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Zuletzt trat in die Kirche ein Hochzeitszug, wie es schien, denn ein Herr und eine Dame gingen Hand in Hand voran, und eine große Zahl von Personen beiderlei Geschlechts kamen hinterdrein in festlicher, prachtvoller Tracht.

Die Braut, deren Gesicht deutlich zu erkennen war, schien höchstens sechzehn Jahre alt zu sein und von großer Schönheit.

Der Bräutigam drehte ihnen ein Weilchen den Rücken zu, aber seine zierliche Gestalt und sein graziöser Gang versetzte beide Schwestern plötzlich in die gleiche Angst. Als er dann sein Gedicht rasch ihnen zukehrte, sahen sie ihre Furcht entsetzlich bestätigt, denn sie erkannten in dem geschmückten Bräutigam Sir Philipp Forester.

Seine Frau vermochte nicht völlig einen Aufschrei zu unterdrücken, und bei diesem Laut schien die ganze Szene in Unordnung zu geraten und sich aufzulösen.

»Ich kann dies,« sagte Lady Bothwell, wenn sie später die wundersame Geschichte erzählte, »nur damit vergleichen, wie eine stille Wasserfläche, die ein Bild widerspiegelt, plötzlich von einem hineingeschleuderten Stein in Aufruhr gebracht wird und die Umrisse der Spiegelung sich verwirren und auseinander fahren.«

Der Maestro drückte beiden Damen heftig die Hand, wie um sie an ihr Versprechen und an die Gefahr zu gemahnen, der sie sich aussetzten. Der Schrei erstarb der Gattin auf der Zunge, ohne deutlich auszuklingen, und nachdem das Bild im Spiegel flüchtig geschwankt hatte, nahm es wieder die Bestimmtheit eines tatsächlichen Auftrittes an, der innerhalb des Spiegels sich abzuspielen schien. Das Ganze war sozusagen ein Gemälde, nur daß die Gestalten sich bewegten, statt regungslos zu sein.

Das Bild Sir Philipp Foresters war jetzt in Gestalt und Gesichtszügen deutlich erkennbar. Sie sahen ihn das schöne Mädchen zu dem Geistlichen führen, in ihrem Gang lag zugleich Zaghaftigkeit und liebevoller Stolz.

Inzwischen trat eine zweite Gruppe, worunter sich einige Offiziere befanden, ebenfalls in die Kirche. Der Prediger war gerade im Begriff, die Trauung zu vollziehen. Die Neuhinzugekommenen kamen zuerst nur näher, als wollten sie bloß zusehen. Plötzlich aber sprang einer der Offiziere, der den Zuschauern den Rücken zukehrte, aus der Mitte seiner Gefährten heraus und stürzte auf die Hochzeitsgesellschaft zu, deren Mitglieder sich alle nach ihm umdrehten, wie entsetzt über einen Ruf, den er beim Vorspringen ausgestoßen hatte.

Indem der Mann sich hereindrängte, zog er den Degen, der Bräutigam riß das Schwert aus der Scheide und stürzte auf ihn zu. Auch andere, sowohl von der Hochzeitsgesellschaft als auch von denen, die zuletzt hereingekommen waren, zogen blank. Allgemeine Verwirrung entstand. Der Prediger und einige gesetzte ältere Herren schienen bemüht zu sein, Frieden zu stiften, die Ungestümen zückten drohend die Degen gegeneinander.

Inzwischen war die kurze Zeitspanne verflossen, in der der Wahrsager nach seiner eigenen Erklärung seine Künste betätigen durfte. Das Gebilde zerfloß und zerging, so daß nichts mehr zu erkennen war. Die Gewölbe und Säulen der Kirche rollten auseinander und verschwanden, und der Spiegel warf wieder den Schein der Fackeln und die düstern Dinge auf dem Altar oder auf dem Tische zurück.

Der Doktor geleitete die Frauen, die seiner Stütze sehr bedurften, zurück in das Gemach, aus dem sie gekommen waren. Hier hatte er Wein, stark duftende Essenzen und andre Mittel, ermattete Lebenstätigkeit wieder aufzufrischen, während seiner Abwesenheit herbeibringen lassen. Er forderte die Damen auf, sich zu setzen, was sie schweigend taten. Lady Forester rang die Hände und schlug die Blicke gen Himmel. Aber als ob sie noch jetzt das Zauberspiel vor Augen hatte, sprach sie auch jetzt noch kein Wort.

»Was wir eben gesehen haben,« fragte Lady Bothwell, mit Mühe sich wieder fassend, »geschieht das jetzt gerade?«

»Das,« erwiderte Baptista Damiotti, »kann ich nicht bestimmt behaupten. Was Ihr gesehen habt, geschieht entweder eben jetzt oder ist vor ganz kurzer Zeit geschehen, jedenfalls ist es das letzte nennenswerte Ereignis, bei dem der Cavaliere Forester eine Rolle spielte.«

Lady Bothwell sagte sodann, sie fürchte für ihre Schwester, die so gar kein Bewußtsein von dem, was um sie her vorginge, zu haben scheine, daß es vielleicht unmöglich sein werde, sie wieder nach Hause zu bringen.

»Für diesen Fall habe ich gesorgt,« antwortete der Adept, »ich habe Euern Diener beauftragt, Euern Wagen so nahe an das Haus heranzufahren, als es bei der Enge der Straße mögliche ist. Sorgt Euch nicht um Eure Schwester, zu Hause aber gebt ihr diese beruhigende Medizin, es wird ihr dann am Morgen besser gehen. Nur wenige,« setzte er im Tone der Schwermut hinzu, »gehen so gesund, wie sie gekommen sind, aus diesem Hause wieder fort. Lebt wohl und vergeßt nicht den Trank.«

»Ich möchte ihr nichts geben, was von Euch ist,« sagte Lady Bothwell, »ich habe schon genug von Eurer Kunst gesehen. Ihr würdet vielleicht uns beide vergiften, damit Eure Gaukelei nicht ruchbar wird. Wir aber haben nicht nur die Mittel, ein uns zugefügtes Unrecht bekannt zu machen, sondern auch Anhang genug uns dafür schadlos zu halten.«

»Ich habe Euch' kein Unrecht zugefügt, Mylady,« sprach, der Adept. »Ihr seid zu einem Manne gekommen, der Euch für die Ehre, die Ihr ihm damit erwiesen habt, keinen Dank weiß. Dieser Mann geht selber zu niemand und gibt nur denen Auskunft, die zu ihm kommen und ihn darum ersuchen. Im übrigen habt Ihr das Unglück, das Euch bevorsteht, nur ein wenig früher erfahren. Ich höre Euern Diener an der Tür und will Euch nun nicht länger aufhalten. Die nächste Post vom Kontinent wird Euch bringen, was Ihr zum Teil schon gesehen habt. Wenn ich Euch einen Rat geben darf, so gebt diesen Brief nicht sogleich Eurer Schwester.«

Mit diesen Worten wünschte er Lady Bothwell gute Nacht. Die beiden Damen gingen, der Gelehrte leuchtete ihnen hinaus, indem er rasch einen Mantel umwarf, die Tür öffnete und die Frauen der Sorge des Dieners anvertraute.

Als Lady Forester zu Hause angekommen war verfiel sie sogleich in eine Art Irrsinn, der sich als Folge des abergläubischen Schreckens und der furchtbaren Nervenerschütterung einstellte.

Plötzlich trafen aus Holland Nachrichten ein, die die Verwirklichung ihrer schrecklichsten Ahnung enthielten.

Es kam die traurige Kunde, daß zwischen Sir Philipp Forester und dem Halbbruder seiner Frau, dem Kapitän Falconer von den Schottisch-Holländischen Truppen, wie man sie damals nannte, ein Zweikampf stattgefunden habe. Kapitän Falconer war gefallen. Die Nachricht von der Ursache des Zwistes gestaltete die Meldung nur noch um so betrübender.

Allem Anschein nach hatte Sir Philipp plötzlich das Heer verlassen, weil er nicht imstande war, eine bedeutende Geldsumme zu bezahlen, die er im Spiel an einen andern Freiwilligen verloren hatte. Er hatte einen andern Namen angenommen und war nach Rotterdam gegangen, wo er sich bei einem alten reichen Bürgermeister in Gunst zu setzen und zugleich durch sein schönes Äußere und sein anmutiges Wesen die Liebe seiner Tochter zu gewinnen wußte – eines einzigen Kindes, das jung und schön und Erbin eines großen Vermögens war.

Der reiche Kaufherr, der eine viel zu hohe Meinung von englischer Ehrenhaftigkeit hatte, um Erkundigungen über seinen künftigen Schwiegersohn einzuziehen, war von seinem gefälligen Wesen sehr eingenommen und gab mit Freuden seine Einwilligung zu der Heirat. Sie sollte eben in der ersten Kirche der Stadt gefeiert werden, als das Fest durch ein unerwartetes Geschehnis unterbrochen wurde.

Kapitän Falconer war nach Rotterdam entsendet worden, um einen Teil der dort einquartierten schottischen Brigade dem Heere des Herzogs von Marlborough zuzuführen. Ein angesehener Einwohner, mit dem er von früher her bekannt war, machte ihm den Vorschlag, mit ihm nach der Kirche zu gehen und dort der Trauung eines seiner Landsmänner mit einer reichen Bürgerstochter beizuwohnen.

Mit einigen Offizieren der schottischen Brigade und mit seinem holländischen Freunde ging Kapitän Falconer in die Kirche. Man kann sich denken, wie groß sein Erstaunen war, als er seinen eignen Schwager, einen verheirateten Mann, dort im Begriffe sah, das unschuldige schöne Mädchen zum Altar zu führen, das er in so schändlicher, eines Mannes unwürdiger Weise betrogen hatte.