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Siebenunddreißigstes Kapitel

»Seid Ihr der Häuptling,« fragte er, »den die Leute den Ritter von Ardenvohr nennen?«

»Der bin ich,« antwortete Duncan. »Was habt Ihr zu schaffen mit einem Manne, dessen Stunden gezählt sind?«

»Für mich sind nicht nur die Stunden, sondern die Minuten gezählt,« versetzte der Räuber. »Um so mehr von mir, wenn ich die wenigen Minuten noch dem Manne erweise, dessen Hand stets gegen mich erhoben war – wie meine gegen ihn.«

»Deine gegen mich! – erbärmliches Gewürm!« rief der Ritter, auf seinen jammervollen Feind herabsehend.

»Jawohl,« erwiderte der Räuber mit fester Stimme, »und höher war mein Arm über ihn gereckt! In dem hartnäckigen Kampfe zwischen uns beiden habe ich die tiefsten Wunden geschlagen, wenn auch die, die Du schlugest, nicht leicht und schmerzlos waren – wisse, ich bin Ranald Mac Eagh – Ranald, der Sohn des Nebels – die Nacht, in der ich dein Schloß als hohe Feuersäule den Winden preisgab, ist ebenbürtig diesem Tage, an dem du fielest vom Schwerte meiner Väter. Gedenke des Unglücks, das Du über unsern Stamm gebracht hast – nie tat uns ein andrer außer Dir schweres an bis auf einen – doch der ist vom Schicksal, wie man sagt, gegen unsre Rache gefeit. Das wird sich zeigen.«

»Mylord Menteith,« sagte Sir Duncan, sich in seinem Bette aufrichtend. »Dieser Mann ist ein Schurke, ein Feind des Königs und des Parlaments zugleich, ein Abscheu Gott und den Menschen – einer der geächteten Banditen des Nebels, ein Feind Euers Hauses, der Mac Aulays und meines Hauses. Ich hoffe, Ihr werdet es nicht dulden, daß die wenigen Augenblicke, die mir vielleicht noch vergönnt sind, mir durch den Triumph dieses Barbaren vergällt werden.«

»Er soll seine wohlverdiente Strafe empfangen,« sagte Menteith, »bringt ihn auf der Stelle weg.«

Sir Dugald wollte sich ins Mittel legen – allein der Räuber überschrie ihn mit seiner rauhen Stimme.

»Nein!« rief er. »Möge die Folter oder der Galgen mein Lohn sein! Laßt mich verwesen zwischen Himmel und Erde, gebt mich den Geiern und Adlern des Ben–Nevis zum Fraße – nun so soll dieser Ritter und der siegreiche Thane nie das Geheimnis erfahren, das nur ich enthüllen kann. Ein Geheimnis, bei dem Ardenvohrs Herz laut aufjauchzen würde vor Freude, läge er auch im Todeskampfe – ein Geheimnis, für das Lord Menteith seine weite Grafschaft hingeben würde – komme hierher, Annot Lyle!« setzte er hinzu, sich mit einer Kraft aufrichtend, die ihm niemand Mehr zugetraut hätte; »fürchte Dich nicht vor meinem Anblick – hattest Du Dich doch als kleines Kind an mein Knie geklammert. Sage diesen stolzen Herren, die Dich verachten als Sproß eines alten Stammes – sage ihnen, daß Du nicht aus unserm Blute bist. Du bist keine Tochter vom Geschlechte des Nebels, Du bist geboren in einem Schlosse, Du hast in einer Wiege gelegen auf so weichen Kissen, wie nur je das verzärteltste Kind im stolzesten Paläste.«

Menteith bebte vor Erregung.

»Im Namen Gottes,« rief er »wenn Ihr etwas, von der Herkunft dieser Dame wißt, so entlastet Euer Gewissen von diesem Geheimnis, ehe Ihr aus der Welt scheidet.«

»Nicht wahr?« entgegnete Mac Eagh mit einem boshaften Blick. »Segnen soll ich meine Feinde noch mit meinem letzten Atemzuge. Das predigen Euch Eure Geistlichen, aber wann richtet Ihr selber Euch danach? Erst sagt mir, was Euch mein Geheimnis wert ist, ehe ich es preisgebe – was würdet Ihr geben, Ritter von Ardenvohr, um die Gewißheit zu erlangen, daß Euer abergläubischer Fastenstag unnütz ist und daß ein Sproß Euers Hauses noch lebt? – ich warte auf Antwort – sonst spreche ich kein Wort weiter.«

»Dafür könnte ich,« begann Sir Duncan, und seine Stimme schwankte zwischen Zweifel, Haß und banger Hoffnung – »dafür könnte ich – doch ich weiß ja, Dein Geschlecht ist dem bösen Feinde gleich – Lügner und Mörder von Kindesbeinen an – wäre es aber wahr, so könnte ich dafür Dir fast das Ungemach verzeihen, das Du mir angetan hast.«

»Hört nur,« sagte Ranald, »für einen Sohn von Diarmid hat er viel geboten – und Ihr, edler Thane, es heißt ja, Ihr würdet Gut und Blut dafür hingeben können, erführet Ihr, daß Annot Lyle keine Tochter eines geächteten Stammes sei, sondern daß sie aus einem Hause sei, das für ebenso vornehm gilt wie das Eure. Wohlan, nicht aus Freundschaftlichkeit gegen Euch sage ich, es – sondern weil die Zeit dahin ist, wo ich dieses Geheimnis für die Freiheit verkaufen könnte: Annot Lyle ist das jüngste, und das einzige am Leben gebliebene Kind des Ritters von Ardenvohr, das allein gerettet wurde, als alles andere in seiner Halle den Untergang in Blut und Feuer fand.«

»Ist es möglich, daß dieser Mann die Wahrheit spricht?« murmelte Annot Lyle fast unbewußt.

»Mädchen,« sagte Ranald, »hättest Du länger bei uns gelebt, so hättest Du besser erkennen gelernt, wie Wahrheit klingt. Dem Lord hier und dem Ritter werde ich für das, was ich sage, Beweise geben, die jeden Zweifel ausschließen. Geh Du inzwischen – ich habe Dich geliebt als Kind – ich hasse Dich nicht als Maid – kein Auge haßt die Rose, die im Aufblühen ist, wenn sie auch, über einem Dorne prangt. Deinetwegen nur bedaure ich etwas, das in Bälde sich ereignen wird. Wer aber Rache nehmen will an einem Feinde, darf nicht darauf achten, ob ein schuldloses Wesen mit leiden wird.«

»Der Rat ist gut, Annot,« sagte Lord Menteith, »geht in Gottes Namen!«

»Ich will nicht weg von meinem Vater, den ich endlich gefunden habe,« sagte Annot Lyle. »Ich will ihn nicht in so furchtbarer Lage allein lassen.«

»Und ein Vater will ich Euch immer sein«, sagte Sir Duncan. »Nun denn,« sagte Menteith, »so will ich Mac Eagh ins Nebenzimmer bringen lassen und dort seine Aussage zu Protokoll nehmen lassen – Sir Dugald Dalgetty wird mir dabei Hilfe leisten.«

»Mit Vergnügen, Mylord, antwortete Sir Dugald. »Da könnt Ihr keinen bessern finden, zumal ich die ganze Geschichte schon vor vier Wochen etwa im Schloß von Inverary gehört habe – aber bei so viel Angriffen und Stürmen ist es in meinem Gedächtnis allerdings etwas kunterbunt geworden, wo man ohnedies an so viel Wichtigeres zu denken hat.«

Achtunddreißigstes Kapitel

Lord Menteith hielt genaue Nachforschungen betreffs der Aussagen Ranalds. Die zwei Begleiter, die als Führer im Lager waren, bestätigten sie. Er verglich die Erklärungen sorgfältig mit dem Bericht, den Sir Duncan über die Zerstörung seines Schlosses noch zu geben vermochte. Es war natürlich äußerst wichtig, den Beweis zu liefern, daß die Erzählung keine Erfindung des Räubers sei, die derselbe angebracht habe, um eine falsche Person zur Erbin von Ardenvohr zu machen.

Vielleicht war Menteith nicht der geeignete Mann, die Nachforschungen über den wahren Tatbestand anzustellen, da es in seinem eigenen Interesse lag, der Erzählung Glauben beizumessen. Ein Muttermal wurde genannt, von dem man wußte, daß es bei dem Kinde Sir Duncans vorhanden gewesen sei – und es fand sich auf der linken Schulter von Annot Lyle.

Während Menteith das Ergebnis der Untersuchungen den am nächsten dabei beteiligten Personen mitteilte, begehrte der Räuber, sein Enkelkind zu sprechen – das er seinen Sohn, zu nennen pflegte. Man werde ihn nebenan finden, sagte er, wo er selber zuerst gelegen habe.

Wirklich entdeckte man nach längerem Suchen den jugendlichen Wilden in einer Ecke, in verfaultes Stroh eingewickelt. Man führte ihn zu seinem Großvater.

»Kenneth,« sagte der alte Räuber, »höre die letzten Worte, die der Ahn deines Vaters zu dir spricht. Ein Kriegsmann aus dem Flachland und Allan mit der blutigen Hand sind vor kurzem aus dem Lager aufgebrochen, um nach Caberfä zu reisen. Folge ihnen, wie der Bluthund dem verwundeten Hirsch nachgeht – schwimme durch den See – klettre auf den Berg – ziehe durch den Wald – ruhe nicht eher, als bis du sie erreicht hast.« Die Wangen des Knaben röteten sich bei den Worten seines Großvaters, und er griff nach einem Messer, das er in einem ledernen Riemen trug, der seinen zerschlissenen Mantel zusammenhielt.