Robin Oig tat der Verdruß, den der Freund litt, von Herzen leid, er ließ es sich aber nicht merken. Dagegen bat er denselben, sich doch nur eine Stunde zu gedulden, bis er sich von dem Squire das Geld für die verkauften Stiere geholt habe; dünn wolle er ihm helfen, sein Vieh auf einen guten Platz zu bringen, und ihm über das leidige Mißverständnis Aufklärung geben.
Aber der Engländer rief mit wachsendem Zorn:
»So? Verkauft hast du auch schon? Sieh da! Du verstehst es ja brillant, die Zeit abzupassen, wo sich ein Handel machen läßt. Es kommt dir auch dabei nicht drauf an, anderen vorzugreifen! Scher dich zum Kuckuck! Mir ist deine Galgenfratze zuwider, schon lange zuwider. Schämen solltest du dich, einem ehrlichen Kameraden in die Augen zu sehen!«
»Ich brauche mich nicht zu schämen, jemand vor die Augen zu treten,« versetzte Robin Oig, dem nun auch der Zorn aufzusteigen begann, »auch dir nicht, Wakefield! Das laß dir gesagt sein, und wenn du im Wirtshaus auf mich warten willst, will ich's dir vor den Leuten zeigen, daß ich mich dessen nicht schäme.«
»Es wäre am Ende gerade so gut, wenn du wegbliebst«, antwortete der Kamerad und kehrte Robin den Rücken.
Dann trieb er mit Hilfe des Verwalters mühsam sein Vieh zusammen und suchte anderswo unterzukommen. Der Verwalter ließ es sich eifrig angelegen sein, mit den Bauern in der Nachbarschaft zu verhandeln. Aber es konnte oder wollte keiner von ihnen Weideland abtreten. Schließlich wandte sich Wakefield an den Schenkwirt, bei dem er sich mit Robin Oig für die Nacht hatte quartieren wollen, ehe sie in solchen Zwiespalt gerieten.
Der Schenkwirt erklärte sich bereit, sein Vieh auf ein paar Tage auf dürres Heideland zu treiben, stellte aber hierfür keine niedrigere Forderung, als vordem der Verwalter des cumbrischen Squire gestellt hatte für das ihm durch Robin Oig vorgepachtete Gehege. Das steigerte bei Wakefield den Groll gegen den, wie er den Fall ansah, wortbrüchigen Freund noch weiter. Der Verwalter, ebenfalls gegen Robin Oig ergrimmt wegen des von seinem Gutsherrn bekommenen Verweises, trug auch nichts dazu bei, ihn zu beruhigen, sorgte im Gegenteil im Verein mit dem Schenkwirt und einigen anwesenden Gästen, die teils aus Schadenfreude, den Menschen, Gott seis geklagt, in allen Ständen eigen, teils aus dem auf der Grenze noch immer glimmenden Haß wider alle Schotten und alles, was schottisch ist durch allerhand Stichelreden dafür, Harry Wakefield noch stärker aufzubringen. Auch das starke englische Bier, bekanntlich immer ein Förderer der Leidenschaften, und zwar der schlimmen ebensowohl als der guten, tat in dem Falle auch seine Wirkung, und mit einer Kanne nach der anderen wurde der Trinkspruch »Verderben den falschen Freunden und harten Herren« begossen.
In der Zwischenzeit fand Mr. Ireby seine Freude daran, den »schmucken Schotten«, der ihm gefiel, in seinem alten Herrensaale zu bewirten. Er ließ ein tüchtiges Stück Ochsenfleisch auftragen, dazu eine Kanne schäumenden Hausbiers, und ergötzte sich an dem kräftigen Appetit, den Robin Oig entwickelte, um diese ihm ungewohnten Leckerbissen zu verschlingen.
Der Squire steckte sich eine Pfeife an und spazierte mit edelherrlicher Würde, ohne aber den Bauer verleugnen zu können, in seinem Herrensaale auf und ab während er sich mit seinem Gaste, von herablassender Höflichkeit überschäumend, unterhielt.
»Ich bin noch an einer anderen Herde vorbeigekommen, Schotte,« sagte der Squire, »die auch von einem Landsmann von dir getrieben wurde. Die Tiere waren aber schwächer und geringer als unsere. Es war ein langer Mensch da, der aber keinen Schurz trug wie Ihr, sondern ein hübsches Beinkleid. Ist er dir bekannt?«
»Gewiß, das muss Hughie Morrison gewesen sein! Ich hätte nicht gedacht, dass er schon wieder auf den Beinen sei. Er war einen Tag bei uns. War er weit hinten?«
»Ich schätze, etwa ein halbes Dutzend Meilen,« versetzte der Squire, »denn ich habe ihn beim Christenbury-Cragg getroffen und dich beim Hollan-Busch eingeholt. Wenn sein Vieh läuft, verkauft er vielleicht.«
»Nem, nein! Hughie Morrison ist keiner, der was verkaufen kann! Aber ich muss Euch nun gute Nacht wünschen, Squire, denn ich muss nach der Schenke, um zu sehen, ob sich Harrys Zorn inzwischen gelegt hat.«
Fünftes Kapitel
Im Wirtshaus saß alles in voller Unterhaltung über die von Robin Oig an seinem Freunde Wakefield begangene Falschheit. Wie es bei solchen Anlässen zu sein pflegt, so trat auch hier, als Robin Oig eintrat, plötzlich Stille ein. Das Gespräch, das sich um ihn gedreht hatte, wurde abgebrochen. Es herrschte jene Stille in der Schenkstube, die dem Eintretenden deutlicher als Tausende von Worten sagt, dass man ihn lieber gehen als kommen sieht.
Verwundert und gekränkt, aber nicht verlegen über solchen Willkommen, im Gegenteil unverzagt und stolz, setzte sich Robin Oig, in einiger Entfernung von dem Tische, an welchem außer Harry Wakefield noch John Fleecebumpkin, der Verwalter und zwei andere Männer saßen. Freilich war die Schenkstube groß genug, dass er sich weitab hätte setzen können; und besser wäre es schließlich wohl auch gewesen, er hätte sich mit einem Gruße, wenn auch einem kurzen, hingesetzt, statt darauf zu pochen, daß ihm kein Wort des Grußes vergönnt würde.
Er steckte sich die Pfeife an und forderte einen Krug Bier von der Sorte zu zwei Penny.
»Zwei Penny-Bier führe ich keins,« versetzte Ralph Huskett, der Wirt, »da du aber deinen eigenen Tabak führst, bringst du dir wahrscheinlich auch eigenes Getränk mit. Bei Euch ist es wohl, glaube ich, Brauch so im Lande.«
»Pfui doch, Mann! Schäme dich!« rief die Wirtin, eine dralle rührige Hausfrau, indem sie sich beeilte, dem Gaste vorzusetzen, was er begehrte; »du weißt recht gut, was der Fremde will, und als Wirt ist es doch Wohl deine Pflicht, höflich zu sein. Wenn der Schotte eine kleine Flasche lieber hat als eine große, so geht daraus noch nicht hervor, daß er seine Zeche nicht bezahlen wird!«
Ohne auf diese Unterhaltung der Eheleute zu achten, nahm der Hochländer den ihm von der Wirtin gereichten Krug und trank der Gesellschaft zu mit dem Spruche: »Auf guten Markt!«
»Besser möchten sie schon sein, unsere Märkte,« meinte einer von den Pächtern, »wenn uns nicht gar so viel Wind von Norden her bliese und ein paar Viehherden weniger aus dem Hochlande herunterkämen, uns das Gras von den Wiesen zu fressen.«
»Ich meine, Freund, damit habt Ihr nicht recht«, erwiderte Robin gelassen; »wer frißt denn unser armes schottisches Vieh anders als ihr fetten Engländer?«
»Mir wäre es schon lieber, es fände sich was ein, das alle Viehtreiber fräße!« meinte ein anderer; »denn kein ehrlicher Engländer mehr kann den Bissen Brot schlucken, der ihm im Munde steckt, sobald er solches Subjekt bloß von weitem sieht.«
»Und kein ehrlicher Diener mehr rechnen, sich bei seinem Herrn in Gunst zu halten, so stehlen sich diese Kerle zwischen den Herrn und das Sonnenlicht«, rief der Verwalter.
»Wenn das Späße sein sollen,« sagte Robin Oig noch immer mit Ruhe, »so sind es ihrer wohl zuviel für einen!«
»Von Spaß ist keine Rede,« rief der Verwalter, »was ich sage und was hier gesprochen wird, ist voller Ernst. Denn wir sind der Meinung, Robin Oig oder wie Ihr sonst heißen mögt, wohlverstanden, alle die wir hier sitzen – der Meinung Robin Oig, daß Ihr Euch gegen unseren Freund, Mr. Harry Wakefield hier, benommen habt, wie sich kein Kamerad elender und erbärmlicher benehmen kann.«
»Ganz sicher, ganz sicher,« entgegnete Robin mit großer Gelassenheit, »und für Richter in solcher Sache wie euch – wohlverstanden euch alle zusammen hier – gebe ich keine Prise Tabak! Wenn Mr. Wakefield weiß, wer ihn beleidigt hat, dann weiß er auch, an wen er sich zu wenden hat!«