»Es ist das erstemal, daß Ihr mich der Lieblosigkeit zeiht,« sagte Annot weinend. »Ihr seid mein Bruder – mein Erretter – mein Beschützer – muß ich Euch nicht lieb haben? Noch die Stunde der Finsternis kommt über Euch – soll ich die Harfe holen?«
»Bleibt,« sagte Allan und hielt sie noch immer fest; »ob nun meine Visionen aus dem Himmel oder der Hölle oder aus der Sphäre körperloser Geister stammen – oder mögen sie nichts sein als die Täuschungen einer überhitzten Phantasie – ich bin jetzt frei von ihrem Einfluß und rede die Sprache der sichtbaren Naturwelt. Ihr habt mich nicht lieb, Annot – Menteith liebt Ihr – und er liebt Euch wieder – Allan aber gilt Euch nicht mehr als die vielen Leichen, die dort auf der Heide liegen.«
Es ist nicht anzunehmen, daß was diese seltsamen Worte enthielten, dem Mädchen etwas Neues war. Es hat noch nie ein Weib gegeben, das nicht unter den gleichen Umständen den Zustand ihres Verehrers erkannt hätte.
Indem Allan aber plötzlich den Schleier – so dünn er auch gewesen sein mochte – hinwegriß, sah sie schon die Folgen vor sich, die bei dem Ungestüm seines Wesens furchtbar sein mußten.
Sie versuchte, seinen Verdacht zurückzuweisen.
»Ihr vergeht,« sagte sie, »was ihr Euerm Seelenadel selber schuldig seid, indem Ihr ein so hilfloses Mädchen beleidigt, das vom Schicksal Euch ganz in die Hand gegeben worden ist. Ihr wißt, wer ich bin und wie unmöglich es ist, daß Menteith oder Ihr die Sprache der Liebe zu mir reden dürftet. Ihr wißt, aus welchem unglückseligen Stamm vermutlich ich bin.«
»Ich kann das nicht glauben,« sagte Allan. »Nie floß ein Kristalltropfen aus unreiner Quelle.«
»Und selbst wenn Ihr daran zweifelt, dürft Ihr so nicht zu mir reden.«
»Ich weiß, daß dadurch eine Schranke zwischen uns ist – ich weiß aber auch, daß Ihr deswegen doch nicht von Menteith getrennt seid – hört mich denn, geliebte Annot, verlaßt diesen Platz der Gefahr und des Greuels – ich will Euch in das Haus der edeln Dame Seaforth geleiten –«
»Wie könnt Ihr solches von mir verlangen?« versetzte Annot. »Nein, ich will hier bleiben unterm Schutz des edeln Montrose, und wenn wir uns dem Flachlande nähern, so werde ich Gelegenheit finden, Euch vom Anblick eines Mädchens zu befreien, das Euch ein Dorn im Auge geworden ist – obgleich es nicht weiß, weshalb?«
Allan stand zwischen Mitgefühl und Zorn seltsam bewegt.
»Annot,« sagte er, »Ihr, wißt selbst am besten, wie sehr das, was Ihr sagt, im Widerspruch steht zu dem, was ich für Euch empfinde. Ihr freut Euch aber darüber, daß ich abreise, denn nun könnt Ihr ungestört mit Menteith verkehren, ohne daß ein Spion Euch bewacht. Noch seid beide auf der Hut!« setzte er in finsterem Tone hinzu. »Denn wer hatte je gehört, daß Allan Mac Aulay geschmäht worden sei, ohne daß er zehnfache Buße dafür gefordert hatte.«
Mit diesen Worten drückte er ihr heftig den Arm, zog die Mütze in die Stirn und ging hinaus.
Sechsunddreißigstes Kapitel
Annot Lyle sah jetzt den Abgrund vor sich, den die Liebeserklärung Allans und seine glühende Eifersucht vor ihr aufgetan hatte. Ihr war, als taumle sie am Rande ihres Unterganges, jeder Rettung und jeder menschlichen Hilfe entrückt.
Schon lange Zeit wußte sie, daß sie Lord Menteith inniger als einen Bruder liebte. Allein ihre Zuneigung war von jener stillen, schüchternen, sinnigen Art, die sich mehr am Glück des geliebten Mannes freut, als für sich selbst große Ansprüche und Hoffnungen stellt.
Durch Allans Erklärung wurde ihr romantischer Plan, im geheimen ihre Liebe zu hegen, ohne nach Erwiderung zu trachten, vereitelt. Schon lange fürchtete sie Allan – jetzt betrachtete sie ihn voller Entsetzen; denn sie kannte ja seinen Charakter. Wie edelmütig er sonst auch war, so wußte sie doch nur zu gut, daß er sich in seinem Ungestüm nie Zwang antat. Wie ein gezähmter Löwe, dem niemand zu widersprechen wagte, schritt er im Hause seiner Väter umher.
Wie viele Jahre waren dahingegangen, seit ihm je einmal nicht der Wille geschehen war, oder seit irgendwer einen Wortwechsel mit ihm begonnen hatte. Und hätte er nicht – abgesehen von den Zeitpunkten, wo die mystische Stimmung ihn befiel – gesunden Menschenverstand besessen, so hätte er die Plage und der Schrecken seiner ganzen Umgebung sein müssen.
Annot Lyle hatte jedoch nicht Muße, ihren Gedanken nachzuhängen; denn in diesem Augenblick trat Sir Dugald Dalgetty bei ihr ein.
»Annot Lyle,« begann der alte Kriegsmann, »ich möchte Euch bitten, daß Ihr einen meiner Brüder im Rittertum, der in der heutigen Schlacht schwer verwundet worden ist, einmal aufsucht und ihm durch Eure Magd Arzeneien bringen laßt, denn die Wunde scheint – wie die Gelehrten sagen – ein damnum totale zu sein.«
Wenn es den Dienst der Barmherzigkeit galt, zauderte Annot Lyle nie. Sie fragte schnell nach der Beschaffenheit der Wunde, und da sie Anteil an dem würdigen alten Häuptling nahm, den sie in Darnlinvarach kennen gelernt hatte, und dessen sie sich noch aufs lebhafteste erinnerte, so bemühte sie sich, ihren eigenen Schmerz über der Aufgabe, andern zu helfen, wieder auf kurze Zeit zu vergessen.
Sir Dugald führte Annot Lyle in das Zimmer, wo der Kranke lag. Dort fand sie zu ihrem Erstaunen auch Lord Menteith. Sie errötete unwillkürlich – aber um ihre Verwirrung zu verbergen, untersuchte sie schnell, die Wunde
des Ritters von Ardenvohr und erkannte sogleich, daß es hier mit ihrer Kunst nicht mehr getan sei.
Sir Dugald ging inzwischen in ein großes Nebengebäude, wo auf dem Fußboden unter andern Verwundeten Ranald Mac Eagh lag.
»Mein alter Freund,« sagte der Ritter, »ich will, wie ich Euch schon sagte, gern alles tun, um Euch gefällig zu sein, damit ich Euch für die Wunde entschädige, die Ihr empfangen habt, während Ihr noch unter meinem sichern Geleit standet. Ich habe daher Annot Lyle hergesandt, damit sie nach Sir Duncans Wunde sehen soll, obgleich es mir nicht ganz einleuchtet, was Ihr davon haben solltet. Und nun, guter Sohn des Nebels, könnt Ihr mir nicht sagen, was aus Euerm hoffnungsvollen Sprößling geworden ist? Ich habe ihn nicht mehr gesehen, seit er mir vor der Schlacht die Waffen anlegen half. Der bummlige Schlingel verdient die Peitsche.«
»Er ist nicht weit,« antwortete der verwundete Räuber – »hebt nicht die Hand wider ihn, denn er ist Mannes genug, Euch für eine Elle lederner Geißel einen Fuß harten Stahles zurückzugeben.«
»Nehmt nur das Maul nicht gar so voll,« sagte Sir Dugald. »Da ich Euch aber für einige Gefälligkeiten Dank schuldig bin, so will ich darüber hinwegsehen.«
»Wenn Ihr mir Dank zu schulden meint,« entgegnete Ranald, »so könnt Ihr mir einen Gegendienst erweisen. Sorgt dafür, daß ich in das Zimmer getragen werde, wo Annot Lyle bei dem Ritter von Ardenvohr weilt. Ich habe beiden etwas Wichtiges zu sagen.«
»Es verstößt freilich gegen die Standesordnung,« sagte Dalgetty, »einen verwundeten Räuber zu einem Ritter zu bringen; denn die Ritterschaft war früher schon und ist auch heute noch die höchste militärische Würde; da aber der Gegendienst, den ihr verlangt, an sich gering ist, so will ich ihn erfüllen.«
Mit diesen Worten befahl er drei Kriegern, Mac Eagh auf den Schultern in Sir Duncans Zimmer zu bringen. Er selbst ging voraus, den seltsamen Besuch anzukündigen.
Die Soldaten waren aber so flink, daß sie ihm dicht auf den Fersen folgten. Sie traten mit ihrer unheimlichen Last herein und legten Mac Eagh auf den Boden des Zimmers.
Seine an sich schon wilden Züge waren vom Schmerz verzerrt, das Hemd und die wenigen Kleider, die er anhatte, vom eignen Blute und dem anderer befleckt, das keine milde Hand abgewischt hatte, obgleich die Wunde verbunden worden war.
Mühsam hob er den Kopf und sah nach der Lagerstatt des Mannes, der ihm vor kurzem noch als Feind gegenüber gestanden hatte.