änderten nun ihre Maßnahmen entsprechend. Baillie trennte sich von Argyle, zog an der Südseite der Grampianberge hin, rückte in die Grafschaft Angus und wollte von dort bis nach Aberdeenshire vorgehen, um Montrose aufzufangen.
Argyle marschierte hinter Montrose her, um ihm, wenn
er sich mit Seaforth oder Baillie in einen Kampf einließ, in den Rücken zu fallen.
In diesem Zweck rückte Argyle wieder nach Inverary. Hier stand er nun an der Spitze von 3000 mutigen Kriegern. Er hatte den Oberbefehl, seine Unterbefehlshaber waren Sir Duncan Campbell von Ardenvohr und Sir Duncan Campbell von Auchenbreck – ein erfahrener, alter Soldat, aber bei Argyles unzugänglichem Wesen war es unmöglich, daß die Ratschläge seiner unerschrockenen Kommandeure zur Ausführung gelangten. Trotzdem er die Übermacht hatte, blieb er dabei, hinter Montrose herzumarschieren und ein Gefecht vorläufig zu vermeiden.
Dreißigstes Kapitel
Obwohl die zur Verfügung stehenden Wege schon schlecht genug waren, schlug Montrose doch noch schlechtere ein, und wie ein Rudel wilder Hirsche zog seine Schar von Gebirg zu Gebirg, von Forst zu Forst. Dabei wurden Argyles Operationen scharf überwacht, und jede Kunde über sein Verhalten dem General sofort übermittelt.
Von den Strapazen des Tages erschöpft, hatte Montrose sich in einer Mondnacht zum Schlafe in einem Schuppen niedergestreckt. Kaum hatte er ein paar Stunden geschlummert – da faßte ihn jemand an der Schulter. Er sah auf und erkannte an der hohen Gestalt und der tiefen Stimme den Häuptling der Camerons.
»Ich bringe Euch wichtige Meldung,« sagte der Häuptling, »steht auf und hört!«
»Mac Ilduy bringt nur Wichtiges,« sagte Montrose. »Ist es gute oder schlechte Kunde?«
»Wie Ihrs nehmt,« antwortete der Häuptling.
»Und zuverlässig?« fragte Montrose.
»Ja, sonst hätte sie Euch ein andrer Bote gebracht,« antwortete Mac Ilduy. »Hört! Mit sechs meiner Leute bin ich voraus gegangen nach Inverlochy zu, und ich stieß auf Jan von Glenoy, der als Kundschafter ausgeschickt war. Argyle ist auf dem Marsche nach Inverlochy mit 3000 auserlesenen Kriegern – dies ist meine Nachricht, sie ist zuverlässig, was sie wert ist, mögt Ihr selber abschätzen.«
Er ließ sich Licht bringen und überzeugte sich bald, daß er über nicht mehr als 1200 bis 1400 verfügte, denn seine Anhänger hatten sich wieder zum größten Teil zerstreut, um ihre Beute in Sicherheit zu bringen.
»Ein Drittel von dem, was Argyle hat,« sagte Montrose. »Hochländer gegen Hochländer! Mit Gottes Segen für die Sache des Königs würde ich nicht zaudern, wären wir nur bloß zwei gegen einen!«
»Wohl, so zaudert nicht!« sagte Mac Ilduy. »Gebt das Zeichen zum Angriff gegen Mac Cullum More, und niemand in den Tälern wird taub bleiben gegen Eure Mahnung. Ich selber würde mit Feuer und Schwert die erbärmlichen vernichten, die zurückbleiben sollten. Morgen oder übermorgen soll der Tag der Schlacht für alle sein, die sich Mac Donell oder Cameron nennen!«
»Mutig gesprochen, edler Freund, wir wollen also die Häuptlinge so rasch wie möglich zusammenrufen. Ihr selbst, Mac Ilduy, sollt uns auf dem nächsten Wege dem Feinde entgegenfahren!«
Bald darauf war Alarm im Lager, und alles erhob sich von der rauhen Lagerstatt.
»Ich hätte mir nie träumen lassen,« sagte Major Dalgetty, als er sich von einer Schütte von Heidekraut erhob, »daß ich von einem Bette, das so hart ist wie ein Stallbesen so mißmutig aufstehen würde!«
Mit diesen Worten ging er in den Kriegsrat. Hier stimmte auch er dafür, daß man zurückmarschieren und Argyle die Spitze bieten sollte.
Die Häuptlinge von Glengarry, Keppoch und Lochiel sandten das feurige Kreuz ihren Vasallen, um jeden kampffähigen Mann zu dem Heere Montroses zu rufen, das nach Inverlochy vorrücken sollte. Der nachdrücklich gegebene Befehl wurde schnell und willig befolgt.
Während Montrose seinen Marsch ausführte, war Argyle an der Spitze seines Heeres bis zum Fluße Loch–eil vorgerückt. Das alte Schloß Inverlochy, früher eine königliche Festung, bot ein geräumiges Hauptquartier für Argyles Heer. Im Kriegsrate äußerte Argyle seine feste Überzeugung, daß Montrose so gut wie vernichtet wäre, daß seine Truppen sich lichten mühten, sobald er auf so rauhen Pfaden weiter gen Osten rückte, daß er, wenn er weiter gen Norden rückte, dem Heere Seaforths nicht entrinnen könne; wenn er aber Halt machen würde, so wäre er dem Angriffe von drei Heeren auf einmal ausgesetzt.
»Ich kann keinen Geschmack an dem Plane finden, daß wir so wenig bei der Vernichtung James Grahams mitwirken sollen, mich verlangt danach, Blutstropfen gegen Blutstropfen mit ihm abzurechnen. Mir paßt es nicht, daß für solche Schulden ein dritter Abrechnung halten soll.«
»Da nehmt Ihrs zu genau,« sagte Argyle, »was hat es zu sagen, durch wessen Hand Grahams Blut vergossen wird? Vor allem ist es Zeit, daß keines mehr von den Söhnen von Diarmid fließe. Was meint Ihr dazu, Ardenvohr?«
»Ich meine, Mylord, Auchenbreck wird Gelegenheit erhalten, persönlich mit Montrose abzurechnen. Unsere Vorposten haben gemeldet, die Camerons zögen ihre ganze Macht am Rande, des Ben–nevis zusammen. Daraus geht nicht hervor, daß sie den Rückzug zu decken, sondern daß sie sich dem Heere Montroses anzuschließen beabsichtigten.«
»Jedenfalls verfolgen sie den Plan, uns anzulocken,« sagte Argyle. »Montrose beabsichtigt sicher, unsere Vorposten anzugreifen oder sich morgen mit uns in Plänkeleien einzulassen.« »Ich habe Kundschafter nach jeder Richtung ausgesandt,« sagte Sir Duncan, »und wir werden bald hören, wo und in welcher Absicht der Feind sich zusammenziehen, wird.«