Indessen kannten sie auch bequemere und bessere Mittel, dies Echo zu wecken. Wakefield hatte manches Liebeslied zum Lob und Preise von Molly, Suschen oder Eilchen im Gedächtnis, und Robin Oig war die Gabe zu eigen, alte Heldengesänge in Menge zu pfeifen und, was dem Ohre des Südländers noch genehmer klang, gar manches nordisches Lied, wozu Wakefield den Baß pfeifen lernte.
Mochten auch für Robin Erzählungen von Wettrennen, Hahnenkämpfen und Fuchsjagden, wie sie sein Kamerad zum besten gab, kaum viel Interesse haben, anderseits von Wakefield die Sagen von den Kämpfen der schottischen Clans oder Sippen, vermischt mit den Märchen von Kobolden und Feen, vielleicht kaum richtig verstanden werden, so fanden sie doch gelegentlich an ihrer Gesellschaft ein Vergnügen, das sie nun schon drei Jahre lang bestimmt hatte, ihre Wanderungen miteinander zu machen, sobald sich ihr Wegziel in gleicher Richtung befand.
Einer fand im Umgang des anderen seinen Vorteil, denn wo hätte der Engländer einen besseren Führer durch das westliche Hochland finden können als Robin Oig, und wenn sie, wie Harry Wakefield sich ausdrückte, sich »rechts von der Grenze« befanden, wo hatte dann Robin Oig einen besseren Gefährten finden können als diesen »Südländer« mit seinem ausgebreiteten Ansehen und der wohlgefüllten Börse, die dem schottischen Freunde allezeit zu Gebote gestanden hätte?
Viertes Kapitel
Die beiden Freunde hatten zusammen die grasreichen Halden von Liddesdale durchwandert und befanden sich nun in dem gegenüberliegenden Teile von Cumberland, der in der Regel mit dem Namen »die Wüste« bezeichnet wird.
In diesen abgelegenen, wenig bevölkerten Strichen ließ sich das Vieh mit geringen Mitteln unterhalten; es fand sein Futter bald am Wege, bald auf den angrenzenden Weiden, zu denen ein munterer Seitensprung es brachte.
Nun aber veränderte sich die Szenerie. Sie gelangten in eine fruchtbare, gutbestellte Gegend, wo man das Vieh nicht weiden lassen durfte, ohne daß man sich zuvor mit den Eigentümern verständigt hatte.
Das galt zumal jetzt, da im Norden ein großer Viehmarkt gehalten werden sollte, auf welchem Schotten sowohl als Engländer Vieh zu verkaufen rechneten, und deshalb darauf sehen mußten, es gut genährt, wenigstens nicht abstrapaziert, auf den Markt zu bringen. Kein Wunder also, daß Weiden nur schwer erhältlich waren und viel Geld kosteten.
Dieser Umstand legte den beiden Freunden zeitweilige Trennung auf, indem jeder für seine Herde sich nach Unterkunft umsehen mußte. Unglücklicherweise fügte es sich nun, daß beide, ohne daß einer vom andern wußte, den gleichen Weideboden suchten, den ein in der Nähe wohnhafter Gutsbesitzer zu verpachten hatte.
Der englische Treiber wandte sich an den Verwalter, der ihm von früher her bekannt war. Nun hatte aber der cumbrische Squire, Mr. Ireby, der feit einiger Zeit Ursache zum Mißtrauen in die Ehrlichkeit seines Verwalters gefunden zu haben meinte, demselben untersagt, Weideboden ohne sein Wissen an Viehhändler abzugeben. Tags zuvor hatte jedoch Mr. Ireby eine Reise nach dem Norden unternommen, die ihn mehrere Meilen von seinem Besitztum entfernte, und so meinte der Verwalter, den Abschluß mit Harry Wakefield auf eigene Faust machen zu dürfen.
Mittlerweile wurde Robin Oig, ohne Kenntnis von dem, was sein Kamerad vorhatte, von einem stattlichen Herrn in langen engen Beinkleidern, kurzer Jacke, mit langen Sporen an den Hacken, eingeholt, der auf einem nach damaliger Mode an Schweif und Ohren gestutzten Klepper angeritten kam.
Der Herr begann ein Gespräch mit Robin und erkundigte sich über den Stand des Viehpreises, über die noch fälligen Märkte usw. Robin kam er als ein verständiger artiger Herr vor, er nahm sich deshalb die Freiheit, die Frage an ihn zu stellen, ob ihm vielleicht in der Gegend ein gutes Stück Weideland bekannt sei, auf das er sein Vieh eine Zeitlang treiben dürfe.
Seine Frage hätte kein willigeres Ohr finden können, denn der Herr war Gutsbesitzer und war ebenderselbe, mit dessen Verwalter Harry Wakefield bereits abgeschlossen hatte oder eben abschließen wollte.
»Du hast Glück, Schotte,« antwortete Mr. Ireby, »bei mir anzufragen, ich sehe ja, dein Vieh ist müde, und im Umkreise von drei Meilen habe ich das einzige Feld, das zu vermieten ist.«
»Hm, ein paar Meilen hält mein Vieh schon noch aus«, antwortete der verschmitzte Hochländer. »Indessen was begehrt Ihr für das Feld, wenn ich mein Vieh zwei bis drei Tage lang darauf weiden lasse?«
»Wir wollen nicht lange feilschen, schmucker Jungmann,« entgegnete der Gutsherr, »ich bin einverstanden mit deinem Vorschlag, wenn du mir ein halbes Dutzend Stiere für die Stallfütterung ablassen willst. Das ist gewiß nicht viel.«
»Und welche Tiere wünschen Euer Gnaden?« fragte Robin Oig.
»Hm – laß sehen – die zwei schwarzen hier – dann den braunen – den falben – den dort mit dem gewundenen Horn, und den mit dem schwarzen Fleck – was gilt das Stück?«
»Ei, ei,« machte Robin Oig, »Euer Gnaden sind Kenner, echter Kenner – ich hätte mir selber keine besseren aussuchen können und kenne meine Tiere so genau, als wenn es meine eigenen Kinder wären.«
»Nun, Jungmann, was gilt das Stück?« fragte Mr. Irbey.
»In Doune und in Falkirch sind diesmal hohe Preise gezahlt worden«, versetzte Robin.
So ging das Gespräch weiter, bis sie zu einem bestimmten Preis für die Ochsen gelangt waren. Der Squire nahm dafür, daß er die Weide für Robins Herde hergab, die sechs Stiere in Kauf, und Robin schloß seiner Meinung nach einen ganz guten Handel ab, wenn auch das Gras nur mittlerer Güte war. Der Squire ritt neben dem Vieh her, weil er Robin nicht allein den Weg zeigen, sondern zugleich zusehen wollte, wie sich derselbe auf der Weide einrichten würde, auch wohl, weil er neugierig war, zu hören, wie es auf den letzten Märkten im Norden zugegangen war.
Man kam auf der Wiese an. Robin fand die Weide vortrefflich.
Nicht wenig erstaunt waren die beiden Männer aber, als sie dort den Verwalter des Squire antrafen, der gerade die Herden von Robins Kameraden, Harry Wakefield, auf denselben Weideboden eintreiben wollte, über den sein Herr soeben mit Robin Oig sich geeinigt hatte.
Mr. Ireby setzte seinem Pferde die Sporen in die Seiten und sprengte zu seinem Verwalter.
Nun erfuhr er, was zwischen den beiden Parteien vorgegangen war. Ohne weiteres erklärte er Harry Wakefield, dem englischen Treiber, sein Verwalter habe die Wiesen ohne sein Vorwissen und wider seine Instruktion verpachtet; Harry Wakefield müsse also anderswo sich Gras für sein Vieh suchen, denn hier könne er keins bekommen. Zugleich bekam der Verwalter einen derben Denkzettel für sein selbständiges Vorgehen und der Squire wies ihn an, das müde und ausgehungerte Vieh des Engländers, das sich gerade das lang entbehrte Futter wohl schmecken zu lassen anfing, von der Wiese zu treiben, um für das Vieh des schottischen Treibers, mit welchem das allein gültige Abkommen getroffen worden sei, Weideplatz zu schaffen.
Recht wohl erklärlich, daß der englische Viehhändler den schottischen, trotzdem es sein alter Kamerad war, mit schelen Augen ansehen lernte. Nicht minder erklärlich war, daß er sich im ersten Moment stark versucht fühlte, sich der Entscheidung des cumbrischen Squire zu widersetzen. Da jedoch jedem Engländer ein ziemlich scharfes Gefühl für Recht und Gerechtigkeit innewohnt, und da John Fleecebumpkin, der Verwalter, eingestehen mußte, seine Gewalt überschritten zu haben, blieb Wakefield zuletzt doch nichts weiter übrig, als mit seinem hungrigen Vieh anderswo Unterkunft zu suchen.
Robin Oig sah mit Verdruß, was sich zugetragen hatte und suchte eilends den Freund auf in der Absicht, ihm Teilung der Weide vorzuschlagen. Aber Harry Wakefield fühlte sich in seinem Stolz gekränkt und antwortete verächtlich:
»Nimm es nur ganz! Nimm es ganz! Wer beißt denn eine Kirsche in zwei Hälften? Du hast es eben heraus, die Leute zu beschwatzen und kannst einem alten ehrlichen Bauern auch wohl ein X für ein U vormachen! Schäme dich was, Kerl! Ich danke dafür, einem anderen die dreckigen Hände zu lecken um der Erlaubnis willen, bei ihm backen zu dürfen.«