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Der Alte sah die Gebärde.

»Nein,« sagte er, »nicht durch deine Hand soll er fallen; aber sie werden dich fragen, was es Neues im Lager gebe. Sage ihnen, Annot Lyle, die Harfenspielerin, sei als Tochter Duncans von Ardenvohr erkannt worden, Thane von Menteith wolle sich mit ihr trauen lassen, und du seist abgesandt, die Gäste zur Hochzeit zu laden. Warte nicht auf ihre Antwort, sondern verschwinde wieder wie der Blitz, den die schwarze Wolke verschlingt. Und nun geh, geliebtes Kind meines geliebtesten Sohnes! Nie wieder werde ich dein Antlitz erschauen, noch deines Fußes Schritt vernehmen – noch einen Augenblick warte und höre meine letzte Mahnung: sei eingedenk des Schicksals unsers Stammes – halte inne die alten Bräuche der Söhne des Nebels. Wir sind jetzt nur eine Handvoll Heimatloser, die aus jedem Tal mit dem Schwerte vertrieben worden sind – und andre Stämme hausen in den Besitzungen, wo unsre Ahnen Holz fällten und Wasser trugen. Doch auch im Dickicht der Wildnis, Kenneth, Sohn Erachts, bewahre dir die Freiheit fleckenlos, die ich als einzig Erbteil dir hinterlasse. Gib sie nie hin um ein reiches Kleid, noch um ein Dach von Stein, noch um einen gedeckten Tisch, noch um ein Daunenlager! – in Berg und Tal – in Überfluß und im Hunger – im grünen Sommer und im eisernen Winter – Sohn des Nebels, bleib frei, wie deine Ahnen! Nenne niemand deinen Herrn – laß dir kein Gesetz schreiben – nimm keinen Lohn an und zahle auch selber keinen Sold – baue keine Hütte, noch einen Zaun um eine Weide und säe auch kein Korn! – Die Hirsche des Berges laß deine Herde sein! –Die Söhne von Diarmid das Geschlecht von Darnlinvarach –die Ritter von Menteith – Kind des Nebels, mein Fluch falle auf dein Haupt, so du einen dieses Namens verschonst, wenn sich Gelegenheit bietet, ihn niederzuhauen! Die Gelegenheit aber wird kommen, denn sie werden sich selber mit ihren Schwertern zerfleischen und in den Nebel flüchten und durch dessen Söhne umkommen! – Noch einmal geh! Leb wohl, geliebtes Kind! Mögest du sterben wie deine Ahnen, ehe Krankheit und Alter dir den Mut zerbricht! – Geh! – Bleib frei! – Vergelte alles Gute, was dir getan wird – und räche das Ungemach, das deinem Stamme angetan worden ist!«

Der jugendliche Räuber beugte sich hernieder und küßte seinem sterbenden Großvater die Stirn. Von Kindheit daran gewöhnt, jede Gefühlsregung nach außen hin zu verbergen, ging er ohne Tränen, ohne Gruß und war bald weit vom Lager weg.

Ranald Mac Eagh aber richtete sich auf, so daß er aus dem Fenster des Schlosses hinaussehen konnte. Der dichte Nebel, der auf den Spitzen der Berge gelastet hatte, rollte jetzt in die zerklüfteten Gründe und Schluchten hinab, und die schwarzen Rücken der Berge ragten wie Inseln aus einem Dunstmeer hervor.

»Geist des Nebels,« sagte Ranald Mac Eagh, »von unsern Ahnen Vater und Retter genannt, nimm mich hin, wenn der Todeskampf vorbei ist. Nimm mich, dessen Leben du so oft beschütztest, nimm mich auf in dein Zelt von Wolken!«

Er sank in die Arme derer, die ihn hielten, und drehte das Gesicht der Wand zu.

»Den unbesiegbaren Feind,« murmelte, er, »an dessen Händen das Blut klebt, das mir das Teuerste ist, gegen den alle Waffen nutzlos waren, den die Kugel verfehlte, und an dem der Pfeil zersplitterte– diesem Manne habe ich Seelenschmerz, Eifersucht, Verzweiflung und jähen Tod oder ein Leben jämmerlicher als der Tod hinterlassen. Dies wird das Los Allans mit der blutigen Hand sein, wenn er hört, daß Annot die Gemahlin Menteiths wird – nur die Gewißheit möchte ich haben, so wäre mein Tod, den seine Hand mir gab, mir noch versüßt!«

Bald darauf hauchte Ranald Mac Eagh, der Sohn des Nebels, seinen Geist aus.

Neununddreißigstes Kapitel

Inzwischen hatte sich Menteith mit Montrose in ein eifriges Gespräch eingelassen.

»Mein lieber Menteith, ich habe bemerkt und auch erkannt, daß die Euch interessante Entdeckung in enger Beziehung mit Eurem Glück steht. Eure Liebe zu der vornehmen Dame findet Erwiderung. Gegen ihre Geburt und ihre großen Vorteile ist auch nicht das geringste einzuwenden. Aber übereilt Euch nicht; denn Sir Duncan ist Fanatiker und ist ein Feind des Königs, als dessen Gefangener er in unseren Händen ist – denn ich glaube, es gibt einen Bürgerkrieg. Habt Ihr keine Aussicht auf anderem Wege zum Ziele zu gelangen, so sucht den Ritter durch gute Vorschläge zu gewinnen!«

Jedoch der leidenschaftliche Charakter veranlaßte den jungen Edelmann zu mancherlei Einwendungen. Er machte Montrose klar, von Ardenvohr sei gegen Religion und Politik gleichgiltig, erwähnte seine eigne Tätigkeit dem König gegenüber und wies auf die einflußreichen Folgen hin, die eine Heirat mit der Erbin von Ardenvohr auf seine eigene Person ausüben würde. Er befürchtete eine Verschlimmerung der Wunde Sir Duncans, ferner daß die Übersiedelung der jungen Dame nach dem Campbellschen Gebiete alle seine Hoffnungen vernichten könnte. Er berief sich auf die Gefahr, daß nach dem Tode ihres Vaters sicher Argyle die Vormundschaft übernehmen würde und daß dann alle Hoffnung verloren wäre; er müßte denn seine königliche Partei aufgeben.

Montrose sah ein, daß die Angelegenheiten trotz aller Schwierigkeiten so schnell wie möglich erledigt werden müßten, da man damit dem König einen Dienst erweise.

»Möge alles zu unserer Befriedigung ausfallen, nachdem sich die schöne Briseis aus unserem Lager entfernt hat, bevor Allan Mac Aulay zurück ist. Es wird das beste sein, Ihr fordert Sir Duncan das Ehrenwort ab und entlaßt ihn und seine Tochter. Macht die Reise zu Wasser, damit Eure Wunde sich nicht verschlimmert. Da Ihr selbst auf einige Zeit abwesend seid, werdet Ihr von mir ehrenhaft entschuldigt.«

»So lange die königliche Fahne über Euer Exzellenz Lager weht,« entgegnete Menteith, »bleibe ich. Möge immerhin dadurch mein Wunsch nicht in Erfüllung gehen, aber des Königs Angelegenheiten gehen vor, sonst wäre ich es wert, daß mein Arm auf immer lahm bliebe.«

»Dies ist also Euer Entschluß?«

»Er ists, so wahr Ben Nevis steht!« sagte Menteith. Dann,« erwiderte Montrose, »verhandelt mit dem Ritter von Ardenvohr. Hattet Ihr Glück, so werden Mac Aulay und ich schon einen Ausweg finden und seinen Bruder einfach fortschicken, bis er nicht mehr daran denkt. Möge durch einen Traum jede Spur der Annot Lyle verschwinden! Denkt Ihr, das ist unmöglich, Menteith? Nun gut, gehe jeder seinem Dienste nach – Ihr an den des Cupido, ich an den des Mars!

Sie nahmen Abschied voneinander; am nächsten Morgen nach diesen Erörterungen warb Menteith bei dem verwundeten Ritter um die Tochter. Trotzdem Sir Duncan von der Zuneigung der beiden wußte, kam ihm die Erklärung des Grafen Menteith doch zu früh. Zuerst entgegnete er, daß er seinen Gefühlen in einer Zeit freien Lauf gelassen habe, in der sein Geschlecht so großen Verlust und so tiefe Demütigung ertragen mußte; in einer derart unglücklichen Zeit wollte er zunächst dafür Sorge tragen, daß sein Geschlecht sich von den schweren Schicksalsschlägen erhole und vor weiterm Ungemach gesichert werde.

Als der Brautwerber heftiger in ihn drang, bat er ihn um einige Stunden Frist, damit er eine so wichtige Angelegenheit reiflich erwägen und mit seiner Tochter besprechen könne. Diese Unterredung und Beratung fiel für Menteith günstig aus. Sir Campbell erkannte, daß seine neugefundene Tochter nur mit ihrem Geliebten glücklich werden könne; Menteiths Charakter war so tadellos, und der Rang, den er durch Abkunft und Vermögen inne hatte, so bedeutend, daß nach Sir Duncans Meinung der Zwiespalt in ihrer politischen Überzeugung keine Rolle spiele.

An sich hatte es etwas Demütigendes, daß die Erbin von Ardenvohr als Waise und Harfenspielerin in Darlinvarach aufgewachsen war. Wurde sie aber eingeführt als Braut oder Gemahlin Menteiths, zumal ihr Liebesbund schon entstanden war, als sie noch ein armes Mädchen gewesen war – so war für die Welt der Beweis geliefert, daß sie sich des hohen Ranges, den sie jetzt innehatte, allezeit würdig gezeigt hatte.