»Recht hat er gehabt, wenn er das sagte!« rief nun Wakefield, der im Widerstreite zwischen seinem Unmut über Robins kürzliches Benehmen und der wiederauflebenden früheren Freundschaft dem Wortwechsel zugehört hatte.
Mit diesen Worten stand er auf und trat zu Robin, der seinerseits aufstand und ihm die Hand hinhielt.
»Recht so, Harry!« erklang es von allen Seiten; »gib es ihm tüchtig!«
»Haltet euer Maul und schert euch zum Teufel!« rief Wakefield.
Dann drehte er sich zu seinem Kameraden herum und nahm mit einer Miene, in der Trotz und Achtung zugleich lagen, seine Hand.
»Robin,« sprach er, »du bist heute schlecht mit mir verfahren, aber wenn du mir als ehrlicher Kerl die Hand geben und einen Gang mit mir auf dem Rasen draußen machen willst, so will ich dir dein Benehmen nicht nachtragen, und wir wollen bessere Freunde sein als je.«
»Wäre es nicht aber besser, Harry,« wandte Robin ein, »wir würden die alten wieder ohne solchen Umweg? Ich sollte meinen, die neue Freundschaft müßte besser halten, wenn wir sie mit ganzen Knochen schlössen, statt daß wir uns vorher die Knochen zerschlügen?«
Harry Wakefield stieß die Hand des Freundes von sich.
»Daß ich drei Jahre mit einer Memme umgegangen bin, habe ich doch nicht gedacht«, sagte er.
»Memme lasse ich mich nicht heißen«, rief Robin mit blitzenden Augen, ohne aber sich aus der Fassung bringen zu lassen. »Als du vom schwarzen Felsen abgestürzt warst und die Fische im Schlunde unten sich schon auf die leckere Beute deines Fleisches freuten, da waren es keiner Memme Beine oder Hände, Harry, die dich aus den Fluten des Frew in die Höhe arbeiteten.
»Das ist freilich wahr, Robin, das ist nur allzuwahr!« sagte der Engländer, des ernsten Ereignisses jetzt auch wieder eingedenk.
»Wie?« rief der Verwalter, »Harry Wakefield, der stärkste Kerl von Carlisle Sands und Stagshaw-Bank, wird sich doch nichts vormachen lassen? Aber so geht es jedem, der lange mit den Kerlen in Kilts und Mützen umgeht. Darüber vergessen wir Männer den Gebrauch unserer Hände.«
»Ich könnte Euch bald zeigen, Mr. Fleecebumpkin,« sagte Harry Wakefield, »daß mir der Gebrauch der Hände noch nicht abhanden gekommen ist!« Dann wandte er sich aber zu Robin! »Wir müssen einen Gang miteinander machen, wenn wir nicht zum Gerede im Lande werden wollen. Des Teufels will ich sein, wenn ich dir die Knochen zerschlage, und meinetwegen ziehe ich schließlich auch Handschuhe an! Aber laß dir's nicht noch einmal sagen, sondern komm und stell dich als ein Mann!«
»Um mich prügeln zu lassen wie einen Hund?« antwortete Robin; »liegt darin Verstand? Wenn du der Meinung bist, unrecht von mir erlitten zu haben, so will ich mit dir vor den Richter, wenngleich es mir an Verständnis gebricht für sein Gesetz wie seine Sprache.«
»Nein, nein!« schrien jetzt alle drei wie aus einem Munde, »kein Gesetz, keinen Richter! Einen Buckel voll Prügel, und ihr seid wieder Freunde.«
»Aber ich verstehe mich nicht darauf,« wandte Robin ein, »mit Fäusten und Nägeln zu balgen.«
»Wie denkst du dir denn die Sache sonst?« fragte sein Gegner; »es wäre doch Grobheit, wollte ich dir eine Schramme aufzeichnen!«
»Mit dem Schwerte will ich mich schlagen und fallen beim ersten Hiebe, der Blut gibt – wie es sich geziemt für – Edelleute!«
Helles Gelächter folgte auf diesen Vorschlag, den Robin Oig weniger sein Verstand als sein aufsteigender Grimm eingegeben hatte.
»Edelleute!« hallte es von allen Seiten wider – »Viehtreiber und Edelmann!« Und das Gelächter wollte kein Ende nehmen. – »Schockschwerenot! ein stattlicher Herr, das muß wahr sein! Heda, Ralph Huskett, kannst du nicht ein paar Schwerter auftreiben für Mr. Robin Oig, Edelmann von Ochskopfs Gnaden« – alles brüllte vor Lachen – »daß er sich mit dir duelliert?«
»Nein,« antwortete Ralph Huskett, »das geht nicht an! Aber zum Waffenschmied nach Carlisle kann ich schicken oder einstweilen mit einem Paar Gabelzinken aushelfen.«
»Ei,« sagte wieder ein anderer, »es heißt ja immer, in Schottland kommen die Menschen mit der blauen Mütze auf dem Kopfe und mit Dolch und Pistol im Leibgurt auf die Welt?«
»Am besten wird es sein,« meinte Mr. Fleecebumpkin, der Verwalter, »man schickt zum Squire von Schloß Corby, daß er sich herbemüht und für unseren Viehtreiber-Edelmann den Sekundanten macht!«
Instinktiv griff der Hochländer, umtobt von diesem Gelächter und Spott, unter sein Plaid.
»Nein,« sagte er, aber in seiner Muttersprache, »besser nicht! Hundert Flüche lieber gegen diese Ferkelfresser, von denen keiner weiß, was Anstand und Höflichkeit ist.«
»Platz da, Gesindel!« rief er trotzig und schritt auf die Tür zu.
Aber sein einstiger Freund vertrat ihm den Weg und wollte ihn nicht weglassen. Als Robin die Tür mit Gewalt zu gewinnen suchte, warf ihn Wakefield zu Boden, und zwar so leicht, wie ein Junge einen Kegel.
»Einen Kreis! Einen Kreis!« rief es von allen Seiten, und so laut, daß die Balken mitsamt den dran hängenden Schinken zu wackeln und die Teller auf dem Küchenbrett zu klirren anfingen; »gut gemacht, Harry! Zahl's ihm heim, Harry! Jetzt faß ihn aufs Korn, Harry! Er sieht Blut!«
So schrien die Engländer um den Hochländer her, dessen Kaltblütigkeit und Ruhe sich jetzt in Grimm und Zorn verwandelten. Er sprang vom Boden auf und stürzte mit der Wut und Rachgier einer gereizten Wildkatze auf den Gegner los.
Aber Grimm und Raserei sind schlechter Einsatz gegen Gewandtheit, wenn sie sich mit Bedacht und Ruhe paart. Robin Oig unterlag von neuem. Ein schrecklicher Faustschlag streckte ihn zu Boden.
Die Wirtin lief herbei, um dem Gefallenen zu helfen. Aber der Verwalter wehrte ihr und ließ sie nicht zu Robin heran.
»Laßt den Kerl liegen,« sagte er, »der rappelt sich schon allein wieder auf. Es geht doch noch einmal los, denn der hat doch noch nicht genug.«
»Er hat nun weg, was ich ihm zugedacht habe,« sagte Harry Wakefield, dessen alte Freundschaft für Robin nun wieder zum Vorschein kam, »den Rest möchte ich am liebsten Euch geben, Fleecebumpkin, denn Ihr tut, als wenn Ihr alles am Schnürchen hättet. Der dumme Kerl von Robin war nicht einmal so gewitzt, daß er sich vorher das Plaid abtat, sondern hat mit dem Lappen über der Schulter gekämpft. Steh auf, Robin! Hörst du? Nun sind wir wieder die alten. Es soll nun einer kommen, der noch ein Wort redet wider dich oder dein Land!«
Robin Oig erhob sich. Aber erbitterter wie vordem und bereit, den Kampf von neuem zu beginnen. Die Wirtsfrau jedoch mischte sich ein und zog ihn zurück, und da er zudem sah, daß Harry keine Lust hatte, noch einmal zu kämpfen, so wandelte seine Wut sich in finsteren Trotz.
»Ach geh doch!« redete Wakefield ihm wieder zu mit der seinem Volke eigentümlichen Versöhnlichkeit, »so etwas mußt du dir nicht so zu Herzen nehmen!« und mit den Worten: »Komm, schlag ein, wir sind jetzt bessere Freunde als je.«
»Freunde?« rief Robin mit seltsamer Betonung – »wir Freunde? Nimmermehr! – Sei auf der Hut, Harry Wakefield!«
»Dann fahre dir Cromwells Fluch in den stolzen Schottenmagen! wie der Held im Schauspiel sagt – tu mir dein Schlimmstes an und fahr zum Teufel! Mehr als nach dem Kampfe sagen, daß es einem leid sei, kann kein Mann.«
Hiermit trennten sich die Freunde.
Robin Oig sprach nicht mehr, sondern langte ein Geldstück aus der Tasche, warf es auf den Tisch und ging aus der Schenke. Aber unter der Tür blieb er stehen und schüttelte, zum Zeichen der Drohung oder der Warnung, die Hand gegen Wakefield.
Dann verschwand er im Mondeslicht.
Sechstes Kapitel
Als Robin Oig aus der Schenke war, entspann sich zwischen dem Verwalter, der sich gern als Eisenfresser aufspielte, und Harry Wakefield, der jetzt, in wunderlichem Widerspruch, starke Lust verspürte, einen neuen Strauß zu wagen zur Verteidigung von Robin Oigs Ehre, »dem er es nicht weiter anrechnen wolle, daß er die Fäuste nicht so gut zu gebrauchen verstehe wie ein Engländer, denn es sei ihm nun einmal nicht angeboren.«