Dieses Gerücht kam der Lady Forester zu Gehör, und sie war jetzt auf dem Höhepunkt des Seelenschmerzes angelangt, daß sie alles zu tun und zu ertragen willens war, wenn nur die peinvolle Ungewißheit durch sichere Kunde aufgehoben würde.
Bei all ihrer Sanftmut und Furchtsamkeit stimmte sie doch ihr jetziger Seelenzustand starrsinnig und leichtsinnig. Nicht wenig überrascht und besorgt war daher Lady Bothwell, als sie vernahm, daß ihre Schwester sich entschlossen habe, diesen Mann der Kunst zu besuchen und ihn nach dem Schicksal ihres Gemahls zu befragen. Lady Bothwell versuchte, ihr klarzumachen, daß so übernatürliche Leistungen, wie ihrer der Fremde sich rühmte, nicht gut etwas anderes als purer Betrug sein könnten.
»Das ist mir einerlei,« war die Antwort der verlassenen Gattin, »wenn ich nur hoffen kann, daß unter hundert Mitteln eines mir Gewißheit geben könne, was aus meinem Mann geworden ist, so will ich es nicht unversucht lassen.«
Lady Bothwell machte zunächst darauf aufmerksam, daß es gegen das Gesetz verstoße, solche Quellen verbotener Kenntnis zu benützen.
»Schwester,« entgegnete die Leidende – »wer vor Durst verschmachtet, läßt sich selbst hinreißen, vergiftetes Wasser zu trinken. Wer unter steter Ungewißheit vergeht, muß Nachricht zu erlangen suchen, selbst wenn unheilige höllische Mittel ergriffen werden müssen. Ich will allein gehen, mein Schicksal zu hören, noch heute Abend muß ich es wissen. Und wenn die Sonne morgen sich rötet, werde ich, wenn auch nicht glücklicher, so doch ruhiger sein.«
»Schwester,« versetzte Lady Bothwell, »wenn du fest entschlossen bist, diesen unbedachten Schritt zu tun, so sollst du nicht allein gehen. Sollte dieser Mann ein Schwindler sein, so bist du vielleicht zu aufgeregt, um hinter seine Taschenspielerei zu kommen. Wenn aber an dem, was er zu können sich anmaßt, etwas Wahres ist, was ich nicht glauben kann, so sollst du eine Nachricht so außergewöhnlicher Art nicht allein vernehmen. Ich komme mit dir, wenn du wirklich gehen willst. Überlege es dir aber noch einmal und verzichte lieber auf eine Nachforschung, die sich nicht ohne Schuld und vielleicht auch nur mit Gefahr anstellen läßt.«
Lady Forester warf sich ihrer Schwester in die Arme, drückte sie an ihre Brust und dankte ihr herzlich, daß sie sie begleiten wolle; den freundschaftlichen Rat, den sie ihr gab, lehnte sie jedoch mit einer Gebärde der Traurigkeit ab.
Als die Dämmerstunde herangekommen war, – die Zeit, zu der der Doktor von Padua stets von denen aufgesucht wurde, die ihn um Rat bitten wollten – verließen die beiden Damen ihre Wohnung in Canongate zu Edinburgh, verkleidet als Frauen niedern Standes und wie diese die Köpfe in Mäntel eingeschlagen. Lady Bothwell hatte es für geraten gehalten, sich in dieser Weise zu verkleiden, um einerseits das Haus des Beschwörers unauffällig aufsuchen zu können, andererseits um diesen selber auf die Probe zu stellen, ob er scharfsinnig genug sei, ihren Mummenschanz zu durchschauen.
Der Diener der Lady Forester war vorher zu dem Doktor geschickt worden – ein Mann, dessen Treue erprobt war. Er hatte durch eine angemessene Belohnung die Gunst des Gelehrten gewinnen müssen und ihm angedeutet, daß die Frau eines Soldaten zu wissen wünsche, was aus ihrem Manne geworden sei, ein Gegenstand, über den der Weise sicherlich sehr oft gefragt würde.
Die Uhr im Schlosse schlug acht. Bis zum letzten Augenblicke hatte Lady Bothwell ihre Schwester beobachtet und gehofft, sie werde ihr unbesonnenes Vorhaben noch aufgeben. Manchmal vermag jedoch selbst die Sanftmütigkeit und die Beschränktheit leidenschaftlich auf bestimmten Entschlüssen zu bestehen, und so war auch Lady Forester unerschütterlich, bis es Zeit war zu gehen.
Verdrossen über ein solches Beginnen und doch fest entschlossen, ihre Schwester in solcher Gefahr nicht allein zu lassen, schritt nun Lady Bothwell mit Lady Forester durch manche düstre Straße und Gasse, während ein Diener, den Weg weisend, voranging.
Plötzlich bog ihr Führer in einen engen Hof ein und pochte an eine gewölbte Tür, die zu einem anscheinend schon sehr alten Gebäude zu gehören schien. Die Tür ging auf, ohne daß ein Pförtner sich gezeigt hätte. Der Diener trat vor dem Portal zur Seite und bat die Damen einzutreten. Dies taten sie, und die Tür schloß sich wieder, während der Führer draußen blieb.
Die beiden Damen standen nun auf einem schmalen Korridor, der, durch eine Lampe matt erhellt, mit dem Licht und der Luft draußen nicht in Verbindung zu stehen schien. Am Ende des Korridors befand sich eine Tür, die halb offen stand.
Viertes Kapitel
»Wir dürfen jetzt nicht zaudern, Jemima,« sagte Lady Bothwell und trat in das Gemach, wo inmitten von Büchern, Karten, physikalischen Instrumenten und anderm Gerät der Mann der Wissenschaft saß.
Das Äußere des Italieners hatte nichts Auffallendes. Er hatte die dunkeln Wangen und die scharfen Züge seiner Rasse, sah aus wie ein Fünfzigjähriger und war etwas geziert, doch einfach gekleidet in jene schwarze Tracht, die damals bei den Ärzten allgemein üblich war.
Große Wachskerzen in silbernen Leuchtern erhellten das nicht eben ärmlich ausgestattete Gemach.
Als die Damen hereintraten, erhob er sich. Trotzdem sie so unscheinbar gekleidet waren, empfing er sie mit all der Achtung, die ihrem Stande zukam.
Lady Bothwell gab sich Mühe, sich ihrer Verkleidung gemäß zu betragen, und machte eine ablehnende Gebärde, als der Dokter sie nach dem obern Ende des Zimmers führte, wie um anzudeuten, daß solche Aufmerksamkeit ihr nicht gebühre.
»Wir sind arme Frauen,« sagte sie, »nur der Gram meiner Schwester führt mich hierher, wir wollen Euer Gnaden um Rat bitten –«
Lächelnd unterbrach er sie.
»Mylady,« sagte er, »ich weiß um den Gram Eurer Schwester und kenne auch den Grund dazu. Ich weiß auch, daß ich mit dem Besuch zweier Damen des höchsten Standes, der Lady Bothwell und der Lady Forester, beehrt werde. Wenn ich sie nicht von derjenigen Klasse der Gesellschaft zu unterscheiden vermöchte, deren Tracht sie augenblicklich angelegt haben, so wäre ich wohl schwerlich in der Lage, ihnen die Auskunft zu erteilen, die sie von mir begehren.«
»Ich verstehe sehr wohl –« begann Lady Bothwell.
»Verzeiht, daß ich so kühn bin, Euch zu unterbrechen,« fiel ihr der Italiener ins Wort, »Ihr wolltet sagen, Ihr verstündet sehr wohl, daß ich durch Euern Bedienten wisse, mit wem ich es zu tun habe. Wenn Ihr aber so denkt, so tut Ihr ein doppeltes Unrecht, indem Ihr an der Treue Eures Dieners zweifelt und an der Klugheit eines Mannes, des Baptista Damiotti, der auch nichts andres ist als Euer ergebener Diener.«
»Ein solcher Zweifel liegt nicht in meiner Absicht,« antwortete Lady Bothwell in gefaßtem Tone trotz ihrer Überraschung. »Dies alles ist nur etwas Neues für mich. Wenn Ihr wißt, wer wir sind, so wißt Ihr auch, was uns herführt.«
»Das Begehr, das Schicksal eines schottischen Herrn von hohem Range zu erfahren, der auf dem Festlande weilt,« erwiderte der Seher. »Er heißt il Cavaliero Philippo Forester und ist ein Herr, der die Ehre hat, der Ehegatte dieser Dame zu sein, eine Ehre, die er – sofern ich mit Eurer Ladyschaft Erlaubnis ganz offen reden darf – unglücklicherweise nicht nach Gebühr schätzt.«
Lady Forester seufzte tief, und Lady Bothwell antwortete:
»Da Ihr somit wißt, ohne daß wir es Euch bekannt haben, in welcher Absicht wir gekommen sind, so habe ich nur noch die eine Frage an Euch: seid Ihr imstande, meine Schwester von ihrer Angst zu befreien?«
»Wohl ist mir dies gegeben, Mylady,« versetzte der Gelehrte von Padua, »doch zuvor muß ich selber Euch noch eine Frage vorlegen: habt Ihr Mut genug, mit eigenen Augen zu schauen, was Sir Forester in dieser Stunde tut oder wollt Ihr den Bericht aus meinem Munde hören?«
»Auf diese Frage muß meine Schwester selber Antwort geben,« sagte Lady Bothwell.