Die beiden Schwestern waren sehr verschieden, hatten aber alle beide als ledige Mädchen ihre Verehrer gehabt. Lady Bothwell hatte etwas von dem alten Blute der Kings- Copland. Sie war tapfer, doch dabei nicht tollkühn, ehrgeizig und bedacht, ihrem Hause und ihrer Familie eine immer höhere Stellung zu erringen. Meinen Großvater, einen sonst phlegmatischen Mann, soll sie scharf angespornt haben. Wenn man Klatschereien glauben soll, die über ihn umliefen, so ist er durch seine Frau in politische Händel verwickelt worden, in die er sich nicht hätte einlassen sollen.
Sie war eine Frau von hohen Grundsätzen und mannhaftem Verstand, was aus einigen ihrer Briefe hervorgeht, die ich noch in meinem Schranke habe.
Jemmy Falconer war das gerade Gegenteil ihrer Schwester in allen Stücken. Ihr Verstand ging nicht über das Durchschnittsmaß hinaus, wenn er nicht gar darunter stand. Ihre Schönheit – so lange sie währte – lag in sehr zarter Gesichtsfarbe und regelmäßigen Zügen, die jedoch jedes kraftvollen Ausdrucks entbehrten. Selbst diese schwachen Reize verzehrte das Elend, das eine Heirat zweier nicht zueinander passender Wesen mit sich brachte. Sie hing leidenschaftlich an ihrem Gemahl, der sie mit hartherziger, wenn auch höflicher Gleichgültigkeit behandelte, die für ein Weib von zartem Gemüt und schwacher Urteilskraft vielleicht verhängnisvoller war, als es eine offenkundig schlechte Behandlung hätte sein können. Sir Philipp war ein Wollüstling, das heißt ein großer Egoist, dessen Gemüt und Charakter dem Degen glich, den er trug – glatt, scharf, blank und geschliffen, aber unbiegsam und ohne Erbarmen.
Da er seiner Frau gegenüber die herkömmlichen Formen nicht außer acht ließ, so wußte er sogar durch sein wohlberechnetes Benehmen ihr das Mitgefühl der Welt zu entziehen, und die Klatschereien der Gesellschaft taten ihr möglichstes, den sündhaften Mann als besser hinzustellen als seine leidende Frau. Einige nannten sie ein elendes schwächliches Ding und meinten, wenn sie nur halb soviel Courage hätte wie ihre Schwester, so hätte sie schon aus Sir Philipp einen vernünftigen Mann machen können. Die Mehrzahl ihrer Bekannten urteilte dahin, daß der Fehler auf beiden Seiten läge, und solche Kritiken lauteten dann etwa folgendermaßen:
»Gewiß wird kein Mensch Sir Philipp in Schutz nehmen wollen, wir alle kennen ihn ja, und Jemmy Falconer hätte also vorher wissen müssen, was sie von ihm zu gewärtigen hatte. Warum hat sie sich auch absolut auf Sir Philipp kapriziert? Wenn sie sich ihm nicht mit ihren lumpigen 10000 Pfund an den Hals geworfen hätte, wäre es ihm nie eingefallen, sie auch nur anzusehen. Sicherlich hat er ein schlechtes Geschäft dabei gemacht, wenn es ihm um Geld zu tun war. Bei der und jener wäre er weit besser gefahren. Wenn sie aber durchaus ihn zum Manne haben wollte, dann mußte sie auch versuchen, ihm das Haus angenehmer zu machend. Statt ihn mit Kindergeplärr zu peinigen, mußte sie seine Freunde öfter einladen und dafür sorgen, daß im Hause alles hübsch gemütlich war. Ich glaube bestimmt, Sir Philipp wäre ein sehr häuslicher Ehemann geworden, wenn er eine Frau bekommen hätte, die ihn zu nehmen verstanden hätte.«
Die dieses Urteil fällten, hatten nur den einen Umstand vergessen, daß der Schlußstein dabei fehlte; wenn sie nämlich Gesellschaften hätten geben sollen, so hätte Sir Philipp die Mittel dazu hergeben müssen. Sein Vermögen war aber durch sein verschwenderisches Leben sehr verringert worden und reichte nicht mehr aus, ein gastfreies Haus zu halten, da der gute Ritter ja doch seinen kleinen Vergnügungen nicht entsagen mochte. Trotz aller weisen Ermahnungen seiner Freundinnen amüsierte sich Sir Philipp außer dem Hause und ließ seine Frau dort in Einsamkeit sich grämen.
Zuletzt faßte Sir Philipp den Entschluß, nach dem Festlande zu gehen, und als Freiwilliger den damaligen Krieg mitzumachen. Er dachte auf diese Weise am besten den Geldschwierigkeiten, die sich jetzt einstellten, und der Langweiligkeit seines Heims zu entrinnen.
Seine Frau war über diesen Entschluß völlig entsetzt, und ihre Trostlosigkeit war dem würdigen Baronet so zuwider, daß er ganz gegen seine Gewohnheit sich bemühte, sie ein wenig gutes Mutes zu machen.
Lady Bothwell bat nun Sir Philipp, während seiner Abwesenheit ihre Schwester mit ihrer Familie zu sich nehmen zu dürfen, und Sir Philipp war hiermit gern einverstanden, da dadurch erstens ihm die Kosten erspart wurden und zweitens jedem etwaigen übeln Gerede, er hätte Frau und Kinder verlassen, vorgebeugt wurde.
Zweites Kapitel
Ein paar Tage vor Sir Philipps Abreise nahm Lady Bothwell sich die Freiheit, ihm im Beisein ihrer Schwester die Frage vorzulegen, die diese selbst oft an ihn zu richten gewünscht hatte, nur daß ihr stets der Mut dazu gefehlt hatte.
»Wohin wollt Ihr gehen, Sir Philipp, wenn Ihr das Festland erreicht habt?«
»Ich reise mit dem Dampfer von Leith nach Helvoetsluys.«
»Das kann ich mir denken,« sagte Lady Bothwell trocken, »ebenso, daß Ihr nicht lange in Helvoetsluys bleiben werdet. Ich will aber wissen, welches das weitere Ziel Eurer Reise ist.«
»Verehrte Lady,« sagte Sir Philipp, »Ihr stellt mir da eine Frage, die ich mir selber noch nicht gestellt habe. Die Antwort bleibt dem Kriegsglück überlassen. Ich gehe natürlich ins Hauptquartier, wo sich das nun gerade befinden mag, gebe meine Empfehlungsschreiben ab, lerne von der edeln Kriegskunst soviel, als für einen armen Pfuscher von einem Dilettanten ausreicht und sehe mir dann mit eignen Augen all das an, wovon in den Zeitungen soviel zu lesen steht.«
»Und ich hoffe auch, Sir Philipp,« sagte Lady Bothwell, »Ihr werdet stets dessen eingedenk sein, daß Ihr Ehegatte und Vater seid, und wenn Ihr es auch für am Platze haltet, Euern militärischen Neigungen nachzuhängen, so werdet Ihr Euch doch nicht in Gefahren begeben, in die sich nur Leute von der Zunft einlassen dürfen.«
»Lady Bothwell erweist mir zuviel Ehre,« antwortete der auf Abenteuer ausziehende Ritter, »wenn sie sich in dieser Hinsicht auch nur die geringste Sorge macht. Damit jedoch Eure Ladyschaft sich in der mir so schmeichelhaften Angst beruhigt, so hoffe ich, Ihr werdet bedenken, daß die ehrwürdige und väterliche Eigenschaft, an die Ihr mich in so liebenswürdiger Weise gemahnt, nicht dem blinden Zufall preisgegeben werden kann, ohne daß dabei auch ein ehrlicher Kerl, Philipp Forester genannt, in Lebensgefahr gerät – und mit dem Kameraden lebe ich nun schon dreißig Jahre zusammen, und ich habe gar keine Lust, mich von ihm zu trennen, obgleich ihn manche Leute für einen Gecken halten.«
»Nun wohl, Sir Philipp, Ihr müßt am besten zu beurteilen wissen, was Ihr zu tun und zu lassen habt. Mir steht es nicht zu, mich da hineinzumischen – Ihr seid nicht mein Mann.«
»Verhüts Gott!« fiel Sir Philipp hastig ein, doch er setzte sogleich hinzu: »Verhüts Gott, daß ich meinem Freunde Geoffrey ein so unschätzbares Kleinod rauben sollte!«
»Aber Ihr seid der Mann meiner Schwester,« setzte die Dame hinzu, »und ich glaube, Ihr habt gemerkt, wie untröstlich sie ist.«
»Sofern etwas, was man den ganzen Tag über vom frühen Morgen bis zum späten Abend zu hören kriegt, gemerkt werden kann,« entgegnete Sir Philipp, »so bin ich allerdings etwas davon gewahr geworden.«
»Ich nehme innigen Anteil an meiner Schwester, und daher erklärt sich die Besorgnis, mit der ich etwas von den Plänen Sir Philipp Foresters zu erfahren wünsche. Ich habe ja auch Ursache, mir um einen Bruder Sorge zu machen.«
»Ihr meint den Major Falconer, Euern Bruder mütterlicherseits, was hat jetzt der mit unserm sehr angenehmen Gespräch zu tun?«
»Ihr seid mit ihm zusammengekommen,« sagte Lady Bothwell.
»Selbstverständlich, wir sind ja Verwandte,« erwiderte Sir Philipp, »und als solche haben wir stets miteinander in dem herkömmlichen Verkehr gestanden.«
»Ihr antwortet mir ausweichend,« entgegnete die Dame, »ich meine, Ihr seid hart aneinander geraten wegen der Art und Weise, wie Ihr Eure Frau behandelt.«