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»Zu jeder Zeit, liebe Tante, ist es unsre Pflicht, des Todes zu gedenken. Es wäre aber ein Aberglaube, wollte man daraus, daß man einen alten Grabstein gefunden hat, den Schluß ziehen, daß der Tod deshalb nahe bevorstünde. Dich aber, die du dank deinem starken Verstande so lange Zeit die Stütze einer Familie im Verfall gewesen bist, hätte ich am allerwenigsten einer solchen Schwäche für fähig gehalten.«

»Dein Verdacht träfe mich auch unverdient, lieber Vetter,« erwiderte Tante Margarete, »wenn hier die Rede wäre von einem Vorgang im tatsächlichen Laufe des Menschendaseins. Aber trotz alledem bin ich in einem Gefühl des Aberglaubens befangen, dem ich mich nur ungern entringen möchte. Es ist eine Empfindung, die mich von der Zeit hinieden trennt und mich mit der verknüpft, der ich jetzt entgegeneile. Und wenn diese Empfindung mich sogar wie jetzt eben an den Rand des Grabes zu führen scheint und mich darauf zu blicken zwingt, so ist es mir doch nicht lieb, wenn sie verscheucht wird.«

»Sie sind da, liebe Tante, wie ein Wanderer, der vom Wege abweicht!«

»Schone meiner, ich bitte dich,« versetzte meine Tante, »erinnre dich des alten galischen Gesanges, der mit der Lehre beginnt, daß man den, der in Träume versunken sei, nicht wecken dürfe. Glaube mir auch, Vetter, diese wachenden Träume, die meine Phantasie spinnt, bereiten mir eben solchen Genuß wie mein tägliches Leben. Anstatt daß ich vorwärts schaue, wie ich in der Jugend pflegte, und mir am Rande des Grabes noch Luftschlösser baue, wende ich den Blick rückwärts auf die Tage meiner bessern Zeit. Dann überkommen mich die schwermütigen und doch so erheiternden Erinnerungen so zahlreich und so anregend, daß ich es fast für eine Entweihung erachten möchte, wenn ich klüger oder vernünftiger oder weniger von Vorurteilen erfüllt sei, als selbst die Kinder, die mich in meiner Jugend umgaben.«

»Ich glaube dich jetzt zu verstehen,« antwortete ich, »und es ist mir klar, weshalb du manchmal die Dämmerung des Wahnes dem Tageslicht der Vernunft vorziehst.«

»Wenn wir keine Arbeit vorhaben,« erwiderte sie, »können wir im Dunkeln sitzen, sobald es uns paßt; wenn wir aber arbeiten wollen, müssen wir uns Licht bringen lassen.«

»Und bei so schattenhaftem Zwielichte,« sagte ich, »hat die Phantasie ihre bezaubernden Visionen, die sich oft den Sinnen als etwas Wirkliches aufdrängen.«

»Du brauchst deshalb nicht die schmerzhaften Schrecken zu empfinden, die ein inniger Glaube an das Wunderbare erweckt – solchen Glauben hegen heutzutage übrigens nur noch die Kinder und die Narren. Es brauchen dir auch nicht die Ohren zu klingen oder die Wangen zu erblassen, wie es bei Theodor war, wenn der wilde Jäger kam. Wenn du die sanftere Wonne übernatürlicher Eindrücke genießen willst, so brauchst du nur des leichten Schauders fähig zu sein, der dich bei einer gruseligen Erzählung beschleicht. Das zweite Zeichen dafür, daß so etwas bei dir so wirkt, wie es soll, ist, daß du in dem Augenblick, wo die Spannung der Erzählung ihren Höhepunkt erreicht hat, dich nicht getraust, dich umzuschauen, und das dritte Zeichen ist, daß du darauf bedacht bist, ja nicht in einen Spiegel hineinzusehen, wenn man abends allein im Zimmer ist. Dies sind die Merkmale, an denen man erkennt, ob eine zarte Phantasie in der richtigen Stimmung ist, eine Geistergeschichte richtig zu genießen.«

»Das Zeichen mit dem Spiegel,« sagte ich, »scheint indessen bei dem schönen Geschlecht selten einzutreffen.«

»Du weißt nicht Bescheid in Toilettenangelegenheiten, lieber Vetter, alle Frauen befragen ängstlich den Spiegel, ehe sie in Gesellschaft gehen. Wenn sie nach Hause kommen, hat der Spiegel für sie allerdings nicht mehr denselben Reiz. Ich will dich indessen nicht in die Geheimnisse des Toilettentisches einweihen, ich kann nur sagen, wie viele andre habe auch ich nicht gern den leeren schwarzen Hintergrund eines großen Spiegels in einem düster erhellten Gemache, wo es den Anschein hat, als ob sich der Widerschein der Kerzen eher im tiefen Dunkel des Glases verlöre, statt daß er ins Zimmer zurückstrahlte. Die pechschwarze Fläche scheint so recht ein Spielplatz zu sein für die Ausgeburten der Phantasie. Sie gaukelt uns andre Züge als die unsern entgegen, oder eine unbekannte Gestalt sieht uns über die Achsel, wie in dem Zaubermärchen, das wir als Kinder erzählen hörten. Wenn ich in solcher Stimmung des Geistersehens bin, dann lasse ich das Dienstmädchen die grünen Vorhänge vor den Spiegel ziehen, ehe ich ins Zimmer trete, damit auf die Magd der erste Schrecken der Erscheinung fällt, sofern eine da ist. Um dir aber die Wahrheit zu sagen, beruht die Abneigung, die ich zu gewissen Zeiten und an gewissen Orten vor Spiegeln hege, eigentlich auf einer Geschichte, die ich von meiner Großmutter habe; sie selbst hat bei den Ereignissen, von denen ich dir jetzt erzählen werde, eine Rolle gespielt.

Erstes Kapitel

»Du hörst ja gern die Schilderungen aus jener Zeit, die längst von der Bühne verschwunden ist. Ich wollte, ich könnte dir den Philipp Forester beschreiben, der gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts der ausgemachteste Wüstling der höchsten schottischen Kreise war. Ich habe ihn nie gesehen, aber meine Mutter hat mir oft von seinem Witz, seiner Galanterie und seiner Verschwendung erzählt. Dieser fidele Ritter spielte gegen Ende des siebzehnten und zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts eine hervorragende Rolle. Er war der Lovelace oder der Don Juan seiner Zeit und seines Vaterlandes, dem die von ihm ausgefochtenen Zweikämpfe und seine großen Erfolge in Liebesangelegenheiten einen hohen Ruf verschafft hatten. Er hatte eine unumschränkte Herrschaft in der vornehmen Welt erlangt. Wenn man sich ein paar von seinen Taten vergegenwärtigt, für die er den Galgen verdient hätte, wenn es für alle Stände einunddasselbe Gesetz gäbe, so geht wirklich aus der Beliebtheit eines solchen Mannes hervor, daß man heutzutage weit mehr auf Anstand und Tugend gibt, als früher. Kein Geck von heute könnte sich eine so niederträchtige Affäre wie die Geschichte mit der schönen Müllerstochter in Sillermills erlauben, ja es hätte da sogar der Staatsanwalt ein Wort mitgeredet. Sir Philipp Forester hatte aber dadurch gar keine Unannehmlichkeiten, er war in der Gesellschaft ebenso gern gesehen wie zuvor, und er war beim Herzog A. zu Gaste an demselben Tage, an welchem das unglückliche Mädchen beerdigt wurde. An gebrochenem Herzen ist sie gestorben, das hat aber mit meiner Geschichte nichts zu tun.

Du mußt jetzt eine kurze Auslassung über Verwandtschaft mit anhören, ich verspreche dir aber, daß ich mich so kurz wie möglich fassen werde. Damit du aber auch glaubst, daß meine Geschichte wohl verbürgt ist, mußt du wissen, daß Sir Philipp Forester dank seiner hübschen Gestalt, seinem graziösen Benehmen und seinem vornehmen Wesen die junge Miß Falconer of Kings-Copland zur Braut gewonnen hatte. Die ältere Schwester dieser Dame hatte vor einiger Zeit meinen Großvater, Sir Geoffrey Bothwell, geheiratet und unserer Familie ein stattliches Vermögen gebracht. Miß Jemima oder Jemmy Falconer, wie sie schlechtweg genannt wurde, hatte ebenfalls 10000 Pfund – eine ansehnliche Mitgift für die damaligen Zeiten.