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»Ich will es mit eignen Augen sehen, was Ihr mir zu zeigen imstande seid,« antwortete Lady Forester mit der gleichen Entschiedenheit, mit der sie ihren Entschluß ausgeführt hatte.

»Es ist mit Gefahren verknüpft.«

»Falls die Gefahr mit Gold zu beseitigen ist –« sagte Lady Forester, die Börse ziehend.

»Ich tue das nicht um Gewinn,« unterbrach sie der Fremde; »wenn ich von den Reichen Gold nehme, so geschieht es nur, um es den Armen zu geben. Auch nehme ich nie mehr, als was ich von Euerm Diener erhalten habe. Steckt Eure Geldtasche also wieder ein, Mylady, ein Adept braucht Eures Geldes nicht.«

Daß der Mann das Anerbieten ihrer Schwester zurückwies, hielt Lady Bothwell lediglich für den Kunstgriff eines Quacksalbers, der nur noch eine größere Summe herauszulocken beabsichtigte. Um zum Ende zu kommen, bot sie ihrerseits dem Italiener Geld an, das er zu dem Zweck verwenden solle, seine Wohltätigkeit vielfältiger ausüben zu können.

»Möge Lady Bothwell ihre eigne Barmherzigkeit in größerm Maße üben,« sagte der Paduaner, »und zwar nicht nur im Austeilen von Almosen, sondern auch in der Beurteilung andrer. Sie möge den Baptista Damiotti dadurch sich zu Danke verpflichten, daß sie ihn solange für ehrlich hält, bis sie herausbekommt, daß er ein Gauner ist. Wundert Euch nicht, Mylady, daß ich auf Eure Gedanken mehr eingehe als auf Eure Worte, und sagt mir noch einmal, ob Ihr wirklich den Mut habt, anzuschauen, was ich Euch zeigen werde.«

»Ich muß gestehen, Herr, Eure Worte machen mir bange,« sagte Lady Bothwell; »was aber meine Schwester sehen will, werde auch ich ohne Bedenken mitansehen.«

»Die Gefahr liegt lediglich darin, daß der Mut Euch verlassen könnte. Was Ihr schauen werdet, kann sich nur sieben Minuten zeigen. Wenn Ihr die Vision auch nur mit einem Worte stört, so ist nicht allein der Zauber vernichtet, sondern auch die Zuschauer können in Gefahr geraten. Wenn Ihr aber diese sieben Minuten lang das unverbrüchlichste Schweigen wahren könnt, so wird Eure Wißbegier befriedigt werden, ohne daß Ihr das geringste dabei zu befürchten braucht, dafür verbürge ich mich mit meiner Ehre.«

Im Innern glaubte Lady Bothwell sich nicht vor Gefahr gesichert, sie verbarg jedoch ihre Befürchtungen, denn es schien ihr, als ob der Adept, in dessen dunkeln Zügen ein leises Lächeln spielte, selbst ihre heimlichsten Gedanken durchschaute.

Eine feierliche Pause trat ein, bis Lady Forester sich ein Herz gefaßt hatte und dem Arzt – wie er sich nannte – erklärte, daß sie fest bleiben wolle und schweigen werde und daß sie nun der Vision gewärtig sei, die er ihnen zu zeigen versprochen habe.

Der Gelehrte verneigte sich hierauf tief und ging hinaus mit den Worten, er werde Vorkehrungen treffen, ihren Wunsch zu erfüllen.

Die beiden Schwestern setzten sich auf zwei Stühle dicht nebeneinander und hielten sich bei den Händen, als wollten sie durch dieses enge Zusammenschließen die Gefahr, die ihnen vielleicht drohte, von sich wenden. Jemima suchte eine Stütze in der mannhaften Art der Lady Bothwell, und diese wiederum war aufgeregter, als sie sich selbst gedacht hatte, und suchte sich an der verzweiflungsvollen Entschlossenheit zu stärken, mit der ihre Schwester zu ihrem Plane gegriffen hatte.

Nach einer kleinen Weile wurden beider Gedanken durch eine so seltsam liebliche und feierliche Musik abgelenkt, daß die ernste Stimmung, die das vorhergehende Gespräch wachgerufen hatte, nur noch erhöht wurde. Die Musik schien gleichzeitig darauf angelegt, jede der Harmonie zuwiderlaufende Empfindung zu verscheuchen. Sie war von einem Instrument, das beiden unbekannt war. Als die himmlischen Töne verstummten, tat sich eine Tür am obern Ende des Gemaches auf, und sie sahen Damiotti ein paar Stufen hoch auf einer Estrade stehen und ihnen winken, näherzutreten. Er war jetzt so ganz anders gekleidet als vorhin, daß sie ihn kaum wieder erkannten. Der etwas spöttische Ausdruck, mit dem er beide und besonders Lady Bothwell betrachtet hatte, war einer Totenblässe und jener finstern Spannung aller Muskeln gewichen, wie man sie bei jemand beobachten kann, der vor einer außergewöhnlichen und kühnen Handlung steht.

Er war barfuß und trug Sandalen antiker Form; die Beine waren bis an die Knie nackt. Er hatte ein Beinkleid und ein enganliegendes Wams von karmoisinroter Seide an, darüber einen Mantel von schneeweißem Linnen, der wie ein Chorhemd aussah. Der Hals war frei, und das lange, straffe, schwarze Haar war lang und sorgfältig herabgekämmt.

Als die Damen, seinem Winke folgend, nähertraten, unterließ er jede Gebärde der höflichen Form, worin er doch vorher so freigebig gewesen war. Im Gegenteil gab er den Wink näherzutreten mit einer Miene des Befehls; als die Schwestern Arm in Arm auf den Fleck zukamen, wo er stand, legte er den Finger auf die Lippen und warf ihnen einen finstern Blick der Warnung zu, wie um sein Gebot unbedingten Schweigens zu wiederholen.

Dann ging er voran und führte sie ins nächste Zimmer.

Fünftes Kapitel

Dieses Gemach war geräumig und mit schwarzem Tuch ausgeschlagen, wie zu einem Begräbnis hergerichtet. Am obern Ende stand ein Tisch, oder vielmehr ein Altar, der mit einem Tuch von der gleichen Farbe bedeckt war und auf dem verschiedene Gegenstände zu sehen waren, in denen man das übliche Handwerkszeug der Zauberei erkannte. Das Zimmer war nur matt erhellt von zwei Lampen, die im Verlöschen waren.

Der Maestro – um die italienische Bezeichnung für Männer dieser Art anzuwenden – schritt nach dem obern Ende des Gemaches, indem er die Knie beugte, wie die Katholiken vor dem Kruzifix zu tun pflegen, und sich dabei bekreuzte. Die Damen gingen Arm in Arm schweigend hinter ihm her.

Ein paar niedrige Stufen führten zu einer Plattform vor dem Altar, hier stellte sich der Maestro auf und ließ die Damen neben sich treten, nochmals durch Winke sein Gebot zu schweigen ernsthaft wiederholend. Dann streckte er den nackten Arm aus dem Mantel hervor und deutete auf fünf große Fackeln, die rechts und links neben dem Altar standen. Als seine Hand oder vielmehr sein ausgestreckter Zeigefinger ihnen nahe kam, fingen sie an zu brennen und verbreiteten nun helles Licht.

Jetzt erkannten die beiden Damen, daß auf dem Altar kreuzweis zwei große Schwerter lagen, ein dickes Buch lag aufgeschlagen, sie hielten es für die heilige Schrift, nur in einer ihnen unbekannten Sprache. Daneben stand ein Menschenschädel.

Am meisten aber war den Schwestern ein großer, breiter Spiegel aufgefallen, der den ganzen Hintergrund ausfüllte und das Licht der brennenden Fackeln und das Bild der davor liegenden geheimnisvollen Dinge zurückwarf.

Der Maestro trat nun zwischen beide Damen, zeigte auf den Spiegel und nahm beide bei der Hand, doch ohne ein Wort zu reden. Sie blickten starr auf die düstere, strahlende Fläche, worauf er ihre Aufmerksamkeit gelenkt hatte. Plötzlich zeigte sich in ihr ein neues wundersames Bild.

Nicht länger spiegelten sich darin die davor liegenden Gegenstände, es zeigten sich Bilder für sich in dem Spiegel. Zuerst erschienen die Dinge in Unordnung und buntem Wirrwarr, dann zeigten sie sich deutlich und bestimmt in Formen und Ebenmaß. Nachdem auf der Fläche des zauberischen Spiegels ein paarmal Licht und Schatten gewechselt hatten, wurde ein langer, doppelseitiger Durchblick von Säulen und Bogen sichtbar, und ein Dach wölbte sich darüber. Nach einem vagen Vibrieren kam Festigkeit und Bestimmtheit in die ganze Vision: es war das Innere einer fremden Kirche.

Die stattlichen Pfeiler waren mit Wappenschildern geschmückt, die Bogen waren hoch und prachtvoll, der Fußboden mit Grabinschriften bedeckt. Besondere Sakristeien waren nicht da, es hingen weder Bilder an den Wänden, noch stand auf dem Altar ein Kruzifix oder ein Kelch. Es war also eine protestantische Kirche auf dem Kontinent.

Ein Geistlicher in Talar und Beffchen stand an dem Abendmahltische, die Bibel lag aufgeschlagen vor ihm, im Hintergrunde harrte ein Küster. Es schien alles hergerichtet zu sein für eine kirchliche Zeremonie.