»Noch keinen Bissen,« antwortete Sampson, »sceleratissima [Erzverbrecherin] wollte sagen – Frau Wirtsmutter!«
»Nun, dann greift zu,« fuhr sie fort, die Schüssel vor ihn setzend; »Essen wird Euch gut tun.«
»Habe keinen Hunger – malefica [böse Hexe] wollte sagen, Frau Merrilies ... Aber,« sagte er zu sich selbst, »gut riecht's, wär's nur nicht gekocht von einer Okranidia oder Erikothoe.«
»Eßt Ihr nicht auf der Stelle – dann bei Brot und Salz! schieb ich's Euch in die Kehle mit dem Löffel hinunter, so heiß es ist. Den Mund aufgesperrt, Sünder, und den Gaumen geschwungen!«
Sampson mochte, aus heiliger Scheu vor Salamanderaugen, Froschzehen und Tigerkaldaunen, gar nicht recht essen, aber der liebliche Duft war stärker als diese Regung, und so dauerte es nicht eben lange, bis ihm der Mund zu wässern anfing, und den Rest gaben ihm die drohenden Worte der Hexe; Hunger und Furcht sind vorzügliche Eideshelfer ... »Saul,« sprach der Hunger leise zu ihm, »speiste mit der Hexe von Endor; und das Salz,« fiel die Furcht dazu ein, »das die Alte auf das Essen gestreut, zeigt doch, daß es kein Hexenfutter ist, denn dabei kommt Salz ja niemals in Betracht.« Und das letzte Wort hatte der Hunger, denn nach dem ersten Bissen flüsterte es aus dem Magen zum Herzen hinüber und von dem Herzen nach dem Kopfe hinauf: »Nicht übel, nicht übel! Das Fleisch ist sogar delikat.«
»Na, schmeckt's?« fragte die Meg.
»Ja,« gab Sampson zur Antwort, »und ich danke Euch auch schön – sceleratissima – wollte sagen, Frau Wirtin.«
»Na, dann eßt Euch satt, genug dazu ist ja da ... aber wüßtet Ihr, wie wir dazu gekommen, dann möcht's Euch wohl kaum schmecken.«
Sampson ließ den Löffel fallen, als ihn die Hand zum Munde führen wollte.
»Sonst hat's kein Wenn und Aber?« meinte Sampson bei sich und fuhr mit dem Löffel wieder tief in die Schüssel.
»Auch ein Schluck gefällig?« fragte die Meg.
»O ja,« versetzte Sampson – »conjuro te, wollte sagen, danke von Herzen!« Bei sich aber sagte er: »Hat einen der Teufel nur erst einmal bei einem Haar, dann muß man ihm gleich den ganzen Schopf lassen« – und dabei setzte er einen Humpen voll Schnaps an die Lippen, um ihn auf die Gesundheit der Hexe zu trinken. Hiernach kam er sich gut bei Kräften vor und es war ihm, als könnte ihm etwas Böses nun nicht mehr zustoßen.
»Aber, was ich Euch gesagt habe,« fragte Meg wieder, »das vergeßt Ihr doch nicht? An den Augen seh ich's Euch an, daß Ihr ein ganz anderer Mensch geworden seid als vorher.«
»Freilich, Frau Meg, freilich,« versetzte Sampson fest, »ich werde ihm den versiegelten Brief übergeben und dabei sagen, was Ihr bestellt haben wollt.«
»Das ist kurz abgemacht,« versetzte Meg; »sagt ihm, er solle heute nacht nach den Sternen gucken und tun, was hier in dem Briefe steht, sofern er wolle,
Daß Bertrams Recht und Bertrams Macht
Auf Ellangowans Berg erwacht. –
Zweimal hab ich ihn gesehen, während er mich nicht sah! gekannt hab ich ihn, als er hier zum erstenmal im Lande war, und was ihn hergeführt hat, weiß ich so gut wie er. Nun aber auf die Beine und fort! Zu lange schon habt Ihr hier gesäumt. – Kommt und folgt mir!«
Meg führte ihn quer durch den Wald auf einem weit kürzeren Wege als er gekommen war, den er aber nimmer gefunden hätte; er führte hinaus auf die Gemeindewiese; Meg ging auch hier noch mit weiten Schlitten voran bis zum Gipfel eines kleinen Hügels, der über den Weg hinüber hing ... »Hier,« sagte sie, »warte und sieh! Sieh, wie die sinkende Sonne durch die Wolken bricht, die den Himmel heut seit dem frühen Morgen verfinstert haben. Sieh, wohin der erste Lichtstrahl fällt – auf Donagilds runden Turm, das älteste Gebäude von Ellangowan – sieh, wie der Strahl auf dem Meere spielt, dort auf das Schiff in der Bucht – hier bin ich gestanden, hier auf dieser Stelle,« fuhr sie fort, die hohe Gestalt aufrichtend, den langen, nervigen Arm und die geballte Hand von sich streckend: »hier bin ich gestanden, als ich dem letzten Laird von Ellangowan sagte, was über sein Haus kommen werde – und ist's zu Grunde gegangen? Nein – es ersteht wieder! Und hier, wo ich den Stab des Friedens über ihm zerbrach, hier stehe ich wieder und bitte Gott, daß er Segen und Gedeihen gebe dem rechten Erben zu Ellangowan, der bald wieder zu seinem Eigentume kommen wird! Und der beste Laird wird er sein, den Ellangowan seit drei Jahrhunderten besessen – wer weiß, ob ich's noch erlebe; aber manch glückliches Auge wird's sehen, wenn sich das meine längst geschlossen haben wird. – Und nun, Abel Sampson, sofern Ihr auf Ellangowan und sein Geschlecht und Haus je was gehalten habt, dann tummelt Euch mit dem Briefe zu dem englischen Obersten, tummelt Euch, als hinge Leben und Tod an Eurer Eile!«
Hierauf drehte sie sich jäh um und verließ Sampson, der so erschrak, daß er den Fuß im ersten Augenblick nicht heben konnte. Mit langen Schritten erreichte sie bald den Wald wieder, aus dem sie ihn geführt; er aber sah ihr noch eine Weile verwundert nach, dann lief auch er, gehorsam ihrem Befehle, schnelleren Schrittes als sonst, in der Richtung auf Woodbourne zu, davon – und dreimal hintereinander entfuhr es seiner Kehle: »Komisch! Komisch! Komisch!«
Dreizehntes Kapitel
Als Sampson verstörten Blickes daheim ankam, stürzte ihm die Haushälterin, die auf ihn gewartet hatte, entgegen ... »Aber, wo stecken Sie denn bloß, Herr Sampson? Ei, so schlimm war's aber doch nie mit Ihnen! Wie können Sie denn so lange hungern? Das muß Ihnen doch am Leibe schaden! So was verträgt kein menschlicher Magen ... Steckt Euch künftig Pfeffermünztropfen in die Tasche, und eine Schnitte Brot mit etwas kaltem Fleisch!«
»Hebe Dich weg von mir!« rief Sampson, in der Meinung, noch immer Meg Merrilies vor sich zu haben, und rannte ins Wohnzimmer.
»Nein, geht nicht dort hinein,« rief die Haushälterin; »es ist schon seit einer Stunde abgedeckt, und der Oberst sitzt beim Weine. Kommt zu mir herein; ich hab Euch was Leckeres aufgehoben.«
»Ich habe gegessen,« erwiderte Sampson.
»Gegessen? Unmöglich! Wo denn, Ihr kehrt doch nirgends ein!«
»Mit Beelzebub, sofern ich recht berichtet bin,« rief Sampson unwirsch.
»Jesus! der Mann ist behext!« rief die Frau, die Hände über dem Kopfe zusammenschlagend, und ließ ihn gehen. »Behext oder toll ... Jesus! es ist doch ein Jammer, wenn es mit solchem gescheiten Menschen so weit kommt.«
Während sie in ihre Stube lief, trat Sampson in das Eßzimmer, von Kopf zu Füßen bespritzt, und fast leichenblaß infolge der Anstrengung und des Schreckens. Alles starrte ihn verblüfft an.. »Aber was ist denn mit Ihnen, Sampson?« fragte Mannering, als er Lucys ängstlichen Blick sah.
Exociso te! [Ich beschwöre Dich!] rief Sampson mit Grabesstimme.
»Was soll das, Freund?« fragte Mannering außer sich.
»Pardon, Herr Oberst, in meinem Kopfe« –
»Aber, Herr Sampson, fassen Sie sich doch, und sagen Sie uns, was dies alles bedeutet?«
Sampson wollte antworten, aber seine Beschwörungsfloskeln drängten sich ihm wieder auf die Lippen; er hielt es deshalb für am besten, von aller mündlichen Erörterung abzusehen, und händigte dem Obersten das Papier ein, das ihm die Zigeunerin gegeben. Mannering löste das Siegel und las mit Staunen ... »Wohl ein Narrenscherz?« rief er, »zudem ein recht dummer ... so sieht's ganz aus!«
»Die Person, von der ich das Papier bekam,« fiel Sampson ein, »sah nicht aus, als ob sie scherzen möchte.«