Aber das alte Weib, das den Bauern zu solchen Bemerkungen Anlaß gegeben hatte, schien sich um das Vieh nicht im geringsten zu bekümmern, sondern ihre Aufmerksamkeit allein dem Treiber zu schenken. Robin dagegen schien sie nicht gern hier zu sehen. »Muhme, was fällt Euch denn ein,« fragte er, »so früh am Morgen Eurem Kamin den Rücken zu wenden? Ich habe Euch doch gestern Lebewohl gesagt und Euren Glückwunsch mit auf den Weg genommen.«
»Ja, du Vogel meines Herzens,« antwortete die Sibylle, »hast mir ja auch Geld dagelassen mehr, weit mehr, als solch unnützes altes Weib brauchen kann. Aber wenig möchte mich die Speise, die mich nährt, und das Feuer, das mich wärmt, ja, auch Gottes Sonne kümmern, geschähe meines Vaters Enkel anders als Gutes! Also laß mich den Kreis um dich her ziehen, damit du wohlbehalten das ferne Land erreichst und wohlbehalten den Weg in deine Heimat zurückfindest.«
Halb verlegen, halb verdrießlich blieb Robin Oig stehen, dann lachte er und gab den anderen durch eine Gebärde zu verstehen, daß er es der alten Frau bloß zu Gefallen tue. Inzwischen zog sie unsicheren Schrittes den zauberischen Kreis um ihn, der nach einigen aus der Druidenzeit herstammen soll und auf die Weise gebildet wird, daß die Person, die den Kreis zieht, dreimal um die Person, der die feierliche Handlung gilt, herum schreitet, und zwar in der Richtung des Sonnenlaufs.
Auf einmal aber blieb sie stehen und schrie voll Entsetzen:
»Enkel meines Vaters! Du hast Blut auf der Hand!«
»Um Gotteswillen, Muhme, seid still!« rief Robin Oig; »mit diesen eingebildeten Ahnungen bereitet Ihr Euch mehr Unruhe, als Ihr in langer Zeit wieder loswerden könnt.«
Aber die Alte sah ihn an mit gräßlichem Blicke und schrie wieder:
»Blut hast du auf der Hand, Enkel meines Vaters, und zwar englisches Blut, denn das Blut eines Galen ist voller und röter. Laß sehen! Laß –!«
Und ehe Robin es hindern konnte – was auch nur unter, Aufbietung von Gewalt möglich gewesen wäre, so energisch und schnell waren ihre Bewegungen – hatte die Alte aus, den Falten seines Plaid den Dolch, hervorgezogen und hielt ihn in die Höhe. Obgleich der Stahl hell in der Sonne blitzte, rief sie:
»Blut – Blut – wieder Sachsenblut! Robin Oig M'Combich, heute zieh nicht nach England!« »Pah!« versetzte Robin Oig, »das geht nicht mehr, denn da könnte ich ebenso gut aus dem Lande gehen! Schämt Euch, Muhme, und gebt mir den Dolch! Ihr könnt nicht das Blut eines schwarzen vom Blut eines weißen Ochsen unterscheiden und wollt sächsisches Blut vom gälischen herauskennen? Muhme, alle Menschen haben ihr Blut von Adam. Gebt mir mein schwarzes Messer her, und dann gebt mir den Weg frei! Ich könnte schon halbwegs bis Stirling sein. Gebt mir den Dolch her und den Weg frei!«
»Ich gebe ihn dir nicht,« rief die Alte, »und laß auch, dein Plaid nicht eher los, als bis du mir versprichst, diese unselige Waffe nicht bei dir zu tragen.«
Da Robin sah, daß die Bauern vom Unterland dem Auftritt mit finsterer Miene zusahen, hielt er es für geraten, ihm ein Ende zu machen.
»Nun gut,« sagte er und reichte Hugo Morrison die Scheide des Dolches, »ihr Unterländer gebt auf solchen Kram nichts. Hebt mir den Dolch auf! Schenken kann ich ihn Euch nicht, denn er stammt von meinem Vater. Aber Eure Herde zieht mit der unsrigen und mir soll es recht sein, wenn Ihr ihn mir aufhebt. Seid Ihr es zufrieden, Muhme?«
»Das muß ich wohl,« antwortete die Alte, »das heißt, wenn der Mann töricht genug ist, dein schwarzes Messer zu nehmen!«
Der kräftige Westländer lachte laut auf und sagte:
»Liebe alte Frau! Ich bin Hugo Morrison von Glenä und stamme von den uralten Manly Morrisons, die nie in ihrem Leben eine kurze Waffe wider einen Mann führten. Sie hatten es ja auch nicht nötig, denn sie hatten ihre breiten Schwerter, während ich bloß solchen Spazierstock habe« – bei diesen Worten schwenkte er einen furchtbaren Prügel durch die Luft – »denn das Stechen über den Tisch, das überlasse ich meinem lieben John dem Hochländer! Schnaubt nur nicht, Ihr Burschen vom Hochland, besonders Ihr nicht, Robin Oig! Wenn Euch das Geschwätz der alten Hexe bange macht, Kamerad Robin, so will ich Euch gern das schwarze Ding aufheben und geb's Euch wieder, sobald Ihr's braucht.«
Robin paßte mancherlei in diesen Worten Hugo Morrisons nicht so recht, allein er hatte auf seinen Marschen und Zügen sich mehr Geduld angewöhnt, als einem Hochländergemüt von Haus aus eigen war. Deshalb nahm er das Angebot Morrisons an, ohne sich an die geringschätzige Art und Weise zu kehren, auf die es gemacht wurde.
»Hätte er nicht seinen Morgentrunk im Kopf, so würde dieses Dumfrieser Schwein ganz sicher so ungezogen nicht geschwatzt haben. Aber von einem Schwein läßt sich ja nichts Besseres erwarten, als daß es grunzt. Eine Schande ists aber doch, daß ein solcher Saukerl wie der meines Vaters Dolch tragen soll!«
Mit diesen Worten, die er aber auf gälisch sprach, trieb Robin sein Vieh an und winkte allen Zurückbleibenden ein Lebewohl zu. Dann eilte er um so schneller hinweg, als er in Falkirch einen Kameraden und Handwerksgenossen zu finden hoffte, mit dem er die Wanderung weiter zu machen gedachte.
Drittes Kapitel
Robin Oigs Freund war ein junger Englischer, Harry Wakefield mit Namen, auf allen nordischen Märkten wohlbekannt und in seinem Lande ebenso bekannt und angesehen, wie unser hochländischer Treiber. Er war sechs Fuß hoch und in Leibeskünsten, wie Rennen, Ringen und Boxen, wohlerfahren. In Doncaster beim Pferderennen setzte er immer seine Guinee und gewann sie in der Regel. In Yorkshire wurde kaum einmal ein Faustkampf ausgefochten, bei dem er nicht dabei gewesen wäre, wenn es ihm seine Geschäfte irgend erlaubten.
Harry Wakefield war aber nicht bloß ein lustiger Bursche, der gern mal »was mitmachte«, sondern auch ein Bursche, der was auf sich hielt, der auch gesetzt sein konnte, wenn es am Platze war, und Robin Oig M'Combich, bei aller ihm eigenen Vorsicht, konnte wirklich nicht besser ankommen. Wenn Harry Wakefield auf Feiertage hielt, so war er an Werktagen auch tüchtig hinterher. Da rechnete er mit der Minute.
Von Aussehen und Gemüt war Harry Wakefield das Muster eines altenglischen Bauern, deren Spieße in so vielen hundert Schlachten anderen Völkern Englands den Sieg abgewannen und deren gutes Schwert auch zu unserer Zeit noch Englands wohlfeilster und sicherster Schutz ist.
Es brauchte nicht viel, so ging sein fröhlicher Sinn mit ihm durch. Kräftigen Körpers und ziemlich wohlhabend, fand er sich leicht mit allen Situationen ab und sah Schwierigkeiten mit keckem Blick und frischem Selbstvertrauen ins Auge. Indessen war er bei allem sanguinischen Temperament keineswegs ohne Fehler. Leicht zum Zorn geneigt, nicht selten zänkisch, liebte er es, jeden Zwist mit einem Faustkampf zu schlichten, weil er selten einen Gegner fand, der es im Boxerkampfe mit ihm aufnehmen konnte.
Es läßt sich schwer sagen, auf welche Weise Harry Wakefield und Robin Oig miteinander bekannt wurden. Aber fest steht, daß ein kameradschaftliches Verhältnis zwischen ihnen bestand, wenn es auch dem Anschein nach nur wenig Dinge gab, die sie gemeinsam interessierten und gemeinsam besprechen konnten, sobald es sich um andere Dinge als um ihr Vieh handelte.
Robin Oig sprach nur unvollkommen Englisch, im Grunde ging sein Wortschatz in dieser Sprache nicht über die Ausdrücke hinaus, die sein Stand und Geschäft notwendig machten; wohingegen Harry Wakefield seine breite yorkische Zunge nie dazu bringen konnte, ein einziges gälisches Wort zu sprechen. Umsonst bemühte sich Harry auf einer Wanderung über das Minch-Moor ganze vier Wochen lang, das gälische Wort für Kalb, Lluh, richtig auszusprechen. Es war für ihn das richtige Schiboleth. Von Traquair bis nach Murder-Cairn hallte das Gebirge von den Versuchen des Sachsen, den schweren Einsilber zu radebrechen, und von dem herzlichen Gelächter, mit welchem jede dieser vergeblichen Anstrengungen von den Engländern und Schotten begleitet wurde, wider.