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Noch jetzt besuche ich meine liebwerte Tante zweimal in der Woche und werde es immer tun, so lange ich noch meine gesunden Glieder habe. Sie wohnt etwa eine halbe Meile außerhalb der Vorstädte, wo meine Wohnung liegt; ich kann sowohl auf der Chaussee, wo ich allerdings einen kleinen Umweg mache, als auch auf einem durch schöne Wiesen führenden Fußsteig in ihr Haus gelangen.

In meinem Leben ereignet sich jetzt so wenig, was mir zur Qual wird, daß einer meiner größten Schmerzen in der Gewißheit liegt, daß diese Felder bebaut werden sollen. Auf dem der Stadt am nächsten gelegenen sind ein paar Wochen lang Schubkarren in solcher Anzahl tätig gewesen, daß ich tatsächlich glaube, die ganze Oberfläche bis zur Tiefe von wenigstens achtzehn Zoll, hat zu einundderselben Zeit auf diesen einrädrigen Beförderungsmitteln gelastet und ist von einem Flecke zum andern geschleppt worden. Desgleichen sind große Bretterhaufen hier und dort aus diesem dem Untergange geweihten Stückchen Erde aufgestapelt worden, und ein niedliches Beieinander von Bäumchen, das den sanftansteigenden Ostausgang jetzt noch ziert, hat auch schon durch eine Schmiererei von weißer Farbe die Kündigung bekommen, daß es den Platz zu räumen hat und einem absonderlichen Haine von Schornsteinen weichen muß.

Vielleicht würde mancher in meiner Lage Schmerz empfinden bei der Erinnerung, daß dieses Stückchen Weide meinem Vater gehörte, der eine angesehene Stellung in der Welt bekleidete, daß dieser Grund und Boden stückweis veräußert worden ist, um die schweren Verluste wieder wettzumachen, die er erlitten hatte, als er mehrere Vermögenseinbußen durch kaufmännische Spekulationen wieder hatte ausgleichen wollen. Während die neuen Häuser dort im Bau waren, wurde ich daran oft von jener Sippe von Freunden erinnert, welche dafür sorgen zu sollen glaubt, daß man auch nicht einen Teil seines Unglücks vergesse.

Daß aus diesem Stückchen Erde etwas andres geworden ist, tut mir nur deshalb weh, weil dadurch Gedankenketten zerrissen worden sind, und weit lieber würde ich den Park in den Händen Fremder sehen, wenn er dabei nur seinen Waldwuchs behalten hätte, als daß ich ihn mit dem Pfluge beackert oder mit Gebäuden bedeckt sehen müßte.

Ich hoffe jedoch, die angedrohte Verwüstung wird zu meinen Lebzeiten nicht mehr vollendet werden. Der Geist der Zeit ist nicht mehr so arg auf Spekulation versessen wie damals, als die Unternehmung begonnen wurde, und ich habe jetzt Ursache anzunehmen, daß infolge der Ereignisse der letzten Zeit die Lust zu angeblich gewinnbringenden Unternehmungen bedeutend nachgelassen hat. Der Fußsteig nach der Wohnung meiner Tante Margarete, der noch erhalten ist, wird also wohl, solange sie und ich noch am Leben sind, auch erhalten bleiben.

Daran allerdings hänge ich sehr, denn jeder Schritt, den ich auf diesem Wege über die schon erwähnte Wiese gehe, erweckt in mir Jugenderinnerungen. Dort ist die Sonnenuhr, und bei ihrem Anblick denke ich daran, wie eine unfreundliche Amme mich meiner Lahmheit wegen schalt und mich die steinigen Stufen, die zu der Uhr hinaufführen und die meine Brüder lärmend emporsprangen, grob und unvorsichtig emporriß. Ich erinnere mich, wie tief es mich schmerzte und wie bittern Neid ich empfand, als ich mit dem Bewußtsein meines Gebrechens die leichten Bewegungen und elastischen Sprünge meiner glücklicher gestalteten Brüder betrachtete.

Ach, diese schön gebauten Schiffe sind alle auf dem weiten Meere des Lebens untergegangen, und gerade nur das, welches der See am wenigsten Trotz bieten zu können schien, ist nach überstandenem Sturme in den Hafen eingelaufen.

Dort ist auch der Teich, auf dem mein Bruder eine kleine aus Schwertlilienblättern gebaute Flotte schwimmen ließ. Er fiel hinein und wurde nur mit knapper Not gerettet, und dann ist er später im Dienst der britischen Flotte unter Nelsons Flagge gestorben. Dort ist auch das Haselgestrüpp, wo mein Bruder Henry Nüsse zu suchen pflegte – und auch er hat damals nicht gedacht, daß er einst in einer indischen Dschungel bei der Suche nach Rupien sterben würde.

Auf dem kleinen Spazierwege drängen sich mir so viel Erinnerungen auf, daß ich jetzt, indem ich, auf meinen krückenartigen Spazierstock gestützt, daran denke, was ich war und was ich bin, – fast mich von Zweifeln erfüllt fühle, ob ich denn auch noch derselbe bin – bis ich vor dem Hause meiner Tante stehe, dessen Eingang mit Gaisblatt umrankt ist. An dieses Haus – das ehemalige Lusthaus des Parkes – haben wir noch geringen Anspruch. Laut einem Familienkontrakt war es nämlich der Tante Margarete auf Lebzeiten überlassen worden.

An diesem kleinen Besitztum haftet sozusagen der letzte Schatten des Hauses Bothwell von Earl Closes. Der letzte Vertreter des Geschlechts wird alsdann ein alter, schwacher Mann sein, der sich nur zu gern dem Grabe nähert, das bereits all seine Lieben verschlungen hat.

Wenn ich ein Weilchen derartigen Gedanken nachgehangen habe, trete ich in das Wohnhaus, das ursprünglich nur die Behausung eines Parkaufsehers gewesen sein soll. Dort finde ich eine Person, auf die die Zeit wenig gewirkt zu haben scheint, denn die Tante Margarete von heute steht zu der Tante Margarete meiner Kindheit in demselben Verhältnis der Jahre wie der zehnjährige Knabe zum sechsundfünfzigjährigen Manne. Die alte Dame kleidet sich noch immer so wie früher, und daher stammt wohl die Meinung, daß die Zeit, was Tante Margarete anbetrifft, stillgestanden ist.

Das chokoladenfarbene Seidenkleid mit seidenen Spitzen am Ellbogen – die schwarzseidenen Handschuhe – das weiße, zurückgekämmte Haar – die fleckenlose Battisthaube, die das ehrwürdige Antlitz umschließt – all dies war 1780 ebensowenig Mode wie 1820, es war vielmehr nur der Tante Margarete Eigenart, sich so zu kleiden. Noch wie vor dreißig Jahren sitzt sie dort mit dem Spinnrad oder dem Strickstrumpf – im Winter am Kamin, im Sommer am Fenster; des Sonnabends, wenn das Wetter sehr schön ist, wagt sie sich wohl auch vor die Haustür. Ihr Körper verrichtet noch wie ein gutgebauter Automat die Tätigkeit, zu der er bestimmt schien. Die Maschinerie macht ihren Kreislauf in allmählich schwächer werdendem Laufe, aber es ist noch kein Grund zu der Annahme, daß sie bald zum Stillstand kommen werde.

Wenn ich mit Tante Margarete plaudere, so reden wir wenig von Gegenwart und Zukunft; für die Vergangenheit aber haben wir alles übrig, und sie ist uns das liebste. Was die Zukunft anbelangt, so hegen wir für unsre Zeitspanne diesseits des Grabes weder Hoffnungen noch Befürchtungen noch bange Wünsche. Unser Sinnen gilt daher begreiflicherweise lediglich der Vergangenheit, und wir vergessen, daß unsre Familie ihr Vermögen eingebüßt hat und in ihrem Ansehen verloren hat, und denken nur an die Zeit des Reichtums und des Glückes. Als ich in der vergangenen Woche an einem Sommerabend die alte Dame besuchte, wurde ich von ihr mit der üblichen Güte und Liebe empfangen. Sie schien aber ein wenig zerstreut und nicht zum Plaudern aufgelegt.

»Sie haben die alte Kapelle ausgeräumt,« sagte sie, als ich nach der Ursache fragte. »John Clayhudgeons ist, wie es scheint, dahinter gekommen, daß die Asche dort – ich glaube, es ist der Staub unsrer Ahnen – sich vorzüglich dazu eignet, unsre Wiesen zu düngen.«

Ich fuhr so heftig empor, wie ich es seit Jahren nicht mehr an der Gewohnheit hatte. Ich setzte mich aber wieder, als meine Tante mir die Hand auf den Arm legte und hinzufügte:

»Die Kapelle, lieber Neffe, gilt lange als Gemeindegrund und ist als Hühnerhaus in Benützung – es läßt sich also gar nichts dagegen einwenden, daß der Mann sein Eigentum verwertet, wie es ihm am nützlichsten dünkt. Ich habe überdies mit ihm gesprochen, und er hat mir bereitwillig und liebenswürdig die Versicherung gegeben, daß Gebeine oder Grabmäler verschont bleiben sollten – wo welche ausgeworfen würden, sollten sie sorgsam wieder an ihren Platz gelegt werden. Konnte ich mehr von ihm verlangen? Der erste Stein, der gefunden wurde, trug den Namen Margarete Bothwell und die Jahreszahl 1585. Ich ließ ihn sorgsam bei Seite legen, wie man es meiner Meinung nach den Toten schuldig ist. Dieser Stein, der meiner Namensvetterin 200 Jahre gedient hat, ist gerade noch zur rechten Zeit gefunden worden, daß er auch mir noch den gleichen guten Dienst erweisen kann. Ich habe ja mein Haus längst bestellt, soweit es mein kleines Anwesen hier auf Erden erfordert. Wer aber kann sagen, daß die Rechnung mit dem Himmel in gleicher Weise geordnet sei?«