»Roger heiß ich bei den Leuten, Führe Pflug und Wagen –«
Da ward er unterbrochen von einer ihm wohlbekannten Stimme, die ihm in hohem, ernsten Tone, mit dem scharfen Akzent des Hochländers zurief: »Harry Wakefield! Sofern du ein Mann bist, so stehe auf!«
»Was ist denn los? Was ist denn los?« schrien die Gäste durcheinander.
»Was denn sonst, als daß sich ein Hund von Schotte,« lallte Fleecebumpkin, der jetzt total betrunken war, »dem vorhin Wakefield das Fell tüchtig geschoren hat, nach einer zweiten Tracht umsieht?«
»Harry Wakefield,« rief zum andernmale die gleiche unheimlich drohende Stimme – »sofern du ein Mann bist, so stehe auf!«
In der Sprache jener tiefsten Leidenschaftlichkeit, die alles, was Empfindung im Menschen heißt, in sich zusammenballt, liegt etwas von Grauen. Schon der Tonfall verursacht Schauder. Die Gäste fuhren auf allen Seiten zurück und starrten den Hochländer an, der zürnend wie der Rachegott mit zusammengezogenen Brauen, aufeinandergepreßten Lippen, mit all der kalten, starren Entschlossenheit des Menschen, der für das Leben abzurechnen vorhat, zwischen ihnen stand.
»Lieber Robin, ich stehe herzlich gern auf – warum auch nicht?« sagte Harry Wakefield – »aber bloß, um dir die Hand zu reichen und allen Groll, der etwa noch zwischen uns besteht, hinunterzutrinken. An deinem Herzen liegt es ja doch nicht, daß du die Faust nicht zu ballen verstehst.«
»Laß dir sagen, Freund Robin,« sagte Harry Wakefield, »daß es doch deine Schuld wahrlich nicht ist, nicht als Engländer geboren zu sein, und daß es doch dann auch kein Wunder ist, wenn du nicht besser zu kämpfen verstehst als ein Schulmädel.«
»Kämpfen kann ich, Wakefield und du sollst es erfahren!« versetzte mit finsterer Ruhe Robin Oig; »Wakefield, du hast mir heute gezeigt, wie sächsische Flegel kämpfen – ich will dir jetzt zeigen, wie der Dunniewassle [Name des eingeborenen Bergschotten in Schottland. (Anm. d. Ü.)] des Hochlandes kämpft!«
Mit diesen grausigen Worten stieß er dem englischen Landmann seinen Skene-dhu in die breite Brust mit so tödlicher Kraft und Sicherheit, daß das Heft dröhnend gegen das Brustbein stieß und die doppelschneidige Spitze dem Unglücklichen das Herz spaltete.
Harry Wakefield fiel mit einem Röcheln um und war tot. Sein Mörder packte nun den Verwalter am Kragen und hielt ihm den blutigen Dolch an die Kehle. Schrecken und Bestürzung raubten dem Manne alle Kraft zur Verteidigung.
»Recht und billig wäre es, wenn ich dich ihm zur Seite legte«, sagte er; »aber auf meines Vaters Dolch soll sich kein Fuchsschwänzerblut mit dem Blute eines braven Mannes mischen.«
Mit diesen Worten schleuderte er den Mann mit einem einzigen Fußstoß bis an die andere Zimmerecke – und die tödliche Waffe in das lodernde Feuer.
»Da!« sprach er; »greife mich, wer mag – das Feuer mag das Blut lecken, wenn es das Feuer vermag!«
Noch stand alles, von Entsetzen übermannt, in Todesschweigen da, als Robin Oig nach einem Konstabler rief. Ein solcher trat aus der Menge und ihm übergab sich der Mörder.
»Eine blutige Tat ist's, die Ihr begangen habt!« sprach der Konstabler.
»Mit Eurer Schuld!« versetzte der Hochländer; »denn hättet Ihr vor zwei Stunden seine Hände von mir gehalten, so wäre er noch so gesund und munter wie vor zwei Minuten.«
»Eine schwere Verantwortung ist's, die Ihr vor Euch habt«, sagte der Konstabler wieder.
»Laßt Euch solches nicht kümmern! Der Tod tilgt alle Schuld und wird auch diese tilgen!«
Achtes Kapitel
Das Entsetzen, das über allen, die diesem Auftritt beigewohnt hatten, lagerte, fing nun langsam an, sich in Empörung und Zorn zu verwandeln, und wenig fehlte, so hätten sie den Tod eines beliebten Kameraden – der um einer Beleidigung willen, mit der solche Rache, ihrem Empfinden nach, im grellsten Widerspruch stand, in ihrer Mitte ermordet worden war – an dem Täter auf der Stelle gerächt. Aber der Konstabler erfüllte seine Pflicht in diesem Falle aufs gewissenhafteste und brachte, unterstützt von einigen vernünftiger denkenden Männern, Pferde herbei, um den Mörder nach Carlisle ins Gefängnis zu überführen, wo er bis zum nächsten Gerichtstag in Verwahrsam bleiben sollte.
Der Mörder verhielt sich während dieser Vorbereitungen teilnahmslos und sprach kein Wort.
Aber als man ihn aus dem Zimmer führen wollte, äußerte er den Wunsch, die Leiche zu sehen, die vom Estrich aufgehoben und auf den langen Schenktisch gelegt worden war, denselben, an welchem Harry Wakefield noch vor wenigen Minuten in der Vollkraft und Ausgelassenheit seiner Jugend den Vorsitz geführt hatte – denselben, auf welchem ihn jetzt die Ärzte untersuchen sollten, um den Tod festzustellen.
Das Gesicht der Leiche war mit einem Tuche verdeckt.
Zum Erstaunen und Entsetzen aller Anwesenden hob Robin Oig das Tuch auf und betrachtete das starre Gesicht, das noch vor wenigen Augenblicken so voll Leben gewesen war, daß die freudige Zuversicht in seine Körperstärke, das verächtliche und doch mitleidige Lächeln über das Ansinnen seines Feindes noch seine Lippen kräuselte, mit wehmütigem, aber festem Blicke.
Während die Umstehenden meinten, die Wunde, die das ganze Zimmer mit Blut getränkt hatte, werde von neuem zu bluten anfangen zufolge dieser Berührung durch Mörderhand, legte Robin Oig das Tuch wieder auf das Gesicht und sprach die wenigen Worte:
»Schade! Es war ein hübscher Mensch und ein netter Kerl! –«
Neuntes Kapitel
Die kurze Geschichte ist zu Ende. Der Hochländer wurde zu Carlisle prozessiert. Anfangs war Gericht und Publikum gegen den Verbrecher, der den Freund aus Rache ermordet hatte, stark eingenommen. Bald aber machte sich die Rücksicht auf die eingewurzelten Vorurteile des hochländischen Bergvolkes geltend, die jede körperliche Mißhandlung als unauslöschlichen Schandfleck hinstellen, und als man die Langmut und Mäßigung in Erwägung zog, die der Mörder bei der Entwickelung des Vorfalles an den Tag gelegt hatte, da fühlten sich die Richter gedrungen, das Verbrechen als eine Verirrung aus falschem Ehrbegriff, nicht als die Tat eines von Natur rohen oder durch Laster verhärteten Gemüts aufzufassen. Die Geschworenen fällten, ihrer Pflicht und Instruktion gemäß, das Urteil. Es lautete auf schuldig des Mordes, begangen mit Vorsatz und Überlegung. Zufolge dieses Spruches wurde der Stab über Robin Oig M'Combich, sonst als Mac Gregor bekannt, gebrochen und der Mörder zum Tode geführt.
Er ertrug sein Schicksal mit musterhafter Standhaftigkeit und erkannte das Urteil als gerecht an. Aber mit Unwillen wies er Bemerkungen zurück, durch die ihm zum Vorwurf gemacht wurde, einen unbewaffneten Menschen angefallen zu haben.
»Ich gebe mein Leben für jenes Leben, das ich genommen habe,« sagte er – »was kann ich mehr tun?«
Ende
Der Zauberspiegel
Meine Tante Margarete war eine Dame von jener ehrenwerten Schwesternschaft, die sich mit all jenen Mühen und Bekümmernissen trägt, welche der Besitz von Kindern mit sich bringt, mit Ausnahme allein jener Beschwernisse, von denen ihr Eintritt in die Welt begleitet ist. Wir waren eine sehr zahlreiche Familie von sehr verschiedener Veranlagung des Gemüts und des Körpers. Die einen waren einfältig und verschlafen – sie wurden zur Tante Margarete geschickt, damit sie dort Unterhaltung finden sollten; die andern waren roh und zänkisch und machten gern Spektakel – sie wurden zur Tante Margarete geschickt, damit sie dort zur Ruhe angehalten würden oder vielmehr weit genug weg wären, um nicht mehr gehört zu werden. Die Kranken wurden zur Pflege und Genesung zu ihr geschickt; die Unfolgsamen wurden in der Erwartung zu ihr gebracht, daß ihre milde Zucht ihnen Gehorsam beibringen möchte. Kurz, der Tante Margarete lagen alle Pflichten einer Mutter ob, nur daß ihr die Achtung und der Respekt, die dem mütterlichen Charakter gebühren, nicht entgegengebracht wurden. Die emsige Betätigung ihrer vielfältigen Sorgsamkeit ist vorüber – ob sie kränklich waren oder robust, ob sie sanftmütig waren oder zanksüchtig, ob sie tölpelhaft waren oder anmutig – von all den Kindern, die sich von früh bis spät in ihrem Stübchen herumtrieben, ist keines mehr am Leben als ich allein; und gerade ich litt oft an Kinderkrankheiten, war einer der schwächlichsten ihrer Zöglinge und habe doch alle andern überlebt.