Mit froher, wenn auch etwas leidender Miene überreichte er seinem Feldherrn das Banner Argyles, das er mit eigner Hand dem Fahnenträger entrissen hatte. Montrose liebte seinen edeln Vetter, dessen angeborne Ritterlichkeit er hochschätzte.
»Mein edler tapfrer Vetter!« rief er und drückte ihn an die Brust.
Und diese schlichten Worte innig empfundenen Lobes erfüllten Menteith mit wärmerer Freude, als es die Anerkennung am Throne eines Fürsten vermocht hätte.
»Ich habe nun nichts weiter zu verrichten, Mylord,« sagte er. »Nur eine Pflicht der Menschlichkeit gestattet mir zu vollbringen – wie ich höre, ist der Ritter von Ardenvohr schwer verwundet und gefangen?«
»Und da ist ihm durchaus nach Verdienst geschehen«, sagte Dugald Dalgetty, der in diesem Augenblick herzutrat, »denn er hat meinen armen Gustavus erschossen.«
»Wir müssen Euch also unser Beileid über Euern Verlust aussprechen,« sagte Lord Menteith.
»So ist es, Mylord,« erwiderte der Soldat, tief seufzend. »Und ich will jetzt den Resten meines alten Waffengefährten einen Besuch abstatten.«
»Wollt Ihr ihm ein feierliches Begräbnis zuteil werden lassen?« fragte der Marquis.
»Das freilich nicht,« antwortete Dalgetty; »ich verfolge dabei einen weniger romantischen Zweck. Ich will mich mit den Vögeln des Himmels in die Erbschaft des armen Gustavus teilen und ihm die Haut abziehen, die ich in liebevoller Erinnerung zu Wams und Beinkleidern verarbeiten lasse, da es um mein Unterzeug zurzeit sehr schlecht bestellt ist.«
»Dann möchte ich Euch raten,« sagte Lord Menteith, »Euch nach der Bagage des Feindes zu begeben. Ich selber habe gesehen, wie einer dort einen prächtigen Anzug aus Büffelleder, mit Seide und Silber gestickt, herausgenommen hat.«
»Voto, a dios, wie der Spanier sagt!« rief Ritter Dugald aus. »Und irgend ein Bettelbube wird sich ihn aneignen, während ich hier stehe und plaudere.«
Er gab seinem neuen Pferde die Sporen und jagte über das Schlachtfeld.
»Da reitet er hin, der Hund!« sagte Menteith, »und zerschmettert manchem Manne, der zehnmal mehr wert ist als er, mit seinen Hufschlägen das Gesicht und zerstampft die Leichen. Er ist so erpicht auf seine schmutzige Beute wie der Geier auf Aas. Aber die Welt, nennt diesen Menschen einen Soldaten – und Ihr, Mylord, haltet ihn für würdig der Ehre der Ritterschaft und hängt die Kette des Rittertums um den Hals eines Bluthundes.«
»Was blieb mir übrig?« entgegnete Montrose. »Knochen, die ich ihm hätte vorwerfen können, hatte ich nicht; und irgendwie mußte ich ihn bestechen. Außerdem hat der Hund auch seine guten Eigenschaften. Es hat auch seinen Vorteil, Soldaten unter sich zu haben, auf deren Beweggründe und Triebfedern man mit mathematischer Gewißheit rechnen kann.«
Nach diesen Worten sprang er plötzlich von seinem Gegenstande ab und fragte, wann Menteith zum letztenmal Annot Lyle gesehen habe. »Gestern abend,« antwortete der junge Lord errötend. »Und dann nur einen flüchtigen Augenblick kurz vor der Schlacht.«
»Mein teurer Freund,« sagte Graf Montrose in wohlwollendem Tone, »wir sind hier im Lande der Verzauberung, wo aus den Haarflechten der Frauen Netze, fest wie Stahl, geflochten werden. Und Ihr seid ein Ritter, wie geschaffen für solche Fesseln. Dieses arme Mädchen ist sehr schön und begabt und macht Eindruck auf Euer romantisches Empfinden. Ihr könnt nicht daran denken, ihr weh zu tun – aber Ihr könnt auch nicht daran denken, sie heimzuführen.«
»Mylord, Ihr habt schon öfters so gesprochen – ich kann es nur für Scherz halten –«, antwortete Lord Menteith. »Annot Lyle ist von unbekannter Herkunft – wahrscheinlich die Tochter eines Räubers – sie lebt von der Gastfreundschaft der Mac Aulays.«
»Verübelt mirs nicht, Menteith,« fuhr der Graf fort. »Ich würde Euch vielleicht gar nicht damit behelligen, wenn es sich nur um Euch und Annot Lyle handelte. Aber Ihr habt einen sehr gefährlichen Nebenbuhler in Allan Mac Aulay, und man kann nicht wissen, wie weit er in seinem Groll gehen könnte. Es ist meine Pflicht, Euch zu sagen, daß jeder persönliche Zwist für den Dienst des Königs von Nachteil ist.«
»Ich weiß, Mylord, daß Ihr es gut mit mir meint,« antwortete Menteith, »und ich hoffe, Ihr werdet zufrieden sein, wenn ich Euch die Versicherung gebe, daß ich, mit Allan Mac Aulay hierüber gesprochen habe. Ich habe ihm erklärt, irgendwelche schnöden Absichten inbezug auf diese Name wären meinem Charakter nicht entsprechend. Jeder ernste Gedanke aber sei infolge ihrer niedern Herkunft völlig ausgeschlossen. Freilich will ich Eurer Lordschaft nicht verhehlen, daß Annot Lyle meinen Namen und Rang teilen würde, wenn sie von hohem Stande wäre. So aber ist es unmöglich. – Doch Eure Lordschaft muß entschuldigen, ich habe da eine kleine Schramme.«
Mit diesen Worten blickte er auf seinen Arm, den er mit einem Schnupftuch verbunden hatte.
»Eine Wunde?« fragte Montrose ängstlich; »laßt mich sehen. Ich hätte wohl nichts davon erfahren, wenn ich nicht eine tiefere schmerzlichere Wunde berührt hätte. Menteith, Ihr dauert mich – auch ich habe es kennen gelernt – doch was hülfe es, den alten Schmerz zu wecken, der sich schon lange nicht mehr geregt hat?«
Mit diesen Worten drückte er seinem edeln Vetter die Hand und begab sich ins Schloß.
Fünfunddreißigstes Kapitel
Wie das in den Hochlanden nicht zu den Seltenheiten gehörte, verstand Annot Lyle mit Arzeneien umzugehen und war in der wundärztlichen Tätigkeit bewandert. Wie begreiflich war die Arzneikunde oder die Medizin als Wissenschaft und Kunst für sich ganz unbekannt. Die ärztliche Behandlung, die geübt wurde, lag in der Hand der Frauen.
Bei ihrer Sorgfalt und Aufmerksamkeit war Annot Lyle mit ihren Dienerinnen und den ihr unterstellten Personen während dieses Feldzuges mit großem Erfolg tätig gewesen.
Wo sie nur immer von nutzen sein konnte, ließ sie ihre Hilfe Freunden und Feinden bereitwillig zuteil werden.
Augenblicklich weilte sie im Schlosse, wo unter ihrer Leitung Arzeneien aus Kräutern gegen Verwundungen angefertigt wurden.
Während sie sich von ihren Frauen über die ihrer Sorgfalt anvertrauten Verwundeten berichten ließ und alles verteilte, was zu deren Heilung vorhanden war, trat plötzlich Allan Mac Aulay ins Zimmer.
Sie fuhr auf; denn sie hatte gehört, daß er als Gesandter abgeschickt worden sei.
Obgleich sie es gewöhnt war, bei ihm ein finsteres Gesicht zu sehen, so schien doch auf seinen Zügen jetzt ein noch tieferer Schatten zu liegen als sonst.
»Ich glaubte,« sagte sie mit mühsamem Tone, »Ihr wäret schon fort.«
»Mein Reisegefährte wartet auf mich,« sagte Allan. »Ich gehe gleich.«
Dennoch blieb er vor ihr stehen und erfaßte ihren Arm mit einem Griff, der ihr zwar keinen Schmerz bereitete, an dem sie aber doch seine große Kraft verspüren konnte, denn seine Hand hielt sie wie die Klammer einer Zange. »Soll ich die Harfe holen?« fragte sie furchtsam. »Senken sich wieder die Schatten auf Euch nieder?«
Er antwortete nicht, sondern führte sie ans Fenster des Gemaches, von dem aus das Schlachtfeld mit all seinen Greueln zu übersehen war.
Es war besät mit Toten und Verwundeten, und Marodeure waren damit beschäftigt, den Opfern des Krieges die Kleider vom Leibe zu reißen.
»Gefällt Euch das Bild?« fragte Allan.
»Es ist entsetzlich,« entgegnete Annot, die Hände vor die Augen schlagend. »Wie könnt Ihr mich auffordern, dorthin zu schauen!«
»Ihr müßt Euch abhärten, da Ihr doch bei diesem dem Untergange geweihten Heere weilt. Auf solchem Schlachtfelde werdet Ihr den Leichnam meines Bruders suchen – auch den Menteiths – auch meinen – doch dies wird Euch einerlei sein – Ihr habt mich doch nicht lieb?«