Aber Frau Huskett, die Wirtin, verhinderte diesen zweiten Zank. In ihrem Hause, sagte sie solle keine Schlägerei mehr vorfallen; es sei nun schon arg hergegangen – »und Ihr, Mr. Wakefield,« setzte sie, zu dem Engländer gewandt, hinzu, »Ihr könnt es Euch hinter die Ohren schreiben, was es heißt, sich aus einem guten Freunde einen Todfeind zu schaffen.«
»Ach, reden Sie doch nicht, Frau Huskett! Robin Oig ist ein guter Kerl und wird mir die paar Faustschläge nicht nachtragen.«
»Rechnet nicht so stark darauf, Mr. Wakefield! Ihr kennt den Schotten nicht, wenn Ihr auch, noch so oft mit ihm zu schaffen hattet. Aber ich kenne ihn, kenne ihn gut, denn meine Mutter war auch eine Schottin.«
»Man siehts an ihrer Tochter«, sagte Ralph Huskett spöttisch.
Durch diese Reden nahm die Unterhaltung eine andere Wendung. Neue Gäste traten in die Schenke, während andere sie verließen. Man unterhielt sich von den Märkten, die in die nächste Zeit fielen, kam auf die Preise, die erzielt werden dürften, und auf die Abschlüsse zwischen Schotten und Engländern zu sprechen. Es wurden auch neue Abschlüsse gemacht, und Harry Wakefield fand für einen beträchtlichen Teil seiner Herde einen Großkäufer und erzielte ein hübsches Stück Geld als Gewinn.
Bald dachte infolgedessen keiner der Anwesenden mehr an den ärgerlichen Auftritt, der sich eben zugetragen hatte. Einer indessen war noch immer da, einer, dem der Besitz alles Viehs zwischen Esk und Eden den Auftritt nicht aus dem Gedächtnis hätte bringen können.
Dieser eine war Robin Oig M'Combich.
»Daß ich keine Waffe bei mir trug!«sprach er vor sich hin; »zum erstenmal in meinem Leben! Verflucht sei die Zunge, die dem Hochländer befiehlt, sich von seinem Dolche zu trennen! – Der Dolch! Ha, das englische Blut an meiner Hand! – Ha, was die Muhme sagte! – Wann hat sich ihr Wort je als nichtig erwiesen?!« Die Erinnerung an die unselige Prophezeiung vor seinem Aufbruche bestärkte ihn noch mehr in dem Vorsatz, der in seiner Seele keimte.
»Ha! Weit kann doch der Morrison von hier nicht mehr sein! Und mag er hundert Meilen noch fern sein – was tut's?«
Sein ungestümer Geist hatte jetzt ein sicheres Ziel erhalten, und mit einer Schnelligkeit ohnegleichen stürmte Robin Oig zurück nach den wilden Einöden, durch die, nach Mr. Irebys Reden, Hughie Morrison gezogen kommen mußte.
Das Gefühl, unrecht gelitten zu haben, unrecht von einem Freunde, schmerzte ihn tief. Es dürstete ihn nach Rache an einem, den er jetzt für seinen bittersten Feind hielt. Seine Vorurteile von Geburt und Ahnenstolz standen ihm um so höher, als er diese eingebildeten Vorrechte nicht mehr verwerten konnte. Sein Schatz war geplündert worden, geplündert von Freundeshand; die Götzen, die er im stillen angebetet hatte, waren entheiligt und entweiht. Beschimpft, geschmäht und geschlagen, hielt er sich des Namens, den er trug, nicht mehr für wert, des Stammes nicht mehr für ebenbürtig, dem er angehörte. Nichts blieb ihm mehr – nichts als die Rache!
Dieser Gedanke reizte seinen Zorn bei jedem Schritt mehr. Die Rache sollte dem Schimpfe gleichwertig sein – die Rache sollte dem Schimpf auf dem Fuße folgen.
Sieben bis acht Meilen betrug die Strecke zwischen dem Wirtshause und dem dermaligen Aufenthalte Morrisons wenigstens, denn Morrison konnte des Viehs wegen, das er trieb, nur langsam vorwärts kommen. Über Stoppelfeld und Baumhecken, über Felsen und finstere Halden, über Raine und über Wiesen rannte Robin Oig – und alles war in dem Mondlicht einer Novembernacht vom starren Reif beglänzt. Sechs Meilen lief er in der Stunde, und endlich drang aus der Ferne Gebrüll von Vieh an sein Ohr – Morrisons Vieh – und endlich sah er es, klein wie Maulwürfe und langsam wie Schnecken, über die weite Heide kriechen – und endlich, endlich erreicht er die vordersten Reihen und stürzt, einem Rasenden gleich, durch die Herde hindurch zu ihrem Treiber.
»Was ist denn los?« rief der Südländer – »bist du es, Robin M'Combich, oder ist es dein Geist?«
»Es ist Robin Oig M'Combich,« versetzte der Hochländer, »und nicht sein Geist. Aber laß das und gib mir meinen Skene-dhu!«
»Dein schwarzes Messer? Was? Willst also ins Hochland zurück? Sackerment! Hast du alles verkauft schon vor dem Markte? Das gäbe ja für alle Märkte des Jahres einen schlimmen Preisdruck!«
»Rede nicht so viel! Ich habe noch kein Stück meiner Herde verkauft, außer was mich das Weideland gekostet hat. Ich geh auch nicht nach Norden. Ich geh vielleicht überhaupt nicht mehr nach Norden. Meinen Dolch gib mir, Morrison, und schnell – oder du sollst es mir büßen!«
»Ich kenne dich zu gut, Robin Oig, als daß ich dir den Dolch geben dürfte – denk an die Worte deiner Muhme, die noch keine Ahnungen hatte, die sie trogen! Der Skenedhu ist eine schlimme Waffe in Hochländers Hand – du hast gewiß wieder was Schlimmes vor!«
»Rede nicht so viel!« rief Robin Oig, von Ungeduld übermannt, »sondern gib mir meinen Dolch!«
»Halt ein, Kamerad, und besinne dich!« sagte wohlmeinend der Freund; »ich will dir sagen, was besser ist als diese Dolchaffären. Ich weiß, Hoch- und Unterländer und Grenzvolk sind alle eines Mannes Kinder, wenn du über dem Schottenkanal bist. Sieh, die Jungen von Eksdale und Charlie von Liddesdale, der Raufer, und die Buben von Lockerby und die vier Dandies von Lustruther und noch andere Grauröcke in Menge kommen hinten – und wenn mir unrecht von jemand widerfuhr, nun, so hat doch der mannhafte Morrison noch eine Faust und, bei Gott und dem Teufel! Ich will dir beistehen, will zusehen, daß ich dir Recht schaffe, wenn Carlisle und Stanwix mir beide standhalten wollen!«
»Was soll ich noch länger hinter dem Berge halten, Morrison,« versetzte Robin Oig, um den Verdacht des Freundes zu beseitigen – »ich habe mich zu einer Abteilung vom schwarzen Korps anwerben lassen und muß morgen in aller Frühe mit auf den Marsch.«
»Du dich anwerben lassen? Bist du toll gewesen oder betrunken? Kauf dich wieder los, Robin! Das mußt du, unbedingt! Ich kann dir zwanzig Kassenscheine geben zu je hundert und zwanzig andere noch, sobald ich mein Vieh los bin!«
»Vielen Dank, Hughie, vielen Dank! Aber ich geh den Weg, den ich gehe, aus freien Stücken. Also den Skene-dhu her! Den Skene-dhu her!«
»Na, dann hast du ihn, wenn alles Reden nichts helfen mag. Aber denk an meine Worte, Robin, denk dran! – Ach, schlimme Kunde wird es sein auf den Märkten von Balquidder, wenn verlauten sollte, Robin Oig von M'Combich sei auf schlimme Bahn geraten und habe sich anwerben lassen, anwerben lassen bei den Rotröcken!«
»Schlimme Kunde für Balquidder und seine Märkte, ganz recht, Morrison!« wiederholte der arme Robin; »aber Gott geleite dich, Hughie – ich wünsche dir guten Markt. Mit Robin Oig triffst du auf keinem Viehmarkt mehr zusammen.«
Mit diesen Worten schüttelte Robin Oig seinem Kameraden die Hand und rannte mit der gleichen Schnelligkeit wie er gekommen war, den gleichen Weg zurück.
»Der Robin hat doch wieder Händel«, brummte Hughie Morrison vor sich hin. »Nun, morgen werden wir ja besser wissen, wie es hierum steht.«
Siebentes Kapitel
Aber lange noch, bevor der Morgen graute, war unsere Geschichte zu ihrem Ende gelangt.
Zwei Stunden waren seit der Schlägerei verstrichen, und kaum dachte noch jemand daran, als Robin Oig in Ralph Husketts Schenke zurückkehrte.
Die Stube war mit Leuten verschiedener Art gefüllt und alles redete oder lärmte durcheinander, jeder nach seiner Art: diejenigen, die ein Geschäft zusammen vorhatten, ernst und leise; andere, die sich bloß vergnügen wollten, lachten, schrien und sangen oder gaben sich allerhand Jux und Witz hin.
Zu den letzteren zählte auch Harry Wakefield, der zwischen Weiberröcken und fidelen Gesichtern saß und eben das alte Volkslied trällerte: