Vermutlich hat Sir Dugald Dalgetty sogar die Revolution überlebt; denn Überlieferungen, die nicht sehr weit zurückreichen, geben an, er sei als alter tauber Kerl im Lande umhergestolpert und habe endlose Geschichten erzählt vom unsterblichen Gustavus, dem Löwen des Nordens und dem Bollwerk des protestantischen Glaubens.
Ende
Hochländer-Ehre
Erstes Kapitel
Meine Erzählung beginnt mit dem Tage nach dem Douner Jahrmarkt. Der Markt war sehr gut gewesen. Aus den nördlichen und mittleren Grafschaften Englands hatten sich allerhand Händler eingefunden, und das gute englische Geld hatte so flott kursiert, daß den Bauern im Hochlande das Herz im Leibe lachte.
Eine ganze Reihe stattlicher Herden zogen unter der Aufsicht von Händlern oder Obertreibern, denen das beschwerliche Geschäft obliegt, das auf den Märkten erstandene Vieh oft hunderte von Meilen auf die Triften oder in die Meierhöfe zu schaffen, wo es für die Fleischbänke gemästet werden soll. Außerordentlich kundig darin sind die Hochländer; sie scheinen diesem Geschäft ganz ebensoviel Sympathie entgegenzubringen wie dem Kriegshandwerk, wohl weil es an Ausdauer, Körperkraft und Rührigkeit die gleichen Ansprüche stellt.«
Ein solcher Viehtreiber muß die »Viehwege« im Lande genau kennen, die gewöhnlich durch die wildesten Gegenden führen, weil die großen Heerstraßen, die den Füßen der Tiere, und die Schlagbäume, die den Geldbeuteln der Händler stark zusetzen, gemieden werden müssen. Auf dem breiten, grünen oder grauen Pfade über das Moor zieht die Herde nicht allein bequem und abgabenfrei, sondern findet auch, wenn der Treiber sich einigermaßen auf die Sache versteht, unterwegs ihr Futter. Nachts schläft der Treiber unter seinem Vieh, ohne Rücksicht auf die Witterung, und gar manchem dieser wetterharten Gesellen passiert es, daß auf der langen Strecke von Lochaber bis Lincoln er kein einziges mal unter Dach kommt. Ein solcher Treiber bekommt sehr guten Lohn, denn das Kapital, das ihm anvertraut ist, macht eine stattliche Summe aus, und von seiner Umsicht, Wachsamkeit und Ehrlichkeit hängt es viel ab, daß das Vieh den Markt in gutem Zustande erreicht und den gehofften Vorteil abwirft.
Außer seinem Dolch oder Skene-dhu (schwarzes Messer), den er unter dem Arm oder in den Falten seines Plaid verborgen trägt, und dem Knüttel, den er für das Vieh braucht, führt solcher hochländische Treiber keine Waffen.
Nie fühlt sich der Hochländer wohler als auf solcher »Tour«, die ihm zufolge der mannigfaltigen Abwechslung, die sie bringt, Gelegenheit über Gelegenheit zur Befriedigung der jedem Kelten angeborenen Wißbegierde und Wanderlust bietet. Ort und Umgebung wechseln alle Augenblicke. Hierzu kommen die bei solchem Beruf unausbleiblichen kleinen Abenteuer, der Verkehr mit Bauern- und anderem Treibervolk, hin und wieder gewürzt durch einen frischen fröhlichen Trunk, der um so besser mundet, als er nichts kostet, denn jeder Treiber hat auf seiner »Tour«, gleichviel wohin sie führt, freie Zeche.
Von allen Treibern, die an dem Morgen auf ihre »Tour« gingen, an welchem diese Erzählung anhebt, setzte keiner die Mütze kecker auf das Ohr und schnallte keiner die Beinkleider fester am Knie, als Robin Oig M'Combich, gewöhnlich Robin Oig genannt, was soviel wie Robin der Jüngere oder Kleinere bedeutet.
Freilich war er klein, Robin Oig, aber so schnell und flink wie die flinkste Geiß auf seinen Bergen, und manch größerer und kräftigerer Mann neidete ihm den leichten Tritt, den er an sich hatte, und die flotte Weise, wie er sein Plaid umschlug und seine Mütze aufsetzte. Haltung und Wesen Robin Oigs verrieten deutlich, daß er recht gut wußte, wie es ein schmucker Hochländer anfangen muß, die Blicke der Dirnen im Unterland auf sich zu lenken. Sein gesundes, kraftstrotzendes Gesicht mit den vollen Wangen, den roten Lippen und weißen Zähnen, dem alle Witterungseinflüsse keinen Abbruch tun konnten, war ihm hierbei gewiß kein Hindernis. Wenn auch Robin Oig, nach dem Brauch seiner Landsleute, weder viel lachte noch häufig lächelte, so blitzten doch seine hellen Augen so lustig unter seiner Mütze, daß sich jeder zur Fröhlichkeit gestimmt fühlte, der ihn ansah.
Robin Oigs Aufbruch, war für die kleine Stadt kein geringfügiges, denn er besaß dort und in der Umgegend manchen Freund und auch manche Freundin. Angesehen in seinem Fach, machte er ziemlich große Geschäfte auf eigene Rechnung und genoß bei den reicheren Bauern im Hochlande mehr Vertrauen, als manch anderer seines Standes. Es wäre ihm ein leichtes gewesen, seinem Geschäft eine größere Ausdehnung zu geben, sobald er sich hätte entschließen können, fremde Leute bei sich zu beschäftigen. Aber Robin Oig mochte hiervon nichts wissen und beschränkte sich auf die Beihilfe einiger Söhne seiner Schwester. Es läßt sich wohl annehmen, daß er recht genau wußte, wie sehr sein Ruf auf seinem persönlichen Ansehen und seinem persönlichen Arbeiten beruhten; und darum ließ er sich an dem hohen Lohne genügen, der Leuten seines Standes bezahlt wurde, und tröstete sich mit der Hoffnung, daß ihn ein paar Reisen nach England in den Stand setzen würden, später auf eigene Rechnung zu arbeiten und in solcher Weise, wie sie sich mit seiner Geburt und seinen Anschauungen vertrug.
Robin Oig war aus vornehmem »Clan«, denn sein Vater M'Combich, mit dem Zunamen M'Gregar, führte diesen Namen von dem berühmten Rob Roy und hatte ihn bekommen auf Grund des innigen Freundschaftsbundes, der zwischen Robins Großvater und diesem berühmten Häuptling bestanden hatte. Manche wollen sogar wissen, Robin Oig führe seinen Vornamen nach einem Manne, der in den Wildnissen von Lochlomond ganz dieselbe Berühmtheit genossen habe wie sein Namensvetter Robin Hood in der Gegend des lustigen Scherwalds. »Welcher Mensch möchte,« wie Jakob Boswell sagt, »nicht stolz auf seine Ahnen sein?« Robin Oig war auch wirklich stolz, aber auf seinen häufigen Märschen nach England und ins Unterland hatte er die Einsicht gewonnen, daß er sich mit dem, was ihm in seinen abgelegenen Bergen noch ein bißchen Ansehen geben konnte, anderswo nur lächerlich machen oder in Mißkredit setzen konnte. Ihm war der Ahnenstolz dasselbe, was dem Geizhalse sein Geld ist: ein Ding, an dem er sich heimlich weidete, mit dem er sich aber Fremden gegenüber niemals großtat.
Viele Glückwünsche wurden Rubin Oig mit auf den Weg gegeben. Kenner lobten seine Herde, besonders den besseren und schöneren, Robin selber gehörigen Teil. Manche boten ihm eine Prise zum Abschied, andere einen Abschiedstrunk, und alle riefen: »Glückliche Ausfahrt und frohere Heimfahrt! Viel Glück auf dem sächsischen Markte! Bringt die Brieftasche recht dick mit Papiergeld und die Geldtasche bis zum Rande voll englischen Goldes mit nach dem Hochlande wieder!«
Von den Dirnen, die ihm ein sittsames Lebewohl sagten, war mehr als eine, die bei sich dachte, die beste Busennadel gebe sie hin, wenn sie wissen könnte, sie sei die letzte gewesen, die sein Auge gegrüßt habe, als er in die große Heerstraße bog.
Zweites Kapitel
Robin Oig hatte eben mit dem ersten Huhu-Schrei die saumseligen Tiere seiner Herde angetrieben, als er hinter sich den Ruf hörte:
»Halt, Robin! Wart ein wenig! Hier ist Jannet von Tomahourich, die alte Jannet, deines Vaters Schwester!«
»Hol der Henker die alte Hochlandshexe!« rief ein Bauer aus Stirling, »sie bringt uns bloß Krankheit über das Vieh!«
»Das läßt sie wohl bleiben,« sagte ein anderer, »denn Robin Oig ist nicht der Mann, eins seiner Tiere mit auf den Marsch zu nehmen, dem er nicht den Mungos-Knoten in den Schweif gebunden hätte. Ein solcher Knoten kann die schlimmste Hexe abhalten, die je auf einem Besen über Dimajet geritten ist.«
Das Vieh im Hochlande ist, wie hier gesagt sein mag, dem Behexen in hunderterlei Fällen ausgesetzt. Kluge Leute wissen es dadurch zu verhindern, daß sie ihrem Vieh unten am Schweif eine besondere Art Knoten in das Haarbüschel knüpfen.