Einunddreißigstes Kapitel
In später Stunde erst, als der Mond schon aufgegangen war, trafen die Nachrichten ein. Gleich darauf war Alarm im Lager und im Schlosse.
Von den Kundschaftern, die Ardenvohr ausgesandt hatte, brachten einige nur unverbürgte Mitteilungen über Truppenbewegungen im Lande der Camerons. Andere, die sich weiter gewagt hatten, waren in einen Hinterhalt gefallen und erschlagen worden.
Die Vorhut Montroses stieß mit den Vorposten Argyles zusammen, beide tauschten ein paar Musketenschüsse aus und zogen sich dann auf ihr Gros zurück, um Meldung zu erstatten und weiteren Befehl zu empfangen. Sir Duncan Campbell und Auchenbreck revidierten unverzüglich die Vorposten, und Argyle als Oberbefehlshaber machte seiner Stellung einigermaßen Ehre, indem er seine Truppen geschickt in der Ebene aufstellte, weil ein Überfall bei Nacht oder ein Angriff am frühen Morgen sicher zu gewärtigen stand.
Montrose hatte sich so vorsichtig in den Schluchten verborgen, daß Sir Duncan und Auchenbreck trotz aller Bemühungen keine genauen Erkundigungen über die Zahl seiner Streitkräfte einziehen konnten. Das jedoch konnten sie erkennen, daß er bedeutend schwächer sein mußte als sie. Sie teilten Argyle ihre Beobachtungen mit, der aber gar nicht glauben wollte, daß Montrose selber zugegen wäre.
Dies wäre seiner Meinung nach eine Anmaßung, die selbst James Graham in seinem wahnwitzigen Dünkel nicht zuzutrauen wäre. Er glaubte, nur seine alten Feinde, Glenco Keppoch und Glengarry vor sich zu haben.
Argyles Anhängen dürsteten nach Rache für das Ungemach, das ihrem Lande zugefügt worden war. Die Nacht verbrachten sie in der gespannten Hoffnung, mit Tagesanbruch Vergeltung üben zu können. Die Vorposten beider Heere hielten sorgfältig Wacht, und Argyles Streiter schliefen in Gefechtsbereitschaft.
Kaum rötete das erste Dämmerlicht die Gipfel der riesigen Berge, da rüsteten sich schon die Führer beider Heere zum Kampfe.
Es war am zweiten Februar. Argyles Heer stand in zwei Treffen zwischen dem Fluß und dem See in gewaltiger Schlachtordnung.
Auchenbreck war dafür, den Angriff selber zu eröffnen; aber Argyle in seiner vorsichtigen Manier entschloß sich, abzuwarten.
Bald verkündeten Signale, daß der Feind zum Angriff vorging. Von der Schlucht des Passes her erscholl ein lauter Trompetenstoß – jenes alte Signal, womit nach schottischer Sitte des Königs Banner begrüßt wurde.
»Nun hört Ihrs, Mylord,« sagte Sir Duncan Campbell, »daß jener Mann, der sich zum Stellvertreter des Königs aufwirft, selber dabei ist.«
Argyle antwortete nicht; er sah auf seinen Arm, den er in der Binde trug; denn er war am Tage vorher mit dem Pferde gestürzt.
»Ihr selbst, Mylord,« fiel Ardenvohr sofort beflissen ein, »seid allerdings nicht imstande, Degen oder Pistole zu führen. Ihr müßt an Bord Eurer Galeere zurückkehren; denn Euer Leben ist uns kostbarer als das eines Häuptlings.«
»Nein,« versetzte Argyle, im Zwiespalt zwischen Stolz und Unschlüssigkeit, »nie soll man sagen können, ich sei vor Montrose geflüchtet. Wenn ich auch nicht fechten kann, so will ich doch inmitten meiner Kinder sterben.«
Auch andere Häuptlinge beschworen ihr Stammesoberhaupt, den Oberbefehl an diesem Tage an Ardenvohr abzutreten, und diesem Drängen gab Argyle schließlich nach.
Es soll ihm nicht der Vorwurf der Feigheit gemacht werden, denn wenn er sich auch in seinem Leben durch keine Tat der Tapferkeit ausgezeichnet hat, so hat er doch bei seinem Tode auf dem Schafott Fassung und Würde bewahrt. Hier möge seine Handlungsweise nur aus Unschlüssigkeit erklärt sein; denn in der Geschichte hat man viele Beispiele weit tapferer Männer, die für ihre Selbsterhaltung sorgten, wenn die Versuchung zu nahe an sie herantrat.
Auchenbreck trat unter die Soldaten und ermahnte sie, ihres alten Ruhmes, ihrer Überlegenheit und der Schmach, die sie zu rächen hätten, eingedenk zu sein. So flößte er ihnen ein wenig von dem Feuer ein, das in seinem eigenen Herzen glühte.
Argyle ließ sich inzwischen langsam und scheinbar mit Widerstreben an Bord einer Galeere führen, von wo aus er wohlgeborgen dem nun sich abspielenden Kampfe zusehen konnte.
Jetzt erklang ein lauter Schlachtruf. Es war dem Feinde nicht entgangen, daß Argyle selber sich zurückgezogen hatte.
»Sie bringen ihr kostbares Oberhaupt in Sicherheit,« sagte Montrose mit bitterem Lächeln. »Es soll sogleich zum Angriff geblasen werden! Glengarry, Keppoch, Mac Vourigh, auf zum Kampfe! Major Dalgetty, reitet zu Mac Ilduy, er soll so heiß angreifen, wie er Lochaber liebt! Ihr selbst bringt die Reiterei zu meiner Fahne, sie soll mit den Irländern zur Reserve!«
Zweiunddreißigstes Kapitel
Die Trompeten und Dudelsäcke, die lärmenden Vorboten von Blut und Tod, gaben vereint das Zeichen zur Schlacht, das in den Gebirgsschluchten lautes Echo fand und von mehr als 2000 Kriegern wiederholt wurde. In drei Treffen drangen Montroses Truppen aus den Pässen hervor und warfen sich tollkühn auf den Feind. Hinter diesen Angriffskolonnen marschierten als Reserve die Irländer unter Colkitto. Dort befand sich die Fahne des Königs und Montrose selbst. Fünfzig Reiter unter Dalgetty standen an den Flanken.
Die Hochländer griffen mit der sprüchwörtlichen ingrimmigen Tollheit ihrer Clans an, aber der Feind widerstand ihrem Angriff mit größter Tapferkeit. Die königstreuen Clans gingen zum Handgemenge über und es gelang ihnen, an zwei Punkten die Stellung des Feindes zu erschüttern.
Für eine reguläre Truppe wäre hiermit der Sieg errungen gewesen. Hier aber standen Hochländer gegen Hochländer, die einander an Ausrüstung und Streitbarkeit ebenbürtig waren.
Es entspann sich ein verzweifelter Kampf. Schwerter, Streitäxte und Schilde krachten widereinander, dazwischen erscholl das kurze wilde Jauchzen, das der Hochländer in jedem Kampfe anstimmt.
Viele von denen, die sich hier als Feinde gegenüberstanden, kannten einander persönlich und suchten sich nun durch haßerfüllte Zurufe zu überbieten. Niemand wollte auch nur einen Zoll weichen, und wo einer stürzte – und deren waren viele auf beiden Seiten – da sprang sofort ein anderer an den gefährdeten Platz.
Ein Dampf wie aus einem Kochkessel stieg in die dünne frostige Luft und schwebte über den Streitern.
Auf dem rechten Flügel gewann Sir Duncan von Ardenvohr durch militärische Gewandtheit sowie durch seine Übermacht ein wenig Terrain. Er hatte bei Beginn des Kampfes den äußersten Flügel seiner Stellung schräg vorwärts geschoben und hatte so die Angreifer in der Front und von der Flanke zugleich in Feuer genommen. Sein Vorteil wurde ihm aber wieder entrissen, indem die irische Reserve in die gelichteten Reihen einrückte und ihn durch wirksames, gut unterhaltenes Feuer wieder zurückwarf. Inzwischen war es Montrose gelungen, mit der Reiterei die rechte Flanke des Feindes zu umfassen und ihm in den Rücken zu fallen.
Die Wirkung der jähen Trompetenstöße und der galoppierenden Pferde läßt sich nicht beschreiben. Als der Feind plötzlich seine Reihen durchbrochen und den Gegner in seiner Mitte sah, entstand eine allgemeine Panik. Der Anblick des Majors Dalgetty allein, der mit seiner undurchdringlichen Rüstung angetan, sein Pferd hin und her springen ließ, jagte die Leute in Schrecken, die noch nie einen derartigen Reiter erblickt hatten.
Der Kampf war für Argyles Heer nicht länger zu halten, die Reihen lösten sich in Flucht auf. Auchenbreck selbst fiel bei einem tapferen Versuch, die Ordnung wiederherzustellen.
Mit fruchtlosem Heldenmute versuchte der Ritter von Ardenvohr mit 200 bis 300 Mann – sämtlich Herren von hohem Stande – die wilde Flucht zu decken. Ihr Mut wurde ihnen zum Verhängnis, sie wurden auseinandergeworfen und schienen schließlich dem Heldentode nicht mehr entrinnen zu können.